DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

SWR 2 - Aula vom 6. Januar 2009

Als Tondokument in gekürzter Fassung:
http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=660374/did=4365214/pv=mplayer/vv=popup/nid=660374/17pvpxu/index.html

Alles Elite oder was?

Über Sinn und Unsinn der Elite-Diskussion

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Eigentlich - ja: eigentlich! – müßte man auch in Deutschland offen und unverkrampft über Elite diskutieren können. Man kann es aber offenbar nicht. Während Franzosen oder US-Amerikaner mit dem Begriff Elite sowie mit der Rekrutierung und Förderung von Eliten keinerlei Probleme haben, ist Elite in Deutschland immer noch ein Reizwort – ganz in der Nähe von „Privileg“, „Arroganz“, gerne auch assoziiert mit reaktionär-repressiver, ja zumindest kryptofaschistischer Haltung.
 
Kaum macht sich jemand in Deutschland für Elite stark, schon funktionieren die Anti-Elite-Reflexe. Das hat wohl mit einem gerade in Deutschland besonders ausgeprägten Egalitarismus zu tun. Hinter dieser weltfremden Negation aller Unterschiede zwischen Menschen lauert, so mutet es an, eine schier para-religiöse Heilserwartung einer klassenlosen und darob schon im Diesseits absolut gerechten Gesellschaft, in der als wahrer Demokratie jede Art von Elite überflüssig sei.
 
Was nicht alle sind, darf keiner sein.
Was nicht alle haben, darf keiner haben.
Was nicht alle können, darf keiner können.
 
Also soll es offenbar - außer vielleicht im Sport und in der Musik - keine Elite geben. So einfach ist das. Daß übrigens alle egalitären Visionen von elitären Denkern stammen, sei am Rande erwähnt. Ja selbst marxistische Kader verstanden bzw. verstehen sich als eine Elite – eine Art Über-Elite, die meint, sogar die historischen Gesetzmäßigkeiten zu kennen und in sie eingreifen zu können. Aber daß Gleichheit pur das Ende von Gerechtigkeit ist, wissen wir spätestens seit Nietzsche.
 
Ist der neue deutsche Anti-Elitismus nur ein Déjà-vu-Erlebnis? War da nicht etwas im Zusammenhang mit den Achtundsechzigern?
 
Jedenfalls durfte man zuletzt für kurze Zeit hoffen, daß Deutschland seine Anti-Elite-Reflexe hinter sich gelassen hat. Diese Hoffnung trog. Das Fehlverhalten einiger Top-Manager bei Post, Siemens und vor allem in der internationalen Bankenwelt reichte aus, um alte Affekte zu reanimieren: Elite ist schlecht, Attacke gegen Elite ist gut.
 
Ein sonntägliches TV-Talk-Ersatzparlament titelt im April 2008 (ohne Fragezeichen): „Gierig, maßlos, arrogant – die Elite am Pranger“. Dort tritt als Allzweck-Experte ein Bundestagsabgeordneter auf, der zu wissen glaubt, daß Elite nichts anderes wolle, als sich und die eigenen Kinder vor dem niederen Volk abzuschotten. Assistiert wird er von einer dynamischen Jung-Journalistin, die tatsächlich ein paar private, angeblich elitäre Kindergärten und Schulen besucht hat und die nun meint, der Begriff Elite hätte eigentlich mit den Begriffen Führer und Rasse untergehen sollen.
 
Bereits zuvor hatten sich Politikmagazine und Zeitungen vor allem des Boulevards reihenweise über Elite ausgelassen: „Das Versagen der Eliten“ (Welt am Sonntag vom 17. Februar 2008), „Elite ohne Moral“ (Stern vom 21. Februar 2008), „Die geschmähte Elite“ (Spiegel-online vom 26. Februar 2008), so oder so ähnlich lasen sich in seltener Einmütigkeit die Überschriften.
 
Angeführt wird die Anti-Elite-Elite von einem Eliteforscher aus Darmstadt, der durch die Gazetten stürmt, um in bewußter Gleichsetzung von Elite und Konsumadel Definitionen wie folgende zum besten zu eben: Elite sind die, die eine Jacht kaufen, im Hochtaunus oder am Starnberger See wohnen, Golfen und Segeln gehen und deren Kinder in Nobelbars mehrere hundert Euro für eine Flasche Champagner auf den Tisch legen. Überhaupt, so der Herr Elite-Forscher: Elite sei undemokratisch und deshalb anachronistisch. Schließlich begründe sich Elite in Deutschland nur durch einen bürgerlichen Habitus und bürgerliche Umgangsformen.
 
Die Frage, was denn gegen gesittete Umgangsformen einzuwenden sei und ob nicht so manches unserer gesellschaftlichen Probleme mit einem Zuwenig an Bürgerlichkeit zu tun habe, gehört aber wahrscheinlich nicht hierher.
 
Für einen anderen Sozialwissenschaftler aus Hannover ist der zuletzt vermehrt vernehmbare Ruf nach Elite jedenfalls die vornehmere Variante der Stammtischforderung nach dem „starken Mann“. Sind wir also schon fast wieder so weit – bei „Napolas“ und bei Kaderrekrutierung à la DDR?
 
Viel Zerrbild also! Daß es elitäre Versager gibt, wissen wir. Und daß wir manchmal nicht nur ein Unterschichten-, sondern auch ein Oberschichtenproblem haben, wissen wir auch.
 
In der zuletzt inszenierten Rundum-Schlag-Debatte aber drängt sich gelegentlich schon der Verdacht auf, eine bestimmte Anti-Elite habe nichts anderes im Sinn, als Elite rundweg kompromittiert darzustellen, um sich selbst an die Stelle der von ihr kritisierten Elite zu setzen.
 
Trotzdem kommt das Gezeter um „die da oben“ gut an. Hier werden Reflexe bewußt haarscharf an einer Neiddebatte entlang konditioniert. Ungemach droht dem Elite-Gedanken aber auch durch seine Inflationierung. Wer im Internet „googelt“, der landet beim Stichwort „Elite“ 160 Millionen Treffer. Computerspiele, Hotels, Sportgeräte heißen so, sogar ein Magazin für Milcherzeuger schmückt sich mit diesem Namen.
 
Doch zurück zur Soziologie von Elite und um aufkeimende Zweifel zu zerstreuen:
  • Natürlich gibt es Problem-Eliten, zum Beispiel Abzocker und Nieten in Nadelstreifen.
  • Freilich gibt es die undurchsichtigen Karriere-Netzwerke zur Beförderung von mittelprächtigen Parteigängern in führende Positionen.
  • Gewiß auch gibt es den Dünkel von Steuerflüchtigen und Yellow-Press- „Celebrities“, die kaum von selbst strahlen, sondern die nur strahlen, weil sie angestrahlt werden.
Aber weder pseudoelitäres Gehabe noch der Mißbrauch von Elite durch Faschismus und Kommunismus machen Elite überflüssig.
 
Vielmehr gilt:
  • Der Dualismus Masse versus Minderheit besteht seit Urzeiten. Schon in der Bibel (Matthäus 20,16 und 22,14) heißt es: Multi vocati, pauci electi – Viele sind gerufen, wenige aber auserwählt. Die Geschichte der Völker und Statten ist deshalb vor allem eine Geschichte ihrer Eliten (Kaltenbrunner).
  • Heute gilt zudem: Je komplexer und differenzierter Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, umso mehr sind wir auf Eliten (Plural!) angewiesen: auf wissenschaftliche, technologische, wirtschaftliche, künstlerische, intellektuelle, religiöse, pädagogische. (Daß es etwa auch erotische und kriminelle Eliten gibt, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.)
  • Und: Eliten gibt es nun einmal in allen Systemen – seien sie aristokratisch, monarchisch, diktatorisch oder demokratisch. All chiefs, no indians – das funktioniert nirgends.
Deshalb geht es nicht ohne Elite – nicht ohne Auswahl der Besten und Fähigsten, ohne eine Auswahl, wie sie ja im lateinischen Wort „eligere“ (= „auswählen“) zum Ausdruck gebracht wird.
 
Vor diesem Hintergrund haben wir denn doch lieber demokratische und demokratisch legitimierte Eliten, dann ist noch am ehesten garantiert, daß es sich hier um eine Elite der zumindest näherungsweise Besten handelt.
 
Demokratie und Elite – das ist kein unversöhnlicher Gegensatz, sondern wechselseitige Bedingung. Eine unmittelbare Herrschaft des Volkes ohne Elite wäre eine reichlich weltfremde, zumindest naive Vorstellung.
 
Auch und gerade Demokratie darf nicht zum Diktat des Durchschnitts werden. Eine permanent wechselnde Kursbestimmung nach den Ergebnissen der Meinungsforschung wäre eine Vulgarisierung des Politischen; das Zählen von Meinungen ersetzt nun einmal nicht deren ideelle und intellektuelle Reflexion. In diesem Sinne hat Karl Mannheim auch heute recht: Der politische Kurs darf kein arithmetisches Mittel, sondern er muß die Frucht eines theoretischen Ringens um die richtige Richtung sein; und er muß die relativ richtigen Elemente rivalisierender Theorien integrieren. Das vermögen aber nur Spitzenleute zu leisten.
 
Radikal-demokratische Vorstellungen von der unmittelbaren Herrschaft des Volkes sind zumal in einer hochkomplexen Welt und in einer Welt des explodierenden Wissens eben nicht von dieser Welt. Aus Demokratie darf jedenfalls keine Versammlung gleich Mittelmäßiger oder gar ein „Konvent von ungefähr gleich Unwissenden“ werden. In seiner Schrift „Die Verachtung der Massen“ hat Peter Sloterdijk 1999 eindringlich vor dieser Gefahr gewarnt.
 
Eine solchermaßen zur Gleichheit verurteilte Gesellschaft wäre zur Stagnation verurteilt. Demokratie kann deshalb auch im 21. Jahrhundert nur bedeuten: Die Mehrheit entscheidet, welche Minderheit - auswechselbar - für eine bestimmte Zeit regiert.
 
Das hat nichts mit geschlossenen Macht- oder Familien-Clans zu tun, in denen das einzige Kriterium zur Positionierung quasi-elitären Nachwuchses Geburt, Geschlecht, Geldbeutel und Gesinnung sind. Eine solche Elite, die sich abkapselt oder nur ihre Privilegien pflegt, ist erfahrungsgemäß auch bald weg vom Fenster.
 
Deshalb muß jede Gesellschaft – zumal eine demokratische - offen sein für neue Eliten, in der die Mechanismen der Allokation von Elite transparent sind und in der Eliten auswechselbar bleiben. Joseph Alois Schumpeter nennt gerade die Auswechselbarkeit in seinem 1942 in den USA erschienenen Klassiker mit dem Titel „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ die „lebenswichtige Tatsache der Führung“. Der Vorteil der Demokratie dabei sei, daß sie den Austausch von Eliten ohne Blutvergießen ermögliche.
 
Wer legitimerweise die herrschende Minderheit ist, darüber gilt es zu streiten. Bloße Macht-Elite oder blanker Geldadel kann es nicht sein. Bloße Funktionselite darf es auch nicht sein, denn wertfreie Eliten sind keine Eliten. Eine Leistungs- und Verantwortungselite muß es sein, die zugleich Reflexions- und Werte-Elite ist – letzteres aber hoffentlich nicht als bloße Veto-Elite.
 
Das ist kein abgehobenes Plädoyer für Platons Vorstellung, derzufolge eine Polis nur dann gut sein könne, wenn entweder die Könige Philosophen sind oder Philosophen Könige. Aber ein wenig mehr Intellektualität und Idealismus möge schon sein. Engagement allein reicht nicht als Merkmal von Elite, Erkenntnis und Weisheit sollen hinzukommen. Das ist ja auch die große Sünde vieler sogenannter Intellektueller, daß sie Engagement oder gar Gesinnung an die Stelle von Wahrheit setzen.
 
Aber auch der dynamisch zupackende Pragmatismus einer Realpolitik macht noch keine Elite aus. Denn hier rangiert das Reflektieren oft genug hinter dem Handeln. Sondern gefragt ist eine Verschränkung von „Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn“ (Robert Musil).
 
Dies sollte – abseits aller Wahltaktik – auch für die politische Machtelite gelten. Für sie sollte zugleich Max Webers Unterscheidung zwischen dem Gesinnungsethiker und dem Verantwortungsethiker gelten. Während sich der Gesinnungsethiker nur dafür verantwortlich fühle, daß die Flamme der reinen Gesinnung … nicht erlösche, bedenke der Verantwortungsethiker stets auch die Motive und Ergebnisse seines Handelns.
 
Ansonsten ließe sich mit dem Gegensatzpaar Gesinnung versus Verantwortung die gesamte Intellektuellen-Szene beschreiben. Gesinnungs-Intellektuelle gibt es zuhauf. Es sind diejenigen, die die Menschen nicht besser verstehen, sondern mit Gleichheit erlösen wollen.
 
Ein Robespierre wünschte sich gar die "heilige" Gleichheit, manche der von ihm angeführten Jakobiner wollten im Gleichheitseifer gar die Kirchtürme schleifen, weil diese ungleich seien. Wo dies endete, ist bekannt: wenig später fiel Robespierres eigener Kopf unter der Guillotine.
 
Im Grunde genommen provoziert eine „heilige“ Gleichheit aber eine Gefahr für die Demokratie, die schon Alexis de Toqueville beschrieb: Der Wille zur Freiheit erlahme nämlich in dem Moment, wo Gleichheit den Vorrang vor Freiheit erringe. Den Menschen sei das sehr recht, denn Freiheit wolle stets aufs neue mühsam erarbeitet werden, Gleichheit aber biete ihre Genüsse von selbst dar. Und deshalb erweist sich Dostoijewskis „Großinquisitor“ im 5. Kapitel seines Romans „Die Brüder Karamasow“ als glänzender Psychologie, wenn er zum gefangengenommen Jesus sagt: Der Mensch sei für die Freiheit nicht geschaffen; die wahre Erlösung des Menschen bestehe vielmehr darin, ihm die schreckliche Last der Freiheit abzunehmen, ihn unfrei und dadurch glücklich zu machen.
 
Wohl deshalb hat eine Egalitäts-Elite immer die Nase vorne, aber vermutlich auch deshalb, weil durch das andere gesellschaftspolitische  Lager - das nicht-linke - ein diffuser Anti-Intellektualismus wabert und weil dort – verkleidet hinter Pragmatismus und Realpolitik – das Denken hinter dem Handeln rangiert.
 
Nichts wäre also im Interesse der Pluralität intellektueller Eliten notwendiger als ein konservativ-liberaler Gegenbegriff zu „linken“ Vorstellungen von intellektueller Elite. Freilich ist es erheblich schwieriger, konservativ-liberale Intellektuelle zu finden, denn konservativ-liberales Denken orientiert sich nun einmal stärker am Konkreten als am Denkbaren, es will nicht verändern um der Veränderung willen, sondern es will kontrolliert zum Zwecke der Verbesserung der Umstände verändern. Konservativ-liberales Denken ist auch nicht geprägt von einem euphorischen Radikalismus, sondern von einem ausgesprochenen Skeptizismus gegenüber allen Visionen einer Perfektibilität des Menschen und seiner Gesellschaften. Skeptiker ist einer ja deshalb, weil er nicht um die eine Wahrheit zu wissen glaubt, sondern weil er um verschiedene Wahrheiten der „condition humana“ und um die Unvollkommenheit des Menschen im Diesseits weiß.
 
Schwierig, konservativ-liberale Elite zu finden, ist es schließlich deshalb, weil konservativ-liberale Intellektuelle von interessierter Seite oft dem Generalverdacht des Anti-Demokratischen, wenn nicht gar des Faschistoiden ausgesetzt werden. Dafür hat das Klima einer spießigen „Political Correctness“ gesorgt, der alles rechts von Angela Merkel bereits verdächtig ist. Konservativ-liberale Intellektuelle sind bei konservativ-liberalen Regierungen deshalb in der Regel auch weniger beliebt als progressive Intellektuelle bei den ihnen wohlgesonnenen Regierungen.
 
Wie auch immer: Vor dem Hintergrund einer Verpflichtung von Eliten auf eine Ethik der Verantwortung kann selbst Ungleichheit gerecht sein – nämlich dann, wenn Elite allen, gerade auch Schwächeren, nützt, wenn das Handeln von Eliten quasi zu einem „inequality surplus“, zu einem Mehrwert führt. Daß dreißig Prozent der Deutschen sechzig Prozent der Steuern zahlen, ist insofern korrekt. Denn Elite zu sein bedeutet schließlich Sozialpflichtigkeit des eigenen Handelns und des eigenen Status. Nicht umsonst steht in Artikel 14 des Grundgesetzes: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“
 
Das sind hohe Ansprüche, die nur erfüllbar sind, wenn Politik und Wirtschaft wieder mehr geprägt werden von der Macht des Geistes statt vom Ungeist der Macht. Ein diffuser Anti-Intellektualismus hilft keiner Demokratie weiter. Und umgekehrt ist eine Demokratie dann in größter Gefahr, wenn ihr die intellektuelle Elite die Loyalität entzieht. Nein, Demokratie braucht die - durchaus kritische - Sympathie Intellektueller, aber nicht deren klammheimliche Genugtuung ob gesellschaftlicher Mißstände. Mit ihrer intellektuellen Autorität sollten Intellektuelle eben auch Hüter der Demokratie sein. Andernfalls hat Demokratie auf Dauer keine Überlebenschance.
 
Nehmen wir die nur ganze 14 Jahre währende Weimarer Republik: Dort hatte es sowohl der Idee Demokratie und als auch der real praktizierten Demokratie an der Loyalität der Intellektuellen gefehlt: vonseiten der Konservativen wie auch vonseiten der Linksintellektuellen. Und damals wie heute hat man den Eindruck, gerade Intellektuelle weiden sich an gesellschaftlichen Krisen mit Genugtuung.
 
Eine Demokratie braucht jedenfalls Spitzenkräfte in allen Bereichen. Die renommierte FAZ-Bildungsjournalistin Heike Schmoll hat skizziert, welche ideellen Ansprüche an diese Spitzenleute zu stellen sind. Aus ihrem höchst lesenswerten Buch „Lob der Elite – Warum wir sie brauchen“ ist eine anspruchsvolle Konzeption einer humanistisch geprägten Elite geworden. Schmoll stellt sich unter Elite Leistungs- und Verantwortungsträger vor,
  • die Ausnahmezustände sehr schnell begreifen,
  • die aus ihrer historisch-kulturellen Unterkellerung heraus die Legitimität vorhandener oder zukünftiger Umstände reflektieren.
Dem ist uneingeschränkt beizupflichten, denn der real existierenden Funktionselite fehlt es zum Teil an einem solchen kulturellen, ethischen oder intellektuellen Anspruch. Deshalb kommt es ja immer wieder zu einer Entfremdung zwischen Funktions-Eliten und Reflexions-Eliten.
 
Besser noch wäre es, Leistungsträger wären in Personalunion zugleich hochgebildete Reflexionseliten, die aus einer Gesamtschau heraus Orientierungen in Zeiten der Beliebigkeit und der Gleich-Gültigkeit vorleben.
 
Wir brauchen zudem ein Verständnis von Elite, bei dem neben dem Karrieregedanken die Gedanken des Dienens, des Respekts und des Takts eine maßgebliche Rolle spielen. Das gilt zumal für Macht-Eliten, deren Spitzen nicht umsonst „Minister“ (von lateinisch ministrare = dienen) heißen.
 
Plakativ könnte man sagen: Elite
  • heißt Verdient-Machen durch „öffentlichen Dienst“ und durch ein „Ethos des Dienstes am Gemeinwohl“ (Max Weber),
  • heißt, „Treuhänder“ der Allgemeinheit (Gerd-Klaus Kaltenbrunner) zu sein,
  • heißt, Respekt zu haben vor anderen, die begründet anders urteilen,
  • heißt auch, taktvoll umzugehen mit denen, die bestimmte Leistungen nicht erbringen können.
So gesehen, verbindet sich Elite mit charakterlicher Integrität. Denn solche Elite schert sich nicht um die blendende Ausstrahlung des Machers, sondern sie fordert –an Selbstdisziplin und Askese durchaus ein Vorbild - im Sinne Ortega y Gassets von sich selbst mehr als von den anderen.
 
Für solche Leute gilt Theodor Adornos Spruch: „Elite mag man in Gottes Namen sein; niemals darf man als solche sich fühlen.“ Das ist etwas völlig anderes als bloße gefühlte Elite. Solchen Leute – in Adornos Sinne - wäre das sog. Volk auch bereit zu folgen.
 
Wäre da nicht wieder der typisch deutsche Anti-Elite-Reflex! Gerade den Deutschen nämlich fehlt es – anders als Amerikanern, die Engländern oder Franzosen – am Vertrauen in Eliten und übrigens auch in Institutionen. Das ist ein nicht ungefährliches Mißtrauen, denn der berühmte Mann von der Straße kann die Chancen und Risiken etwa verschiedener Entwicklungen oder Innovationen auch nicht annähernd einschätzen, weil ihm die Grundkenntnisse fehlen. Das heißt nicht, daß Spitzen-Experten immer richtig liegen. Aber sie irren sich viel seltener als der Laie. Diejenigen, die solche Kenntnisse und Einsichten nicht haben, sollten also wenigstens die Einsicht haben, daß sie sich Einsichtigen anvertrauen sollten. Will sagen: Eliten – so sie legitime Eliten sind und so sie für ein Gemeinwesen wirken sollen – brauchen Vertrauen.
 

So weit, so gut! Wie aber Eliten gewinnen?

Vorweg: Elite-Rekrutierung durch Protektion wäre der falsche Weg, denn eine Elite, die damit quasi unter sich bliebe, bringt nichts. Und abwegig wäre es auch, bei der Gewinnung von Führungskräften der uralten Praxis zu folgen: Spitzenleute holen sich Spitzenleute, zweitklassige Leute holen sich drittklassige, und drittklassige feuern Spitzenleute. Das kann es nicht sein. (First class men hire first class men, second class men hire third class men, third class men fire first class men.)
 
Vielmehr spielen hier Erziehung und Bildung hinein. Es geht also um die Förderung von Hochbegabten. Elite und Hochbegabung sind zwar zwei Seiten – zwei Seiten aber einer Medaille. Elite – das ist die gesellschaftspolitische, wirtschaftspolitische und soziologische Seite; Hochbegabung – das ist die pädagogische und bildungspolitische Seite.
 
Beide Seiten haben miteinander zu tun, auch wenn Zugehörigkeit zu einer Elite nicht immer mit Hochbegabung einhergeht bzw. Hochbegabung nicht immer Zugehörigkeit zu einer Elite nach sich zieht. Gottlob ist das so, denn Elite sollte auch werden können, wer nicht zu den in Schule und Hochschule identifizierten Hochbegabten gehörte.
 
Außerdem ist hier echte Hochbegabung und nicht von elterlichem Ehrgeiz gefühlte Hochbegabung gemeint. Schließlich haben nicht alle hyperaktive Eltern, die bereits ihre Dreijährigen für 200 Euro monatlich Trainee-Programmen in Schnuller-Englisch sowie in Rhetorik, Ökonomie und Kommunikation aussetzen, hochbegabte Kinder.
 
Zukünftige Elite wird man auch nicht per Vertrag mit einer privaten, sog. Elite-Schule am Bodensee, in Mecklenburg oder in England garantiert bekommen. Elitär daran ist nämlich oft nur das aufzubringende Jahressalär von 25.000 bis 30.000 Euro. Und auch der vom bayerischen Kultusministerium und der Stiftung der bayerischen Wirtschaft an bestimmte Gymnasien vergebene Titel „Center of Excellence“ ist kein Elite-Garant, sondern viel Schaum.
 
Elite in dem skizzierten umfassenden Sinne zu werden bzw. zu finden kann man auch nicht bis ins letzte planen, man kann es freilich fördern. Das wache Auge von Lehrern an Schulen und Hochschulen ist hier ebenso gefordert wie das wache Auge von Wirtschaftskapitänen, Personalchefs, Spitzen der Staatsverwaltung, Publizisten und Parteiführern. Wenn diese Leute in vielerlei Hinsicht auch noch selbst Vorbilder sind, wird es ihnen sogar gelingen, angehende Spitzentalente an sich zu binden.
 

Was konkret können Bildungspolitik und Pädagogik beitragen?

Zuallererst aber müssen sich Bildungspolitik, Pädagogik und auch so manche Lehrer von dem Vorurteil frei machen, Elite, Hochbegabung und Höchstleistung seien etwas fast Unanständiges, zumindest Lästiges. Die Zeit, zu der ein Hamburger Schulsenator 1985 bei der 6. Weltkonferenz für hochbegabte und talentierte Kinder meinte, Hochbegabung erinnere ihn an die "chauvinistische Vergötzung von Hochleistung" durch Hitler, sollte jedenfalls vorbei sein.
 
Die Förderung besonders Leistungsfähiger stellt schließlich keinen Ersatz, wie häufig geargwöhnt wird, sondern eine Ergänzung einer breiten Bildung aller sowie einer besonderen Förderung Lernschwacher und Benachteiligter dar.
 
Richtig ist zudem: Während in der breiten Bildung aller vieles getan und erreicht wurde, wurde das Mögliche und Notwendige in der Hochbegabtenförderung nicht getan. Auch leidet unter der Förderung Hochbegabter die Förderung der anderen keineswegs, denn schon mit weniger als einem Promille eines öffentlichen Bildungsetats wären überzeugende Erfolge in der Hochbegabtenförderung zu erzielen - auch zum Nutzen der Gemeinschaft.
 
Andere Länder sind bzw. waren da zum Teil viel weiter. Das Land mit der längsten Tradition in puncto Hochbegabung sind die Vereinigten Staaten. In den USA gibt es Förderprogramme für Hochbegabte seit über 100 Jahren, sowohl im Elementar- wie auch im Primar-, Sekundar- und Tertiärbereich.
 
Eine Vielzahl an Einrichtungen zur Förderung besonders begabter Kinder und Jugendlicher gab es im ehemaligen Ostblock. Die vormalige DDR mag hierfür als Beispiel - nicht als Vorbild - dienen. Dort wurden circa drei bis fünf Prozent der Schüler besonders betreut, nämlich in Spezialklassen etwa für Musik, Artistik, Mathematik, Physik oder Technik.
 
In Deutschland-West bzw. im geeinten Deutschland hat sich Vergleichbares erst ab den 80er Jahren zögerlich und systematischer in den letzten drei Jahren ergeben:
  • An 50 von 2.500 Gymnasien in Deutschland, also an 2 Prozent aller Gymnasien, gibt es eigene Klassen für Hochbegabte. Ganz unumstritten sind diese Klassen freilich nicht, denn ob solche in sich geschlossenen Gruppen der Entwicklung der betreffenden Minderjährigen gut tun, ist fraglich.
  • Ansonsten haben sich – freilich nicht flächendeckend – sog. Pluskurse, Ferienakademien und Einrichtungen des Frühstudiums für besonders begabte und leistungsfähige Schüler etabliert.
Von einer flächendeckenden Versorgung mit solchen Angeboten sind wir aber weit entfernt. Wirklich breit angelegt und traditionsreich sind nur die Wettbewerbe, die sich ebenfalls als Maßnahme der Begabtenförderung verstehen, zum Beispiel: die Bundeswettbewerbe für Mathematik, Informatik und Fremdsprachen; der Wettbewerb "Jugend forscht"; die Auswahlwettbewerbe zur Internationalen Mathematik-, Physik- und Chemie-Olympiade; die Bundeswettbewerbe "Jugend musiziert" und "Jugend trainiert für Olympia".
 
Daß Hochschulen Elite fördern und bilden können, daß dies in Massenuniversitäten aber nicht immer Realität ist, dürfte bekannt sein.
 
Frankreich etwa holt sich seine Elite für Staatsverwaltung, Politik und Wirtschaft vor allem über die drei traditionellen "Grandes Écoles". Die bekannteste Elite-Uni ist die 1946 gegründete École Nationale d'Administration (ENA). Vor allem naturwissenschaftlich-mathematisch ausgerichtet ist die 1794 gegründete École Polytechnique. Dritte der Kaderschmieden ist die École Normale Superieur (ENS)
 
Vergleichbares in Deutschland haben wir nicht. Immerhin aber gibt es seit kurzem die sog. Exzellenzinitiative. Für neun deutsche Universitäten werden zum Zweck der Eliteförderung und Spitzenforschung bis 2011 knapp zwei Milliarden bereitgestellt. Das ist schon mal was, auch wenn es sich im Vergleich mit US-Spitzenuniversitäten mager ausnimmt. (In Klammern: Allein die Harvard-Universität hat ein Vermögen von 36 Milliarden.)
 
Jetzt sind bei der ersten Exzellenz-Runde von 2006 die beiden Münchner Universitäten und die Universität Karlsruhe in die Förderung aufgenommen worden. Die zweite Exzellenz-Runde von 2007 kam der TH Aachen, der FU Berlin sowie den Universitäten Heidelberg, Konstanz, Göttingen und Freiburg zugute.
 
Ab sofort gibt es zudem pro Jahr bis zu zehn Alexander-von-Humboldt-Professuren. Zielsetzung ist hier, renommierte deutsche oder ausländische Forscher anzulocken bzw. abwanderungswillige deutsche Forscher zu halten.
 
Es tut sich also etwas, und damit bleibt die Sentenz vom einzigen Rohstoff, den die Deutschen haben, nämlich dem Rohstoff Geist, nicht bloßes Sonntagsgerede.
 
Jedenfalls kann man Talente suchen und fördern. Dies gelingt am besten auf der Basis einer zunächst breiten und anspruchsvollen Förderungen möglichst vieler. Jeder halbwegs vernünftig geführte Sportverein weiß das.
 
Aber: Damit ist es nicht getan. Vielmehr bedarf es einiger konkreter Maßnahmen und veränderter Sichtweisen, damit Hochbegabtenförderung bereits in frühem Alter einsetzen kann.
 

Was kann Schule tun?

Talente zu finden gelingt dann,
  • wenn Erzieher und Lehrer für Spitzenbegabungen einen Blick haben;
  • wenn sie sich ihnen verantwortlich fühlen und deren Begabungen nicht als ungerechte Laune der Natur oder als ungerechtes Ergebnis ihrer familiären Herkunft sehen;
  • wenn sie sich an überragenden individuellen Fähigkeiten erfreuen können.
Sodann ist Aufklärung seitens der Schulen notwendig. Ferner ist darüber zu informieren, daß hochbegabte Kinder nicht in jedem Fall von selbst zu adäquaten Leistungen finden, sondern der individuellen Herausforderung bedürfen, um nicht dem Schicksal der Langeweile und der Anpassung an ein Mittelmaß zu unterliegen.
 
Auch müssen Lehrer für entsprechende Aufgaben qualifiziert werden, und zwar besonders hinsichtlich des Erkennens und der Möglichkeiten des Förderns.
Dazu gehört das Angebot einer fachkundigen schulischen Laufbahnberatung (zum Beispiel hinsichtlich des "Springens"), gegebenenfalls auch die über die Schule hinausreichende Bildungsberatung. Außerdem sollte auf Ebene der Regierungsbezirke je ein Fachberater für Hochbegabten- und Wettbewerbsfragen qualifiziert und ausgewiesen werden.
 
Zudem brauchen wir Forschung in Sachen Hochbegabte. Diese ist vor allem in Sachen "Begabtenidentifikation und Begabtenförderung" voranzutreiben. Es müssen außerdem Unterrichts- und Fördermodelle entwickelt und erprobt werden, die der Schule im Unterricht und in der außerunterrichtlichen Förderung dienen können.
 
Als praktikabel und wünschenswert erscheint ferner für die allgemeinbildenden und für die berufsbildenden Schulen vor allem der sogenannte Enrichment-Ansatz. Er besteht in einem Additum an Förderung. Eine solche Anreicherung könnte kontinuierlich über längere Zeiträume hinweg parallel zum regulären Unterricht angeboten werden, an Nachmittagen oder an Wochenenden, gegebenenfalls auch in Ferienkursen. Gekoppelt kann diese Förderung sein mit Wettbewerben, die überdies den Vorteil einer effektiven Identifizierung besonders Begabter haben.
 
All diese Wege sollten im allgemeinbildenden und im berufsbildenden Bildungswesen beschritten werden.
 
Lassen wir zum Schluß Karl Jaspers mit einer Bemerkung aus dem Jahr 1960 zu Wort kommen. Er schreibt: "Die Demokratie bedroht sich selber, wenn die Majorität sich gegen die Gerechtigkeit sträubt, die auch den Begabten zuteil werden sollte. Denn die Demokratie ist auf dem Wege, sich selbst das Grab zu schaufeln, wenn sie die Stärke der Selbstbehauptung des Ganzen dadurch mindert, daß sie in allen Aufgaben und Lebensbereichen, in allen menschlichen Möglichkeiten nicht die Besten zur Erscheinung und Geltung kommen läßt."
 
 

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