| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) -
AKTUELL |
9. Fraktionsforum der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag - Wiesbaden, 30. November 2005
Mut zur Erziehung! Kinder zwischen Elternhaus, Schule und "Super-Nanny"
Statement von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
These 1:
Es gibt keinen generellen Erziehungsnotstand. Immerhin ist die heutige Jugend
im Gros von einer Geradlinigkeit, von einem Pragmatismus und von einer
Orientierungssicherheit wie keine Jugend vor ihr. Diese Sensation des
Positiven bleibt uns aber leider vorenthalten, weil die Öffentlichkeit sich auf
die Minderheit der jugendlichen Aussteiger und Randalierer stürzt. (Vgl. zum positiven
Jugendbild die Studie des Deutschen Jugendinstituts - DJU - von 2000 sowie die
13. und 14. Shell-Studie von 2000 bzw. 2002.) Tatsächlich ist ein Großteil der
Jugend sogar bodenständiger als manch Erwachsener in der zweiten Pubertät, wenn
ihn die Midlife-Crisis beutelt. (Weshalb Boshafte meinen, es gebe heute keine
Erwachsenen mehr, sondern allenfalls „Postadoleszente“!)
Allerdings
steht auch zu befürchten, daß die Kluft zwischen „erzogenen“ und „unerzogenen“
jungen Leuten immer größer wird.
These 2:
Wenn wir mit unseren jungen Leuten nicht immer zufrieden
sein können, dann hat das Gründe – Gründe, die aus der Erwachsenenwelt kommen.
> Die Deutschen steigen mehr
und mehr aus der Arbeit aus. Zuletzt
betrug ihre Jahresarbeitszeit 1600 Stunden, die eines Briten oder Franzosen
1700, die eines US-Amerikaners 1900 und die eines Japaners 2100 Stunden. Vor
diesem „erwachsenen“ Hintergrund brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn junge
Leute keine 45-Stunden-Schul-und-Hausaufgabenwoche wollen!
> Die
Deutschen haben Probleme auch mit ihrer Laune.
Üble Laune gilt als Elitemerkmal. Unsere jungen Leute können aber keine
ausgeglichene Laune haben, wenn sich die Alten ständig den Puls messen und die
Realität depressiv untertunneln oder
wenn die Alten ständig auf dem Trip zu noch mehr Endorphien und Events sind und
von der Realität abheben.
> Die Familien sind kleiner und labiler geworden. 1,65 Millionen Ehen
wurden in den 90er Jahren geschieden, im Schnitt also pro Jahr 165.000.
Betroffen waren davon jährlich rund 150.000 minderjährige Kinder. Je nach
Region gingen 25 bis 40 Prozent aller Ehen in die Brüche. Folge: 2,1 Millionen
Kinder wachsen mit nur einem Elternteil auf, weitere rund 600.000 in
nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften. Dieser schleichende Funktionsverlust der
Familien hinterläßt Bindungs- und Orientierungslosigkeit.
> Ab
Ende der 60er Jahre wurden Pflicht- und
Akzeptanzwerte (z.B. Disziplin,
Pflichterfüllung, Treue) durch Selbstentfaltungswerte (z.B. Emanzipation,
Partizipation, Autonomie) zurückgedrängt. Dieser Hyper-Individualismus hinterläßt
Spuren der Desorientierung bei jungen Leuten.
These 3:
Viele glauben, gegen alle Bildungs- und
Erziehungsdefizite helfe staatliche Erziehung qua eine Ganztagsschule. Eine solche „Schule total“
wird in ihrer Wirksamkeit aber maßlos überschätzt. Weder Ganztagsbetreuung noch
Ganztagsschule sind in der Lage, das erzieherische Bewußtsein der Eltern zu
fördern; eher fördern sie deren Bereitschaft, immer mehr originäre
erzieherische Aufgaben an den Staat zu delegieren und damit eine bedenkliche
Verstaatlichung der Erziehung anzutreiben.
Ganztagsbetreuung
und Ganztagsschule schränken das
Spektrum kindlicher Erfahrungen ein. Kurz: Es muß auch ein Leben außerhalb der Schule geben.
Staatlich gelenkte Freizeit darf nicht alleiniger Erfahrungsraum für Schüler
sein.
These 4:
Zu kurz greifen die immer neuen schulischen Bindestrich- und Segment-Pädagogiken –
als das sind: Medienerziehung, Freizeiterziehung, Gesundheitserziehung,
Umwelterziehung, Verbrauchererziehung und andere Erziehungen mehr.
Ich
behaupte, daß all diese Forderungen nicht Ausdruck eines wachen pädagogischen
Bewußtseins sind, sondern daß diese Atomisierung des Erzieherischen Symptom
eines Verlustes an Erziehung überhaupt ist. Und sie sind ein Akt der Entmündigung/Bevormundung
unserer Familien.
Ich behaupte auch, daß all die genannten Forderungen Symptom eines in der
Gesellschaft fehlenden ethischen Grundkonsenses sind - Symptom eines Defizits,
das sich ja auch in der Zersplitterung der Ethik in vielerlei Detail-Ethiken
zeigt: in eine Umwelt-, Wirtschafts-, Wissenschafts-, Gen-, Computer-Ethik und
in die verschiedensten Berufs-Ethiken (eines Juristen, Journalisten usw.).
Apropos Verbrauchererziehung und „ökonomische Bildung“: Wenn es um Bildung geht, dann müssen
wir auch auf den Eigenwert des Nicht-Meßbaren und des Nicht-Ökonomischen
setzen! Ich sage dies aus der Sorge heraus, daß in unseren
PISA-(zwangs)fixierten Schulen diejenigen Bildungsbereiche zu verlieren drohen,
die keine meßbaren und sofort verwertbaren Ergebnisse zeitigen (siehe die
Fächer Geschichte, Religion/Ethik, Kunst, Musik, Sport usw.).
Bildung kann nicht verkommen zu einer Unterabteilung der Wirtschaftspolitik. Bildung
kann nicht gedeihen am „Pflock des Augenblicks“, wie Nietzsche sagen würde.
Betrüblich ist freilich, daß auch Teile der Pädagogik meinen, voranmarschieren
zu müssen im naiven Glauben, Bildung „handhaben“ zu können wie das Marketing einer
neuen Zahnpasta.
Nach vier Punkten Analyse vier Punkte Ausblick!
Dazu grundsätzlich: Erziehung
braucht eine Renaissance, eine Konjunktur. Diese Konjunktur
hat sie, aber nur auf der Metaebene: Man schreibt und redet über Erziehung. Dementsprechend jagen sich die Buchtitel über Erziehung; die Talkshows rangeln miteinander um
Erziehung. Auch eine Kanzlergattin (a.D.) mischt sich ein. Und RTL propagiert
„fast education“ mittels „Super-Nanny“. (Ich bin mal gespannt, wann eine
japanische Firma einen Gameboy oder einen Tamagotchi mit Education-Funktion
herausbringt.)
Keiner braucht indes Prophet zu sein, um zu vermuten, daß kein noch so heftiges
rhetorisches und mediales Hyperaktivitätssyndrom an den diagnostizierten
Defiziten viel ändern, geschweige denn etwas bewirken wird.
Nach wie vor nimmt der größte Teil der Elternschaft die erzieherische Verantwortung
des Elternhauses ernst. Aber: Wenn der Anteil der Eltern, die ureigene Aufgaben an die Schule delegieren oder die aus
Gründen der Bequemlichkeit auf
erzieherische Einflußnahme verzichten, immer größer wird, dann hat die Schule
keine Chance, in Sachen Erziehung und Bildung voranzukommen.
Überhaupt
sind Eltern und Lehrer Partner in der Erziehung. Im Rahmen dieser Partnerschaft müssen sich beide
klarmachen, wer was zu machen hat und wer was besser kann. Jeder hypertrophe
schulische Erziehungsanspruch aber belastet die originäre Aufgabe der Schulen,
nämlich deren Bildungsaufgabe.
Was heißt das konkret?
1. Wir müssen
die Erziehung der Eltern stärken (und einfordern)!
Es wäre zu wünschen, die Gesellschaft würde mit dem gleichen Engagement wie die anderen
Bürger- und Menschenrechte auch die Erziehungsrechte
und -pflichten (vgl. GG Artikel 6)
sowie eine Erziehung im Interesse des Kindeswohls (vgl. BGB 1627) einfordern.
Für diese Verantwortung scheint aber kein Platz mehr zu sein. Und man scheint die
Zeit nicht mehr dafür zu haben.
Überhaupt ist Zeit der wichtigste
Erziehungsfaktor. Man muß sie sich einfach nehmen – und man hat sie eigentlich
ja auch. Man bedenke: Die Zahl der Kinder pro Familie ist immer geringer, die
Arbeitszeit immer kürzer und die Freizeit immer größer geworden. Das sage ich
gerade auch mit Blick auf die Väter,
deren Erziehungshandeln sich oft darin erschöpft zu glauben, man könne ausgerechnet
beim sonntäglichen Mittagessen alle Erziehungsprobleme dieses unseres Landes
und dieser „meiner“ Familie lösen. (Am
Rande nur – weil ich gerade Väter anspreche – möchte ich ein anderes
Problem ansprechen, das mir Sorge macht: die fortschreitende Feminisierung des Erziehungsgeschäfts! Für Millionen von Kindern ist es heute ja so, daß sie im ersten Lebensjahrzehnt
mit keinem Mann mehr zu tun habe. Ihre Bezugspersonen sind: alleinerziehende Mutter,
Erzieherin im Kindergarten, Grundschullehrerin!)
2. Die Gesellschaft muß pädagogisch denken lernen und einen erzieherischen
Ziel-Konsens herstellen!
Ein
solcher Konsens ist durch eine
Politisierung (sog. Emanzipatorische Erziehung) und Pseudo-Psychologisierung
("Schwarze Pädagogik", "Patient Familie") der Erziehung
brüchig geworden. Es müßte aber wieder erkannt werden, daß Erziehung nicht in
einer Gefälligkeits- bzw. in einer angestrengten Erleichterungspädagogik bestehen
kann.
Erziehen heißt: wachsenlassen und befreien sowie zugleich führen und binden (Th. Litt). Jede einseitige Betonung eines
dieser beiden Pole ist falsch. Allerdings wurde zuletzt wohl das Wachsen- und
Gewährenlassen überbetont.
Ich wünschte mir aber auch eine Erziehung zur Toleranz, die darin besteht, daß
Erwachsene und Erzieher nicht alles tolerieren.
Außerdem muß erzieherisches Bemühen glaubwürdig
sein: Erzieher oder Medien, die alles andere als gute Vorbilder sind, sollten nicht auf Erziehung machen. Das gilt für so
manche Eltern, es gilt auch für manche Fernsehsender.
Eduard Spranger paßt hierher. Er hat einmal festgestellt, daß die hauptsächliche
Ursache negativer Prägungen unserer Kinder "die innere Unwahrhaftigkeit
der Gesellschaft ist, nämlich da erziehen zu wollen, wo echte
Erziehungsresultate eigentlich nicht gewollt werden."
Wie recht Spranger doch auch heute noch
hat! Man denke nur an den Schrott, den uns diese Gesellschaft medial zumutet.
Übrigens: Der Adressat dieser Aussage ist für mich auch der Sender RTL, der
hinsichtlich Programm ja nun wahrlich keine moralische Anstalt ist, der aber
mit seiner Erziehungs-Soap mit der „Super-Nanny“
auf Erziehungsberatung macht. Das ist denn doch reichlich verlogen. Auch die
Behauptung, der Konsum des virtuellen RTL-Kinder-mädchens sei ein Beleg für
erzieherisches Bewußtsein, halte ich für hanebüchen. Hier wird den Zuschauern
vorgegaukelt, Erziehungsprobleme seien etwas, was man ohne Ursachenanalyse mehr
oder weniger mechanistisch regeln könne. Bei all diesen RTL-Familien, die für
die Prostitution ihrer erzieherischen Probleme € 2.000 bekommen, möchte ich
einmal nach ein paar Wochen einen Test auf die Nachhaltigkeit der
Super-Nanny-Aktivitäten machen.
3. Wir müssen die Lehrer stärken und aufrichten!
Friedrich Adolf W. Diesterweg wünschte dem Lehrer vor über hundert Jahren unter anderem
den Scharfsinn eines Lessing, das Gemüt eines J.P. Hebel, die Begeisterung
eines Pestalozzi, die Kenntnisse eines Leibniz, die Weisheit eines Sokrates,
die Liebe Jesu Christi und an erster
Stelle die Gesundheit und die Kraft eines Germanen.
Das klingt gut, war aber damals schon eine völlig unrealistische Überzeichnung.
Heute müßte Diesterweg noch viele weitere Wünsche anfügen. Er würde heute dem
Lehrer wünschen: das Entertainer-Talent eines Show-Masters, die Infotainer-Qualitäten
eines Illustriertenmachers, die Selbstlosigkeit und Güte einer Mutter Teresa, das Rechtsverständnis eines
Verfassungs- oder Verwaltungsrichters, das Öko-Engagement eines
Greenpeace-Aktivisten.
Ich warne
aber vor dem Glauben an die Machbarkeit eines jeglichen Lehrerbildes.
Gemeinsam ist Hunderttausenden von Lehrern jedenfalls, daß sie sich nach bestem
Wissen und Gewissen, in Gelassenheit oder in Trotz, mit Spranger'schem Pathos
und Ethos abstrampeln. Viele aber sind
frustriert, weil sie sich von der Gesellschaft diskreditiert fühlen. Diese
Lehrer müssen wir stützen und für das Erziehen wiedergewinnen (und nicht
Buchtitel zulassen wie: „Das Lehrerhasserbuch“, Dezember 2005, Droemer-Knaur)
Außerdem gilt Karl Jaspers Aussage von 1966 nach wie vor: Es ist das Schicksal eines
Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer achtet.
4. Die „Alten“
müssen sich an der eigenen Nase fassen.
Die sogenannten Alten müssen sich fragen, was sie dazu beitragen, wenn Jugend
„verkorkst“ ist. Die Jugend kann nicht „besser“ sein als ihre Alten. Die Jungen
sind immer Spiegelbild ihrer Alten, selbst wenn sie das gerade in der Pubertät
nicht sein wollen.
Vor
allem empfehle ich den „Alten“: Tragt
euren Zuwachs an Jahren und Erfahrung mit Würde! Zwar gehört es zu unseren
uralten Sehnsüchten, ewig jung zu sein. Das Gemälde „Jungbrunnen“ von Lucas
Cranach Älteren aus dem Jahr 1546 ist bildhafter Ausdruck dieser Sehnsucht: Links steigen dort die Alten und
Kranken in den Brunnen, rechts steigen die Jungen und Knackigen heraus.
Aber:
Die auf knackig Gestylten, die Berufsjugendlichen - das sind keine Erwachsenen.
Mit solchen Erwachsenen machen wir aus Kindern keine Erwachsenen. Vielmehr brauchen wir erwachsene und
ausgewachsene Vorbilder.
| © 2005 Deutscher
Lehrerverband (DL) - Burbacher
Straße 8 - 53129 Bonn - Tel.
(02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 |
|