DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG - Seite 1 - vom 3. Mai 2002

Nach Erfurt 

Für eine Kultur des Hinhörens

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Der 26. April 2002, der Tag des Massakers in Erfurts Gutenberg-Gymnasium, wird nicht nur in die deutsche Schulgeschichte eingehen. Wer jemals in Deutschland den Topos einer drohenden Amerikanisierung, das heißt einer Brutalisierung unserer Jugend bemüht oder sich wegen der vermeintlich un-amerikanischen Verhältnisse an deutschen Schulen beruhigt zurückgelehnt hatte, der ist nach "Erfurt" eines Besseren belehrt und müsste eigentlich bei den Amerikanern Abbitte leisten.

Gleichwohl hat es keinen Sinn, die Toten von Littleton in Colorado, von Dunblane in Schottland und von Erfurt gegeneinander aufzurechnen. Und deshalb brauchen weder die US-Waffenlobbyisten noch Hollywoods mediale Gewaltfabriken erleichtert aufzuatmen. Massenmordende Gewaltphantasien scheinen zu einem Phänomen aller westlichen oder westlich orientierten Gesellschaften geworden zu sein. Auch das ist eine Folge der Globalisierung. Die virtuelle Gewalt unglaublich mächtiger Bilder besetzt die Hirne vieler unserer Kinder, sie senkt die Hemmschwellen, sie gewöhnt an Gewalt und ist damit hauptverantwortlich für eine Verrohung des Denkens und Empfindens. Solche Gewalt macht angesichts von Satellitenfernsehen und Internet vor keiner nationalen Grenze und vor keinem noch so strengen nationalen Mediengesetz halt. Da mag es durchaus sympathisch klingen, wenn jetzt eine verschärfte Indizierung von Killer- und Hackfleischvideos eingefordert wird. Aber mehr als ein Beruhigungsplacebo wird das nicht sein. Spätestens das "globale village" hebt gesetzgeberische Strenge de facto wieder auf; und die Rechtsprechung tut das ohnehin, indem sie den Jugendschutz explizit sogar mit Blick auf Zombie- und Rächerfilme der Kunstfreiheit und dem informationellen Selbstbestimmungsrecht unterordnet. Nein, Filmverbote laufen ins Leere, solange die Nachfrage nach gewaltverherrlichenden Genres blüht – sprich: solange damit ein Geschäft zu machen ist. Deshalb ist es viel aussichtsreicher, qua Erziehung die Nachfrage zu drosseln anstatt an der Angebotsschraube drehen zu wollen. Und es sind noch mehr Großfirmen gefragt, die sich weigern, in brutalen Filmen Werbespots zu schalten.

Der Kampf gegen Gewalt und die Ächtung von Gewalt sind vor allem eine gesellschaftspädagogische Aufgabe. Dieser Aufgabe kann man nur dann wenigstens halbwegs gerecht werden, wenn man sich – entgegen dem naiven pädagogischen Optimismus der Rousseauisten und Behavioristen – des schwer Domestizierbaren im Menschen bewusst ist. Menschliche Gewaltbereitschaft zu bändigen, das ist insofern keine Frage von Metalldetektoren, Überwachungskameras, Pförtnerlogen und Alarmknöpfen in Schulen, sondern das ist eine Frage des wachen Hinhörens, der couragierten Grenzziehungen, der manchmal sicherlich unbequemen Integration von Gewaltfanatikern und des In-Anspruch-Nehmens junger Leute. Anders ausgedrückt: Hätten wir in allen Altersschichten ein sensibles zwischenmenschliches Frühwarnsystem; hätten wir in Elternhaus und Schule mutige Erzieher, die deutlich machen, was sich gehört und was nicht; und hätten wir nur Kinder, die eine erfüllte Zeit haben, so müsste uns weniger bange sein um ein zweites "Erfurt".

Das Domestizieren und die Ächtung von Gewalt sind Aufgaben aller. Schulen haben dabei eine Pilotfunktion. Schulen sind aber auf hoffnungslos verlorenem Posten, wenn sie immer mehr gegen eine Gesellschaft erziehen sollen, für die Gewalt Alltag ist. Es gibt auch keine genuine schulische Gewalt, sondern nur innerschulische Gewalt als Abbild außerschulischer Gewalt. Wer aber an Erfurt erneut seine Vision oder gar Ideologie einer Schule ohne Anstrengung und ohne Enttäuschung aufhängen will, der instrumentalisiert die Toten des 26. April für durchsichtige Zwecke. Schule ohne – transparente! – Regeln geht nicht. Auch das ist Teil des Lernens für das Leben. Sigmund Freud würde sagen: Erst dann wird aus dem Es mit seinem Lustprinzip das Ich mit seinem Arrangement mit Normen. Er würde auch sagen: Die Fähigkeit zum Trieb- und Bedürfnisaufschub ist wichtiger Teil der Reifung. Das Wiederaufstehen nach Enttäuschungen und nach einem Scheitern gehört dazu.

Dieses Wissen allein verhindert nicht den nächsten Mord, aber es erhellt, woran es vielen zweifelhaften erwachsenen Vorbildern mangelt: an der Bereitschaft, Emotionen eben auch einmal zurückzustellen und sich nicht im Rampenlicht sehen zu wollen.

Gewiß ist das Profil eines Gewalttäters sehr individuell. Aber es gibt auch Prädiktoren, die vielen späteren Gewalttätern gemein sind: familiäre und/oder soziale Entwurzelung, medial ausgelebte Gewaltphantasien, ein Scheitern in Bildung oder Beruf, Langeweile, mangelnde Artikulationsfähigkeit, auch Angst. Kommen zwei oder drei dieser Faktoren zusammen, dann ist ein hochexplosives Gebräu entstanden. Das sieht man keinem potentiellen Amokläufer an, aber man kann es heraushören, vorausgesetzt man hört als Mitschüler, Lehrer, Nachbar, Mutter, Vater in den schwierigen Menschen hinein. Gewalt gegen andere oder als Suizid gegen sich selbst kündigt sich in 90 Prozent der Fälle an. Leider erinnert man sich oft erst nachher, dass es die Anzeichen dafür vorher gab. So aber fiel in Erfurt nicht einmal der Mutter auf, dass der junge Mann auch ein halbes Jahr nach seiner Entlassung aus der Schule immer noch so tat, als gehe er täglich dorthin.

Hineinhören – das kostet neben Mut vor allem Zeit. Diese nehmen sich viele Eltern nicht, wenngleich sie sie bei immer kürzeren Arbeitszeiten und immer weniger Kindern pro Familie hätten. Und Lehrer haben sie oft nicht, weil sie zu viel Schüler oder zu viel Stoff haben.

Zeit zu haben für Kinder, das ist auch Selbstverwirklichung. Ansonsten ist es schon auch eine Frage der Wertschätzung seiner Lehrer und Erzieher, welche Zukunft ein Volk hat. Lehrer sind kein Freiwild. Deshalb ist nicht nur den Lehrern zu wünschen, dass das Anfang April 2002 geprägte Wort "Er war kein Mensch, er war ein Lehrer" auf lange Sicht das letzte dumme Wort aus Politikermund war.

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