| DEUTSCHER LEHRERVERBAND
(DL) - AKTUELL |
Aus der FAZ vom 5. Januar 2005
Lehrerverband: Bildungsqualität erheblich gefährdet
Bewerbermangel / Kritik an kurzatmiger Politik
oll.
FRANKFURT, 4. Januar. Der Lehrermangel an deutschen Schulen könnte
in den nächsten Jahren die Bildungsqualität erheblich
gefährden. Das befürchtet der Deutsche Lehrerverband, der
außerdem darauf hinweist, daß es wegen der Lehrerknappheit
Kürzungen des Wochen unterrichts und erheblich größere
Klassen geben werde. Von den 300 000 Lehrerstellen, die in den Jahren
2006 bis 2016 abermals besetzt werden müssen, könne gut ein
Drittel wegen Bewerbermangels nicht wiederbesetzt werden.
Der Präsident des Lehrerverbandes, Josef Kraus, hat den
verantwortlichen Politikern vorgeworfen, kurzatmig im Zeitraum einer
Legislaturperiode und mit Tricks zu arbeiten. Die Kürzung der
Wochenstundentafel um eine Stunde verschleiere drei Prozent des
Unterrichts- und Lehrerbedarfs, auch die durchschnittliche
Vergrößerung der Klassen um einen einzigen Schüler .
Allein die wiederholt praktizierte Erhöhung der
wöchentlichen Unterrichtsstunden der Lehrer um eine Stunde
verdecke etwa vier Prozent des Unterrichtsbedarfs. Diese Tricks seien
längst ausgereizt und stünden im Widerspruch zur geforderten
Verbesserung der Bildungschancen nachwachsender Generationen.
Trotz des zu befürchtenden Lehrermangels rät der
Lehrerverband von einer pauschalen Werbung für den Lehrerberuf ab.
Der Bedarf unterscheide sich nach Lehrämtern und
Bundesländern. Besonders viele Lehrer würden für
Hauptschulen und berufsbildende Schulen (vor allem Metalltechnik,
Elektrotechnik, Informationstechnik, Gesundheit/Pflege) gebraucht. Auch
an den Realschulen und Gymnasien fehlten Lehrer, wobei der Bedarf nach
Unterrichtsfach und Bundesland sehr unterschiedlich sei. In den
westlichen Ländern fehlten vor allem Mathematik- und Physiklehrer,
in den östlichen Ländern Lehrer für Fremdsprachen, in
anderen Regionen mangele es an Nachwuchs für Religion, Chemie,
Musik und Latein. Der Lehrerverband schlägt deshalb vor,
schulformspezifisch, fächerspezifisch, länderspezifisch und
berufsspezifisch unter Abiturjahrgängen zu werben. Außerdem
sei es dringend nötig, das gesellschaftliche Ansehen des
Lehrerberufs zu verbessern.
Im mangelnden Sozialprestige sieht die Interessenvertretung der Lehrer
einen der Gründe für das wachsende Desinteresse der
Abiturienten. Außerdem sei das Lehrerdasein für leistungs-
und karriereorientierte junge Erwachsene nicht lukrativ. Referendare
und andere Lehramtsanwärter müßten sich im Lebensalter
von knapp 30 Jahren mit monatlichen Anwärterbezügen von 900
bis 1000 Euro begnügen. Diese Sätze lägen unterhalb der
Ausbildungsvergütung vieler Ausbildungsberufe. Deshalb fordert der
Lehrerverband, die Kürzung der Anwärterbezüge umgehend
rückgängig zu machen. Sie müßten
konkurrenzfähig sein mit der Entlohnung von Berufsanfängern
im außerschulischen Bereich. Junglehrer und Lehramtsassessoren
bekämen zum Teil nur befristete und im Beschäftigungsumfang
erheblich reduzierte Verträge angeboten. Wenn die Wirtschaft
diesen jungen Leuten bei passender Qualifikation Jahreseinkommen von 40
000 Euro biete, sei der Lehrerberuf nicht mehr konkurrenzfähig.
Das gelte um so mehr, als die nicht finanziellen Vorteile des
Berufsbeamtentums gegenwärtig öffentlich in Frage gestellt
würden. Ohne diese Vorteile werde der Lehrerberuf noch
unattraktiver, heißt es in der Erklärung des Deutschen
Lehrerverbandes. Außerdem wüßten gerade Abiturienten,
welche enormen Belastungen sie ausgesetzt seien.
Wenig Hoffnung setzt der Lehrerverband darauf, den Lehrermangel
über arbeitslose Junglehrer zu decken. In den listen der Agenturen
für Arbeit würden 25 000 Lehrer als arbeitslos geführt,
damit wäre nicht einmal für ein Jahr der Ersatzbedarf
abgedeckt. In begrenztem Umfang sei es möglich, Lehrer durch
Umsteigerprogramme zu rekrutieren. Allerdings müsse die Ausbildung
universitär sein und die Zulassung zum Lehrerberuf mindestens eine
zweijährige schulpraktische Ausbildung voraussetzen. Um die
Beweglichkeit der lehrer über die Ländergrenzen hinweg zu
sichern, sollten die Bundesländer ihre Lehramtsexamina gegenseitig
anerkennen und zur schulformbezogenen Ausbildung zurückkehren.
Denn Einheitslehrer und Bachelorlehrer seien ungeeignet. Auch in Zeiten
der Lehrerknappheit könne die Ausbildung der Lehrer nur am
fachlichen und pädagogischen Universitätsstudium gemessen
werden. Außerdem müsse die Ausbildung zweiphasig sein, es
müsse ein zweifaches Staatsexamen vorliegen sowie ein
grundständiger Schulformbezug der gesamten Ausbildung. Da die
Werbung für Lehrernachwuchs frühestens nach sieben Jahren
Früchte tragen könne, seien kurz- und mittelfristige Schritte
vonnöten.
| Deutscher
Lehrerverband (DL) - Burbacher
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