DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Aus "Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung"  vom 29. Januar 2004


"Das wäre ja ein Bonsai-Gymnasium"

Lehrer-Chef Josef Kraus zum G8 und den Vorwürfen und Vorschlägen aus der Politik


Die Gymnasiallehrer wehren sich gegen Angriffe aus der Politik. Die CSU solle genauer hinhören, fordert Josef Kraus (54), Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), im Interview mit Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung. Die radikale Lehrplankürzung, die Edmund Stoiber bezüglich des G8 vorgeschlagen hat, hält Kraus für einen Witz: “Das wäre ja ein Bonsai-Gymnasium." Der DL ist auf Bundesebene der Zusammenschluss aus Philologenverband, Realschullehrerverband und zwei Berufsschullehrerverbänden. Das Interview:

Die niederbayerische CSU bezichtigt Sie der Angst- und Panikmache, gar des Aufrufs zum Wahlboykott. Gehen Sie jetzt folgsam in sich oder bleiben Sie weiter aufmüpfig und kämpferisch?
Josef Kraus: Die CSU sollte genauer hinhören. Ich habe gesagt: Wenn die Regierungspartei die Sprache der Argumente nicht mehr versteht, dann muss sie die Sprache des Stimmzettels verstehen lernen. Von einem Wahlboykott war nie die Rede. Auch den Vorwurf der Angst- und Panikmache lasse ich nicht stehen. Wir bemühen uns, den Eltern und der Bevölkerung klar zu machen, was mit dem G8 auf die Kinder zukommt ...

... was kommt denn so Schlimmes auf die Kinder zu ...?
Kraus: ...zum Beispiel mehr Nachmittagsunterricht und weniger Schulleben und kreative Betätigungsmöglichkeiten wie Schultheater und dergleichen. Und wir fordern die Eltern zu staatsbürgerlicher Courage auf. Wir lassen uns auch künftig nicht den Mund verbieten ...

... und reden damit aber nur übereinander statt miteinander ...
Kraus: Das Kommunikationsdesaster hat die Regierungspartei mit ihrer Hoppla-Hopp-Politik und mit der Vernebelung ihrer Ziele vor dem Wahltag inszeniert. Die aktuellen Angriffe der CSU-Spitze auf uns Kritiker wirken auf viele Leute wie ein: Haltet den Dieb!

Die Experten-Kommission zur Reform des Gymnasiums hat wenig gebracht, sagt Staatsminister Huber. Da waren Ihre Kollegen vom Philologenverband auch mit drin. Warum kam dann nichts Gescheites heraus?
Kraus: Das ist ein klassisches Eigentor von Erwin Huber. Die Kommission wurde von der Staatsregierung eingesetzt und von Kultusministerin Hohlmeier geleitet. Wenn Huber mit der Arbeit dieser Kommission nicht zufrieden ist, dann soll er es der Kultusministerin sagen.

Aber ein taugliches Konzept haben Sie und Ihre Kollegen auch nicht vorschlagen können, oder?
Kraus: Doch, der Philologenverband hat in den vergangenen Jahren mehrere seriöse Vorschläge zur Reform der gymnasialen Oberstufe gemacht. In der Frage der Schulzeit gab es eine deutliche Mehrheitsmeinung für das Neunjährige, wegen des Einspruchs der Wirtschaftsvertreter wurde aber kein Kommissionsvotum abgegeben. Dass dies der Staatsregierung nicht gepasst hat, kann ich nachvollziehen. Aber Kommissionen sind ja schließlich zum Nachdenken und nicht zum Applaudieren da.

Laut Stoiber können sechzig Prozent des Unterrichtsstoffes gestrichen werden. Wenn das stimmt, sind die Lehrer ja fast schon überflüssig. Was machen Sie denn heutzutage im Gymnasialunterricht?
Kraus:
Hier ist der Ministerpräsident wohl seinen Redenschreibern auf den Leim gegangen. Natürlich kann man den Stoff nicht um sechzig Prozent kürzen. Wie sollte das auch gehen in Deutsch, in den Fremdsprachen, in Mathematik. Die englische Sprache wird bayerischen Lehrplan-Technokraten nicht den Gefallen tun, sechzig Prozent ihres Wortschatzes, ihrer Grammatik, abzuspecken, nur damit sie in den bayerischen Lehrplan passt. Mit den sechzig Prozent war vermutlich nur der Papierumfang der Lehrpläne gemeint ...

... Stoibers Vorschlag hörte sich aber sehr ernsthaft gemeint an ...
Kraus: Wenn das mit den sechzig Prozent Lehrplankürzung ernst gemeint war, dann würde aus dem hochangesehenen bayerischen Gymnasium ja ein Bonsai-Gymnasium.

Was sagen Sie als einer der führenden Lehrer-Vertreter Deutschlands allgemein zur Einführung des G8? Sinnvoll oder nicht? Andere Länder machen's vernünftig vor.
Kraus: Falsch, auch wenn der Trend dorthin zu gehen scheint! G8 geht nur mit drastischen Qualitätseinbußen sowie unter Inkaufnahme einer totalen Verflachung des Schullebens und einer dramatischen Senkung der Übertrittsquoten. Und das in einer Zeit, in der auch die Staatsregierung meint, die Abiturientenquote müsse gesteigert werden.

Aber in vielen ausländischen Staaten, gerade in Europa, sind die Studienzeiten insgesamt viel kürzer ...
Kraus: Das Ausland ist da kein Maßstab. Dort gibt es auch 12, 13 und 14 Jahre bis zum Abitur. Und was andere Bundesländer vormachen, hat sich noch in nichts bewährt. Im Übrigen: Was ist das für ein bajuwarisches Selbstbewusstsein, das nur noch auf andere Länder schielt?

Aber bisherige Erfahrungen zum G8 mit den Pilotschulen in Bayern sind doch recht positiv, wie man hört. Die Schüler fühlen sich auch gar nicht überfordert, wenn der Lehrplan entsprechend angepasst ist.
Kraus: So ist es eben nicht! Alle wissenschaftlichen Studien zum G8 haben eines deutlich gemacht: Allenfalls 20 bis 25 Prozent der Schüler sind wirklich geeignet. Das zeigen Studien zu Baden-Württemberg, zu Rheinland-Pfalz und ­ vor 30 Jahren ­ zu über dreißig G8-Schulen, die wir damals in Bayern hatten, die aber wieder aufgelöst wurden.

Das ist lange her und die Zeiten haben sich eben auch in der Pädagogik geändert ...
Kraus: Ja, die Pädagogik scheint auch hier wie ein Friedhof zu sein, auf dem beständig Auferstehung gefeiert wird. Aber zurück zu den aktuellen G8-Zügen: In Bayern gibt es 15 dieser G8-Schulen. Die Erfahrungen mit den darin befindlichen rund zwei Promille der bayerischen Gymnasiasten sind und bleiben viel zu schmal für mögliche politische Erfolgsmeldungen. Die Eltern und Lehrer etwa des G8-Gymnasiums in Erding sagen dagegen: Die G8-Kinder sind am Limit, obwohl es sich um die besten des Jahrganges handelt. Und sie können kaum noch am außerunterrichtlichen Schulleben teilnehmen.

Also muss der Lehrplan abgespeckt werden. Auf Dauer führt kein Weg am G8 vorbei, oder sehen Sie das anders?
Kraus: Da komme ich auf das bajuwarische Selbstbewusstsein zurück: Warum sollte nicht das gelten, was für die Staatsregierung vor der Landtagswahl galt: Das neunjährige bayerische Gymnasium ist ein Erfolgsgarant, der in PISA in Deutschland vorne steht und sogar den PISA-Spitzenreiter Finnland weit hinter sich lässt. Was wir auf keinen Fall brauchen, das ist die jetzt praktizierte Politik mit der Brechstange ...

... geht's Ihnen also zu rasant? Die Einführung des G8 passiert ja tatsächlich im Eilzugtempo ...
Kraus: Es geht nicht nur ums Tempo, sondern auch um die Art und Weise. Mit demokratischer Kultur hat das nicht mehr viel zu tun. Die Politik braucht jetzt eine Verschnaufpause. Hundert Fragen sind noch nicht geklärt. Also durchatmen, zusammensetzen und nachdenken!

Die Kultusministerin und ihr Staatssekretär sind zu Aufklärungsveranstaltungen unterwegs. Was halten Sie davon? Finden Sie Gehör?
Kraus: Die ersten Erfahrungen dieser so genannten G8-Road-Show in Nürnberg, München oder Kempten sind enttäuschend. Entweder haben die Eltern und Schüler diese Veranstaltungen boykottiert wie in Nürnberg, wo man ganze 48 Stunden vorher eingeladen hatte. Oder die Ministerin kam um Stunden zu spät. Teilweise waren es Veranstaltungen, die im Tumult zu enden drohten. Kann ja auch kaum anders ein, wenn die Teilnehmer wissen: Die Entscheidungen stehen fest. Das kommt einem vor, wie wenn einer den Tierarzt bestellt, nachdem der Metzger schon da war.

© 2004 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24  DL-Home Seitenanfang