DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) -
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Interview aus "Volksstimme.de" vom 31. März 2008
Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes:
"Wir müssen den Schülern vermitteln, dass es des Fleißes und Schweißes bedarf"
Zwischen
Spaßpädagogik und PISA-Wahn - so sieht der Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, derzeit die Bildung in
Deutschland. Auf Einladung der Kommunalpolitischen Vereinigung der CDU
Sachsen-Anhalt referierte Kraus vergangenen Donnerstag in Magdeburg.
Philipp Hoffmann sprach mit ihm.
Volksstimme: Herr Kraus, was verstehen Sie unter Spaßpädagogik
?
Josef Kraus: Ich verstehe darunter eine Pädagogik, die meint,
lernen und Schule gehe ohne Anstrengung. Die meint, man müsse den Kindern immer
alles ganz ganz leicht machen, ihnen vorgaukeln, dass lernen immer locker von
der Hand geht. Ich bin der Überzeugung, dass wir unseren Schülern in
altersgerechter Ausprägung vermitteln müssen, dass es des Fleißes und des
Schweißes bedarf, wenn man vorankommen will.
Volksstimme: Meinen Sie
mit Spaßpädagogik auch reformpädagogische Ansätze ?
Kraus: Nicht
unbedingt. Es gibt schon eine anspruchsvolle Reformpädagogik, die auf Leistung
setzt. Aber es gibt auch die, die meint, man brauche keine Noten, keine
Lehrpläne, kein Auswendiglernen. Ich will aber Reformpädagogik nicht
grundsätzlich verteufeln. Sie hat sicherlich manch gute Impulse auch für das
öffentliche Schulsystem abgegeben.
Demgegenüber hat das, was ich
Erleichterungspädagogik nenne, so manchen Irrweg hervorgebracht. Zum Beispiel
die Rechtschreibreform. Sie wurde konstruiert nach dem Kriterium: Wie fällt es
den Kindern leicht ? Sie wurde nicht an sprachwissenschaftlichen Kriterien
orientiert und auch nicht an Lesbarkeit. Was kommt dann heraus ? Etwas, das die
Systematik von Sprache kaputtmacht, die Semantik einschränkt. Bei den Kindern
entsteht dadurch die Vorstellung, Rechtschreibung sei etwas Beliebiges.
Volksstimme: Sie grenzen sich von Spaßpädagogik ab, sagen aber
zugleich, Kommandopädagogik – der Schulleiter gibt etwas vor und alle befolgen
es – funktioniere heute auch nicht mehr.
Kraus: Die Kommandopädagogik
ist ja nicht der Gegensatz zur Spaßpädagogik. Der Gegensatz ist eine Pädagogik,
die altersgemäß das Leistungs- und Anstrengungsprinzip vermittelt. Kinder wollen
sich bewähren, sich anstrengen, sich messen. Ich denke, die Mehrzahl der Schüler
will keine Abschaffung von Noten und Zeugnissen. Wir leben in einer
Leistungsgesellschaft, und in der muss man natürlich auch den Kindern dieses
Prinzip vermitteln. Wenn wir sie zu sehr in Watte packen, fallen sie mit 18
Jahren ins kalte Wasser.
Aber über Kommandopädagogik sind wir Gott sei
Dank lange hinweg. Das war die Schule in Preußen, vielleicht auch noch ein
bisschen die in der Nachkriegszeit, vielleicht auch ein bisschen die in der DDR.
Volksstimme: Müsste nicht auch das über 100 Jahre alte dreigliedrige
Schulsystem einfach einmal überdacht werden ? Ist zum Beispiel der
Hauptschulzweig noch zeitgemäß ?
Kraus: Ich betrachte diese Diskussion
mit großer Sorge, weil sie hunderttausende Schüler, die ihren Weg über
Hauptschule und Berufsausbildung gehen, diskriminiert. Wir dürfen nicht
übersehen, dass die Bundesländer mit den besten Test- und Wirtschaftsergebnissen
die mit einem hohen Anteil von Hauptschülern sind, nämlich die beiden
süddeutschen Länder.
Es gibt eine Schülerklientel von 15 bis 30 Prozent,
der wir nicht gerecht werden, wenn wir sie in eine Realschule oder eine
Gesamtschule stecken. Ich bin für eine moderne Hauptschule, die auch in punkto
Ausstattung gegenüber allen anderen Schulformen bevorzugt behandelt wird. Sie
hat schließlich die schwierigste Klientel: Kinder aus Migrantenfamilien und
sozial schwachen Elternhäusern.
Volksstimme: Also im Schulsystem alles
weiter wie bisher ?
Kraus: Nein. Aber die Alternative zum gegliederten
Schulwesen heißt für mich nicht Einheitsschule, sondern verbessertes
gegliedertes Schulwesen. Die entscheidende Frage ist, wie man mehr
Individualisierung hinbekommt. Gesamtoder Einheitsschule bedeutet weniger
Individualisierung, weil Kinder vom schwachen Hauptschüler bis zum
Spitzengymnasiasten im Grunde gleich behandelt werden.
Volksstimme: Wie
stellen Sie sich eine höhere Individualisierung vor ?
Kraus: Ich möchte
zusätzliche Förderkurse sowohl für Schwächere als auch für Spitzenschüler. Mein
Vorschlag ist, dass jede Schule einen Fördertopf von fünf Prozent der
Lehrerstunden bekommt. Fünf Prozent, das ist gar nicht so teuer. Wir geben ja in
Deutschland im internationalen Vergleich nicht viel Geld für Bildung aus.
Volksstimme: Wenn Sie für mehr Individualisierung eintreten, müssten
Sie doch Verfechter der Ganztagsschule sein, die durch zeitliche Verteilung des
Lernens Freiräume schafft.
Kraus: Sagen wir mal so : Ich sehe die
Ganztagsschule mit einem skeptischen Realismus. Skeptisch deshalb, weil sie noch
mehr Verstaatlichung von Erziehung bedeutet: Eltern können noch mehr eigene
Erziehungsverantwortung wegschieben. Der realistische Blick ist aber, dass es
vor allem in Ballungsgebieten mit schwierigen Familiensituationen eine
Schülerpopulation gibt, die in der Ganztagsschule besser aufgehoben ist als in
irgendeiner Jugend- und Streetgang.
Richtig ist auch, dass man mit der
Ganztagsschule die Möglichkeit schafft, individuelle Förderung zu betreiben. Ein
Schüler hat im Durchschnitt 30 bis 32 Stunden pro Woche. Die füllen den
Vormittag komplett aus. Wenn ich Förderangebote machen will, dann muss ich sie
auf den Nachmittag legen.
Volksstimme: Die durchschnittliche
Wochenstundenzahl steigt durch die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf
acht Jahre an. Sind 35 Stunden für einen Zwölfjährigen zumutbar ?
Kraus: Wenn ich sehe, dass Zwölfjährige auf dem flachen Land um 7 Uhr morgens aus
dem Haus gehen und um 17 Uhr zurückkommen und dann vielleicht noch etwas
arbeiten müssen, wenn sie also eine 50-Stunden-Woche haben – und damit mehr als
ihre Eltern –, dann tut mir das schon weh. Dann ist eine Überforderung da.
Kinder müssen auch ausspannen können, müssen auch Zeit haben für Sport und Musik
und so weiter. Da bleibt ein bisschen was auf der Strecke.
Zu Recht
denkt deshalb die Kultusministerkonferenz darüber nach, wie man durch
Verkürzungen in den Stundentafeln für Entspannung sorgen kann. Wovon ich nichts
halte, ist aber die derzeitige Debatte um Entrümpelung der Lehrpläne. Wir haben
zum Teil bereits eine unglaubliche Verschlankung in den Lehrplänen gehabt. Es
gibt Bundesländer, da pausieren in manchen Schuljahren ganze Fächer. Erst gibt
es kein Geschichte, dann keine Biologie und im dritten Jahr keine Geografie. Da
sage ich: Das ist doch kein Gerümpel ! Wenn unsere Schüler kein geschichtliches
oder geografisches Wissen haben, dann sind sie auch keine mündigen Bürger.
Volksstimme: Sie sind ein Kritiker der PISA-Studien und sprechen von
einem PISA-Schwindel. Warum ?
Kraus: Schwindel hat ja eine doppelte
Bedeutung. Zum einen Flunkern, zum anderen benebelt sein. Beides trifft aus
meiner Sicht auf PISA zu. Einerseits wird es maßlos missbraucht. Zum Beispiel
wird immer behauptet, die Skandinavier hätten gut abgeschnitten. Das stimmt
nicht. Die Finnen haben gut abgeschnitten, aber die Schweden, Dänen und Norweger
liegen hinter uns.
Andererseits wird PISA in keinem anderen Land der
Welt so hysterisch diskutiert wie bei uns. Das ist ein bisschen typisch deutsch.
Man hat bis Mitte der 90er Jahre jede schulstatistische Leistungsuntersuchung
bewusst verhindert, weil man die Wahrheit nicht wissen wollte. Jetzt schlägt es
ins Gegenteil um, eine Testeritis ohnegleichen.
Was mich an PISA auch
stört, ist, dass es nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Bildungsgeschehen
misst, nämlich die Rechen-, Lese- und Naturwissenschaftskompetenz. Fremdsprachen
sowie geografisches und geschichtliches Wissen bleiben außen vor. Deshalb trete
ich im Moment mit dem Motto an : Macht endlich Bildung statt PISA !
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