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Aus der "Zeitschrift für Pädagogik" - Heft 01/2009
Josef Kraus: "Länger gemeinsam lernen? - Vier Jahre Grundschule sind genug!"
Die
Frage nach dem richtigen Zeitpunkt des Übergangs eines Kindes von der
Grundschule in eine weiterführende Schule ist eindeutig beantwortet: Im 10./11.
Lebensjahr ist die Eignung eines Kindes für eine Schulform und - umgekehrt -
die Eignung einer Schulform für die Förderansprüche eines Kindes solide
einschätzbar. Diese Einschätzung gelingt zu keinem späteren Zeitpunkt besser –
schon gar nicht, wenn sich die Heranwachsenden in den Verwerfungen der
Vorpubertät befinden. Mehr noch: Ein um zwei Schuljahre verzögerter Übertritt
provoziert eine erhebliche Unterforderung Gymnasialgeeigneter in den
Jahrgangsstufen 5 und 6 sowie eine erhebliche Überforderung der für ein
Gymnasium nicht Geeigneten; damit leiden die Schulleistungen aller Schüler,
wenn zu spät differenziert wird.
Die Nachteile einer verlängerten Grundschule sind
seit vier Jahrzehnten bekannt
Alle namhaften Studien sagen
eindeutig aus: Sechsjährige Grundschule bringt nichts - weder kognitiv noch
sozial. Länder wie Berlin und Brandenburg mit einer sechsjährigen Grundschule
gehören zu den innerdeutschen PISA-Verlierern. All dies hätte nicht überraschen
dürfen, wenn man den gerade von Vertretern egalisierender Schulpolitik gerne in
Anspruch genommenen Heinrich Roth zur Kenntnis genommen hätte. Dieser hatte
schon 1968 geschrieben: "Die Denkbegabung und das Denkbedürfnis bricht im
zehnten/elften Lebensjahr in so verschiedenen Stärken durch, daß die
Unterschiede im Grad der allgemeinen Begabung das Auffälligste sind, was man in
diesem Alter betrachten kann ... Hier hilft keine romantisch-pädagogische
Verbrämung! ... Im Interesse der Höchstausbildung aller Begabungsgrade kommen
wir um die Trennung nach dem Grad der Begabung im zehnten/elften Lebensjahr
nicht herum.“ Wenig später, 1970, stellte das Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung fest: "Bei einem Vergleich der Schulleistungen in
Mathematik, Englisch und Deutsch zeigten sich hier beträchtliche
Leistungsnachteile bei den Kindern, die eine sechsjährige Grundschule besucht
hatten, im Unterschied zu den Übergängen nach Klasse 4.
Eine auf sechs Jahre verlängerte Grundschule bremst
die Kinder um mehr als ein Jahr
Diese
Urteile setzen sich
drei Jahrzehnte später fort. Peter Roeders (Max-Planck-Institut
für Bildungsforschung
Berlin) Fazit lautet 1997: „Die Leistungen nach sechsjähriger
Grundschule
liegen erheblich unter denen von Schülern, die den Wechsel aufs
Gymnasium
bereits nach der 4. Grundschulklasse vollzogen haben. Für Englisch
und Mathematik
beträgt der Unterschied etwa eine Standardabweichung.“ (Das ist
mehr als ein
Schuljahr.) Kurt Heller (Ludwig-Maximilians-Universität
München) stellt im Jahr
2000 fest: „Eine Verlängerung der vierjährigen Grundschule
würde keine
erkennbaren Vorteile, wohl aber mit Sicherheit Nachteile für viele
Grundschüler
mit sich bringen. Diese betreffen nicht nur Leistungsaspekte, sondern
tangieren
die gesamte Persönlichkeitsentwicklung .... Bislang
existieren keine Studien, die höhere Trefferquoten nach einer
fünf- oder sechsjährigen Grundschulzeit nachweisen konnten.“
Kaum anders die
ELEMENT-Studie von Rainer Lehmann (Humboldt-Universität Berlin) vom April 2008.
Hier lauten die Ergebnisse: Kinder werden durch eine sechsjährige Grundschule
gebremst. Der Rückstand am Ende der 6. Grundschulklasse beträgt im Lesen
eineinhalb Jahre, in Mathematik und Englisch zwei Jahre (im Vergleich mit
Schülern, die nach der 4. Klasse in eine weiterführende Schule gehen können).
Zwei Extrajahre Grundschule bringen zudem keinerlei Abbau sozialer Disparitäten.
Die soziale Schere öffnet sich sogar noch weiter.
Übertrittsgutachten sowie Noten in Mathematik und
Deutsch haben einen hohen prognostischen Wert
Eine
verspätete Differenzierung ist im übrigen ungerecht gegenüber begabten Kindern
aus bildungsfernen Schichten. Während Eltern bildungsnaher Schichten ihre
Kinder bei einem späteren Übertritt an eine weiterführende Schule privat
fördern können, bleibt ihren Alterskollegen aus bildungsfernen Elternhäusern
die individuelle schulische Förderung, die sie in einer für sie passenden
Schule bereits in der 5. und 6. Klasse erfahren könnten, versagt.
Die
Differenzierung nach der 4. Grundschulklasse ist nicht nur notwendig. Es ist zu
diesem Zeitpunkt auf der Grundlage der Leistungen eines Kindes in den Fächern
Deutsch und Mathematik eine klare Prognose möglich. Das Übertrittszeugnis der
Grundschule hat einen hohen prognostischen Wert, schließlich sind die
Grundschullehrer erfahrene pädagogische Diagnostiker.
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