DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 13. Juni 2002

SCHULE GEGEN GEWALT / Bloße Absichtserklärungen reichen nicht.
Gefragt sind Erziehung zur Toleranz, eine Portion Mumm und Phantasie

Nur ein FeigIing tritt zu

Pädagogisches Handeln schließt Sanktionen ein. Das akzeptieren immer mehr Schüler.
Sie halten sich an Verträge mit  Lehrern und Eltern.

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Gewalt ist ein zeitloses, universelles Phänomen. Deshalb beschäftigt es seit jeher Legionen von Kulturanthropologen, Historikern, Psychologen, Soziologen, Kriminologen, Juristen, Theologen und andere mehr. Jede dieser Disziplinen hat ihren relativ einfachen Zugang zu menschlicher Gewalt - „einfach“ deshalb, weil die jeweilige wissenschaftliche Betrachtungsweise in etwa eindeutig ist. Vergleichsweise schwer haben es Philosophen, da  sie sagen sollen, ob der Mensch von Natur aus gut oder ob er „homini lupus“ – dem Mitmenschen ein Wolf – sei.

Noch schwerer hat es die Pädagogik: Sie müsste die Erkenntnisse aller Disziplinen „operationalisieren“, also in überprüfbare Handlungskonzepte gegen Gewalt einfließen lassen. Aber viel Zeit ist der Pädagogik gerade nach erneuten Gewaltexzessen nicht gegönnt. Das verführt sie  – wie die Politik – dazu, mit Patentrezepten aufzuwarten. Dass aber mit bloßen Absichterklärungen nichts erreicht ist – beweisen Politik und Pädagogik stets aufs Neue.

Somit bleibt der Pädagogik – der praktischen vor Ort – nichts anderes übrig, als sich wieder einmal vorzunehmen, konsequent gegen Gewalt zu erziehen. Dabei geht es - in der Pädagogik leider zu oft übersehen - um Selbstverständlichkeiten. Voraussetzungen für ein Erziehen gegen Gewalt sind eine Definition von Gewalt und eine Portion Mumm. Gewalt ist, was den Mitmenschen bzw. dessen Ideale oder Eigentum schädigt, gefährdet, beleidigt, entwürdigt.

Eine solche Definition reicht als Richtschnur für couragiertes pädagogisches Handeln in Elternhaus und Schule. Hier ist die behavioristische Theorie von Erziehung bzw. Therapie einmal die richtige: Es kommt nicht darauf an, woher eine Fehlentwicklung kommt; sondern man sollte ein anderes, ein sozial verträgliches Verhalten einüben und ein asoziales Verhalten durch Grenzziehungen zum „Erlöschen“ bringen.

Dass solche auf prosoziales Verhalten gerichtete Erziehung in den Elternhäusern und in den Schulen nicht mehr selbstverständlich ist, zeigt der Alltag in den Klassenzimmern, in den Schulbussen oder in den von Heranwachsenden frequentierten Kaufhäusern. Grenzenloser erzieherischer Optimismus und die Diskreditierung von Erziehung als Machtausübung haben sich negativ ausgewirkt.  Erziehung zur Gewaltlosigkeit ist zwar immer zugleich Erziehung zur Toleranz, aber sie verlangt auch, dass Erzieher nicht alles tolerieren. Das heißt, die Schulen müssen – wieder – den Mut aufbringen, bei Gewalttätigkeit einzuschreiten, und zwar bereits bei verbaler Gewalt. Leider haben es sich manche Lehrer angewöhnt wegzusehen, weil Sanktionen, die sie gegen Schüler-Rambos ergriffen, von einem Schulleiter aufgehoben oder von einem Elternpaar per Rechtsanwaltsschreiben angefochten wurden.

Coolness trainieren

Es ist sehr sinnvoll, wenn Schulen jetzt einen radikalen Neuanfang machen – „radikal“ deshalb, weil sie zu den Wurzeln zwischenmenschlichen Zusammenlebens zurückkehren. Inzwischen handeln viele Schulen ein eigenes „Schulrecht“ mit ihren Schülern (und deren Eltern) aus. Das ist nichts umwerfend Neues, aber bereits der Prozess des Aushandelns fördert das „Ego-Involvement“ der Schüler, also die Bereitschaft, sich mit Übereinkünften zu identifizieren. Überhaupt dienen Verhaltensmaximen
der Generalprävention. Das heißt: Verhaltenskataloge haben über die darin enthaltenen Sanktionen hinaus eine bewusstseinsbildende Funktion. Man bekommt vermittelt, was sich gehört und was - auch vom vom Gros der Mitschüler - nicht akzeptiert wird.

Schulen, die sich solche Codices gaben, berichten von sehr positiven Ergebnissen. Die Hauptschule Mamming in Niederbayern hat mit ihrem "Mamminger Schulrecht" Bekanntheit erlangt. Zunächst hatten die Klassensprecher Vorschläge für einen Verhaltens-, Kontroll- und Sanktionenkatalog gesammelt; im Schulforum - dem aus Lehrern, Eltern und Schülern bestehenden Mitwirkungsgremium – wurde der Katalog codifiziert. Durch eine Unterschrift erklärt sich jeder Schüler mit dem Katalog einverstanden. Wer beispielweise beim Rauchen erwischt wird, muss die Zigaretten abgeben und "Raucherecken" säubern.
Verbale Gewalt wird mit einem Aufsatz zum Thema "Gewalt" geahndet. Körperliche Gewalt führt dazu, dass man die Pause bei der Pausenaufsicht verbringt. Bei Sachbeschädigung muss der Schaden wieder gutgemacht werden. Stets werden im Wiederholungsfall die Eltern informiert.

Vergleichbares ist mittlerweile an vielen Schulen der Fall - wie unter anderem der Hauptschulpreis 2001 gezeigt hat. Er stand unter dem Motto „Erziehung zur Eigenverantwortung – Jugendliche lernen, ihr Leben zu gestalten: frei von Abhängigkeiten und frei von Gewalt.“ Die Bewerbungen boten eine Fülle an kreativen Überlegungen und Praktiken: So bilden viele Schulen unter den Schülern Mediatoren (Streitschlichter) aus, die im Falle kleiner Alltagsdifferenzen zwischen den Streitpartnern einen Ausgleich oder eine Wiedergutmachung zu Wege bringen. Andere betreiben als „geführte Gruppeninteraktion“ ein „Coolnesstraining“. Eine Aachener Hauptschule profilierte sich mit dem Projekt „Jugendliche powern – ohne Gewalt“. Parallel dazu wurde eine „Tu was GmbH“ gegründet, in der die Schüler das Arbeitsleben erkunden  – bis hin zu eigenen Maurerarbeiten. Für Gewalt aus Langeweile bleibt da keine Zeit.

Dass diese Aktivitäten nur ein Baustein sein können, ist klar. Aber sie sind ein wichtiger Baustein, weil sie Schüler aktiv einbeziehen und weil sie Schülern Selbstverständlichkeiten nahe bringen. Darüber hinaus sind die Schulen gefordert, gewaltfreie Schüler immer wieder zur Integration gewaltbereiter Schüler in die Klasse oder in eine Jugendgruppe anzuhalten. Das kann das Abdriften in die Isolation verhindern.

Überhaupt sind Gleichaltrige ein wichtiges Sensorium zur Früherkennung von Gewalt – auch zur Früherkennung von Suizidalität als Gewalt gegen sich selbst, wie der US-amerikanische National Research Council der National Academy of Science jetzt  wieder bestätigt hat. Zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden bestehe ein „generation gap“, eine Lücke, die den Erwachsenen das Erkennen von jungen Gefährdeten erschwere.

Gemeinsinn fördern

Es geht darum, Gewalt nicht zur zu ächten, sondern einzudämmen. Das ist im Interesse aller: Wer nämlich mit Gewalttätigkeit erfolgreich ist, der neigt zukünftig zu weiterer oder noch größerer Gewalt, und er stellt damit für den Mitmenschen - und für sich selbst eine Gefährdung dar.

Dass Schule im Alleingang Gewalt ächten und eindämmen kann, ist ein unrealistischer Wunsch. Zu sehr ist Gewaltbereitschaft von außerschulischen Umständen abhängig. Hier muss die Politik nachdenken, ob sie den Auftrag von Schule zuletzt nicht zu sehr in Richtung verwertbarer „Bildung“ definiert hat. Es geht schließlich auch um eine Bildung jenseits des Messbaren, eine Bildung jenseits von PISA. Zuversichtlich stimmt jedenfalls, dass selbst die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) den Arbeitgeberpreis für Bildung 2002 in der Kategorie Schule der Vermittlung von Wertehaltungen, von Eigenverantwortung, Selbständigkeit und Gemeinsinn widmet.

© 2002 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 DL-HomeSeitenanfang