Aus der KÖLNISCHEN RUNDSCHAU vom 8. Januar 2007
Stellungnahme zur fortschreitenden Feminisierung im Lehrerberuf
Verena Müller befragte dazu den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Josef Kraus:
Die fortschreitende
Feminisierung/Verweiblichung des Erziehungs- und Bildungsgeschäfts ist
tatsächlich ein Problem. Wir haben immer mehr Jungen und Mädchen, die das ganze
erste Lebensjahrzehnt mit keinem Mann zu tun haben. Ihre
Entwicklung/Sozialisation ist geprägt von ausschließlich weiblichen
Bezugspersonen: alleinerziehende Mutter, Kindergartenerzieherin,
Grundschullehrerin. Das ist für Jungen und Mädchen gleichermaßen ungünstig,
denn sie lernen damit keine männlichen Verhaltensmuster kennen. Letzteres wäre
nötig – sei es als Vorbild, sei es, um sich daran reiben zu können (auch im
Sinne des Erlernens eines konstruktiven Umgangs mit Gewaltimpulsen).
Der Grund für diese Entwicklung ist
– abgesehen von der hohen Scheidungsrate – vor allem die mangelnde Attraktivität
von Erzieher- und Lehrerberufen für Männer. Junge Männer sind traditionell eher
karriereorientiert; ihnen bietet der Beruf im Kindergarten bzw. in der
Grundschule keine interessante Perspektive. Folge: Der Männeranteil im
Kindergarten liegt im Promille-Bereich, unter den nachrückenden Lehrkräften in
der Grundschule je nach Region zwischen 1 und 5 Prozent. (Am Rande: Diese
Feminisierung setzt sich mittlerweile auch in den weiterführenden Schulen fort,
wenn auch zahlenmäßig noch nicht so krass!)
Hier gilt es anzusetzen. Das
Grundschullehramt muss attaktiver gemacht werden – materiell, zum Beispiel durch
Leistungsanreize. „Quote“ (Hurrelmann) klingt gut, ist aber eine blauäugige
Forderung, denn Quote ist nicht möglich, weil es schlicht und einfach keine
oder fast keine männlichen Bewerber gibt.
Was männliche Schüler
betrifft, so gilt: Wir bräuchten tatsächlich ein Förderprogramm speziell für
die Jungen. Sie stellen den weitaus größten Teil der schulischen
Problemklientel, sie versagen häufiger in der Schule, haben die schlechteren
Noten, sind vor allem sprachlich schwächer. Mein Vorschlag: Gebt den Schulen
einen Zuschlag an fünf Prozent Lehrerstunden, dann kann man schwache (und
Spitzen-) Schüler individueller fördern und betreuen.
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