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DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) -
AKTUELL
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Aus "Die Tagespost" vom 26. Juni 2008
Bildungsgerechtigkeit als ideologische Krücke für Gleichmacherei
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Gerechtigkeitsrhetorik hat
einmal mehr Konjunktur. Da es aber Gerechtigkeit schlechthin zumindest auf
dieser Welt nicht gibt, muss der Plural „Gerechtigkeiten“ bemüht werden. Die Folge
ist eine Inflation an Bindestrich-Gerechtigkeiten: Generationen-,
Geschlechter-, Umwelt-, Leistungs-, Renten-, Einkommens-, Vermögens-,
Bedarfs-, Verteilungs-,
Ergebnis-Gerechtigkeit. Seit kurzem nimmt in diesem Katalog die Bildungs-Gerechtigkeit
eine prominente Stellung ein. „Progressive“ Bildungspolitiker und
Bildungsforscher erheben nämlich die Klage, das deutsche Schulwesen sei
ungerecht wie kein zweites, schließlich sei der Anteil der Arbeiterkinder, der
ein Gymnasium besucht, angeblich nur ein Sechstel des Anteils der
Akademikerkinder, der ein Gymnasium besucht. Die Zielrichtung ist klar: Dieses
Schulwesen müsse durch ein - so meint man - gerechteres Gesamtschulsystem
ersetzt werden. Die Vokabel „Bildungsgerechtigkeit“ soll dabei die Krücke sein,
sie wird zum „Wieselwort“. Friedrich August von Hayek hatte bereits den Begriff
„soziale Gerechtigkeit“ als ein „Wieselwort“ bezeichnet und damit gemeint, dass
dies eine hohle Phrase sei (siehe das Wiesel, das ein Ei leert, ohne die äußere
Hülle zu zerstören).
Gewiss gibt es kein
perfektes Bildungswesen. Es gibt weltweit aber auch kaum ein Bildungswesen, das
so viele Chancen bietet wie das deutsche. Herausragende Belege dafür sind die
international vergleichsweise niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland;
die Vielfalt und das hohe Niveau des beruflichen Bildungswesens; die mehr als 60
Wege zur Hochschulreife (darunter viele, die über die berufliche Bildung
führen). Nicht-Gymnasiasten stecken also keineswegs in Sackgassen. Vielmehr bietet
gerade das berufsbildende Schulwesen
Aufstiegsbildung.
Überhaupt haben wir in
Deutschland in den vergangenen 30 Jahren eine eindeutige Entkoppelung von
besuchter Schulform und dem formal erreichten Bildungsabschluss. Das heißt: Der
Anteil der Studienanfänger, die nicht über den Weg des herkömmlichen Gymnasiums
an die Hochschule kommen, ist immer größer geworden. Er hat in manchen
Bundesländern die 50 Prozent überschritten und selbst in Bayern 44 Prozent
erreicht. Nutznießer dieser Entwicklung sind vor allem Kinder aus sog.
bildungsfernen Schichten.
Manche Ideologen wollen das
nicht wahrhaben, sie meinen, für ihre Theorie der sozialen Ungerechtigkeit des
deutschen Schulwesens aus PISA Honig saugen zu können. Das aber ist methodologisch
völlig unzulässig. Denn PISA untersucht Fünfzehnjährige, stellt für dieses
Lebensalter den Gymnasiastenanteil fest, berücksichtigt dabei aber nicht,
welchen Bildungsabschluss die PISA-Getesteten später tatsächlich machen. Ein
typischer Fall von statistischem Artefakt! Man drückt mit dieser Methode die Tatsache weg, dass eben rund die
Hälfte der Studenten nicht über das Gymnasium kommt. Gerade bei diesen
Studenten, die vor allem über die Realschule und Fachoberschule ins Studium starten,
ist aber kein Einfluss der sozialen Herkunft festzustellen.
Statistische Artefakte sind
auch die Angaben über die soziale Durchlässigkeit anderer Schulsysteme.
Beispiel: Wenn die Tochter eines finnischen Hafenarbeiters Krankenschwester
wird, dann gilt sie als Beleg für die soziale Durchlässigkeit des dortigen
Schulwesens; wenn in Deutschland die Tochter eines VW-Arbeiters Krankenschwester
wird, dann gilt sie als Beleg für die mangelnde soziale Durchlässigkeit des deutschen
Bildungswesens. Hintergrund: In Finnland trägt dieser Abschluss einen Hochschulstempel,
in Deutschland nicht.
Am ausgeprägtesten ist die
soziale Selektivität des Bildungswesens ansonsten in Ländern mit öffentlichem Einheitsschulsystem
und kostspieligen Privatschulen. In Japan schicken zwei Drittel der Eltern ihr
Kind auf eine private Nachhilfeschule, in England, Frankreich und in den USA wählen
Eltern, die sich dafür pro Kind jährlich fünf bis dreißig Tausend Euro bzw.
Dollar leisten können, renommierte Privatschulen.
Integrative schulische Systeme
haben auch in Deutschland keinen sozialen Gewinn gebracht. Die über 30 Jahre
gehende Langzeitstudie von Helmut Fend mit dem Titel „LIFE = Lebensverläufe von
der späten Kindheit ins frühe Erwachsenenalter“ hat 2008 nachgewiesen: Der
Besuch einer Gesamtschule schafft keineswegs verbesserte soziale
Aufstiegsmöglichkeiten. In der ELEMENT-Studie 2008 von Rainer Lehmann heißt es
im Vergleich von vier- mit sechsjähriger Grundschule: „Die ELEMENT-Studie hat
keine Anzeichen dafür geliefert, dass der gemeinsame Unterricht in den
Klassenstufen 5 und 6 soziale Disparitäten abschwächt.“
Trotzdem befleißigen sich
nicht wenige gerne des Totschlagarguments, Deutschland habe das sozial
ungerechteste Schulwesen der Welt. Tatsächlich schimmert hier die Rhetorik des
Klassenkampfes durch. In der Folge wird behauptet, Akademiker würden Kinder von
Nicht-Akademikerkindern von höherer Bildung ausschließen wollen. Den
Verfechtern des gegliederten Schulwesens wird unterstellt, eine ständische Gesellschaft
im Sinn zu haben. Sogar das Evangelium wird bemüht – konkret der sog.
Matthäus-Effekt: „Wer hat, dem wird gegeben. Wer aber nicht hat, vom dem wird genommen.“
Dass in Sachen Bildung niemandem etwas genommen wird, scheint dabei keine Rolle
zu spielen.
In solcher Rhetorik schwingt
ein überspannter alt-linker, anti-bürgerlicher Affekt mit. Eines der Kardinalprobleme
dieser überhitzten Gerechtigkeitsrhetorik ist freilich die Gleichsetzung von
Gerechtigkeit mit Gleichheit. Die „conditio humana“ kennt aber keine
Gleichheit. Menschen kommen nun einmal unterschiedlich auf die Welt. Auch die
Begabung ist zu rund zwei Drittel genetisch angelegt. Die stets unter den Generalverdacht
des politisch Inkorrekten gestellte Begabungsforschung bestätigt dies seit
Jahrzehnten (siehe die Zwillingsforschung!). Trotzdem sprechen manche nur von
„vermeintlicher Begabung“. Faktum aber ist: Der erbliche Einfluss auf die
kognitive Entwicklung nimmt im Laufe des Lebens sogar zu. Ergo: Es kann keine
Bildungsgerechtigkeit ohne Begabungsgerechtigkeit geben.
Ein zweites Kardinalproblem
quasi-progressiver Bildungsideologie ist der ihr implizite Vorrang der Gleichheit
vor der Freiheit. Dahinter aber lauert die Gefahr, dass die Freiheit, auch die
freie Entfaltung der Persönlichkeit, auf der Strecke bleibt. Bereits Alexis de Tocqueville hat 1835 darauf
hingewiesen: Freiheit erliege gern der Gleichheit, weil Freiheit mit Opfern
erkauft werden müsse und weil Gleichheit ihre Genüsse von selbst darbiete.
Diese beiden Irrtümer gilt
es zu bedenken, wenn man über Bildungsgerechtigkeit debattiert. Man sollte wissen:
Wer völlige Chancengleichheit will, müsste die Menschen entmündigen. In Sachen
Bildung geht es auch nicht um Chancenverteilung, sondern um Chancennutzung. Da
Bildung per se kein knappes Gut ist, kann es nicht den einen genommen und den
anderen gegeben werden. Es ist auch nicht vertretbar, die Chancen bestimmter
(hier leistungsfähigerer) Gruppen zu verbessern, indem man andere bremst. Aus
diesem Grund verbieten sich übrigens Quotierungen. Man sollte sehr wohl unter
Berufung auf das nicht zuletzt von der Katholischen Soziallehre geprägte
Prinzip der Subsidiarität wissen: Chancen sind keine Garantien, zu konkreten
Optionen werden sie erst durch Nutzung und durch eigene Anstrengung.
Gleichmacherei in Erziehung
und Bildung indes bremst individuelle Anstrengungsbereitschaft und
Eigeninitiative. Gleichmacherei würde allenfalls zu einer gefühlten Gerechtigkeit
nach dem Motto führen: Was nicht alle können, darf keiner können. Egalitäre
Schulpolitik erzielt vermeintliche Gleichheit zudem nur durch Absenkung des Anspruchsniveaus.
Wer aber die Ansprüche senkt, der bindet gerade junge Menschen aus
schwierigeren Milieus in ihren „restringierten Codes“ fest. Egalitäre Schulpolitik
verfestigt sogar Unterschiede, weil die Klügeren und diejenigen aus entsprechenden
Elternhäusern sich ihre Anregungen dann woanders holen.
Es gibt keine gerechte Alternative zu einer leistungsgerechten
Schule. Wer in der Schule das Leistungsprinzip untergräbt, setzt zugleich eines
der revolutionärsten demokratischen Prinzipien außer Kraft. In unfreien
Gesellschaften sind Geldbeutel,
Geburtsadel, Gesinnung und Geschlecht Allokationskriterien - Kriterien zur
Positionierung eines Menschen in der Gesellschaft. Freie Gesellschaften haben
an deren Stelle das Kriterium Leistung vor den Erfolg gesetzt. Ein
revolutionärer Fortschritt und zudem die große Chance zur Emanzipation für
jeden Einzelnen! Verschiedenheit ist also keine Ungerechtigkeit. Vielmehr ist
nichts so ungerecht wie die gleiche Behandlung Ungleicher. Die Prinzipien Leistung
und Auslese sind zudem die beiden Seiten ein und derselben Medaille. Die
antithetische Formel „Fördern statt Auslese“ ist also grundfalsch. Es muss
heißen: Fördern durch Differenzierung!
Eine Optimierung des
Bildungsangebots im Interesse der sozial schwächeren Klientel und damit im
Interesse der Gesamtgesellschaft ist notwendig, möglich und ein Gebot der
Fairness. Hier sind Fortschritte denkbar. Ausgebaut und verbessert werden
müssen etwa die Erziehungs- und Bildungsberatung gerade in sozial problematischen
Schichten; die vorschulische Bildung; die Jugendsozialarbeit und der Ganztagsbetrieb
an Schulen mit sozialen Problemlagen; die Eröffnung einer zweiten Chance für
„gestrandete“ Jugendliche via berufliche Schulen oder freie Träger.
Abschließend: Ungleichheit kann
sogar sozial gerecht sein – nämlich dann, wenn Spitzenleistung allen nützt,
wenn sie zu einem „inequality surplus“, zu einem Mehrwert führt. Auch aus
diesem Grund dürfen die Stärkeren nicht gebremst oder gar geschwächt werden,
denn man macht die Schwächeren nicht stärker, indem man die Stärkeren schwächt.
Die Schwächeren aber verdienen den Respekt aller. Die Würde ihrer Arbeit und
ihres Beitrages zum Gemeinwesen ist zu achten, sie darf nicht erst einsetzen,
wenn sie Abitur haben.
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