| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Aus DIE WELT vom 12. Januar 1999
Eine letzte große Chance für Bildungsziele
Wider
den Zitatenspender:
Goethe
könnte eine Kultur des Hinhörens und Nachdenkens befördern
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Denkt man an Goethe, so denkt man an Schulbildung. Liegt diese etwas weiter zurück, dann erinnert man sich an den grimmigen Erlkönig, den frechen Zauberlehrling, den unglücklichen Werther, den freiheitsliebenden Götz, die entsagende Iphigenie oder den rastlosen Faust. Aber diejenigen, die solches mit Goethe assoziieren, gehören bald der Obhut des Artenschutzabkommens unterstellt. Denn für viele, für die Jüngeren zumal in schulpolitisch "reformierten" Ländern, ist Goethe allenfalls ein "un-cooler" Weimarer Gruftie, gewiß ein "Weiberheld", oft genug einfach ein Nullum, im günstigsten Fall multifunktionaler Zitatenspender oder Suchbegriff, der - je nach Suchmaschine - zwischen 27.000 und 140.000 überflüssige Internet-"Sites" oder - falls paukerbedingt unvermeidbar - 300 Wörter umfassende Schülerreferate aus dem World Wide Web ausspucken läßt. Folge? Wahrscheinlich wissen die Besucher der rund 150 Goethe-Institute in fast 80 Ländern der Welt mehr über Goethe als die Mehrzahl der deutschen Schulabgänger.
Diese schier anerzogene Vergessenheit der Deutschen auf ihre große Literatur gehört - heute - wohl zu deren Nationalcharakter. Denn kaum eine andere Kulturnation würde so ignorant mit ihren großen Dichtern - und mit ihrer Sprache! - umgehen, wie es Schulpolitik und Schulpädagogik einiger deutscher Länder seit Jahrzehnten tun. Da wundert man sich nicht mehr, wenn Dichtung "out" ist. Beispiele: Nachdem Hessen bereits im Jahr 1969 den Lektürekanon abgeschafft hatte, sollte den Schülern gemäß hessischen "Richtlinien Deutsch" von 1972 im Rahmen der "Erziehung zur Kritikfähigkeit" die Verwendung der Hochsprache als "Ausübung von Herrschaft" madig gemacht werden. Literatur rangierte - wie jeder triviale Werbe- oder Gebrauchsanleitungstext - nur noch unter dem Etikett "Umgang mit Texten" und deren "emanzipatorischen Möglichkeiten". In NRW konzipierte man in den 70er Jahren eine sog. Kollegschule, die in vierjähriger Oberstufe zum Abitur samt Berufsabschluß führt. 1986 lag dafür ein Lehrplan vor, der angehenden Abiturienten empfahl, "ein Kinderbuch ganz (sic!) zu lesen", und der namentlich den "Struwwelpeter" vorsah. Dasselbe Nordrhein-Westfalen definiert das Selbstverständnis des Faches Deutsch in dieser Kollegschule auch heute noch allein über das "Sprachhandeln". In einer entsprechenden Präambel finden sich auf fünf Seiten 51mal Zielbeschreibungen wie: sprachliche Handlung, sprachhandlungsbezogene Reflexionen, Sprachhandlungsfunktionen u.ä. Schwadronieren statt Nachdenken also? Nach literarischen Begriffen oder Dichternamen sucht man vergeblich, wie ja überhaupt große Literatur unter dem Diktat der Lebensnähe mit trivialer Literatur und Gebrauchstexten restlos egalisiert wurde.
Gottlob haben nicht alle Bundesländer diesen Tanz mitgemacht. Aber alle Bundesländer sind - dank inflationär sich verbreitender Kopiertechnik - auf den Zug aufgesprungen, als es darum ging, das Lesen literarischer Gesamtwerke wenigstens schrittweise durch eine Flut an kopierten Textauszügen und durch mikrochirurgische Textanalyse zu ersetzen. Auch eine Form von Leseverhinderungserziehung! Von dieser "Furie des Verschwindens" (Hegel) hat sich der Deutschunterricht in einer Reihe von Bundesländern bis heute nicht erholt.
Nun also Goethe 1999! Das ist für die Schulen in Deutschland eine große, vielleicht eine letzte große Chance, damit aus seichten Lernzielen wieder Bildungsziele werden. Die Schulen sollten sich - nicht nur 1999, sondern über den Verlags- und Theatertrubel 1999 hinaus - darauf besinnen, daß der 250jährige Goethe zu einer ganzen Menge zeitgerechter und zeitloser Bildungsziele taugt.
Er kann uns lehren, was große Literatur ist, nämlich daß große Literatur der demokratischen Geschmacksentscheidung über zehn Generationen hinweg standhält, weil große Literatur dem "unbehausten Menschen" auch nach wiederholter Lektüre stets neue Zugänge zum Ich, zum Du, zur Kultur, zur Welt bietet.
Er - für den Revolutionäre, die Gleichheit und Freiheit zugleich versprechen, Phantasten oder Scharlante sind - kann uns im Zeitalter der massenhaften Produktion von Visionen vor ideologischen Verirrungen und ebensolchen Verführern bewahren. Und Goethe kann uns lehren, was Europa im innersten zusammenhält. Er war nämlich nie etwas anderes als polyglotter, europäisch-abendländisch-humanistisch geprägter Kosmopolit.
Er kann uns lehren, daß die gerade heute vielfach beschworene Fähigkeit zum fachübergreifenden Denken und zur interdisziplinären Zusammenschau etwas völlig anderes ist als das dilettierende Geschwätz der Ganzheitstheoretiker. Vielmehr beweist uns der Dichter, der Jurist, der Maler, der Minister, der Physiker, der Botaniker, der Zoologe, der Anatom, der Evolutionstheoretiker, der Chemiker, der Geologe, der Bergbauingenieur, der Mineraloge, der Meteorologe Goethe, daß diese Zusammenschau des Schweißes in jedem einzelnen Gebiet bedarf. Goethe, der selbst ein unglaublich fleißiger Mensch war, kann uns somit lehren, daß Lernen so ganz ohne Anstrengung nicht geht.
Dabei kann uns Goethe lehren,
wie wir von der Flüchtigkeits- und Un-Kultur der "bites"-, "bytes-",
und "links"- Infokraten wieder zu einer Kultur, ja zu einer Renaissance
des Hinhörens und des "Nach"- Denkens finden. "Nach"-Denken, das hat
schließlich damit zu tun, daß Zukunft Herkunft voraussetzt.
Oder - so Goethe: Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es,
um es zu besitzen! Unsere Kinder wären damit für "2000" bestens
gerüstet. Das wär' doch echt cool!
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