DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Interview aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 23. Oktober 2008

"Der Gipfel ist eine unbedeutende Fußnote"

Josef Kraus, Chef des Lehrerverbands, über verpasste Chancen


Der Präsident des deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, kritisiert Angela Merkels Bildungsgipfel heftig. Dieser habe nur Absichtserklärungen zustande gebracht. Mit ihm sprach Marcus Sander.

Herr Kraus, welche Note geben Sie dem Bildungsgipfel?

Dieser sogenannte Bildungsgipfel kann bestenfalls mit einem Ausreichend, bei ganz viel Wohlwollen noch mit einem schwachen Befriedigend bewertet werden. Denn er bringt keine konkreten Ergebnisse mit sich.

Warum sind Sie enttäuscht?

Erstens hat der Bund seit der Föderalismusreform praktisch nichts mehr in der Bildungspolitik zu entscheiden. Zweitens: die Abstimmung zwischen den Ländern und dem Bund war offensichtlich nicht optimal. Im Übrigen kann man sich von einem Gipfel, bei dem sich 17 zu Bildungsexperten beförderte Regierungschefs gerade mal 120 Minuten mit einem hochkomplexen Thema beschäftigen, kein tolles Ergebnis erwarten.

Ist es denn gut, dass sich die Kanzlerin selbst um Bildung kümmert?

Es ist immer gut, wenn das Thema Bildung zu einem öffentlichen Thema wird. Das will ich der Kanzlerin zugute halten. Aber man darf nicht bei schönen Worten und Absichtserklärungen stehen bleiben.

Wird an den Schulen irgendetwas besser?

Durch den Dresdner Gipfel verbessert sich gar nichts. Ein Beispiel: In den nächsten zehn Jahren gehen in Deutschland von rund 800 000 Lehrern 300 000 in den Ruhestand. Schon jetzt haben wir an den Schulen ein eklatantes Personalproblem - auch hierzu hat der Bildungsgipfel leider nichts gebracht. Wir brauchen mehr individuelle Förderung von Kindern, das können wir aber nur leisten, wenn wir fünf Prozent mehr Lehrer bekommen. Das heißt, in einer Schule mit tausend Schülern wären das etwa 70 Lehrerstunden pro Woche mehr. Damit kann man Ausländerkinder in Deutsch fördern.

Regt Sie der Mangel besonders auf in Zeiten, da die Politik viel Geld in die Finanzmärkte pumpt?

In der Wahrnehmung der Lehrer und Eltern vor Ort gibt es tatsächlich ein krasses Missverhältnis. Einerseits ist es möglich, innerhalb weniger Tage ein 500-Milliarden-Paket bereitzustellen, andererseits müssen die Bundesländer um jede einzelne Million für das Bildungssystem vergeblich kämpfen. Dieses krasse Missverhältnis hinterlässt Unverständnis und auch Frust bei Eltern, Schülern und Lehrern. Es verstärkt sich der fatale Eindruck, dass Bildung für die Politik Nebensache ist.

Immerhin wollen sich Bund und Länder bei der Sprachförderung mehr anstrengen.

Das sind doch Selbstverständlichkeiten. Dass Sprache ein Schlüssel für die Integration ist, weiß jeder. Bisher habe ich dazu nur Absichtserklärungen gehört. Wir brauchen auch Mittel für entsprechendes Personal.

Bund und Länder wollen Berufstätigen ein Abitur ohne Studium erleichtern. Begrüßen Sie das?

Grundsätzlich ja. Aber man darf jetzt nicht so tun, als wäre das Studium bisher nur Gymnasiasten mit allgemeiner Hochschulreife möglich. Wir haben in Deutschland mittlerweile 50 verschiedene Wege, die zum Studium führen können. Gerade in diesem Bereich gibt es schon recht viel Durchlässigkeit.

Ein anderes Thema: Frau Schavan hat sich dafür ausgesprochen, dass künftig Jungen und Mädchen teilweise wieder getrennt lernen sollen. Ist das sinnvoll?

Ich halte von diesem Vorschlag, höflich formuliert, wenig. Seit Jahrzehnten haben wir, aus sehr guten Gründen, das getrennte Lernen aufgegeben. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg, Mädchen auch stärker in die mathematisch-naturwissenschaftlichen Berufe hineinzubringen.

Wann soll der nächste Gipfel stattfinden?

Ich will keine spektakulären Bildungsgipfel oder aufsehenerregende Reisen der Kanzlerin. So etwas bringt doch nichts! Wir brauchen stattdessen eine ernsthafte, kontinuierliche Beschäftigung mit Bildungsfragen. Ich persönlich habe schon viele Bildungsgipfel mit viel Papier miterlebt. Diese vermeintlich hochkarätigen Papiere kommen und gehen. Auch dieser Gipfel wird die Republik nicht umkrempeln. Wir sind ein Bildungsland seit Jahrhunderten. Der Bildungsgipfel ist in der Geschichte eine unbedeutende Fußnote.
 

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