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Interview aus "Der Standard" (Österreich) vom 3. März 2009
"Lehrer sind nicht die Ersatzeltern der Nation"
Lehrer
sind mit Reparaturaufgaben der Gesellschaft überfordert, sagt Josef Kraus,
Chef
des deutschen Lehrer- Dachverbands.
Politiker sollten
sich schützend vor die Lehrer stellen, sagt er im Interview mit Nermin
Ismail.
SchülerStandard: Geht es nach
Unterrichtsministerin Claudia Schmied, sollen Lehrer zwei Stunden mehr
unterrichten, ohne zusätzlich dafür bezahlt zu
werden.
Josef Kraus:
Das ist wieder ein
typisches Beispiel von Geringschätzung der Lehrer.
SchülerStandard:
Viele Lehrer sehen
sich in dieser Debatte als Fußabstreifer der Nation, erkennen Sie darin ein
Körnchen Wahrheit?
Kraus:
Das ist rhetorisch
zugespitzt, aber Lehrer haben in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen, dass
immer mehr gesellschaftliche Reparaturaufgaben an die Schule delegiert werden.
Es sind Aufgaben, die in der Familie erledigt werden müssten. Die Gesellschaft
will das delegieren, um es sich einfacher zu machen, überfordert aber damit die
Schule. Dadurch kommt der Bildungsauftrag an Schulen mehr und mehr zu
kurz.
SchülerStandard:
Wie ist es zu dieser
Entwicklung gekommen?
Kraus:
Gerade im
deutschsprachigen Raum kommt hinzu, dass es unter Politikern und
Wirtschaftsführern, auch unter Elternvertretern in den letzten Jahren zum
Volkssport geworden ist, die Schule für alle Fehlentwicklungen in der
Gesellschaft verantwortlich zu machen. Führende Politiker haben sich äußerst
verächtlich über Lehrer geäußert, wie Exbundeskanzler Gerhard Schröder. Das hat
zur Folge, dass die Autorität des Lehrerberufs gelitten hat und immer mehr
Leute, auch Eltern, meinen, in dieses Horn stoßen zu
müssen.
SchülerStandard:
Sehen Sie da
Unterschiede zu Österreich?
Kraus: Ich sehe große
Parallelen, was die Überforderung der Lehrerschaft betrifft. Ich habe allerdings
nicht den Eindruck, dass die ganz gehässigen Aussagen über Lehrer, die wir in
Deutschland erleben, in Österreich schon getätigt
wurden.
SchülerStandard:
Was genau erwarten
Sie da von Politikern?
Kraus:
Führende Politiker
sollten sich schützend vor die Schule stellen. Ich erwarte, dass sie zur
Kenntnis nehmen, wie schwierig die Aufgabe von Schule geworden ist - unter dem
Einfluss eines Medienbombardements und einer immer schwächeren
Erziehungsbereitschaft in den Elternhäusern.
SchülerStandard:
Was sind Ihrer
Meinung nach die wichtigsten Aufgaben eines
Lehrers?
Kraus:
Im Zentrum muss die
Vermittlung von Wissen stehen, das kann nicht durch sozialpädagogische Aufgaben
verdrängt werden. Lehrer haben natürlich auch die Aufgabe zu erziehen, aber sie
sind nicht dazu da, die Ersatzmütter oder -väter einer Nation zu
spielen.
Es gibt in jedem
Berufsstand Spitzenleute und eine breite leistungsfähige Mitte, und es gibt in
jedem Berufsstand schwarze Schafe, nicht alle Lehrer sind Heilige und Helden
zugleich.
SchülerStandard: Teilen Sie die
Meinung, dass Schüler verstärkt ihre Lehrer bewerten
sollten?
Kraus:
Ich glaube, Schüler
sind überfordert, richtig einzuschätzen, was in der Schule stattfinden
muss.
SchülerStandard: Wie sehen Sie die
Zukunft der Lehrer und welche Erwartungen haben Sie diesbezüglich an die
Regierung?
Kraus:
Zunächst, dass die
Regierenden dafür sorgen, dass Eltern ihren Verpflichtungen gerecht werden. Wir
kriegen keine Bildungsoffensive hin ohne häusliche Erziehungsoffensive. Ferner,
dass sie für genügend und gut qualifizierten Lehrernachwuchs sorgen. Und dass
wir Rahmenbedingungen bekommen, die ein ertragreiches Arbeiten möglich machen,
was die Stärke der Klassen, Arbeitsregelungen sowie Lehrpläne und
Sanktionsmöglichkeiten betrifft.
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