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Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 7. April 2000
IT-Greencard frustriert die jungen Leute
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Die geplante deutsche Greencard für 30.000 IT-Fachleute aus Osteuropa und aus Indien ist ein erneutes Beispiel Schröderscher Schaufensterpolitik. Die Wirtschaft mag dankbar dafür sein, dass sie einen so hemdsärmlig-industriefreundlichen Kanzler hat, und Schröder sonnt sich als Macher – wie in Sachen Holzmann. Ehrlich ist die ganze Kiste nicht. Denn man wird den Verdacht nicht los, dass die Wirtschaft ohne eigene Ausbildungsinvestition Spezialisten zum Ex-und Hopp-Gebrauch haben möchte. Und man wird den Verdacht nicht los, als wolle man wieder einmal wohlfeile Schelte an der Schule üben. Aber unsere Schulen sind hier nun wirklich unschuldig.
Unsere dynamischen Bosse scheinen diejenigen zu sein, die nicht immer mit der Zeit gehen. Im Jahr 1999 hat die deutsche Wirtschaft 12.837 Ausbildungsverträge für IT-Berufe abgeschlossen. Im Jahr 1997 waren es laut eigenen Angaben erst 4.195. Nun liegt das Jahr 1997 ja nicht in grauer Vor-Computer-Vorzeit. Also hätte man ein wenig früher reagieren können. Deshalb mutet der Ruf nach dem Staat gerade aus der Ecke der Markt- und Wettbewerbspropheten ein bisschen wie eine „Haltet-den-Dieb“-Reaktion an. Und auch der Herr Bundeskanzler will kein Dieb sein. Es war freilich Schröder, der bis Ende 1998 als Landeschef Verantwortung trug für ein Bundesland sowie dessen Bildungssystem und der dort an der Universität Hildesheim sogar einen Informatikstudiengang auflöste.
Vor allem aber hat eine solche IT-Anwerbeaktion verheerende Auswirkungen auf die Berufsmotivation der jungen Leute in Deutschland – und schließlich auf den Arbeitsmarkt. Wir haben Zigtausende versierter Heranwachsender, die in Kürze ihre Berufsausbildung oder ihr Studium als Fachleute in Sachen Informationstechnik abschließen werden und hungrig danach sind, ihre Fähigkeiten beruflich zu nutzen. Wir haben in Deutschland zudem pro Jahr rund eine Million Schulabsolventen. Mindestens zehn Prozent davon sind im IT-Bereich bereits mit ihrem Schulabschluss so versiert, dass man sie in kürzester Zeit für fast jeden Job in dieser Branche topfit machen kann – wenn man nur in konzertierter Aktion unbürokratisch handeln wollte. Aber man muss befürchten, dass ein Import von IT-Kräften die IT-Berufswünsche der jungen Leute gefährdet – zumal unsere jungen Leute ja auch spitz gekriegt haben, dass es bundesweit über 30.000 arbeitlose Informatiker und Programmierer gibt. Schröder mutet unseren Jugendlichen also einen gewaltigen Frust zu. Die Jungen werden sagen: Wenn uns die Inder die IT-Jobs wegnehmen, warum sollen wir dann mit IT anfangen. Dieser Frust wird enden in einem Rückgang der an einer IT-Ausbildung Interessierten. Wir haben dergleichen bereits im Ingenieurbereich erlebt: Da wird seit Jahren von einem Ingenieurmangel schwadroniert, tatsächlich sind seit Jahren annähernd 60.000 Ingenieure arbeitslos. Unsere jungen Leute sind nicht so doof, wie man glaubt, deshalb trauen sie den Anwerbungen nicht. Mit der IT-Branche ist es nicht anders.
Und mit Ausländerfeindlichkeit hat die Ablehnung der IT-Greencard-Aktion schon gar nichts zu tun. Der Rüttgers-Slogan „Kinder statt Inder“ ist zwar nicht unbedingt reif für einen Lyrik- oder Public-Relations-Preis, aber im Kern ist er richtig. Ausländerfeindlich sind diejenigen, denen es offenbar völlig egal ist, was der Abzug cleverer IT-Fachleute für ihre Herkunftsländer bedeutet. Schon seltsam, dass sich hier keine Entwicklungshilfeministerin zu Wort meldet. Denn die IT-Kräfte werden in den betreffenden Ländern selbst dringend gebraucht. Es wäre aberwitzig, wenn deren Fehlen dort mit Mitteln der deutschen Entwicklungshilfe in Form von Qualifizierungsmaßnahmen kompensiert werden müsste.
Davon unabhängig wird sich das Bildungssystem fragen müssen, ob es genügend getan hat für die Computertauglichkeit seiner Zöglinge. Die Antwort darauf kann kein wilder Aktionismus sein, so als sei mit ein paar mehr ausrangierten Industriecomputern für die Schulen oder mit ein paar PR-wirksamen Internet-Aktionen von Telekom oder AOL schon irgend ein Problem gelöst. Nicht alles was unterrichtstechnisch möglich ist, wird auch gebraucht. Und Schule ist nicht dazu da, mit Schnellbleiche auf ein momentanes Arbeitsmarktproblem zu reagieren.
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