DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


RBB Radio Berlin Brandenburg, 4. Mai 2008, 1904 bis 19.30 Uhr

Bildung und Orientierung in Zeiten der Globalisierung

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Wir wissen um das Janusgesicht der Globalisierung. Für die einen ist sie ein Heilsversprechen, für die anderen eine Horrorvision
Historisch betrachtet, ist Globalisierung als eine Verdichtung von Raum und Zeit, als eine „Ent-Fernung der Entfernung“ freilich nichts Neues:
Warum ich das historisch herleite? Weil ich der aktuellen Debatte etwas von ihrer Aufgeregtheit nehmen möchte. Und weil Historie immer sedierend wirken kann. 

Wie auch immer: Wir haben die Globalisierung nun einmal. Der Versuch, Globalisierung womöglich "abschaffen" zu wollen, wäre so fruchtlos wie es der Versuch wäre, das Wetter, den Computer oder das Auto abzuschaffen. Globalisierung ist nun einmal die Konsequenz menschlichen Strebens nach Freiheit und Expansion. 

Globalisierung zu beschränken hieße Freiheit zu beschränken. Freiheit wiederum zu beschränken hieße Kreativität zu beschränken.

Wenn ich mich gegen etwas ausspreche, dann nur gegen die entsprechenden Pro- und Contra-Ideologien: den Globalismus und den Anti-Globalismus. (Am Rande: Der Anti-Globalismus ist einer der größten Nutznießer der Globalisierung.)

Es ergeben sich durch Globalisierung jedenfalls für den Einzelnen vielfältige Chancen – vor allem für den jungen „homo oeconomicus“. Er kann sich - zumindest theoretisch - weltweit seine Ausbildungsstätte und seinen Broterwerb suchen.

Chancen ergeben sich zudem für den jungen Menschen als Sozialwesen: Er kann sich – theoretisch – weltweit seine Interaktionspartner, ja Lebenspartner, auswählen und weltweit seine Behausung suchen.

An Chancen mangelt es nicht!
Was aber liefert Orientierung in Zeiten der Globalisierung?


I. Orientierung durch Wissen

Zur Orientierung in Zeiten der Globalisierung gehört zunächst möglichst viel konkretes Wissen. Ich betone dies, weil sich die Bildungspolitik der letzten Jahre von diesem Grundsatz teilweise entfernt hat.

Ende der 90er Jahre wurde mit der Pädagogik der sog. Schlüsselqualifikationen ein von Inhalten ziemlich emanzipiertes "Sesam, öffne dich!" erfunden. Nun warten die schulpolitischen Ali Babas darauf, daß sich die Schatzkammer der Bildungsgrotte mit ihren Schätzen wie von selbst über die Schüler ergießt. 

Es gibt aber keine Bildung ohne konkrete Inhalte. Die blanke Forderung nach einer bloßen, inhaltsleeren Vermittlung von Kompetenzen wäre wie der Vorschlag, ohne Zutaten zu kochen.

Leider wird diese Idee aber propagiert. In einer „bildungspolitischen“ Schrift einer banknahen Stiftung schwadroniert man im Jahr 2002 von einer „Obsoletierung des Wissens“ durch technische Mittel. Ist das womöglich das Gegenstück dessen, was Immanuel Kant mit Aufklärung als Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit meint!?

Wir lassen uns auch viel zu leicht erschrecken von weltweit immer kürzeren sog. Halbwertszeiten des Wissens. Es mag ja eindrucksvoll sein, daß sich das Wissen der Welt alle fünf Jahre verdopple und daß wir in der Computertechnik Halbwertszeiten von drei Jahren hätten, daß also das Wissen des Jahres 2008 im Jahr 2011 zur Hälfte überholt sei. 

Aber: Es gibt unendlich viel Wissen, das sich nicht überholt:

Und: Wer nichts weiß, muß alles glauben. Man stelle sich gerade in einer globalisierten Welt einen Menschen ohne Wissensfundus vor. Er wäre das Lieblingsobjekt eines jeden Demagogen. Denn er wäre verführbar für jede Lüge; er wäre anfällig für jedes Angstmachen und für jedes Propagieren von Vorurteilen. (Vergleiche  ORWELLs 1984: Unwissenheit ist Stärke!) Deshalb gilt: Weil wir in Information ersaufen, dürsten wir nach konkretem und verläßlichem Wissen.

Ganz einfach ausgedrückt: Wenn ich keine Ahnung habe, wenn ich z.B. kulturgeschichtlich oder geographisch nichts weiß, dann verstehe ich mögliche Partner in anderen Ländern der Welt nicht, dann verstehe ich Weltpolitik nicht, dann verstehe ich nicht, daß Deutschland am Hindukusch verteidigt werden soll, dann bin ich kein mündiger Bürger. 

Dabei ist Halbwissen vielleicht sogar noch schlimmer als Nichtwissen. Theodor Adorno hat dazu in einem Vortrag im Jahr 1959 gesagt: „Das Halbverstandene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern deren Todfeind.“

Meine Forderung nach einer Renaissance des konkreten Wissens und Könnens gilt mit Blick auf die Globalisierung deshalb besonders Fächern, die in der PISA-fixierten Bildungsdebatte an den Rand gedrängt wurden und ohne deren Grundlagen ich die Welt nicht verstehen kann: dem Können in Fremdsprachen, dem Wissen in Geschichte, in Geographie, in Sozialkunde bzw. Politik, in Religionslehre/Ethik sowie in Literatur-, Kunst- und Musikgeschichte.

II. Orientierung durch übernützliche Bildung

Ein zweites: Der Mensch ist nicht bloß ein "homo oeconomicus". Sondern Menschen leben von und mit ihrer Kultur. Eine ganz persönliche Identität schöpft sich aus dem Kulturellen, sie kommt nicht aus dem WWW oder dem „global village“.

Bildung als Unterabteilung einer New Economy – das reicht nicht. Bildung kann sich nicht in Zahlenkolonnen widerspiegeln wie ein Aktienspiegel.

Ich setze gegen solche verirrte Vorstellungen eine Schule der Kultur! Dafür aber brauchen wir in der Bildungsdebatte wieder mehr Ernsthaftigkeit sowie geistige und mentale Unterkellerung.

Dann erst ist es möglich, qua Erziehung und Bildung kulturelle Identität zu vermitteln. Ohne eine solche Identität, ohne eine Identität mit einem Wertekosmos, gibt es nämlich

Was liefert Orientierung? Orientierung liefert vor allem die Teilhabe am kulturellen Gedächtnis. Das ist der Grund, warum totalitäre Systeme zur Proklamation einer ewigen Gegenwart neigen. Er-Innern aber ist die Chance des Widerstands und der befreienden Kraft gegen Indoktrination. Daher ist erst eine Erinnerung schaffende Bildung Grundlage für Freiheit und deren Vollzug.

Eine Erziehung und Bildung ohne Tradition, eine Bildung und Erziehung der bloßen „Daseinsgefräßigkeit“ (A. Gehlen) wären eine Verweigerung von Identität. Zeichen von Ungebildetsein dagegen ist es, sich einem Absolutismus der Gegenwart zu überlassen. 

Eine Globalisierung ohne kulturelle und ethische Dimension wäre jedenfalls eine Entwicklung gleichsam ohne Seele. Deshalb stellt Josef Pieper (1904 bis 1997) zu Recht fest: „Dem Menschen ist es mehr vonnöten, erinnert als belehrt zu werden. Er kommt nicht allein dadurch zu Schaden, daß er das Hinzu-Lernen versäumt, sondern auch dadurch, daß er etwas Unentbehrliches vergißt und verliert.“

Treten wir deshalb doch einfach gerade in Fragen von Erziehung und Bildung dem europäischen Ideenkosmos wieder näher! Denken wir an den früheren griechischen Staatspräsidenten Konstantinos Karamanlis (+1995)! Dieser sagte 1978 den wunderbaren Satz: „Europäische Kultur ist die Synthese des griechischen, römischen und christlichen Geistes. Zu dieser Synthese hat

Das sind die Verhaltens- und die Deutungs-Codices, die Orientierung geben. Von ihnen schreibt Udo di Fabio 2005 in seinem Buch „Die Kultur der Freiheit“: „Wer seine kulturellen Kraftquellen nicht pflegt, steigt unweigerlich ab.“

Ich erlaube mir hinzuzufügen: Auch ein moderner, aufgeklärter Patriotismus wäre eine solche Kraftquelle. Insofern dürfte Max Weber auch heute noch Recht haben mit seiner Feststellung: „Allein die Nation kann die innere Bereitschaft der Menschen wecken, sich solidarisch und selbstlos für das Gemeinwesen einzusetzen.“

Der unbehauste Mensch jedenfalls wird die Beliebigkeit und Oberflächlichkeit des „global village“ kaum ertragen können. Es wird ihm gehen wie Goethes Faust, der Mephisto gegenüber fragend klagt: „Bin ich der Flüchtling nicht? Der Unbehauste? Der Unmensch ohne Zweck und Ruh’?“ 

Eine Welt ohne Halt aber (ohne Halt im doppelten Sinn: eine Welt ohne Innehalten und eine Welt ohne Geländer) wäre eine Welt, hinter der Fundamentalismen lauern. Denn vor allem orientierungslose Menschen sind anfällig für dergleichen.

Hier dürfen wir den Begriff und das Prinzip "Heimat" bemühen:

Zur Identität von Menschen und von Gemeinschaften gehört schließlich die emotionale Verwurzelung der Menschen in ihrer unmittelbaren Heimat:

Erst vor Ort erweisen sich auch die Liebe und die Toleranz gegenüber Menschen. Andernfalls gilt, was Albert Camus in seiner Essay-Sammlung „Der Mensch in der Revolte“ schrieb: Humanitarismus mag die Menschheit, aber nicht die Menschen.

Weltoffenheit bedarf jedenfalls der Ausbalancierung durch Bodenständigkeit und Ortsverbundenheit. Der Kunstbegriff der „Glokalisierung“ hat hier seinen Platz. Er meint: Menschen sollen global denken und lokal empfinden können. Vor rund 200 Jahren wußte das bereits Johann Gottlieb Fichte: Er wollte, daß die Menschen zugleich kosmopolitisch denken und patriotisch handeln.

Der „globale“ Mensch braucht jedenfalls Geborgenheit, und er kann sie nur in Kultur, Geschichte, Tradition, Sprache und Nation finden. Er braucht dieses kulturelle Filter- und Immunsystem (vulgo „Firewall“). 

Der Mensch wird die ihm - auch in der Globalisierung - eigene Froschperspektive auch nur dann überwinden, wenn er beherzigt, was der Frühscholastiker Bernhard von Chartres (um 1120) meinte, also er riet: „Mit unserem begrenzten Erkenntnisvermögens sind wir alle Zwerge, aber auf den Schultern von Riesen können auch Zwerge weit schauen.“ Das heißt: Die Geschichte der Menschheit und ihr Wissen, unsere Vorfahren und gewachsene Kulturen – das sind die Schultern von Riesen, auf denen wir Zwerge weit sehen können. 

Eine Verengung von Bildung aber auf das Marktgängige, auf das global-wirtschaftlich (vermeintlich) Gebotene bedeutete einen Verlust an kulturellen Optionen, an konkreten Denk-Spielräumen und an bereichernden Fremdheits-Erfahrungen (Aleida Assmann, 2003).

Deshalb: Erhalten wir uns das, was Schule eben neben dem Funktionalen auch ausmacht: Chor, Orchester, Bigband, Theatergruppe, Kleinkunst, Weihnachtsbasar, Partnerschaften! Manches davon droht uns im Zuge des sog. G8 wegzubrechen. 

Und auch der Kanon-Gedanke (der Werk-Kanon-Gedanke) kommt mir in Zeiten der Diskussion um Bildungsstandards und der Testeritis zu wenig zum Tragen – der Gedanke, daß es etwa im Fach Deutsch einen Grundbestand an Literaturkenntnis, in Musik und Kunst einen Grundbestand an Werkkenntnis geben muß ..... Übrigens auch deshalb geben sollte, weil kanonisches Wissen eine unverzichtbare Kommunikationsgrundlage ist und weil ein zu schmales Wissen (ein Wissen unter aller „Kanone“) Kommunikation erst gar nicht entstehen läßt!

Jedenfalls ist es mir eine Horrorvorstellung, was die F.A.Z. 2002 berichtete, nämlich daß eine große deutsche Bank für Jungmanager kulturgeschichtliche Crash-Kurse eingerichtet hat. Die jungen Bänker sollen damit so weit fit gemacht werden, daß sie beim Prosecco-Empfang ein kultur-relevantes „name-dropping“ praktizieren können – nach dem Motto: „Ach ja, dieser Ludwig van, das war doch der mit der Schicksalsmelodie - oder so!?“
 

III. Orientierung braucht Ent-Schleunigung

Ein drittes: Wer über Bildung nachdenkt, muß über Zeit nachdenken. Dabei wird man halbwegs verwundert feststellen: Die Menschen haben immer mehr Zeit, und deshalb hätten sie eigentlich auch immer mehr Zeit für Kulturelles und für Bildung. 

Wir haben tatsächlich immer mehr Zeit zur Verfügung:

Aber jetzt das Paradoxe: Wir haben immer mehr Zeit, aber die Zeit wird uns immer knapper. 

Diese Knappheit an Zeit ist freilich auch hausgemacht:

Die Folge ist: Die Gegenwart schrumpft zusehends. Das Nächste, das Zukünftige ist schneller da, und wenn es da ist, dann ist es sofort schon Vergangenheit.

Die Zeit – ein kompliziertes Thema offenbar! Bleiben wir noch ein Weilchen dabei. 

Man kann Zeit – zum Beispiel – philosophisch und psychologisch betrachten. Jeder Menschen verfügt dementsprechend nur (!) über ein gewisses Maß an Zeit. Seneca spricht von dem „tempus suum“ eines jeden Menschen. Diese je eigene Zeit sei des Menschen wichtigstes Eigentum. Wird sie gestohlen, ist sie weg und unwiederbringlich. Sie ist das Einzige, was unersetzlich ist, was man auch nicht verschenken kann (außer indem man andere in Ruhe läßt). Nichts wäre deshalb peinlicher als anderen Zeit zu stehlen. Und nichts macht mich wütender, als wenn Wichtigtuer und Querulanten mir Zeit rauben.

Zugleich kann der Wunsch, Zeit zu haben und Zeit als erfüllte und lange Zeit bewußt zu erleben, nicht heißen, daß ich meine eigene und der Mitmenschen Zeit vollstopfe mit „events“, mit bloßer Unterhaltung. Das wäre seicht. 

Deshalb behaupte ich: Es gibt ein Recht auf lange Weile, auf Langeweile, ja auf Faulheit.

Man erschrecke jetzt nicht: Ich will hier nicht dem französischen Arbeiterführer namens Paul Lafargue (1841 bis 1911, Selbstmord) das Wort reden. Dieser schrieb 1883 sein Pamphlet „Recht auf Faulheit“. Darin finden sich so poetische Sätze wie: „O Faulheit, Mutter der Künste und der edlen Tugenden, du Balsam für die Schmerzen der Menschheit.“ (Übrigens: Lafargue war der Schwiegersohn von Karl Marx!) Und ich will auch nicht den Kalauer bemühen, der da heißt, Faulheit sei ökologisch in höchstem Maße sinnvoll, denn Faule würden schließlich keine Bäume ausreißen.

Natürlich hat faule Langeweile ihre Schattenseiten – zum Beispiel, daß Langeweile aggressiv nach außen und nach innen, ungenießbar nach außen und nach innen macht (letzteres ist Depression).

Und natürlich weiß ich, daß die Trägheit des Herzens eine der sieben Todsünden ist. Müßiggang ist aller Laster Anfang, sagt der Volksmund.

Ich will dennoch eine Lanze brechen für Langeweile und für Faulheit

Meine These lautet: Es gibt ein Recht auf Langeweile. Zumindest gibt es ein Recht auf Schutz vor der Tyrannei der hochdosierten Zwangsunterhaltung durch Fernseh-Shows, Massen-Parties, All-Inclusive-Holidays, Massenkonsum. Es gibt ein Recht auf selbstvergessenen Müßiggang, vielleicht sogar die Pflicht zum selbstvergessenen Müßiggang. 

Also Finger weg von unserer Langeweile! Sie ist – richtig gelebt - unser letztes Ich-Fenster, aus dem wir noch unkontrolliert - und unbeeindruckt vom „entertainment“ - in die Welt schauen können. 

Deshalb sage ich zu Jung und Alt:

Damit streckt man die Zeit, schafft Raum für die Zeit. Und wer es denn als Nihilist oder als Existentialist so will, dem sage ich auch: Auf dem Gipfel der Langeweile erst erfährt man den Sinn des Nichts.

Für die These, daß Bildung lange Weilen braucht, gibt es ansonsten gute Begründungen.

Die gehirnphysiologische Begründung lautet: Tausend Erfindungen der Menschheit haben nichts an der Art geändert, wie beim „homo sapiens“ das Gehirn funktioniert. Hirnmäßig bleibt der alte Adam der alte Adam. Will sagen: Hier sind die Grenzen unverrückbar. Der Mensch hat seinen festen Bedarf an Schlaf und Traum. Und die Geschwindigkeit der Abläufe im Gehirn ist nicht manipulierbar – allenfalls in Grenzen mit Drogen. Das heißt: Die Wahrnehmung, die Speicherung, die Regeneration braucht nun einmal ihre Zeit.

Sodann die lernpsychologische Begründung für die lange Weile in Sachen Bildung: Das Neue, das Erlernte braucht seine Zeit, damit es aus der Flüchtigkeit des Kurzzeitgedächtnisses in die Dauerhaftigkeit des Langzeitgedächtnisses hinübergelangt. Außerdem ist jedes Lernen ein Schaffen von Redundanz. Das heißt: Bislang Neues wird durch Lernen für mich zum Überflüssigen – deshalb zu Überflüssigem, weil ich es dann ja weiß. Ich könnte provozierend auch sagen: Lernen ist das Schaffen von Langeweile. Denn: Wenn ich etwas gelernt und kapiert habe, muß ich mich nicht mehr damit abmühen, ja ich kann mich daran langweilen, weil ich es kann.

Also: Persönlichkeitsentwicklung braucht Zeit. Und Bildung braucht Zeit. Damit hier aber kein falscher Eindruck entsteht: Wenn ich für Bildung eine lange Weile einfordere, dann heißt das zugleich, daß solche Art von Langeweile vorhergehende Investition an Schweiß und Anstrengung voraussetzt. Nur dann entsteht keine Faulheit, wie sie Immanuel Kant definiert, als er sagte: Faulheit ist der Hang zur Ruhe ohne vorhergehende Arbeit. Anders gewendet: Faulheit und Langeweile sind für diejenigen legitim, die fleißig waren. Faulheit ist also durchaus ein Privileg – ein Privileg der Fleißigen.

Auf die Dosis bzw. Mischung von Beschleunigung und Entschleunigung kommt es an. Nur zu „powern“ geht nicht, sonst ist man bald ausgebrannt. Nur zu „relaxen“ geht auch nicht, sonst verblödet man.

Nein, wir brauchen neben der „vita activa“ auch die „vita contemplativa“, also das Zurücklehnen, die lange Weile und die Faulheit; das hat etwas enorm Konstruktives und Positives. Viele Erfindungen der Menschheit gäbe es nicht, wenn die Menschen aus Faulheit nicht Erfindungen gemacht hätten, die ihnen die Arbeit erleichtern und die das Faulsein ermöglichen; man denke an Roboter oder Haushaltsautomaten.

Sodann brauchen wir die lange Weile und die Faulheit, die unverplante Zeit und die Fähigkeit der Gelassenheit (die Fähigkeit, etwas geschehen zu lassen), weil wir sonst im überkandidelten Getue ersaufen. Der Mensch ist nur dort ganz glücklich, wo er auch einfach nur Flaneur, Familienmitglied, Nachbar, Bibliotheksbesucher, Schwimmbadbenutzer sein kann. Glück ist insofern nicht nur Glückssache. Solches Glück kann man „machen“ – machen mit Müßiggang, denn Müßiggang ist Trägheit mit Sinn.

Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt: Unsere größten Stunden, das sind oft nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten. Nehmt euch diese Zeit – immer und immer wieder. Denn der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt – und sei es nur mit seinen Gedanken und Wahrnehmungen.


Zum Schluß

Zum Schluß sage ich zu Alt und Jung: Laßt euch die große stille Zeit - auch in Zeiten der permanenten Beschleunigung - nie nehmen!

Wir brauchen Persönlichkeiten in diesem unserem Lande und keine Global-Player-Funktions-Fuzzis. Wir brauchen Persönlichkeiten,



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