Ulrike Timm: Normalerweise
machen Elternbeschwerden über eine Grundschullehrerin keine
bundesweiten Schlagzeilen, aber in Berlin entzündet sich ein Konflikt
an der Lehrerin Ursula Sarazzin, der Ehefrau eines so populären wie
umstrittenen Autors, nämlich Thilo Sarazzin. Er hat "Deutschland
schafft sich ab" geschrieben. Die Lehrerin soll überstreng sein und
Schüler in verletzender Weise behandeln. Ein schulinterner Konflikt
sorgt also für regelrechte Lagerkämpfe, und der betreffenden Schule in
Berlin tut weder die ungeklärte Situation, noch die hochgekochte
Stimmung drum herum gut.
Wir können das hier nicht klären, wir wollen es aber zum Anlass nehmen,
darüber zu sprechen, warum wohl die Konflikte zwischen Eltern und
Lehrern und Schülern in den vergangenen Jahren generell zugenommen
haben. Eltern sind sauer, wenn Lehrer ihre Kinder nicht so benoten, wie
sie sie selbst benotet sehen wollen; Lehrer schimpfen nicht nur über
Schüler, sondern zunehmend auch über Eltern; und dass sich Anwälte mit
Schulnoten und Gerichte mit dem Zugang zu bestimmten Schulen
beschäftigen, das hat es vor ein paar Jahren so noch nicht gegeben.
Josef Kraus ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und seit über
20 Jahren ist er das, und vor allem aber ist er Leiter eines Gymnasiums
in Bayern. Schönen guten Morgen, Herr Kraus!
Josef
Kraus: Guten Morgen, Frau Timm!
Timm:
Fangen wir mal außerhalb des Klassenzimmers an: Haben sich die Eltern
generell verändert?
Kraus:
Ja, es haben sich die Familienstrukturen verändert und es haben sich
natürlich die Erwartungen von Elternschaft und Gesellschaft an Schule
verändert. Was die Familienstrukturen betrifft: Wir haben nicht mehr
überall die klassische Familie, die Zwei-, Drei-Kind-Familie, wo Papa
und Mama da sind, sondern wir haben einen erheblichen Anteil von
zerbrochenen Familien, Alleinerziehenden, das sind schon mal andere
Umstände für Schule und neue Herausforderungen für Schule geworden. Und
es haben sich natürlich dann auch aufgrund der niedrigeren Kinderzahl,
also 1,3 - 1,4 pro Paar beziehungsweise pro Frau haben sich natürlich
auch die Erwartungen geändert.
Jetzt mal psychologisch ausgedrückt: Es projizieren sich die
Ehrgeizwünsche der Eltern in dieses eine Kind noch stärker hinein, und
wenn diese hineinprojizierten Wünsche von der Schule nicht erfüllt
werden, dann ist man schnell dabei, auch ungemütlich zu werden.
Timm: Na gut, aber
eigentlich könnten sich ja Lehrer und Schulen darüber freuen, wenn es
Eltern nicht egal ist, was hinter den Schultüren passiert.
Kraus:
Die Elternschaft gibt es nicht. Zunächst mal will ich für das Gros der
Elternschaft auch eine Lanze brechen: Der größte Teil der Elternschaft
ist vernünftig, ist kooperativ, ist bodenständig, sagt den Lehrern
auch, okay, wir wissen, dass mein Sohn, meine Tochter hier ein bisschen
faul war oder nachlässig war, die Note 4 oder 5 oder 6, wenn sie dann
vorkommt, die ist auch gerechtfertigt, und lesen Sie meinem Kind auch
ruhig mal die Leviten und so weiter. Also, das ist das Gros der
Elternschaft nach wie vor.
Uns in den Schulen machen zwei Elterngruppen zunehmend Probleme, und
diese beiden Elterngruppen werden immer größer. Das ist einmal die
Gruppe der Eltern, denen alles egal ist, die sich um nichts kümmern,
und das ist die Gruppe der Eltern, die also überehrgeizig sind und
maßlos überziehen, und immer gleich mit einem Brief eines Rechtsanwalts
gerne drohen.
Timm:
Nun hat es zu meiner Schulzeit immer noch letztlich geheißen: Der
Lehrer hat immer recht. Das wurde sehr selbstverständlich vorausgesetzt
und hat oft nicht gestimmt. Heute wird es eben nicht mehr
selbstverständlich vorausgesetzt. Das muss ja per se nicht schlecht
sein. Die Frage ist ja: Wenn sich ein Lehrer tatsächlich als ein
schlechter Lehrer entpuppt, sei es menschlich, sei es fachlich - soll
ja vorkommen -, das ist ja tatsächlich dann eine äußerst hohe Hürde,
ihn oder sie loszuwerden. Der Beamtenstatus sichert da doch bestens ab.
Kraus:
Also, das ist jetzt eine ganze Menge, was Sie jetzt da in diese Frage
oder in diese These reingepackt haben. Also, eines ist klar: Schule in
Deutschland ist Schule in einer offenen Gesellschaft und Schule in
einem Rechtsstaat. Und da kann es nicht sein, dass eine Seite immer
recht hat, und die andere Seite nie recht hat. Wir haben in Deutschland
zwölf Millionen Schüler, wir haben in etwa genauso viele Mamas und
Papas, und wir haben 800.000 Lehrer. Diese 800.000 Lehrer sind
natürlich nicht alle Helden und Heilige, das gibt es in keinem Beruf.
Und weil es natürlich da auch menschelt in der Beziehung zwischen
Eltern, Schülern und Lehrern, muss es Möglichkeiten geben, auch hier
Konflikte anzusprechen, auf den Tisch zu bringen und einvernehmlich zu
klären und zu regeln. Das hat mit dem Status der Lehrer überhaupt
nichts mehr zunächst zu tun, weil im Übrigen auch der angestellte
Lehrer ist nach einer gewissen Zeit unkündbar und genießt letztendlich
die gleiche Autorität wie ein beamteter Lehrer.
Bevor ein Lehrer entlassen werden müsste oder versetzt werden müsste,
muss ja eine ganze Menge passiert sein. So weit darf es, würde ich mal
sagen, nicht kommen, das heißt für mich, jetzt mal plakativ gesagt:
Wenn es denn berechtigte Klagen gibt, dann müssen die vorgebracht
werden, und dann ist alles andere erstens Kommunikation, zweitens
Kommunikation, drittens Kommunikation.
Und ich sage noch mal: Schule ist Schule in einem Rechtsstaat, und ich
habe es ja selber jahre- und jahrzehntelang erlebt, erst als
Schulpsychologe und dann als Leiter eines Gymnasiums: Es gibt da und
dort berechtigte Klagen, und dann wird das überprüft auf dem
innerdienstlichen Weg, innerhalb einer Schule, durch die Schulaufsicht,
und dann kommt es eben halt auch vor, dass die Note revidiert wird oder
eine Klausur aufgehoben wird.
Timm:
Das klingt so kommunikativ und ich glaube Ihnen auch die Mühe, aber
wenn drei Mal Kommunikation nichts nützt, ist es, glaube ich, objektiv
sehr, sehr schwer, einen Lehrer loszuwerden, oder?
Kraus:
Wenn es konkrete Verfehlungen gibt, dann gibt es natürlich das ganze
Instrumentarium der Disziplinarmaßnahmen von der Abmahnung, vom Eintrag
in Personalakte bis hin zu Geldstrafen, Beförderungssperren,
Rückstufungen, oder im Extremfall natürlich auch eine Versetzung oder
eine Entlassung.
Aber das sind Anteile oder das bewegt sich im Promillebereich, das ist
nicht der Schulalltag. Wir sollten über den Schulalltag reden: Welche
Möglichkeiten gibt es, und wann ist es gerechtfertigt, eine
pädagogische Maßnahme eines Lehrers, einer Schule, eine Note eines
Lehrers in einer Klausur beispielsweise infrage zu stellen?
Timm: Meint Josef Kraus,
der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, hier im Deutschlandradio
Kultur. Herr Kraus, es gibt ja Schnittstellen im Schulleben, und die
scheinen schärfer geworden zu sein. Es gibt regelrechte Kämpfe und die
Gymnasialempfehlungen, die es vor ein paar Jahren wohl so noch nicht
gab, dann um die Abschlussnote. Wie wirkt sich denn das auf das Klima
in den Schulen aus?
Kraus:
Das sind im Wesentlichen zwei negative Folgen, die das hat. Einmal wird
unser Bildungs- und Erziehungsauftrag in Schule damit reduziert auf das
rein Messbare, auf die reine Note, und damit geht viel verloren, was
soziales Leben in der Schule betrifft, was Persönlichkeitsentwicklung
von Schule betrifft, wenn Eltern beispielsweise - das unterstelle ich
einfach mal einem Anteil von Eltern - wirklich nur auf die Note gucken,
auf die Hundertstel-Note gucken.
Und die zweite Begleiterscheinung - und die lastet auf uns in den
Schulen schon - ist einfach diese Erwartungshaltung, dass man - in
manchen Wohngegenden mehr, in manchen Wohngegenden weniger - als
Lehrer, als Schulleiter jede Entscheidung, die man trifft, erst mal
juristisch abklappert unter Vernachlässigung von pädagogischen
Ermessensspielräumen, ob denn diese Entscheidung auch gerichtssicher
ist. Das ist ein Klima, wenn so ein Klima entsteht, das ist nicht
gedeihlich für Bildung und Erziehung.
Und dann haben wir natürlich auch die
Situation - und die belastet uns in den Schulen auch -, dass viele
Familien immer mehr Verantwortung an die Schule delegieren, was
letztendlich unseren Bildungsauftrag wieder einschränkt. Also ich nenne
mal ein paar so Beispiele von Bindestrich-Erziehung: Gesellschaft und
Familie erwarten, dass wir Medienerziehung machen,
Anti-Gewalt-Prophylaxe machen, Konsumerziehung machen, gesunde
Ernährung in den Schulen beibringen, weil es die Eltern zum Teil nicht
mehr selber machen, und wir aber dann Vorwürfe bekommen von der
Gesellschaft, wenn die Kinder zu dickleibig, zu unbeweglich, zu
gewalttätig werden.
Timm:
Letztlich höre ich bei Ihnen heraus den Wunsch nach mehr Gelassenheit
nach beiden Seiten hin. Nun entscheidet sich an einer 4 in Mathe mit
zehn Jahren wirklich kein Leben, an der Tatsache, beim Schulabschluss
nicht vernünftig lesen, schreiben und rechnen gelernt zu haben, kann
sich schon viel eher ein Leben entscheiden. Wie viel Gelassenheit ist
nötig, und wie viel Gelassenheit kann man sich leisten?
Kraus:
Gelassenheit ist wirklich ein wichtiges Prinzip, auch in der Hinsicht,
dass natürlich in Deutschland in unserem Schulsystem eine Karriere,
eine Biografie nicht im zehnten, elften Lebensjahr entschieden wird.
Das ist ein Klischee, was immer wieder behauptet wird. Wir haben eine
unglaubliche Durchlässigkeit im deutschen Schulwesen, im deutschen
Bildungswesen. Ich nenne mal eine Zahl, die Sie vielleicht überraschen
wird oder die Hörer überraschen wird: Wir haben in Deutschland 50, 60
Wege zu einer Studierberechtigung, und da ist das Gymnasium nur ein
Weg. Wir haben in vielen Bundesländern 50 Prozent, 45 Prozent der
Studierberechtigten, die nie ein Gymnasium besucht haben.
Timm:
Na gut, aber diese Wege sind dann zum Teil so verschlungen, dass man
sie doch vielleicht als Gros, als Beispiel nicht so geben kann. Der
55., der 60. - der direkte ist dann immer noch ...
Kraus: Moment, wenn die
Hälfte der Studierberechtigten in einem Bundesland die
Studierberechtigung außerhalb des Gymnasiums erwirbt - in Berlin sind
es 50 Prozent, auch in meinem Bundesland sind es 45 Prozent -, dann
sind das doch keine verschlungenen Wege. Das sind im Übrigen junge
Leute, die zum Teil reifer sind, die vielleicht ein Jahr später ins
Studium kommen, aber zum Großteil erfolgreich studieren, weil sie eben
dann einen etwas anderen Weg gegangen sind, auch mal den Dunstkreis nur
von Schule verlassen haben, vielleicht eine Berufsausbildung dazwischen
gemacht haben.
Das sollte man als Vater, als Mutter von Zehnjährigen mit überlegen,
dass es diese vertikale Durchlässigkeit sehr ausgereift gibt.
Timm: Josef Kraus, der
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, zu den zunehmenden Konflikten
zwischen Eltern und Lehrern. Herr Kraus, ich danke Ihnen fürs Gespräch!
Kraus:
Ich danke auch, Frau Timm!