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WDR-online vom 17. März 2008
Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes:
"G8 wurde dilletantisch umgesetzt"
"G8 ist ein Riesenfehler", sagt
Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, "das gibt aber kein
Politiker zu". Am liebsten würde er das Turbo-Abi ganz abschaffen. Seine Idee
für einen Kompromiss: Ein Gymnasium der zwei
Geschwindigkeiten.
"Konzeptionslos, überstürzt und
dilettantisch eingeführt" - für den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes in
Bonn ist das Turbo-Abi nach wie vor eine Baustelle. Sein Dilemma: "Wenn wir uns
bei G8 nach den Schülern orientieren, müssten wir noch mehr Inhalte und
Unterrichtsstunden kürzen. Das aber ginge auf Kosten der Qualität. Nehmen wir
die zum Maßstab, überfordern wir zu viele Schüler."
Die Argumente für das
Abitur nach Schuljahr zwölf findet Josef Kraus dünn. Beispiel internationaler
Vergleich: "Es ist nicht so, dass die Schüler in allen anderen europäischen
Ländern bis zum Abi zwölf Jahre zur Schule gehen. Die Engländer haben 13 Jahre,
die Niederländer teilweise sogar 14, und bei den Franzosen, die die
Hochschulreife offiziell nach zwölf Jahren erlangen, wiederholen 70 Prozent der
Schüler ein Jahr."
"Den klassischen Gymnasiasten gibt
es nicht mehr"
Allerdings hätten auch nicht alle
Schüler mit G8 ein Problem, räumt Josef Kraus ein. "Bei der Diskussion müssen
wir aber berücksichtigen, dass es den klassischen Gymnasiasten einfach nicht
mehr gibt." Man könne die Schüler heute in drei Gruppen unterteilen: Im oberen
Drittel seien die Belastbaren, "die haben mit G8 keine Probleme." Das mittlere
Drittel käme so einigermaßen klar, "und um das schwächere Drittel tut es mir
leid. Die sind mit G8 einfach überfordert."
Wenn schon G8, dann eben nur
für die starken Schüler, schlägt Josef Kraus vor: "Ein Gymnasium der zwei
Geschwindigkeiten. Wer möchte, kann sein Abi nach acht Jahren Gymnasium machen,
die anderen bleiben bei neun."
Schmerzgrenze
erreicht
Am
Unterrichtsstoff jedenfalls dürfe nicht weiter gekürzt werden, hier sei die
Schmerzgrenze längst erreicht, sagt Josef Kraus. Zum Beispiel im Fach
Geschichte. "Da wurde kürzlich in einer Studie untersucht, was junge Leute über
die DDR wissen. Die Ergebnisse waren beschämend." Es gebe zum Teil Oberstufen,
in denen kein Weltkrieg mehr vorkomme. "Was wollen wir da denn noch
abspecken?"
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