DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Verband Deutscher Realschullehrer - Deutscher Philologenverband - Berlin, 19. Oktober 2005
Symposium "Zukunft des gegliederten Schulwesens"


Themenblock 1:

Integrierte Schulsysteme versus gegliedertes Schulwesen - Sind integrierte Schulsysteme dem gegliederten Schulwesen überlegen?

Statement von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Die Veranstalter haben mir eine Themafrage gestellt, nämlich: Sind integrierte Schulsysteme dem gegliederten Schulwesen überlegen? Meine Antwort lautet: Eindeutig nein! Und: Integrierte Schulsysteme sind dem gegliederten Schulwesen nicht einmal ebenbürtig.

Für die Begründung habe ich zehn Minuten. Ich mache daraus zehn Thesen.

1.
Für alle gesellschaftspolitischen Bereiche und deren Politikentwürfe stellt sich permanent die dialektische Frage: Freiheit oder Gleichheit? Dies gilt auch für die Schulpolitik. Hier lautet die Frage: Soll ein Schulsystem am Prinzip Freiheit oder am Prinzip Gleichheit orientiert sein? Reinrassig kann es keine der beiden Varianten sein. Die Modellvariante einer „Schule der völligen Freiheit“ wäre die jeweils eigene Schule für jeden Einzelnen; eine solche Schule wäre höchstindividuell, und sie wäre – abgesehen von negativen sozialpädagogischen Implikationen – vermutlich im Kognitiven sehr leistungsfähig. Die Modellvariante einer „Schule der Gleichheit“ wäre die eine und gleiche Schule für alle; eine solche Schule wäre eine Schule der Gleichheit und der Gleichmacherei, in der die Individualität des Einzelschülers auf der Strecke bliebe.


Vorläufige Conclusio: Ein gegliedertes Schulwesen ist ein sinnvoller Kompromiss; es ist ein sog. dritter Weg, nämlich der Weg zwischen der Schule der totalen Freiheit und der Schule der totalen Gleichheit. Es ist ein dritter Weg, weil es in gelungener Weise die Vorzüge der beiden Extremvarianten vereint (Individualisierung in begrenzt heterogenen Gruppen hier, Gleichbehandlung dort) und deren Nachteile (Vereinzelung hier, Kollektivierung dort) vermeidet.

2.
Die Schulstrukturdebatte ist nicht überholt, und sie ist nicht abgeschlossen. Weil es immer noch und immer wieder Leute (Politiker, Wissenschaftler, Lehrer- und Elternfunktionäre) gibt, die an die Segnungen der Gesamtschule glauben, muss diese Debatte nach wie vor geführt werden. Die Befürworter des gegliederten Schulwesens haben auch keinen Grund, sich zufrieden zurückzulehnen; und selbst die große Volkspartei, die sich das gegliederte Schulwesen auf die Fahnen geschrieben hat, würde gut daran tun, das gegliederte Schulwesen offensiv zu verteidigen, anstatt sich von den Schalmeienklängen derjenigen einlullen zu lassen, die da behaupten, allein auf den Unterricht komme es an.

3.
Die Empirie bestätigt: Gesamtschule in Deutschland hat Jahrzehnte durchschlagender Erfolglosigkeit hinter sich. Die Tatsache, dass bei PISA mit Finnland ein Gesamtschulland gut abgeschnitten hat, sagt herzlich wenig aus. Immerhin sind es auch Gesamtschulländer, die am Ende der PISA-Rankings stehen; siehe Brasilien, Mexiko!

Viel näherliegend und viel interessanter ist die Tatsache, dass deutsche Gesamtschule jahrzehntelang in allen einschlägigen Studien schlecht abgeschnitten hat:
- in den Studien von Fend bis Wottawa, von Regenbrecht bis Aurin,
- von TIMSS über LAU bis PISA 2000,
-
- von BIJU über TOEFL bis PISA 2003.
Demgegenüber ist Bayern mit seiner dezidiert gegliederten Schulstruktur das einzige deutsche Land, das bei PISA nahe an Finnland herankommt.

Diese durchschlagende Erfolglosigkeit deutscher Gesamtschule ist den deutschen Steuerzahler übrigens teuer zu stehen gekommen. Wir wissen aus NRW und aus Hamburg, dass Gesamtschule um rund 25 bis 30 Prozent teurer ist als Schule des gegliederten Schulwesens. Hätten etwa die süddeutschen Länder die optimalen Rahmenbedingungen der Finnen oder auch die optimalen Bedingungen einer NRW-Gesamtschule der 90er Jahre, sie würden Finnland vermutlich sogar deutlich übertreffen.

Nicht gelten lasse ich die Behauptung, Integrierte Gesamtschule habe sich in Deutschland nie so richtig entfalten können, denn sie sei ja nie die Schule für alle Schüler geworden. Da kann ich nur darauf sagen: In einer freien Gesellschaft mit ihren marktwirtschaftlichen Prinzipien kann es nicht sein, dass sich irgendein Anbieter seiner Mitwettbewerber entledigt und ein Monopol beansprucht, nur damit er sich nicht mehr an anderen messen lassen muss.

 

4.
Politisch ist die Frage nach der Struktur des deutschen Schulwesens auf längere Sicht eindeutig beantwortet. Das gegliederte Schulwesen hat sich bei allen Landtagswahlen der jüngeren Zeit durchgesetzt. Siehe: Hessen, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen; in Schleswig-Holstein wurden die Träume der Gesamtschulbefürworter immerhin gestoppt. Deshalb bin ich mir recht sicher, dass Gesamtschule in Deutschland in absehbarer Zeit keine Chance hat. Ich warne allerdings auch davor, die demographische Entwicklung zum Anlass zu nehmen, um ein Zweigliedriges Schulsystem zu etablieren.

5.
Gegliedertes Schulwesen ist kein Wert an sich. Seinen Wert entfaltet es erst im Kontext
-  mit relativ verbindlichen Lehrplänen im inhaltlichen Kernbereich,
-   mit einer eindeutigen Fächerstruktur,
-  mit einem transparenten Leistungsprinzip,
-  mit einer frühen Differenzierung nach einer vierjährigen Grundschule.  
Was den Zeitpunkt der Differenzierung betrifft, so sagen die bekannten Studien der Professoren Kurt Heller (München) und Peter Roeder (Berlin) eindeutig aus: Sechsjährige Grundschule oder integrierte Orientierungsstufe bringt nichts – weder kognitiv noch sozial.

Hellers Fazit lautet: Eine Verlängerung der vierjährigen Grundschule würde keine erkennbaren Vorteile, wohl aber mit Sicherheit Nachteile für viele Grundschüler mit sich bringen. Diese betreffen nicht nur Leistungsaspekte, sondern tangieren die gesamte Persönlichkeitsentwicklung...." Und weiter: Bislang existieren keine Studien, die höhere Trefferquoten nach einer fünf- oder sechsjährigen Grundschulzeit nachweisen konnten."

Roeders Fazit lautet: „Die Leistungen nach sechsjähriger Grundschule liegen erheblich unter denen von Schülern, die den Wechsel aufs Gymnasium bereits nach der 4. Grundschulklasse vollzogen haben. Für Englisch und Mathematik beträgt der Unterschied etwa eine Standardabweichung.“ Der Rückstand der Schüler mit sechs statt mit vier Schuljahren gemeinsamer Grundschule beträgt also eine Standardabweichung, das ist mehr als ein Schuljahr.

6.
Die Behauptung,
ein gegliedertes Schulwesen sei ein sozial selektives Schulwesen ist nicht einmal eine fromme Legende, sondern ein Schauermärchen. Ich halte statt dessen fest:

-
Soziale Selektivität gibt es in allen nationalen Schulsystemen.
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Dort wo es sie auf dem Papier nicht gibt, gibt es sie deshalb nicht, weil dort eine Studienberechtigung nahezu flächendeckend vergeben wird
(Beispiel: Japan 92,7 Prozent, Russ. Föderation 83,2 Prozent).
-
Viele internationale Vergleiche der sog. Abitur- und Akademikerquoten sind also statistische Artefakte, denen eine Gleichsetzung von Quote mit Qualität zugrunde liegt.
-
Statistische Artefakte sind auch die Angaben über die sog. soziale Durchlässigkeit. Beispiel: Wenn die Tochter eines finnischen Hafenarbeiters Krankenschwester wird, dann gilt sie als Beleg für die soziale Durchlässigkeit des dortigen Schulwesens; wenn in Deutschland die Tocher eines VW-Arbeiters Krankenschwester wird, dann gilt sie als Beleg für die mangelnde soziale Durchlässigkeit des deutschen Bildungswesens.
Vergessen wir all dies. Halten wir vielmehr fest:
-
Es war das gegliederte Schulwesen, das die Abiturientenquote in Deutschland binnen 30 Jahren verfünffacht hat.
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Und es ist das gegliederte Schulwesen süddeutscher Ausprägung, in dem die Absolventen der nicht-gymnasialen Schulen den geringsten Abstand an PISA-Werten zu den Gymnasiasten haben und in dem die Migrantenkinder die besten Werte aller Migrantenkinder in Deutschland haben.



7.
Ein „Knackpunkt“ des gegliederten Schulwesens ist das Thema „Durchlässigkeit“. Ein gegliedertes Schulsystem realisiert Durchlässigkeit - und zwar in vertikaler und in horizontaler Hinsicht:

-
Horizontal durchlässig ist es, weil es einen Wechsel der Schulformen unter entsprechenden Leistungsvoraussetzungen zulässt.
-
Vertikal durchlässig ist es, indem es keine Sackgassen kennt. Sogar die Abschlüsse der zu Unrecht gescholtenen Hauptschule stellen keine Sackgassen dar, sondern sie sind Anschlüsse an anspruchsvolle berufliche Bildung oder an weitere Schulbesuche bis hin zu Hochschulreife.

Die horizontale Durchlässigkeit hat ihre Grenzen dort, wo es um den Erhalt der eigenständigen Profile der Schulformen geht. Ich spreche hier bewusst von Grenzen, denn unbegrenzte horizontale Durchlässigkeit setzte eine völlige Einebnung der Schulformprofile voraus.

Nicht ausgereizt sind freilich die Möglichkeiten der vertikalen Durchlässigkeit. Sie sind in reichem Maße vorhanden, sie werden aber vielfach zu wenig genutzt. Hier muss sich noch mehr das Motto durchsetzen: Kein Abschluss ohne Anschluss!

Das ist eine Chance und zugleich eine Herausforderung für das berufsbildende Schulwesen! Es leistet jetzt schon in erheblichem Maße „Aufstiegsbildung“. Schließlich ist dieser Bildungsbereich geprägt von einem hohen Differenzierungsgrad; immerhin gibt es mindestens sieben berufsbildende Schularten: Berufsschule, Fachschule, Berufsfachschule, Wirtschaftsschule, Fachakademie, Fachoberschule, Berufsoberschule. Mit günstigeren Rahmenbedingungen könnten diese Institutionen noch mehr in Sachen „vertikale Durchlässigkeit“ leisten.

8.
Ebenfalls nicht ausgereizt sind die Möglichkeiten des gegliederten Schulwesens hinsichtlich Individualisierung von Bildung und Unterrichtung. Gegliedertes Schulwesen muss noch mehr zur Chiffre für Individualisierung werden. Dazu erhebe ich eine Forderung, die nicht abgehoben ist und deren Erfüllung uns die Bildung unserer Kinder wert sein wollte. Die Forderung lautet: Gebt den Schulen über eine volle Lehrerversorgung hinaus einen Pool an fünf Prozent Lehrerstunden. Mit diesen fünf Prozent (bei einer Schule mit 750 Schülern sind das ca. 50 Wochenstunden) kann man
-  in Krankheitszeiten Unterrichtsausfall vermeiden;
-   in den vielen anderen Wochen Förderkurse für Spitzen- und für Risikoschüler einrichten.
(Am Rande: Im Zuge der demographischen Entwicklung sind diese Verbesserungen sogar kostenneutral machbar!)

9.
Die Zukunft des gegliederten Schulwesens entscheidet sich an allen Schulformen, an deren Solidität und deren Zukunftsfähigkeit. Was die Gymnasien und die Realschulen betrifft, so mache ich mir hier weniger Sorgen. Sorgen macht mir etwas die Hauptschule – nicht als Hauptschule. Sondern weil sie von der Politik zum Teil heruntergewirtschaftet und von der Öffentlichkeit in eine Schmuddelecke gestellt wurde. Will sagen: Wir brauchen endlich eine Offensive für die Hauptschulen (vgl. IH und deren Hauptschulpreis). Daran müssen Politik, Arbeitsmarkt/Wirtschaft, Wissenschaft gleichermaßen mitwirken. Ich bin auch gerne bereit zu akzeptieren, dass die Hauptschulen wegen ihrer besonders heterogenen Schülerschaft besonders günstige Rahmenbedingungen bekommen (Lehrerstunden, Klassengröße, Ganztagsbetreuung usw.)

10.
Es ist heute viel von Profilbildung der Schulen die Rede. Diese Profilbildung kann nicht die Einzelschule betreffen, sondern sie muss die Schulformen als ganzes betreffen. Vorsicht also vor einem autonomen Wildwuchs an individuell profilierten Schulen!

Natürlich muss sich ein jedes Gymnasium, eine jede Realschule und eine jede Hauptschule stets offen zeigen für wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen. Ich warne aber davor, unsere Schulen der Autonomisierung (zum Teil unter dem Namen innerer Schulreform) auszusetzen.

Wir müssen aufpassen, dass wir unser gegliedertes Schulwesen solchermaßen nicht von innen aushöhlen, entkernen, erodieren. Eine vereinheitlichte Lehrerausbildung wäre eine solche Erosion. Deshalb auch an dieser Stelle eine radikale Absage an einen auch nur auf Bachelor-Ebene einheitlich ausgebildeten Lehrer „light“!       

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