DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


ZDF-Chat „Berlin direkt“ vom 19. Oktober 2008, 19:30 - 20:00 Uhr,
zum Bildungsgipfel

Chat-Gast: Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes


Berlin direkt: Guten Abend! Wir freuen uns auf Ihre Fragen!

Josef Kraus:
Guten Abend!

Dash26: Wieso wird noch am Konzept der Hauptschulen festgehalten, wobei doch die Gesamtschulen mehr Erfolg versprechen?

Josef Kraus: Das ist nicht richtig. Die Gesamtschulen haben beim innerdeutschen Pisa-Vergleich miserabel-schlecht abgeschnitten, obwohl sie eine privilegierte Ausstattung haben. Hauptschüler brauchen eine besondere Förderung, eine Umetikettierung ihrer Schulform bringt überhaupt nichts.

Anton6 (Gast): Was halten Sie von der Verlängerung der Grundschulzeit um 2 Jahre auf 6 Grundschuljahre?

Josef Kraus: Davon halte ich gar nichts. Alle namhaften Studien zur sechsjährigen Grundschule, etwa in Berlin und Brandenburg, haben gezeigt, dass die Schüler am Ende einer sechsten Grundschulklasse schlechter dastehen, als wenn sie bereits nach der vierten Klasse die ihnen gemäße weiterführende Schulform besuchen hätten können.

Fritzchen29 (Gast): Wieso soll immer noch auf dem veralteten System der Dreigliedrigkeit beharrt werden?

Josef Kraus: Weil die Länder in Deutschland, die das höchste Bildungsniveau haben und die besten PISA-Ergebnisse erreichten, eben Länder mit gegliederter Schulstruktur sind: Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen.

Conni20 (Gast): Wie kann man Ihrer Meinung nach die Zusammenarbeit zwischen Kitas und Schulen verbessern?

Josef Kraus: Erstens dadurch, dass sich die Kitas in ihrem Bildungsprogramm stärker an den Anforderungen der ersten Klasse Grundschule orientieren. Und zweitens dadurch, dass die Kommunikation zwischen Kita-Erzieherinnen und Grundschullehrkräften erheblich verbessert wird.

Anton41 (Gast): Ist die Bildungshoheit der Länder nicht längst unzeitgemäß und ein Hemmschuh für eine zukunftsorientierte Bildungspolitik in Deutschland?

Josef Kraus: Nein, keineswegs! Föderalismus bedeutet Wettbewerb und Ringen um den besten Weg. Zentralismus kann Vereinheitlichung auf niedrigem Niveau bedeuten. Die Tatsache, dass wir immerhin einige Bundesländer haben, die bei PISA international ganz vorne mithalten können, ist das Ergebnis eines gewachsenen bundesdeutschen Schulföderalismus.

Conni18 (Gast): Würden Sie Ihr Kind auf eine Hauptschule schicken?

Josef Kraus: Bei mir stellt sich die Frage nicht mehr, weil mein Sohn 27 Jahre alt ist - aber wenn ich zur Überzeugung komme, dass mein Kind in seinen eher praktischen Fähigkeiten am besten in der Hauptschule gefördert werden kann, dann würde ich das tun. Zumal Hauptschule nie eine Sackgasse ist, sondern immer auch Anschlüsse bietet zu anspruchsvollen Berufsausbildungen und über zweite Bildungswege sogar bis hin zum Studium.

Conni20 (Gast): Wie lässt sich die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und der damit verbundene Wohnortwechsel mit der Föderalismusreform im Bildungsbereich Ihrer Meinung nach vereinbaren?

Josef Kraus: Das ist eine Herausforderung, insbesondere an die Selbstkoordinierungs-Gremien der 16 Länder. Also an die Konferenz der Ministerpräsidenten und an die Konferenz der Kultusminister. Diese sind gefordert und im Übrigen seit Jahrzehnten bemüht, durch gegenseitige Richtlinien, durch Anerkennung von Schulabschlüssen bundesweite Mobilität zu garantieren. 

Conni3 (Gast): Warum geht man nicht auf das Bildungswesen der DDR? Ich bin 38 Jahre alt und in NRW mit einer dort Gebürtigen verheiratet. Wir haben zwei Kinder in der 1. Klasse und wir diskutieren viel. Wir sind beide der Meinung, das Bildungssystem der DDR war das bessere.

Josef Kraus: Ich warne vor Legendenbildungen, was das Schulsystem der DDR betrifft. Lassen wir einmal die Ideologisierung der Inhalte beiseite, so muss man doch festhalten, dass in der DDR kaum mehr als 12 % das Abitur machen konnten und die Fremdsprachenkenntnisse alles andere als international konkurrenzfähig waren.

Edi17 (Gast): Muss das deutsche Billdungssystem nicht von Grund auf reformiert werden? Was kann eine Finanzspritze ausrichten, wenn notwendige Reformen fehlen?

Josef Kraus: Die Finanzen alleine machen es natürlich nicht. Es müssen vor allem auch die Inhalte, die Strukturen und die Prüfungsanforderungen stimmen - und es muss genügend Lehrpersonal da sein. Leider aber schlittern wir in einen gravierenden Lehrermangel hinein, der von der Politik eigentlich frühzeitig hätte erkannt werden können.

Dash26: Tatsache ist, es fehlt an qualifizierten Lehrkräften. Ich selber will Lehrer werden, musste jedoch mein Studium nach Einführung der Studiengebühren einstellen. Liegt nicht da das eigentliche Problem?

Josef Kraus: Die Einführung der Studiengebühren war sicherlich nicht geeignet, genügend junge Leute zum Studium eines Lehramtes zu motivieren. Gerade in bestimmten Fächern ist uns dadurch in schmerzlicher Weise der Nachwuchs ausgeblieben. Dies gilt insbesondere für so wichtige Fächer wie Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik an allgemeinbildenden Schulen und Elektrotechnik, Metalltechnik, wirtschaftswissenschaftliche Fächer an berufsbildenden Schulen.

Anton6 (Gast): Trotz schlechter Ergebnisse in Schulvergleichsstudien wird in allen Bundesländern G8, das Abitur nach 8 Sekundarschuljahren, eingeführt, ohne dass Lehrpläne angepasst wurden. Wie stehen Sie zum Abitur nach 12 Schuljahren?

Josef Kraus: Zunächst - es ist nicht richtig, dass wir im internationalen Vergleich schlecht abgeschnitten haben. Bei Pisa 2006 sind wir international ins vordere Viertel vorgedrungen und haben selbst das hochgerühmte Schweden hinter uns gelassen. Was das G8 betrifft, haben Sie recht. Diese Maßnahme, zumal sie reichlich überstürzt durchgezogen wurde, ist nicht geeignet, zukünftig gute Testergebnisse zu erzielen.

Edi17 (Gast): Entwickelt sich das deutsche Bildungssystem zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft? Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder auf Privatschulen.

Josef Kraus: Eine Zwei-Klassen-Bildung haben wir bereits in zahlreichen führenden Industrieländern. In den USA, in Großbritannien, in Frankreich, in Japan .... entscheidet in erster Linie der Geldbeutel der Eltern über die Qualität der Bildung ihrer Kinder. Das ist dort auch das Ergebnis einer Einheitsschule. Auch bei uns in Deutschland sehe ich mit Sorge, dass Eltern, die es sich leisten können, private Schulen für ihre Kinder wählen, wiewohl übrigens deutsche Privatschulen bei Pisa keinen Deut besser abgeschnitten haben als öffentliche Schulen.

Edi55 (Gast): Wie ist es möglich, dass überall Lehrer fehlen und in Zukunft weiterhin Lehrer fehlen werden, in Sachsen aber die Lehrer aber auf Zwangsteilzeit gesetzt sind?

Josef Kraus: Das hat mit den unterschiedlichen demografischen Entwicklungen in den alten und neuen Bundesländern zu tun. In den neuen Bundesländern ist die Geburtenrate nach der Wiedervereinigung um bis zu 70 % eingebrochen. Das wirkt sich heute noch auf den Lehrerbedarf negativ aus. In den alten deutschen Ländern hat schlicht und einfach die Personalplanung der Politik versagt.

Conni18 (Gast): Sind Sie nicht auch der Meinung, dass die Lehrer in allen Bundesländern gleich bezahlt werden sollten?

Josef Kraus: Natürlich gilt der Grundsatz: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Da nun aber mit der Föderalismusrefom von 2006 die deutschen Länder auch eigene Kompetenzen in der Besoldung ihrer Beschäftigten erhalten haben, kann es zu einem Lohngefälle zwischen den Ländern kommen. Ich sehe das mit Sorge, weil das mittelfristig dazu führt, dass finanziell schwächere Länder ihre besonders qualifizierten Leute nicht halten können.

julian-2008: Warum werden Hauptschüler in der Gesellschaft immer so herabgestuft? Wenn man sagt, dass man auf der Hauptschule ist, gehen die Leute immer direkt auf Abstand und denken, man sei blöd.

Josef Kraus: Mich ärgert dieses Vorurteil maßlos! Denn es ist im Grunde menschenverachtend. Leider hat an diesem Vorurteil auch eine Öffentlichkeit mitgewirkt, die Hauptschüler zu Restschülern erklärt hat. Das muss sich ändern. Vor allem muss die Wirtschaft Hauptschulabsolventen mehr Chancen bieten.

Edi17 (Gast): Muss nicht auch ein Umdenken bei Lehrern stattfinden, um das Lernen wieder attraktiver zu gestalten?

Josef Kraus: Natürlich müssen Lehrer mit der Zeit gehen und sich neuen Herausforderungen stellen. Andererseits muss man auch aufpassen, dass man Lehrer nicht mit gesellschaftlichen und sozialpädagogischen Aufgaben überfrachtet und sie somit zum Familienersatz macht. Lehrer hätten es etwas leichter und sie könnten sich besser auf ihre Bildungsverantwortung konzentrieren, wenn Eltern ihre Erziehungsverantwortung wahrnehmen würden.

Berlin direkt: Wir bedanken uns bei Josef Kraus und wünschen allen Chattern einen schönen (Rest-) Abend!


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