DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 8. Oktober 1999

NORDRHEIN-WESTFALEN / Die Gesamtschule kommt nicht aus den negativen Schlagzeilen

Opfer einer Ideologie

Ministerin Behler ist alarmiert. Eine neue Studie beweist:
Ihre Gesamtschüler sind um zwei Noten schlechter als die Gymnasiasten.

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Die Defizitanalysen über integrierte Gesamtschule häufen sich. Selbst international treten die Mängel dieser Schulform immer häufiger zu Tage: In den USA ist das gesamte öffentliche Schulwesen damit bankrott gegangen. Wie dort flüchten sich auch in Großbritannien und in Frankreich mehr und mehr Eltern mit ihren Kindern aus der Einheitsschule in eine Privatschule. Und in Japan hat integrierte Gesamtschule dazu geführt, dass zwei Drittel der Schüler private und teuere Nachhilfe bekommen. Vgl. dazu den Rheinischen Merkur vom 19. Juni 1998 ("Den Anforderungen der modernen Industrienationen hält die Einheitsschule nicht stand: Anschluss an die Zukunft finden") und vom 26. Juni 1998 ("Die pädagogische Gleichmacherei hat auf Abwege geführt: Keine Zeit für Tagträume")!

Was viele Bildungsexperten seit Anfang der 70er Jahre auch für Deutschland vorhersagten, wonach sich die Mehrzahl der Eltern hier immer schon richtete, was freilich  illusionäre, typisch deutsche Schulpolitik und Schulpädagogik bis zum heutigen Tag verdrängte, wird erneut mit einer Studie belegt: Die Leistungen der Gesamtschüler können, wenngleich sie mit denselben formalen Berechtigungen wie ihre Altersgenossen in Realschule und Gymnasium ausgestattet werden, deren Leistungsniveau nicht annähernd erreichen.

Knallharte Analyse

Nun kommen die Atteste knüppeldick sogar für die "gymnasiale" Oberstufe der Gesamtschulen, hier für die Nordrhein-Westfalens. Jüngstes dieser Atteste ist die Studie "Wege zur Hochschulreife: Offenheit des Systems und Sicherung vergleichbarer Standards - Analysen am Beispiel der Mathematikleistungen von Oberstufenschülern an Integrierten Gesamtschulen und Gymnasien in Nordrhein-Westfalen." Sie wurde - rechtzeitig nach der NRW-Kommunalwahl und flankiert von einem umfangreichen Kommentar der NRW-Kultusministerin Gabriele Behler in derselben Ausgabe - veröffentlicht von Olaf Köller, Jürgen Baumert und Kai Schnabel vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) in Heft 3/1999 der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. Grundlage der Studie, die Teil der Studie "Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter" (BIJU) ist, war eine Untersuchung der Fachleistungen von 991 Schülern aus 19 Gymnasien und von 582 Schülern aus 12 integrierten Gesamtschulen. Getestet wurden die Leistungen in Mathematik, Physik, Biologie, Englisch und in politisch-wirtschaftlicher Grundbildung, ferner kognitive Grundfähigkeiten mittels des Tests "Figurenanalogien" .

Einzelne Ergebnisse daraus: Die fachlichen Ausgangsleistungen der Schüler der Gesamtschuloberstufe, die zum Abitur führt, entsprechen in allen Fächern einem Niveau, das unter dem mittleren Realschulniveau bleibt. Leistungskursschüler an Gesamtschuloberstufen erreichen in Mathematik in der 12. Jahrgangsstufe mit einem Testwert von durchschnittlich 90,0 Punkten nicht das Leistungsniveau, das in Grundkursen des Gymnasiums erzielt wird (105,9 Punkte). Zum Vergleich: Teilnehmer des Leistungskurses des Gymnasiums erzielen im Schnitt 132,7 Testpunkte, Teilnehmer des Grundkurses einer Gesamtschuloberstufe 75,1 Testpunkte. Eine Angleichung der Leistungsniveaus der beiden Gruppen während der 13. Klasse geschieht nicht.

Und ein weiteres interessantes Detail: Die beiden Schülergruppen unterscheiden sich - jeweils zu Gunsten der Gymnasiasten - hinsichtlich kognitiver Grundausstattung (hier: Fähigkeit, Analogien zu bilden) um eine halbe Standardabweichung voneinander, in den schulischen Fachleistungen aber um eine ganze Standardabweichung. Das bedeutet: Die Gesamtschule schöpft nicht einmal das kognitive Potenzial ihrer Schüler voll aus.

Solche Befunde, dass Gesamtschüler bei weitem nicht das leisten, was Realschüler und Gymnasiasten leisten, gab es aus dem MPIB bereits 1996 im Rahmen eines BIJU-Zwischenberichtes: Für NRW wurde anhand der Stichproben aus 14 Gesamtschulen und aus 19 Realschulen  festgehalten: Am Ende der 10. Klasse liegen Gesamtschüler in Mathematik im Vergleich mit Realschülern um zwei, im Vergleich mit Gymnasiasten um mehr als zwei Jahre zurück - und das trotz einer Schülerklientel der Gesamtschule, die sich von der Schülerklientel der Realschule weder hinsichtlich sozialer Herkunft noch hinsichtlich intellektueller Fähigkeiten unterscheidet. Zugleich wurde festgestellt, dass die Gesamtschüler hinsichtlich sozialen Lernens nicht mit den Schülern der anderen Schulformen mithalten können. Das MPIB ging davon aus, dass das sog. altruistische Motiv der Gesamtschüler niedriger ausfällt als bei Schülern anderer Schulformen.

Die neuesten BIJU-Ergebnisse stehen ferner in Übereinstimmung mit den Ergebnissen der im Frühjahr 1998 veröffentlichten Daten aus der TIMSS III. (TIMSS III steht für die "Third International Mathematics and Science Study" zur Oberstufe.) Hier hatte sich herausgestellt, dass im Leistungskurs Mathematik NRW-Schüler im Test durchschnittlich 113, bayerische Schüler 126 und baden-württembergische Schüler 133 Punkte erreichten. Man geht davon aus, dass eine Differenz von 10 Punkten etwa einem Schuljahr entspricht. Ferner stellte sich damals schon heraus, dass für ein und dieselbe Leistung je nach Bundesland um bis zu zwei Noten unterschiedlich streng bewertet wird. Dazu sagte Jürgen Baumert vom MPIB 1998 in einem Interview: "Man kann je nach Bundesland für dieselben Leistungen unterschiedliche Zensuren bekommen. Im unteren Bereich beträgt die Differenz eher zwei Noten, im oberen eine Zensurenstufe." Das heißt konkret: Eine Sechs in Bayern oder Baden-Württemberg kann in NRW eine Vier sein und umgekehrt.

Aus fünf mach drei

Solche Ungerechtigkeiten zeigen sich jetzt in der Oberstufen-BIJU noch eindringlicher, nämlich allein anhand der NRW-Daten: Oberstufenschüler des Gymnasiums, die als Teilnehmer des Grundkurses Mathematik beispielsweise 80 Testpunkte erzielten, werden mit der Note 5 bewertet; hätten sie dieselbe Leistung in einem Grundkurs der Gesamtschul-Oberstufe erzielt, würden sie mit einer "3" benotet. Teilnehmer des Leistungskurses, die 100 Testpunkte erreichen, erhalten dafür in der gymnasialen Oberstufe eine "5", in der Gesamtschul-Oberstufe eine "3 plus". Das sind Unterschiede von zwei und mehr Notenstufen bei gleicher Leistung. Jedenfalls ergibt das die Auswertung der jetzt veröffentlichten Schaubilder von Köller, Baumert u.a. Wenn einzelne Zeitungen in den vergangenen Tagen verschiedentlich davon geschrieben hatten, dass es sich um Bewertungsdifferenzen von nur einer Notenstufe handle, dann ist das schlicht und einfach falsch, oder aber es entspricht dem Wunschdenken eines Agenturdienstes, der in Sachen Gesamtschule noch selten als sonderlich ausgewogen aufgefallen war.

Solche und andere Erkenntnisse des Scheiterns der Gesamtschule werden von den Gesamtschulbefürwortern freilich nach wie vor weggewischt. Die frühere Vorsitzende der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG) und spätere Kölner Gesamtschuldezernentin Anne Ratzki spricht in ihrem jüngsten Internetbeitrag von einer "Kampagne gegen die Gesamtschule" und erinnert an die "guten Leistungen der DDR-Einheitsschule".

Und so bleibt die Gesamtschul-Riege eine Betonfraktion, die den Fakten nicht ins Auge sehen will. Gegen die nächste Untersuchung, von der Ungemach droht, hat man prophylaktisch bereits Protest eingelegt, nämlich gegen die OECD-Studie PISA (Programme for International Student Assessment). In deren Rahmen wird in 26 OECD- und einigen Nicht-OECD-Staaten die Untersuchung der Leistungen der 15-jährigen Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften fortgesetzt und um den Bereich "Lesen" erweitert. Es sollen für Deutschland auch Vergleiche der Schulformen und der Bundesländer möglich sein. Weil die SPD und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sich seit eh und je schwer tun mit Leistungsmessung, haben sie schon einmal vorsorglich bei den SPD-Schulministern bzw. bei der Kultusministerkonferenz gepoltert. Die SPD-Arbeitsgemeinschaft für Bildung wettert gegen PISA und gegen die SPD-regierten Länder, die es zuließen, "für ihre Schulpolitik an den Pranger gestellt zu werden," und die damit vorbereiteten, "dass die SPD-Bildungspolitik der letzten dreißig Jahre zum Scheitern verurteilt werden soll." Die GEW schreibt von "unseriösen und tendenziösen" Ländervergleichen, und sie weiß, dass "Bundesländer mit hochselektiven Schulsystemen auf der Basis eines Schulformvergleiches besser abschneiden müssen", dass "alles andere eine Sensation wäre" und dass dann den "reformorientierten Bundesländern die Revision ihrer bisherigen Schulpolitik nahegelegt würde."

Leistungen vergleichen

Reife Einsichten! Trotzdem kann eines jetzt nicht mehr ausbleiben: Es ist über die zwei Gerechtigkeitslücken zu sprechen, die die jüngste BIJU-Studie erneut offenbart hat. Gerechtigkeitslücke Nr. 1 ist, wenn für ein und denselben formalen Schulabschluss, für ein und dieselbe Berechtigung ein so unterschiedlicher Leistungspreis gezahlt werden muss. Und Gerechtigkeitslücke Nr. 2 ist es, dass Schüler der Gesamtschule offenbar eindeutig schwächer gefördert und schlechter auf nachfolgende Bildungswege vorbereitet werden.

Dagegen helfen nur konkrete Maßnahmen, aber keine Scheuklappen oder Gesundbetereien. Deshalb ist die NRW-Kultusministerin gut beraten, wenn sie jetzt die Ausbildungsordnungen strafft und inhaltlich konkretisiert, wenn sie nicht mehr länger an einer Oberstufe für jede Gesamtschule festhält, wenn sie Abituraufgaben überprüfen lässt und wenn sie Vergleichsarbeiten für bestimmte Schulformen als verbindlich installiert. Das sind richtige Ansätze. Nur, dass sie sich auch nach diesem erneuten Gesamtschul-Desaster gegen ein Zentralabitur wehrt und dass sie immer noch an der Regelung festhält, dass Gesamtschüler bis zur Klasse 9 automatisch vorrücken, ist schwer nachvollziehbar.


© 1999 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24DL-HomeSeitenanfang