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Interview mit dem Deutschlandfunk vom 27. August 2009
"Mehr konkretes Faktenwissen"
Lehrerverband will Bildungsdebatte anstoßen
Josef Kraus im Gespräch mit Jürgen Liminski
Der
Deutsche Lehrerverband hat eine inhaltliche Debatte über das
Bildungssystem angeregt. Verbandspräsident Josef Kraus forderte, dass
in den Schulen wieder mehr Faktenwissen vermittelt werde.
"Schlüsselqualifikationen" lehren zu wollen ohne konkrete Inhalte, das
sei "wie Stricken ohne Wolle".
Jürgen Liminski:
Was verstehen Bürger unter Bildung und Bildungssystem? Mitgehört hat
der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus. Er gehört seit
Jahren zu den kritischen Begleitern der Bildungspolitik. Rechtzeitig
zur Wahl hat er nun ein Buch herausgebracht mit dem fragenden Titel
"Ist die Bildung noch zu retten? - Eine Streitschrift", wie es im
Untertitel heißt. Guten Morgen, Herr Kraus.
Josef Kraus: Guten Morgen, Herr Liminski.
Liminski:
Herr Kraus, Sie vermissen offensichtlich die große Bildungsdebatte im
Wahlkampf. Was geht schief im deutschen Bildungssystem? Was verstehen
Sie überhaupt unter Bildung?
Kraus:
Ob ich das Thema im Wahlkampf vermisse? Die Frage möchte ich mit einem
Ja und mit einem Nein beantworten. Im Bundestagswahlkampf hat es
eigentlich relativ wenig zu suchen, weil der Bund ja in Sachen Bildung
spätestens seit drei Jahren, seit 2006 relativ wenig zu suchen hat.
Aber ich wünsche mir natürlich, dass permanent und kontinuierlich eine
leidenschaftliche Diskussion, aber auch eine Diskussion mit Augenmaß in
Sachen Schule und Hochschule stattfindet. Leider ist das nicht immer
der Fall gewesen die letzten Jahre. Die Debatten, die wir gehabt haben,
waren populistisch, waren hysterisch überhitzt. Aber grundsätzlich ist
es gut, wenn über Bildung gestritten wird, und ich würde mir wünschen,
dass wir eine Situation erreichen, wo Parteien wegen Bildung oder wegen
des Bildungsthemas auch Wahlen verlieren, oder Wahlen gewinnen können.
Liminski: Was verstehen Sie überhaupt unter Bildung?
Kraus:
Oh, das ist schwierig. Daran haben sich ja Hunderte Gelehrte versucht.
Das ist ja übrigens ein Begriff, den es in anderen Sprachen so nicht
gibt. Dort gibt es "Qualification" oder "Training", aber eine Bildung
gibt es in anderen Sprachen nicht. Das ist ein typisch deutscher
Sachverhalt. Aber ich bin froh darum, dass wir die Semantik dieses
Wortes haben. Was ist Bildung? - Bildung ist, junge Leute, mit den
Worten von Roman Herzog, wetterfest zu machen für ihr Leben, für die
Gesellschaft, für die Zukunft, und das hat eine Innenseite und eine
Außenseite. Die Außenseite, das ist Qualifikation, das ist das
Verwertbare, dass sie ihren Mann und ihre Frau stehen können in den
Herausforderungen von Ausbildung, Beruf und Gesellschaft. Aber die
innere Seite heißt natürlich auch, über einen Wertekosmos verfügen, ihn
vermittelt bekommen haben, kulturelle Identität zu haben, leben zu
können und qua Bildung und Erziehung auch in der individuellen
Identität gefördert worden zu sein. Also es ist was recht
Ganzheitliches.
Liminski: Vermitteln wir in diesem Sinn zu viel Ideologie und zu wenig Faktenwissen?
Kraus:
Ja nun, es ist unsere ganze Bildungsdebatte ein bisschen ideologisch
geprägt, sozialpolitisch geprägt, sozialpopulistisch geprägt, von
gewissen pädagogischen Ideologien geprägt, Einheitsschule oder, wenn
ich mir Lernmethoden anschaue, sehr geprägt von Schlagworten wie
"Kompetenzvermittlung", "Schlüsselqualifikationen", kein Faktenwissen
mehr, das sei überholt und so weiter. Da bin ich tatsächlich der
Meinung, dass wir heute in unseren Schulen unseren jungen Leuten zu
wenig Faktenwissen vermitteln. Die Ideologie der Kompetenzenpädagogik
und der Pädagogik der Schlüsselqualifikationen ist schief. Ich kann
nicht im luftleeren Raum so etwas vermitteln. Kompetenzen vermitteln zu
wollen ohne konkrete Inhalte, das ist wie Stricken ohne Wolle, das ist
wie Kochen ohne Zutaten. Unsere jungen Leute brauchen mehr konkretes
Faktenwissen, dann erst können sie kreativ sein, dann erst sind sie
wettbewerbsfähig, dann erst sind sie mündig gerade auch im politischen
Bereich. Wer nichts weiß, muss jedem alles glauben. Da muss wieder mehr
Futter ran.
Liminski: Herr Kraus,
ich höre aus Ihrem engagierten Reden, dass Sie für eine Reform des
Bildungssystems eintreten würden. Muss denn nicht jede Reform an
unserem Föderalismus oder sagen wir mal an unserem begrenzten
Stammesdenken scheitern?
Kraus:
Stammesdenken, das ist ein beliebtes Etikett, aber wir sind nun einfach
mal föderal verfasst und ich bin schon ein unbedingter Verfechter eines
Föderalismus, allerdings eines Föderalismus, der sich nicht zwischen
den 16 Bundesländern einigt auf den Kompromiss des Kompromisses des
Kompromisses, also auf unterstes Niveau, sondern eines Föderalismus,
der ein kompetitiver Föderalismus ist, also ein Föderalismus, wo es um
Wettbewerb geht. Ich habe über Jahrzehnte hin in der
Kultusministerkonferenz immer wieder erlebt, dass man sich unter den 16
oder früher unter den elf am Langsamsten orientiert hat. Das ist
natürlich falsch. Es muss deutlich gemacht werden, dass es Länder gibt,
die packen etwas günstiger an und erfolgreicher an und andere packen
das weniger an. Wenn der Bund zum Beispiel jetzt das Sagen hätte, dann
befürchte ich, dass wir uns wieder auf dem untersten oder bestenfalls
auf einem mittleren Niveau von Anspruch in Sachen schulischer Bildung
treffen. Also kompetitiver Föderalismus und die Schwächeren sollen sich
gefälligst an denen orientieren, die es ein bisschen erfolgreicher
machen.
Liminski: Deutschland hat
sich in der Krise überschuldet. Demnächst wird wohl wieder gespart
werden müssen. Kann es eine Bildungsreform geben, ohne viel Geld in die
Hand zu nehmen?
Kraus: Hier
sparen zu wollen, wäre natürlich ein Sparen am falschen Platz. Im
Übrigen darf man schon sagen, im internationalen Vergleich - bei aller
Problematik natürlich der internationalen Vergleiche, ich kenne diese
Problematik -, wir geben nicht übermäßig viel für Bildung aus. Es gibt
ja da einen Vergleichsindikator, Anteil der Bildungsausgaben am
Bruttoinlandsprodukt. Da liegen wir mit fünf, fünfeinhalb Prozent bei
Gott nicht in der Weltspitze, da gibt es Länder, die geben sieben
Prozent, acht Prozent aus. Da dürfte man sich schon ein bisschen nach
der Decke strecken, um zum Beispiel mehr Individualisierung durch
Förderstunden in den Schulen einrichten zu können. Im Übrigen: Es gibt
natürlich auch Reformen, die kein Geld kosten. Ich würde mir wünschen,
dass wir weg wieder von diesem allgemeinen und seichten Kompetenzen-
und Schlüsselqualifikationen-Gerede zu inhaltlichen Debatten kommen und
uns ernsthaft überlegen, was müssen unsere jungen Leute konkret wissen
in den Naturwissenschaften, in Deutsch, in Literaturgeschichte, in
Musikgeschichte, in Geschichte überhaupt, in Politik, im Bereich der
ästhetischen Bildung. Die inhaltliche Debatte kostet nichts und sie
wäre unglaublich wertvoll.
Liminski:
Aber dafür brauchen wir auch die richtigen Lehrer und Herr Kraus, Sie
sind ja selbst Lehrer, Direktor eines Gymnasiums, und schreiben nun in
Ihrem Buch, der Lehrer sei ein glücklicher Sisyphos. Haben wir die
richtigen Lehrer, oder muss die Reform hier bei der Aus- und
Fortbildung der Lehrer ansetzen?
Kraus:
Natürlich sind die Ausbildung und die Fortbildung eines jeden
Berufsstandes immer noch verbesserungsfähig. Das gilt für Ärzte und
Rechtsanwälte gleichermaßen wie natürlich auch für den Lehrerberuf.
Aber das ist im Moment gar nicht unser vorrangiges Problem. Unser
Hauptproblem ist, dass wir gar nicht genügend Leute her bekommen, weil
sich eben schon herumgesprochen hat, dass der Lehrerberuf ein
Knochenjob ist. Wir haben einen eklatanten Lehrermangel. Das hat damit
zu tun, dass der Lehrerberuf ideell nicht mehr attraktiv ist - man
kennt ja die schönen Schlagworte und Stammtischparolen über den
Lehrerberuf - und zum Teil materiell nicht attraktiv ist, wenn junge
Lehrer als Referendare mit 900 oder 950 Euro pro Monat sich
durchschlagen müssen. Aber es ist richtig: Ich möchte den Lehrer als
glücklichen Sisyphos sehen. Da nehme ich eine gedankliche Anleibe an
Albert Camus, der ja mit seinem Essay "Der Mythos des Sisyphos" was
hoch Interessantes geschrieben hat. Ich übertrage es mal auf den
Lehrer. Auch in diesem Knochenjob kann man ein glücklicher Mensch sein,
wenn man die Konfrontation zwischen Hoffnung und Wirklichkeit, zwischen
Absicht und Ergebnis aushält. Insofern könnte ich auch für den Lehrer
den Satz von Camus voll unterschreiben. Der Essay endet nämlich, "wir
müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen". Im
Übrigen ist ja der Sisyphos bei Camus auch einer, der schon sehr listig
die Götter überlistet. Ich möchte das jetzt nicht so sehr ausdehnen,
aber Bildungspolitiker und schlaue Erziehungswissenschaftler vor Ort in
der Praxis der Schule zu überlisten, das macht schon auch Spaß.
Liminski:
Also der listige Lehrer wird gefordert. - Die Bildung ist noch zu
retten. Das war der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef
Kraus. Besten Dank für das Gespräch, Herr Kraus.
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