"In der deutschen Schulpolitik geht seit eh und je die Angst vor der Wahrheit um", schreibt Josef Kraus - bayerischer Schulleiter und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, in seinem neuen Buch "Der Pisa-Schwindel". Tatsächlich gab es keine westliche Industrienation mit einem so niedrigen Stand der pädagogischen Diagnostik wie die Bundesrepublik. Die bildungspolitische Debatte hat sich deshalb eher an medienwirksamen Klischees orientiert als an Fakten. Das hat sich seit der ersten internationalen Vergleichsstudie Pisa gründlich geändert. Doch die Pisa-Diskussionen bergen eigene Gefahren, die Josef Kraus, bodenständig und polemisch wie immer, in seinem Buch beschreibt, das in den nächsten Tagen in den Buchhandel gelangt.
Gegen die Leistungsvergleiche zu Felde zu ziehen ist nicht seine Absicht, vielmehr geht es ihm darum, die Legendenbildungen um Gesamt-, Einheits-, Gemeinschafts-, Alternativ- und Ganztagsschulen zu entzaubern und die Ergebnisse der schulisch angeblich so vorbildlichen Finnen ebenso zu relativieren wie die Resultate der Asiaten. Angesichts der verheißenen Lösungen des Pisa-Debakels etwa durch Ganztagsschulen fordert Kraus mehr Realismus. Ganztagsbetreuung könne gegenüber außerschulischen Erfahrungen in Jugendarbeit, Vereinen, Musik- und Sportunterricht immer nur die zweitbeste Lösung sein. Vor allem forderten Ganztagsschulen ein realistisches Finanzierungskonzept, sie kosten etwa 30 Prozent mehr als reguläre Halbtagsschulen. Berufen kann sich Kraus dafür auf das Gutachten des Frankfurter Bildungsforschers Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Ganztagsorganisation bleibt laut Klieme ohne Wirkung auf das Leistungsniveau der Schulen.
Mit der gebotenen Nüchternheit betrachtet der Autor auch die Ergebnisse des Pisa-Siegers Finnland und verweist auf die historischen Zusammenhänge (russische Fremdherrschaft, Entwicklung des Nationalbewußtseins) und auf die Zusammensetzung der Schülerpopulation. Dabei bietet er ein wichtiges Detail, was sich in der deutschen Auswertung der Pisa-Studie nicht findet: Obwohl sich in finnischen Schulen nur 1,2 Prozent Ausländer finden und fast alle im Großraum Helsinki zur Schule gehen (in Deutschland liegt der Anteil der Kinder mit ausländischen Eltern bei 15,2 Prozent), gelingt es offensichtlich nicht, die finnischen Migrantenkinder so zu integrieren, daß sie durchschnittliche Ergebnisse erreichen. Im OECD-Durchschnitt liegt der Rückstand ausländischer Schüler bei 36 Punkten hinter dem jeweiligen Landeswert, also bei einem Schuljahr, finnische Migrantenkinder weisen einen Rückstand von 68 Punkten hinter dem finnischen Pisa-Wert auf. Deutschland liegt mit 40 Punkten Migrantenrückstand im OECD-Durchschnitt.
Warnend äußert sich Kraus zum japanischen Schulsystem, das auf gewaltigem Lerndruck, mechanischem Pauken und einer weiterverbreiteten Prüfungsangst beruhe. Ein erheblicher Erfolgsfaktor in Japan sei das teure Nachhilfesystem, meint Kraus. Vor allem aber werde das Stoffgebiet nie aufgegeben, sondern in nahezu allen Klassen in einzelnen Stunden mit reduzierter Intensität wiederholt. Kontinuität und Wiederholung müßten auch in deutschen Schulen mehr Raum haben, außerdem solle auch hierzulande Schule anstrengend sein dürfen. Zentrale Prüfungen hält Kraus für ebenso unerläßlich wie ein gegliedertes Schulwesen, das sich als kindgerechter und vernünftiger erweise. Seine Wirkung, so heißt es in den schulpolitischen Schlußfolgerungen des Autors, entfalte das gegliederte Schulsystem erst dann, wenn es verbindliche Lehrpläne mit einem inhaltlichen Kernbereich, ein transparentes Leistungsprinzip mit einer frühen Differenzierung nach der vierten Grundschulklasse sowie anspruchsvolle Abschlußprüfungen gebe. Weil das sogenannte Duale System in Deutschland für eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen sorgt, läßt Kraus das berufliche Schulwesen nicht außer acht. Für viele Schüler erweise sich die Mischung von Schule und Ausbildung im Betrieb als Vorteil - um so verärgerter reagiert Kraus auf die Diffamierung der Hauptschulen, aber auch auf die deutsche Lust am Schlechtreden. Mit ihrem Nationalcharakter erwiesen sich die Deutschen abermals als Volk zwischen manisch-depressivem und manisch-progressivem Irresein, hyperkinetischer Reformitis und Logorrhöe, Zwangsneurose und pädagogischer Pyrotechnik.
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