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Gastkommentar aus DIE WELT vom 4. Mai 2006
Freud in der Schule
Schulpädagogik auf die Couch!
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Sigmund Freud war - außer als liebevoll-strenger sechsfacher Vater -
kein Pädagoge. Dennoch hat ihn die Pädagogik okkupiert, bis zum
heutigen Tag allerdings nicht immer zum Vorteil der jungen Generation.
Jetzt, zu seinem 150. Geburtstag am 6. Mai, sollte klar sein, daß Freud
pädagogisch oft gründlich mißverstanden, wenn nicht gar mißbraucht
wurde. Das "Verdienst" für diese Verirrungen gebührt einer Pädagogik,
die im antiautoritären Habitus daherkam und glauben machte, sich mit
ihrer Vision von einer herrschaftsfreien, lustbetonten Schule zugleich
auf Marx und Freud berufen zu können.
Tatsächlich gab es maßgebliche Protagonisten der sogenannten
Frankfurter Schule, die auf die Psychoanalyse rekurrierten und bald
ihre Adepten in der Pädagogik fanden. Theodor W. Adorno lieferte 1950
mit seiner Theorie der selbstgerechten, intoleranten, triebfeindlichen
"autoritären Persönlichkeit" die vermeintliche Legitimation für eine
Auflehnung gegen "Ödipus" und damit gegen "väterliche" Normen. Herbert
Marcuse stand Ende der sechziger Jahre Pate für ein ähnliches Dogma,
nämlich daß es um die "große Verweigerung" und um eine
"orphisch-narzißtische Welterfahrung" statt um Leistung gehe. Deshalb
seien ein "Ekel vor der existierenden Gesellschaft" und eine Befreiung
vom "Fossil Familie" notwendig.
Manche Pädagogen griffen diese Theorien begierig auf, indem sie die
Autorität von Erziehern und Lehrern in die Nähe des Faschistoiden
rückten und Leistung gezielt mit Zwang, Untertanengeist,
Ellenbogenmentalität und kapitalistischem Terror assoziierten. Schule
und Lehrerberuf in Deutschland haben sich von dieser Vergewaltigung zum
ödipalen Projektionsfeld bis heute nicht erholt. Die Relikte dieser
Visionen von gestern kann man in einer schulischen Didaktik beobachten,
der es mehr um entertainmentgerechte Verpackungen als um Inhalte geht.
Hinter all dem verbirgt sich ein Gebräu aus Rousseaus Vision vom "edlen
Wilden" und einem falsch verstandenen Freud. Freud indes war alles
andere als ein Rousseauist. Für ihn bedeutete Enkulturation: Wo Es ist,
muß Ich werden. Das heißt: Wo das Irrationale, das Triebhafte, das
Lustprinzip herrschen, müssen das Rationale und das Realitätsprinzip
die Herrschaft übernehmen. In seiner Schrift "Das Unbehagen in der
Kultur" (1930) artikuliert er zwar das Unbehagen des Menschen an der
Notwendigkeit des Triebaufschubs; zugleich aber wendet er sich gegen
den Glauben, "wir wären viel glücklicher, wenn wir sie (gemeint ist die
Kultur) aufgeben und in primitive Verhältnisse zurückfinden würden."
Freud war es auch, der als Therapie- und Lebensziele gleichrangig neben
der Liebes- und Genußfähigkeit die Arbeitsfähigkeit nannte. Und Freud
war es, der als Grundlage für kulturelle Leistung die Fähigkeit zur
Sublimierung, also zur Erhöhung des Lustvollen, genannt hatte. Bildung
als Voraussetzung des Übergangs vom Natur- in den Kulturzustand braucht
nun einmal sublimierte Energie.
Nachdem die vulgär-freudianisch-marxistische Pädagogik die Institution
Schule viele Jahre lang auf die Couch gelegt hat, wird es nun Zeit, daß
sie sich selbst auf die Couch legt. Dort werden sich mindestens drei
gravierende Syndrome zeigen. Erstens leidet deutsche Pädagogik an einem
Hang zur Autoaggression, zumindest zur masochistischen
Selbstbezichtigung: Deutsche wollen die Besten oder eben die Hintersten
sein. Da es zu Spitzenrängen derzeit nicht reicht, ist wenigstens
marternde Selbstverteufelung angesagt. Zweitens pflegt deutsche
Pädagogik einen Hang zur pseudoreligiösen Zwangsneurose. Schier
kultisch ist die Schuldebatte geworden, und nur Eingeweihte verfügen
über die frohe Botschaft, die da heißt: Gesamt- beziehungsweise
Gemeinschaftsschule. Drittens leidet aktuelle Schulpädagogik an oraler
Fixierung. Schulbildung soll offenbar verbalerotisch nur noch dominiert
werden von Sprechblasen wie "just-in-time-knowledge" und
"download-learning", von didaktischen Hyperlinks, Softskills, Brain-ups
oder Exzellenz-Clustern. Karl Kraus, der so gerne über die
Psychoanalyse spottete, hätte dazu gesagt: "Es genügt nicht, keine
Gedanken zu haben; man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken."
Keine Ideen zu haben, aber trotzdem geschwätzig zu sein, ist zum
Markenzeichen der deutschen Bildungsdebatte geworden. Man sieht: Ein
dreifach eindeutiger Fall für die Couch!
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