Interview aus "Passauer Neue Presse" vom 30.
Dezember 2003
"Stimmung bei den Lehrern so schlecht wie noch nie"
Philologen-
und Lehrerverband kritisieren Vorgehensweise bei Einführung des achtjährigen
Gymnasiums: Kopflos, konzeptlos, unprofessionell"
"Das G8 wird einen Qualitätsverlust
bringen." Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, sowie
Martin Hobmeier, Bezirksvorsitzender des Bayerischen Philologenverbands,
und Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands
haben sich im PNP-Interview klar gegen die Einführung des achtjährigen Gymnasiums ausgesprochen. Ministerpräsident Edmund Stoiber hat vor Weihnachten
versprochen, dass es bei den Reformen mit "Augenmaß" zugehen werde.
Hat Sie das beruhigt? Meidinger: Keineswegs.
Der Ton war moderat, aber an den Zielen hat sich nichts geändert: Die
Staatsregierung versucht jetzt noch, Gespräche mit den Betroffenen zu
führen, was schon längst hätte geschehen müssen. Kraus: Die Staatsregierung war überrascht, wie massiv der
Protest ausfällt. Man hat wohl gedacht, mit der Zweidrittelmehrheit
kann man jetzt alles durchziehen:
Sie kritisieren vor allem das G8, das achtstufige Gymnasium, das mittlerweile aber
fast alle Bundesländer einführen wollen, damit Deutschland im internationalen
Vergleich wettbewerbsfähiger wird. Wollen Sie sich diesem Argument verschließen? Meidinger: Erstens
stimmt es nicht, dass alle Bundesländer in diese Richtung gehen. Zum
Beispiel hat das bevölkerungsreichste Land, Nordrhein-Westfalen, noch
keine konkreten Anstalten in diese Richtung getroffen. Und bei dem Argument
der internationalen Wettbewerbsfähigkeit muss man ganz genau hinschauen:
Wird durch die Kürzung tatsächlich ein Jahr auf dem Weg bis zum
Studienabschluss eingespart? Der neueste Bildungsreport des Max-Planck-Instituts
hat verglichen, wie alt die Erstsemester-Studenten aus Thüringen und
Sachsen sind, wo es ein achtstufiges Gymnasium gibt, und wie alt sie in Bayern
oder Nordrhein-Westfalen sind. Und da zeigt sich, dass die thüringischen
uns sächsischen Studienanfänger nur zwei bis drei Monate jünger
sind. Der größte Teil des angeblich eingesparten Jahres wird für
Jobben, Reisen, Orientierungsphasen und Ähnliches genutzt. Die Zeit
wird nicht auf dem Gymnasium verloren, sondern in der langen Lücke zwischen
Abitur und Studium, die bei uns mittlerweile im Schnitt zwei Jahre dauert.
Und die Zeit wird in einem sich immer mehr ausweitenden Studium verloren.
Die Studiendauer wird sich sicher auch noch weiter verlängern, wenn
wegen der Verkürzung des Gymnasiums auf einmal zwei Abiturjahrjänge
gleichzeitig an die ohnehin schon überfüllten Universitäten
kommen. Kraus: Bei
den internationalen Vergleichen werden zum Teil Dinge miteinander verglichen,
die nicht vergleichbar sind. Es heißt immer, ein deutscher Hochschulabsolvent
sei 28 Jahre alt, ein englischer oder französischer nur 24 Jahre. Wir
haben in Deutschland aber einen erheblichen Anteil an Absolventen, die ebenfalls
nur 23 oder 24 Jahre alt sind - an den Fachhochschulen, die man durchaus
mit ausländischen Universitäten vergleichen kann. Außerdem
ist es auch bei uns heute möglich, ein Uni-Studium mit 24 Jahren abzuschließen,
wenn jemand mit 19 Abitur macht und dann acht oder zehn Semester studiert.
Im Übrigen haben die Engländer 13 Schuljahre.
"Schüler sind zehn Stunden unterwegs"
Die Entscheidung für das G8 scheint aber unumstößlich zu sein. Wie macht man es dann am besten? Meidinger: Wenn
man das G8 machen möchte, hat man zwei Möglichkeiten. Entweder
man tut so, als könnte man das bisherige Gymnasium im Prinzip so fortführen
wie bisher, mit etwas mehr Nachmittagsunterricht. Das bedeutet aber, dass
massiv Unterrichtsstunden wegfallen, dass man also das Niveau senken muss.
Oder man stellt um auf eine Ganztagsschule wie in Frankreich oder England.
Dann muss man die Konsequenzen sehen - und diese Umstellung, die sehr teuer
wäre, auch finanzieren.
Und die Staatsregierung plant Ihrer Ansicht nach ein Billig-G8? Hobmeier: Man
kann es drehen und wenden wie man will, das G8 wird einen Qualitätsverlust
bringen. Bei uns in Niederbayern ist ein Schüler dann oft zehn Stunden
am Tag unterwegs. Dann muss er am Abend trotzdem die Hausaufgaben machen,
sich auf den nächsten Tag vorbereiten, für Prüfungen lernen.
Irgendwann muss eine solche Belastung zu einer Niveauabsenkung führen.
Es kann doch nicht sein, das ein Schüler bis zu zehn Stunden in der
Woche länger in der Schule ist als sein Vater in der Arbeit. Die Eltern
hier in Niederbayern haben kein Interesse an Ganztagsschule. Selbst das Interesse
der Eltern an ganztägiger Betreuung ist hier in Niederbayern sehr gering.
An meiner Schule in Mallersdorf haben wir in den letzten beiden Schuljahren
nur sechs bzw. drei Eltern von 800 Schülern gefunden, die sich dafür
verbindlich angemeldet haben. Kraus: Ich
sehe auch die bayerische Spitzenstellung beim PISA-Test und ähnlichen
Studien in Gefahr. Die Kernfächer sollen nach den derzeitigen Modellen
gegenüber dem neunjährigen Gymnasium hunderte von Stunden verlieren:
Deutsch um über 200 Stunden, die erste Fremdsprache über 300 Stunden,
Mathematik ebenfalls über 300 Stunden. Damit wäre Bayern künftig
bundesweit Schlusslicht bei Kernfächern - heute sind wir noch Spitze. Meidinger: Und
das achtstufige Gymnasium hätte enorme Konsequenzen für Schulleben
und Schulkultur, Wahlkurse, Orchester, Chor sind dann nicht mehr in dem Maße
möglich wie heute, wenn der reguläre Unterricht so massiv auf den
Nachmittag ausgeweitet werden muss. Und genauso würde es auch die ganzen
Vereine und Verbände und die Jugendarbeit treffen.
Was sind Ihre unverrückbaren Forderungen an die Staatsregierung? Kraus: Erstens darf es keine Einführung des G8 für die Schüler geben, die jetzt schon in der fünften Klasse sind. Deren
Eltern sagen zu Recht, sie haben die Kinder für das neunjährige
Gymnasium angemeldet. Hier müssen Vertrauensprinzip und Rechtssicherheit
gelten. Hobmeier: Außerdem
muss alles gründlich diskutiert werden. An dem gerade erst in Kraft
getretenen neuen Lehrplan für das neunjährige Gymnasium wurde vier
Jahre lang gearbeitet. Und der Quantensprung zum achtjährigen Gymnasium
soll nun innerhalb weniger Wochen erfolgen. Das ist nicht machbar.
"G9 könnte ein typisch bayerischer Weg sein"
Kraus: Wir erwarten, dass
in der CSU-Landtagsfraktion und dann auch in der Staatsregierung ein Prozess
des Nachdenkens beginnt, dass man bereit ist, die vielen Experten vor Ort,
in den eigenen Parteigruppierungen und in den Verbänden einzubeziehen.
Wobei wir noch immer auf die Einsicht in München hoffen, dass das G9
ein typisch bayerischer Weg sein könnte. Meidinger: Das
G8 kann ja bedarfsorientiert als Alternative angeboten werden, wenn Eltern
dies wünschen und Schüler dafür geeignet sind.
Die Lehrer fühlen sich überrollt? Kraus: Die Stimmung ist so schlecht wie noch nie. Was hat Stoiber an
der Bundesregierung kritisiert? Die Union hat einen Lügenausschuss eingesetzt,
weil sie Eichel und Schröder nachweisen wollte, das sie vor der Wahl
nicht die Wahrheit gesagt haben. Und Stoiber kritisiert Schröder wegen
seiner Basta-Politik. Jetzt haben wir das Gleiche hier in Bayern. Vor der
Landtagswahl hieß es, das G9 bleibt. Sofort nach der Wahl kam der Kurswechsel.
Und die Diskussion darüber hat noch gar nicht begonnen, da schreibt
Ministerin Hohlmeier schon Briefe an die Schulen, in denen es heißt,
die Diskussion ist beendet. Basta. Das Vorgehen ist kopflos, konzeptlos,
unprofessionell, weil die Leute, die was davon verstehen, nicht gefragt werden.
Wie reagieren Ihren Erfahrungen nach die Eltern? Kraus: Die
Eltern - gerade auch von Grundschülern - sind massiv verunsichert. Unterm
Strich bleibt das Gefühl, dass das Gymnasium viel schwieriger und stressiger
wird. In der Konsequenz wird in Niederbayern die Übertrittsquote auf
das Gymnasium deutlich sinken. Dabei haben wir mit 20 bis 24 Prozent in Niederbayern
ohnehin schon die niedrigste. Bayernweit sind es im Schnitt 38 Prozent.
Sie erhoffen sich also breite Unterstützung aus der Bevölkerung? Kraus: Die
betroffene Elternschaft ist zu 95 Prozent gegen das G8. Das kann man auch
an den G8-Modellversuchen sehen, die wir in Bayern haben. Die Nachfrage ist
miserabel. Meidinger: Die Staatsregierung hat diesmal etwas geschafft, was die
Lehrerverbände bislang nicht hinbekommen haben: Es gibt ein breites
Bündnis aller, wirklich aller Lehrer-, Eltern- und Schülerverbände.
Was haben Sie vor? Meidinger: Wir
werden in zwei Wochen bei der Klausur der CSU-Landtagsfraktion in Kreuth
demonstrieren. Stoiber hat ja in seiner Regierungserklärung gesagt,
der Weg werde protestreich sein. Wie protestreich, das hat er sich aber nicht
vorstellen können.
"Lehrer arbeiten schon jetzt 45 bis 50 Stunden"
Kraus: Wir
setzen im Moment auf die Fläche. Über die Eltern und Personalräte
soll ein flächendeckender Brand zustande kommen. Man muss den CSU-Abgeordneten
einheizen, damit die nach München fahren und sagen: Spinnt ihr, was
habt ihr uns da eingebrockt. Vielleicht reagiert die Staatsregierung auf
die Perspektive, dass die CSU bei der Europawahl am 13. Juni 2004 deutlich
einbricht. Massiven Unmut unter den Lehrern gibt es auch über die Arbeitszeitpläne der Staatsregierung. Kraus: Wenn man alles umsetzt, was angedacht ist, würde das eine Erhöhung der Arbeitszeit um etwa 20 Prozent bedeuten.
Wie setzt sich das zusammen? Kraus: Ein
Gymnasiallehrer hat heute eine Arbeitszeit von 45 bis 50 Stunden in der Schulwoche.
Zwei Unterrichtsstunden mehr bedeuten - Vorbereitungs- und Korrekturzeit
mitgerechnet - zusätzliche vier Arbeitsstunden. Wenn dazu noch zwei
Nachmittage mit Präsenzpflicht an der Schule dazukommen, sind wir mit
einem Schlag bei einem Mehraufwand von zehn Stunden. Die Stimmung in den
Kollegien ist so, dass man sofort bereit wäre, eine Stechuhr-42-Stunden-Woche
einzuführen einschließlich der Ferien, die über die Urlaubstage
hinausgehen. Und dann bedanken wir uns beim Ministerpräsidenten für
die Arbeitszeitverkürzung.