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Bildung und europäisches Bewußtsein:
Europa als Geschichts- und Kulturraum begreifen!
Nach wie vor ist die Wirtschaftspolitik die treibende Kraft im europäischen Einigungsprozeß. Die zunehmende Ausrichtung der europäischen Frage auf das Währungs- und Wirtschaftspolitische läßt jedoch vergessen, daß Europa als Idee und Wirklichkeit sich nicht primär aus ökonomischen Überlegungen ableiten läßt, sondern als Idee kulturstiftend wirkte. Nur die historisch gewachsene Kultur ermöglicht es uns, europäische Kategorien überhaupt zu denken und ein gemeinsames Europa zu verwirklichen.
Das historisch-kulturelle Erbe
Identität, eine individuelle ebenso wie eine kulturelle oder kollektive, definiert sich vor allem aus der Geschichte. Im Zusammenhang mit der Frage nach der europäischen Identität wird man unweigerlich auf Ortega y Gassets Bekenntnis von 1929 stoßen: "Machten wir heute eine Bilanz unseres geistigen Besitzes ..., so würde sich herausstellen, daß das meiste davon nicht unserem jeweiligen Vaterland, sondern dem gemeinsamen europäischen Fundus entstammt. In uns allen überwiegt der Europäer bei weitem den Deutschen, Spanier, Franzosen ...; vier Fünftel unserer inneren Habe sind europäisches Gemeingut."
Konstanten unseres gewachsenen "geistigen Besitzes" als Europäer sind dabei:
Der Bruch mit europäischen Kulturtraditionen war in Ost-Europa ab 1917 und im besonderen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts politisches Programm totalitärer Machtträger.
Aber: "Seitdem die eiserne Faust des Kommunismus und der sowjetischen Hegemonialmacht verschwunden ist, tauchen ältere Strukturen, Traditionen und Interessen aus der historischen Versenkung wieder auf" (Geiss 1993). Mittelost- und Ost-Europa erleben also seit 1989 eine europäische Renaissance. Dies gilt vor allem für die politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen "Architektur"-Prinzipien, nämlich die Prinzipien
Die zukünftigen Chancen Europas
"Weltpolitik" als Ziel europäischer Nationalstaaten, vor allem der Kolonialmächte, führte dazu, daß Europa nach 1918 und mehr noch nach 1945 aus dem Zentrum der Weltpolitik herausgedrängt wurde. Aufgrund der historischen Entwicklung der Jahre zwischen 1918 und 1945 wurde Europa vom Subjekt zum Objekt der Weltpolitik. An die Stelle einzelstaatlicher Souveränität mit ehemaligen Großmacht- und Kolonialansprüchen traten bis 1989/1990 scharf abgegrenzte Blöcke. Diese Zerteilung Europas ging einher mit einer Außenlenkung. Nur Westeuropa erholte und erneuerte sich "europäisch".
Kennzeichnend für das "westliche" Europa ist vor allem sein Bild vom Menschen und von seinen Gemeinschaften sowie seine Vorstellung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Damit kann Europa auch zukünftig "einen exemplarischen Beitrag leisten zu der Verwandlung ungezügelter staatlicher Machtpolitik in demokratische und rechtsstaatliche Weltinnenpolitik" (Karl Dietrich Bracher 1992).
Insofern hat Europa erneut eine große geschichtliche Chance. Diese Chance besteht darin, Europa nicht als einen homogenen politischen Raum, sondern als einen Raum der verschiedenen nationalen Ausprägungen des "Europäischen" zu vereinen, das heißt, als einen Raum zu einen, der vor allem das Gemeinsame, das Wesentliche der europäischen Geistestradition als Orientierung hat. Europa muß dabei vor allem als ein Synonym für die "freie Welt" und für die Idee der Freiheit gelten. Das erfolgreiche Werben für die Ideen der Demokratie - und der Sozialen Marktwirtschaft - ist damit langfristig für Europa (und für die USA) auch die beste Sicherheitspolitik.
Europa muß über seine Wirtschaftskraft hinaus lernen, mit der Autorität seiner ideellen Kraft und Ausstrahlung zur Stimme der freiheitlichen Demokratie, der Selbstbestimmung und der friedlichen Lösung von Konflikten in der Welt zu werden.
Europa kann keine "blutleere Abstraktion" oder bloße "Freihandelszone" sein (Johannes Willms 1996). Eine Definition als Markt-, Handels-, Waren-, Währungsgemeinschaft reicht nicht aus. Europa muß sich statt dessen definieren als Friedens-, Freiheits-, Demokratie-, Stabilitäts- und Sicherheitsgemeinschaft.
Europa ist Synonym für Frieden, Freiheit, Demokratie, Soziale Marktwirtschaft, Stabilität und Sicherheit, so wie Immanuel Kant bereits vor rund 200 Jahren Europa als Einheit von Freiheit, Demokratie und Frieden definierte. In diesem Sinne und im besonderen mit Blick auf mehr als 2000 Jahre europäischer Kultur könnte man sogar von einem europäischen Patriotismus spreche.
Europäische und nationale Identität ergänzen sich
Die nachwachsende Generation braucht den Impuls zur Entwicklung einer modernen, zugleich nationalen wie auch europäischen Identität. Dabei ist es Aufgabe von Bildung und Erziehung, die Vielfalt der nationalen und regionalen Identitäten als Grundlage der europäischen Zusammenarbeit hervorzuheben. Zum Erhalt dieser Vielfalt und Unverwechselbarkeit gehören die Achtung und die Förderung der emotionalen Verwurzelung der Menschen in ihrer unmittelbaren Heimat. Dazu gehört es auch, daß die Jugend europäische Identität und nationale Identität nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung sieht und erlebt.
Europäische Identität und aufgeklärter Patriotismus sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Denn: Aufgeklärter Patriotismus hat zu tun
Für Europa erziehen!
Europa ist nicht gewachsen durch bürokratische Akte, sondern es ist in historischen Prozessen gewachsen. Das gilt auch für die Zukunft: "Europa kann man nicht bauen, wie man ein Haus baut. Europa muß wachsen wie ein Baum" (Konrad Adenauer). Dabei spielen Kultur, Bildung und Erziehung eine maßgebliche Rolle. Dies meinte Jean Monet, als er Bilanz zog: "Wenn ich heute den Aufbau Europas in Angriff nähme, würde ich mit der Kultur beginnen."
"Europa" ist also vor allem eine Aufgabe von Bildung und Erziehung, denn es ist nur über die Jugend und ihren Austausch über die Grenzen hinweg zu realisieren. Das gilt zumal für Deutschland, dem Land mit der besonderen Rolle in der Mitte Europas. Die Jugend sollte lernen, Europa, auch Mittel- und Ost-Europa, als gemeinsames Erbe zu betrachten, und Europa als maßgebliche Bedingung eigener Identität zu verstehen. Kurz: Sie sollte die "Sprache" der europäischen Kultur vermittelt bekommen, damit sie bereits als junge Generation dazu beiträgt, daß Europa eine dauerhafte Friedensordnung schaffen kann.
Bislang jedoch hat das Thema "Europa" trotz der Empfehlung der Kultusministerkonferenz "Europa im Unterricht" vom 8. Juni 1978 und trotz der Empfehlung der Ständigen Konferenz der Europäischen Erziehungsminister "Die europäische Dimension im Bildungswesen" vom 17. Oktober 1991 immer noch zu wenig Eingang in Bildungspläne gefunden. Zwar weisen die Fächer Geschichte, Politik/Sozialkunde, Erdkunde oder Wirtschafts-/Rechtslehre das Thema "Europa" aus; es überwiegt dabei aber die europäische Einigung nach 1945, und die Kulturgeschichte der Nachbarländer sowie die Behandlung des historisch-kulturellen Europas sind unterbelichtet. Schulbücher in modernen Fremdsprachen beinhalten zu wenig den Vergleich mit anderen europäischen Sprachen sowie landes- und europakundliche Themen. Diese Defizite gilt es zu beseitigen.
Im besonderen ist eine stärkere europäische Ausrichtung des Geschichtsunterrichts erforderlich. Eine historisch-politische europäische Bildung, mit der Antike beginnend, ist überfällig. Denn nur ein europäisches Geschichtsbewußtsein kann - in Achtung aller nationalen Besonderheiten unter dem Dach des "Europas der Vaterländer" (de Gaulle) - die Basis für ein modernes europäisches Selbstbewußtsein und damit für eine europäische Mentalität sein.
Auch wenn das inzwischen in 23 Sprachen übersetzte "Europäische Geschichtsbuch" (deutsche Fassung erschienen 1992 im Klett-Verlag) Maßgebliches geleistet hat, ist das Thema "Europa" im Geschichtsunterricht nach wie vor überwiegend nationalgeschichtlich, zeitgeschichtlich sowie geographisch und zuletzt teilweise zu sehr auf Spezialthemen wie Technik-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verengt worden. Ähnliches gilt für den Literaturunterricht, der etwa die große Literatur europäischer Nachbarkulturen weitgehend ausblendet. Eine solche Betrachtung aber fördert geistigen Provinzialismus und Partikularismus. Entsprechende Aufgaben einer europäisch orientierten Bildung haben neben den Schulen auch die Einrichtungen der Erwachsenenbildung (Volkshochschulen, Parteistiftungen, Bildungswerke usw.)
Ein zweiter wichtiger Bereich einer Bildung für Europa ist der Fremdsprachenunterricht. Fremdsprachenkenntnisse öffnen das Tor nach Europa, mangelnde Fremdsprachenkenntnisse wären Europas Hemmschuh. Was das Beherrschen einer Fremdsprache betrifft, so befindet sich die erwachsene Bevölkerung Deutschlands hinter den Bürgern der Niederlande, Dänemarks und Luxemburgs zwar in der Spitzengruppe. Allerdings werden die Deutschen von diesen drei Ländern sowie von Belgien deutlich überflügelt, wenn es um das Beherrschen von zwei und mehr modernen Fremdsprachen geht. Hier gilt es anzusetzen: Der Fremdsprachenunterricht muß in allen Schulbereichen gestärkt werden. Für die Gymnasien empfiehlt sich eine Wiederentdeckung des Lateinischen als erste Fremdsprache. Latein als europäische Fundamentalsprache ist hinsichtlich Wortschatz, Grammatik und Terminologie der Wissenschaften sowie als Reflexionssprache ein Wegbereiter zu anderen europäischen Sprachen, und damit ein Schlüssel zu einer europäischen Mehrsprachigkeit.
Den Kulturföderalismus im zusammenwachsenden Europa stärken!
Mit der europäischen Einigung steht der kooperative Föderalismus und mit ihm der Kulturföderalismus auf dem Prüfstand. Dieser Kulturföderalismus entspricht einer gewachsenen Tradition in Deutschland. Alle Zusammenschlüsse deutscher Gliedstaaten (1815 Deutscher Bund, 1848 Frankfurter Paulskirchenverfassung, 1871 Verfassung des Deutschen Reichs 1920 Reichsschulkonferenz) wiesen ihren Gliedstaaten unter anderem die Fach- und Rechtsaufsicht in Kulturangelegenheiten zu.
Zentralistische Tendenzen lösen keine Probleme. Die Westalliierten und die Väter des Grundgesetzes haben unter anderem deshalb die föderale Tradition 1948 aufgegriffen. Sie wollten mit dem Föderalismus - und mit dem damit korrespondierenden Subsidiaritätsprinzip - außerdem einer neuerlichen Entstehung eines uniformierenden Zentralstaates und einer totalitären Kulturpolitik vorbeugen. Das Prinzip der Selbstkoordination der Länder im Kulturbereich wurde in der Bundesrepublik erstmals am 18. Oktober 1949 von der Kultusministerkonferenz (KMK) festgehalten. Die Bemühungen der Bundesregierung im Jahr 1978, unter dem Motto des "kooperativen Föderalismus" mehr Bundeskompetenz im Bildungssystem für sich zu reklamieren, blieben gottlob erfolglos.
Der deutsche Kulturföderalismus hat sich bewährt und zur Festigung der föderativen Ordnung der Bundesrepublik beigetragen. Föderalismus und Kulturföderalismus haben im übrigen bei der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz, weil sie Bürgernähe und landsmannschaftliche Verbundenheit garantieren. Der Kulturföderalismus gewährleistet bei aller Achtung der Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse Vielfalt in der Bildungs- und Kulturlandschaft und in der Schulstruktur. Pauschal- oder Extremlösungen werden damit ausgeschlossen, ebenso schulpolitische Wechselbäder einer Zentralregierung, z.B. bei einem Regierungswechsel in der Bundesregierung.
Der Kulturföderalismus sichert Wettbewerb und Qualität; er fördert den Wettstreit um die bildungspolitisch besten Wege und das innovative Experiment im kleinen Rahmen. Der Kulturföderalismus korrespondiert damit mit den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft und der Subsidiarität. Eine Schwächung des Kulturföderalismus auf deutscher oder europäischer Ebene wäre damit auch eine Verarmung der kulturellen Vielfalt.
Den
EU-Partnern und zukünftigen osteuropäischen EU-Partnern sollte
deshalb werbend deutlich gemacht werden, daß das Ordnungs- und Gestaltungsprinzip
Föderalismus ein Modell für einen europäischen Staatenbund
sein kann, das im besonderen Rücksicht auf kulturelle Vielfalt und
Identität im Rahmen einer größeren Einheit nimmt.
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