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Alles Elite oder was?
Über Sinn und Unsinn der Elite-Diskussion
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen
Lehrerverbandes (DL)
Eigentlich - ja: eigentlich!
– müßte man auch in Deutschland offen und unverkrampft über Elite diskutieren
können. Man kann es aber offenbar nicht. Während Franzosen oder US-Amerikaner
mit dem Begriff Elite sowie mit der Rekrutierung und Förderung von Eliten
keinerlei Probleme haben, ist Elite in Deutschland immer noch ein Reizwort –
ganz in der Nähe von „Privileg“, „Arroganz“, gerne auch assoziiert mit
reaktionär-repressiver, ja zumindest kryptofaschistischer Haltung.
Kaum macht sich jemand in
Deutschland für Elite stark, schon funktionieren die Anti-Elite-Reflexe. Das
hat wohl mit einem gerade in Deutschland besonders ausgeprägten Egalitarismus
zu tun. Hinter dieser weltfremden Negation aller Unterschiede zwischen Menschen
lauert, so mutet es an, eine schier para-religiöse Heilserwartung einer
klassenlosen und darob schon im Diesseits absolut gerechten Gesellschaft, in
der als wahrer Demokratie jede Art von Elite überflüssig sei.
Was nicht alle sind, darf
keiner sein.
Was nicht alle haben, darf
keiner haben.
Was nicht alle können, darf
keiner können.
Also soll es offenbar -
außer vielleicht im Sport und in der Musik - keine Elite geben. So einfach
ist das. Daß übrigens alle egalitären
Visionen von elitären Denkern
stammen, sei am Rande erwähnt. Ja selbst marxistische Kader verstanden bzw.
verstehen sich als eine Elite – eine Art Über-Elite, die meint, sogar die
historischen Gesetzmäßigkeiten zu kennen und in sie eingreifen zu können. Aber
daß Gleichheit pur das Ende von Gerechtigkeit ist, wissen wir spätestens seit
Nietzsche.
Ist der neue deutsche
Anti-Elitismus nur ein Déjà-vu-Erlebnis? War da nicht etwas im Zusammenhang mit
den Achtundsechzigern?
Jedenfalls durfte man
zuletzt für kurze Zeit hoffen, daß Deutschland seine Anti-Elite-Reflexe hinter
sich gelassen hat. Diese Hoffnung trog. Das Fehlverhalten einiger Top-Manager
bei Post, Siemens und vor allem in der internationalen Bankenwelt reichte aus,
um alte Affekte zu reanimieren: Elite ist schlecht, Attacke gegen Elite ist
gut.
Ein sonntägliches
TV-Talk-Ersatzparlament titelt im April 2008 (ohne Fragezeichen): „Gierig,
maßlos, arrogant – die Elite am Pranger“. Dort tritt als Allzweck-Experte ein
Bundestagsabgeordneter auf, der zu wissen glaubt, daß Elite nichts anderes
wolle, als sich und die eigenen Kinder vor dem niederen Volk abzuschotten.
Assistiert wird er von einer dynamischen Jung-Journalistin, die tatsächlich ein
paar private, angeblich elitäre Kindergärten und Schulen besucht hat und die
nun meint, der Begriff Elite hätte eigentlich mit den Begriffen Führer und
Rasse untergehen sollen.
Bereits zuvor hatten sich
Politikmagazine und Zeitungen vor allem des Boulevards reihenweise über Elite
ausgelassen: „Das Versagen der Eliten“ (Welt am Sonntag vom 17. Februar 2008),
„Elite ohne Moral“ (Stern vom 21. Februar 2008), „Die geschmähte Elite“
(Spiegel-online vom 26. Februar 2008), so oder so ähnlich lasen sich in
seltener Einmütigkeit die Überschriften.
Angeführt wird die
Anti-Elite-Elite von einem Eliteforscher aus Darmstadt, der durch die Gazetten
stürmt, um in bewußter Gleichsetzung von Elite und Konsumadel Definitionen wie
folgende zum besten zu eben: Elite sind die, die eine Jacht kaufen, im
Hochtaunus oder am Starnberger See wohnen, Golfen und Segeln gehen und deren
Kinder in Nobelbars mehrere hundert Euro für eine Flasche Champagner auf den
Tisch legen. Überhaupt, so der Herr Elite-Forscher: Elite sei undemokratisch
und deshalb anachronistisch. Schließlich begründe sich Elite in Deutschland nur
durch einen bürgerlichen Habitus und bürgerliche Umgangsformen.
Die Frage, was denn gegen
gesittete Umgangsformen einzuwenden sei und ob nicht so manches unserer
gesellschaftlichen Probleme mit einem Zuwenig an Bürgerlichkeit zu tun habe,
gehört aber wahrscheinlich nicht hierher.
Für einen anderen
Sozialwissenschaftler aus Hannover ist der zuletzt vermehrt vernehmbare Ruf
nach Elite jedenfalls die vornehmere Variante der Stammtischforderung nach dem
„starken Mann“. Sind wir also schon fast wieder so weit – bei „Napolas“ und bei
Kaderrekrutierung à la DDR?
Viel Zerrbild also! Daß es
elitäre Versager gibt, wissen wir. Und daß wir manchmal nicht nur ein
Unterschichten-, sondern auch ein Oberschichtenproblem haben, wissen wir auch.
In der zuletzt inszenierten
Rundum-Schlag-Debatte aber drängt sich gelegentlich schon der Verdacht auf,
eine bestimmte Anti-Elite habe nichts anderes im Sinn, als Elite rundweg
kompromittiert darzustellen, um sich selbst an die Stelle der von ihr
kritisierten Elite zu setzen.
Trotzdem kommt das Gezeter
um „die da oben“ gut an. Hier werden Reflexe bewußt haarscharf an einer
Neiddebatte entlang konditioniert. Ungemach droht dem Elite-Gedanken aber auch
durch seine Inflationierung. Wer im Internet „googelt“, der landet beim
Stichwort „Elite“ 160 Millionen Treffer. Computerspiele, Hotels, Sportgeräte
heißen so, sogar ein Magazin für Milcherzeuger schmückt sich mit diesem Namen.
Doch zurück zur Soziologie
von Elite und um aufkeimende Zweifel zu zerstreuen:
- Natürlich gibt es
Problem-Eliten, zum Beispiel Abzocker und Nieten in Nadelstreifen.
- Freilich gibt es die
undurchsichtigen Karriere-Netzwerke zur Beförderung von mittelprächtigen
Parteigängern in führende Positionen.
- Gewiß auch gibt es den Dünkel
von Steuerflüchtigen und Yellow-Press- „Celebrities“, die kaum von selbst
strahlen, sondern die nur strahlen, weil sie angestrahlt werden.
Aber weder pseudoelitäres
Gehabe noch der Mißbrauch von Elite durch Faschismus und Kommunismus machen
Elite überflüssig.
Vielmehr gilt:
- Der Dualismus Masse versus Minderheit besteht seit Urzeiten. Schon in
der Bibel (Matthäus 20,16 und 22,14) heißt es: Multi vocati, pauci electi –
Viele sind gerufen, wenige aber auserwählt. Die Geschichte der Völker und
Statten ist deshalb vor allem eine Geschichte ihrer Eliten (Kaltenbrunner).
- Heute gilt zudem: Je komplexer
und differenzierter Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, umso mehr sind wir
auf Eliten (Plural!) angewiesen: auf
wissenschaftliche, technologische, wirtschaftliche, künstlerische,
intellektuelle, religiöse, pädagogische. (Daß es etwa auch erotische und
kriminelle Eliten gibt, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.)
- Und: Eliten gibt es nun einmal
in allen Systemen – seien sie
aristokratisch, monarchisch, diktatorisch oder demokratisch. All chiefs, no
indians – das funktioniert nirgends.
Deshalb geht es nicht ohne Elite – nicht ohne Auswahl
der Besten und Fähigsten, ohne eine Auswahl, wie sie ja im lateinischen Wort „eligere“ (= „auswählen“) zum Ausdruck
gebracht wird.
Vor diesem Hintergrund haben
wir denn doch lieber demokratische und demokratisch legitimierte Eliten, dann
ist noch am ehesten garantiert, daß es sich hier um eine Elite der zumindest
näherungsweise Besten handelt.
Demokratie und Elite – das ist kein unversöhnlicher Gegensatz, sondern
wechselseitige Bedingung. Eine unmittelbare Herrschaft des Volkes ohne Elite wäre eine reichlich
weltfremde, zumindest naive Vorstellung.
Auch und gerade Demokratie
darf nicht zum Diktat des Durchschnitts
werden. Eine permanent wechselnde Kursbestimmung nach den Ergebnissen der
Meinungsforschung wäre eine Vulgarisierung des Politischen; das Zählen von
Meinungen ersetzt nun einmal nicht deren ideelle und intellektuelle Reflexion.
In diesem Sinne hat Karl Mannheim auch
heute recht: Der politische Kurs darf kein arithmetisches Mittel, sondern er
muß die Frucht eines theoretischen Ringens um die richtige Richtung sein; und
er muß die relativ richtigen Elemente rivalisierender Theorien integrieren. Das
vermögen aber nur Spitzenleute zu leisten.
Radikal-demokratische
Vorstellungen von der unmittelbaren Herrschaft des Volkes sind zumal in einer
hochkomplexen Welt und in einer Welt des explodierenden Wissens eben nicht von
dieser Welt. Aus Demokratie darf jedenfalls keine Versammlung gleich Mittelmäßiger oder gar ein „Konvent von ungefähr
gleich Unwissenden“ werden. In seiner Schrift „Die Verachtung der Massen“ hat
Peter Sloterdijk 1999 eindringlich
vor dieser Gefahr gewarnt.
Eine solchermaßen zur
Gleichheit verurteilte Gesellschaft wäre zur Stagnation verurteilt. Demokratie
kann deshalb auch im 21. Jahrhundert nur bedeuten: Die Mehrheit entscheidet,
welche Minderheit - auswechselbar - für eine bestimmte Zeit regiert.
Das hat nichts mit
geschlossenen Macht- oder Familien-Clans zu tun, in denen das einzige Kriterium
zur Positionierung quasi-elitären Nachwuchses Geburt, Geschlecht, Geldbeutel und Gesinnung sind. Eine solche
Elite, die sich abkapselt oder nur ihre Privilegien pflegt, ist erfahrungsgemäß
auch bald weg vom Fenster.
Deshalb muß jede
Gesellschaft – zumal eine demokratische - offen
sein für neue Eliten, in der die Mechanismen der Allokation von Elite
transparent sind und in der Eliten auswechselbar bleiben. Joseph Alois
Schumpeter nennt gerade die Auswechselbarkeit in seinem 1942 in den USA
erschienenen Klassiker mit dem Titel „Kapitalismus,
Sozialismus und Demokratie“ die „lebenswichtige Tatsache der Führung“.
Der Vorteil der Demokratie dabei sei, daß sie den Austausch von Eliten
ohne Blutvergießen ermögliche.
Wer legitimerweise die
herrschende Minderheit ist, darüber gilt es zu streiten. Bloße Macht-Elite oder
blanker Geldadel kann es nicht sein. Bloße Funktionselite darf es auch nicht
sein, denn wertfreie Eliten sind keine Eliten. Eine Leistungs- und Verantwortungselite muß es sein, die zugleich Reflexions- und Werte-Elite ist –
letzteres aber hoffentlich nicht als bloße Veto-Elite.
Das ist kein abgehobenes
Plädoyer für Platons Vorstellung,
derzufolge eine Polis nur dann gut sein könne, wenn entweder die Könige
Philosophen sind oder Philosophen Könige. Aber ein wenig mehr Intellektualität
und Idealismus möge schon sein. Engagement allein reicht nicht als Merkmal von
Elite, Erkenntnis und Weisheit sollen hinzukommen. Das ist ja auch die große
Sünde vieler sogenannter Intellektueller, daß sie Engagement oder gar Gesinnung
an die Stelle von Wahrheit setzen.
Aber auch der dynamisch
zupackende Pragmatismus einer Realpolitik macht noch keine Elite aus. Denn hier
rangiert das Reflektieren oft genug hinter dem Handeln. Sondern gefragt ist
eine Verschränkung von „Wirklichkeits-
und Möglichkeitssinn“ (Robert Musil).
Dies sollte – abseits aller
Wahltaktik – auch für die politische Machtelite gelten. Für sie sollte zugleich
Max Webers Unterscheidung zwischen
dem Gesinnungsethiker und dem Verantwortungsethiker gelten. Während
sich der Gesinnungsethiker nur dafür verantwortlich fühle, daß die Flamme der
reinen Gesinnung … nicht erlösche, bedenke der Verantwortungsethiker stets auch
die Motive und Ergebnisse seines Handelns.
Ansonsten ließe sich mit dem
Gegensatzpaar Gesinnung versus Verantwortung die gesamte
Intellektuellen-Szene beschreiben. Gesinnungs-Intellektuelle gibt es zuhauf. Es
sind diejenigen, die die Menschen nicht besser verstehen, sondern mit
Gleichheit erlösen wollen.
Ein Robespierre wünschte sich gar die "heilige" Gleichheit,
manche der von ihm angeführten Jakobiner wollten im Gleichheitseifer gar die
Kirchtürme schleifen, weil diese ungleich seien. Wo dies endete, ist bekannt:
wenig später fiel Robespierres eigener Kopf unter der Guillotine.
Im Grunde genommen
provoziert eine „heilige“ Gleichheit aber eine Gefahr für die Demokratie, die
schon Alexis de Toqueville beschrieb:
Der Wille zur Freiheit erlahme nämlich in dem Moment, wo Gleichheit den Vorrang
vor Freiheit erringe. Den Menschen sei das sehr recht, denn Freiheit wolle
stets aufs neue mühsam erarbeitet werden, Gleichheit aber biete ihre Genüsse
von selbst dar. Und deshalb erweist sich Dostoijewskis
„Großinquisitor“ im 5. Kapitel seines Romans „Die Brüder Karamasow“ als
glänzender Psychologie, wenn er zum gefangengenommen Jesus sagt: Der Mensch sei
für die Freiheit nicht geschaffen; die wahre Erlösung des Menschen bestehe
vielmehr darin, ihm die schreckliche Last der Freiheit abzunehmen, ihn unfrei
und dadurch glücklich zu machen.
Wohl deshalb hat eine
Egalitäts-Elite immer die Nase vorne, aber vermutlich auch deshalb, weil durch
das andere gesellschaftspolitische Lager
- das nicht-linke - ein diffuser Anti-Intellektualismus wabert und weil dort –
verkleidet hinter Pragmatismus und Realpolitik – das Denken hinter dem Handeln
rangiert.
Nichts wäre also im
Interesse der Pluralität intellektueller Eliten notwendiger als ein konservativ-liberaler Gegenbegriff zu
„linken“ Vorstellungen von intellektueller Elite. Freilich ist es erheblich
schwieriger, konservativ-liberale Intellektuelle zu finden, denn
konservativ-liberales Denken orientiert sich nun einmal stärker am Konkreten
als am Denkbaren, es will nicht verändern um der Veränderung willen, sondern es
will kontrolliert zum Zwecke der Verbesserung der Umstände verändern.
Konservativ-liberales Denken ist auch nicht geprägt von einem euphorischen
Radikalismus, sondern von einem ausgesprochenen Skeptizismus gegenüber allen
Visionen einer Perfektibilität des Menschen und seiner Gesellschaften.
Skeptiker ist einer ja deshalb, weil er nicht um die eine Wahrheit zu wissen
glaubt, sondern weil er um verschiedene Wahrheiten der „condition humana“ und
um die Unvollkommenheit des Menschen im Diesseits weiß.
Schwierig, konservativ-liberale Elite zu finden,
ist es schließlich deshalb, weil konservativ-liberale Intellektuelle von
interessierter Seite oft dem Generalverdacht des Anti-Demokratischen, wenn
nicht gar des Faschistoiden ausgesetzt werden. Dafür hat das Klima einer
spießigen „Political Correctness“ gesorgt, der alles rechts von Angela Merkel
bereits verdächtig ist. Konservativ-liberale Intellektuelle sind bei
konservativ-liberalen Regierungen deshalb in der Regel auch weniger beliebt als
progressive Intellektuelle bei den ihnen wohlgesonnenen Regierungen.
Wie auch immer: Vor dem
Hintergrund einer Verpflichtung von Eliten auf eine Ethik der Verantwortung
kann selbst Ungleichheit gerecht
sein – nämlich dann, wenn Elite allen, gerade auch Schwächeren, nützt, wenn das
Handeln von Eliten quasi zu einem „inequality surplus“, zu einem Mehrwert führt. Daß dreißig Prozent der
Deutschen sechzig Prozent der Steuern zahlen, ist insofern korrekt. Denn Elite
zu sein bedeutet schließlich Sozialpflichtigkeit des eigenen Handelns und des
eigenen Status. Nicht umsonst steht in Artikel 14 des Grundgesetzes: „Eigentum
verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“
Das sind hohe Ansprüche, die
nur erfüllbar sind, wenn Politik und Wirtschaft wieder mehr geprägt werden von
der Macht des Geistes statt vom Ungeist der Macht. Ein diffuser
Anti-Intellektualismus hilft keiner Demokratie weiter. Und umgekehrt ist eine
Demokratie dann in größter Gefahr, wenn ihr die intellektuelle Elite die
Loyalität entzieht. Nein, Demokratie braucht die - durchaus kritische -
Sympathie Intellektueller, aber nicht deren klammheimliche Genugtuung ob
gesellschaftlicher Mißstände. Mit ihrer intellektuellen Autorität sollten
Intellektuelle eben auch Hüter der Demokratie sein. Andernfalls hat Demokratie
auf Dauer keine Überlebenschance.
Nehmen wir die nur ganze 14
Jahre währende Weimarer Republik:
Dort hatte es sowohl der Idee Demokratie und als auch der real praktizierten
Demokratie an der Loyalität der
Intellektuellen gefehlt: vonseiten der Konservativen wie auch vonseiten der
Linksintellektuellen. Und damals wie heute hat man den Eindruck, gerade
Intellektuelle weiden sich an gesellschaftlichen Krisen mit Genugtuung.
Eine Demokratie braucht
jedenfalls Spitzenkräfte in allen
Bereichen. Die renommierte FAZ-Bildungsjournalistin Heike Schmoll hat skizziert, welche ideellen Ansprüche an diese
Spitzenleute zu stellen sind. Aus ihrem höchst lesenswerten Buch „Lob der Elite – Warum wir sie brauchen“
ist eine anspruchsvolle Konzeption einer humanistisch geprägten Elite geworden.
Schmoll stellt sich unter Elite Leistungs- und Verantwortungsträger vor,
- die Ausnahmezustände sehr
schnell begreifen,
- die aus ihrer
historisch-kulturellen Unterkellerung heraus die Legitimität vorhandener oder
zukünftiger Umstände reflektieren.
Dem ist uneingeschränkt
beizupflichten, denn der real existierenden Funktionselite fehlt es zum Teil an
einem solchen kulturellen, ethischen oder intellektuellen Anspruch. Deshalb
kommt es ja immer wieder zu einer Entfremdung
zwischen Funktions-Eliten und Reflexions-Eliten.
Besser noch wäre es,
Leistungsträger wären in Personalunion zugleich hochgebildete Reflexionseliten,
die aus einer Gesamtschau heraus Orientierungen in Zeiten der Beliebigkeit und
der Gleich-Gültigkeit vorleben.
Wir brauchen zudem ein
Verständnis von Elite, bei dem neben dem Karrieregedanken die Gedanken des Dienens, des Respekts und des Takts
eine maßgebliche Rolle spielen. Das gilt zumal für Macht-Eliten, deren Spitzen
nicht umsonst „Minister“ (von lateinisch ministrare = dienen) heißen.
Plakativ könnte man sagen:
Elite
- heißt Verdient-Machen durch
„öffentlichen Dienst“ und durch ein „Ethos des Dienstes am Gemeinwohl“ (Max
Weber),
- heißt, „Treuhänder“ der
Allgemeinheit (Gerd-Klaus Kaltenbrunner) zu sein,
- heißt, Respekt zu haben vor
anderen, die begründet anders urteilen,
- heißt auch, taktvoll umzugehen
mit denen, die bestimmte Leistungen nicht erbringen können.
So gesehen, verbindet sich
Elite mit charakterlicher Integrität.
Denn solche Elite schert sich nicht um die blendende Ausstrahlung des Machers,
sondern sie fordert –an Selbstdisziplin und Askese durchaus ein Vorbild - im
Sinne Ortega y Gassets von sich selbst
mehr als von den anderen.
Für solche Leute gilt Theodor Adornos Spruch: „Elite mag man
in Gottes Namen sein; niemals darf man als solche sich fühlen.“ Das ist etwas
völlig anderes als bloße gefühlte Elite. Solchen Leute – in Adornos Sinne -
wäre das sog. Volk auch bereit zu folgen.
Wäre da nicht wieder der
typisch deutsche Anti-Elite-Reflex!
Gerade den Deutschen nämlich fehlt es – anders als Amerikanern, die Engländern
oder Franzosen – am Vertrauen in Eliten
und übrigens auch in Institutionen. Das ist ein nicht ungefährliches Mißtrauen,
denn der berühmte Mann von der Straße kann die Chancen und Risiken etwa
verschiedener Entwicklungen oder Innovationen auch nicht annähernd einschätzen,
weil ihm die Grundkenntnisse fehlen. Das heißt nicht, daß Spitzen-Experten
immer richtig liegen. Aber sie irren sich viel seltener als der Laie.
Diejenigen, die solche Kenntnisse und Einsichten nicht haben, sollten also
wenigstens die Einsicht haben, daß sie sich Einsichtigen anvertrauen sollten.
Will sagen: Eliten – so sie legitime Eliten sind und so sie für ein Gemeinwesen
wirken sollen – brauchen Vertrauen.
So weit, so gut! Wie aber Eliten
gewinnen?
Vorweg: Elite-Rekrutierung
durch Protektion wäre der falsche
Weg, denn eine Elite, die damit quasi unter sich bliebe, bringt nichts. Und
abwegig wäre es auch, bei der Gewinnung von Führungskräften der uralten Praxis zu folgen: Spitzenleute
holen sich Spitzenleute, zweitklassige Leute holen sich drittklassige, und
drittklassige feuern Spitzenleute. Das kann es nicht sein. (First class men hire
first class men, second class men hire third class men, third class men fire
first class men.)
Vielmehr spielen hier Erziehung und Bildung hinein. Es geht
also um die Förderung von Hochbegabten. Elite und
Hochbegabung
sind zwar zwei Seiten – zwei Seiten aber einer Medaille. Elite – das ist die
gesellschaftspolitische, wirtschaftspolitische und soziologische Seite;
Hochbegabung – das ist die pädagogische und bildungspolitische Seite.
Beide
Seiten haben miteinander zu tun, auch wenn Zugehörigkeit zu einer Elite nicht
immer mit Hochbegabung einhergeht bzw. Hochbegabung nicht immer Zugehörigkeit
zu einer Elite nach sich zieht. Gottlob ist das so, denn Elite sollte auch
werden können, wer nicht zu den in Schule und Hochschule identifizierten
Hochbegabten gehörte.
Außerdem ist hier echte
Hochbegabung und nicht von elterlichem Ehrgeiz gefühlte Hochbegabung gemeint.
Schließlich haben nicht alle hyperaktive Eltern, die bereits ihre Dreijährigen
für 200 Euro monatlich Trainee-Programmen in Schnuller-Englisch sowie in
Rhetorik, Ökonomie und Kommunikation aussetzen, hochbegabte Kinder.
Zukünftige Elite wird man
auch nicht per Vertrag mit einer privaten, sog. Elite-Schule am Bodensee, in Mecklenburg oder in England garantiert
bekommen. Elitär daran ist nämlich oft nur das aufzubringende Jahressalär von
25.000 bis 30.000 Euro. Und auch der vom bayerischen Kultusministerium und der
Stiftung der bayerischen Wirtschaft an bestimmte Gymnasien vergebene Titel
„Center of Excellence“ ist kein Elite-Garant, sondern viel Schaum.
Elite in dem skizzierten
umfassenden Sinne zu werden bzw. zu finden kann man auch nicht bis ins letzte
planen, man kann es freilich fördern.
Das wache Auge von Lehrern an
Schulen und Hochschulen ist hier ebenso gefordert wie das wache Auge von
Wirtschaftskapitänen, Personalchefs, Spitzen der Staatsverwaltung, Publizisten
und Parteiführern. Wenn diese Leute in vielerlei Hinsicht auch noch selbst
Vorbilder sind, wird es ihnen sogar gelingen, angehende Spitzentalente an sich
zu binden.
Was konkret können Bildungspolitik und Pädagogik
beitragen?
Zuallererst
aber müssen sich Bildungspolitik, Pädagogik und auch so manche Lehrer von dem
Vorurteil frei machen, Elite, Hochbegabung und Höchstleistung seien etwas fast
Unanständiges, zumindest Lästiges. Die Zeit, zu der ein Hamburger Schulsenator
1985 bei der 6. Weltkonferenz für hochbegabte und talentierte Kinder meinte,
Hochbegabung erinnere ihn an die "chauvinistische Vergötzung von
Hochleistung" durch Hitler, sollte jedenfalls vorbei sein.
Die
Förderung besonders Leistungsfähiger stellt schließlich keinen Ersatz, wie häufig geargwöhnt wird,
sondern eine Ergänzung einer breiten
Bildung aller sowie einer besonderen Förderung Lernschwacher und
Benachteiligter dar.
Richtig
ist zudem: Während in der breiten Bildung aller vieles getan und erreicht
wurde, wurde das Mögliche und Notwendige in der Hochbegabtenförderung nicht
getan. Auch leidet unter der Förderung Hochbegabter die Förderung der anderen
keineswegs, denn schon mit weniger als einem Promille eines öffentlichen
Bildungsetats wären überzeugende Erfolge in der Hochbegabtenförderung zu
erzielen - auch zum Nutzen der Gemeinschaft.
Andere Länder sind bzw. waren da zum Teil viel weiter. Das Land
mit der längsten Tradition in puncto Hochbegabung sind die Vereinigten Staaten.
In den USA gibt es Förderprogramme
für Hochbegabte seit über 100 Jahren, sowohl im Elementar- wie auch im Primar-,
Sekundar- und Tertiärbereich.
Eine
Vielzahl an Einrichtungen zur Förderung besonders begabter Kinder und
Jugendlicher gab es im ehemaligen
Ostblock. Die vormalige DDR mag hierfür als Beispiel - nicht als Vorbild -
dienen. Dort wurden circa drei bis fünf Prozent der Schüler besonders betreut,
nämlich in Spezialklassen etwa für Musik, Artistik, Mathematik, Physik oder
Technik.
In Deutschland-West bzw. im geeinten Deutschland hat sich
Vergleichbares erst ab den 80er Jahren zögerlich und systematischer in den
letzten drei Jahren ergeben:
- An 50 von 2.500 Gymnasien in
Deutschland, also an 2 Prozent aller Gymnasien, gibt es eigene Klassen für
Hochbegabte. Ganz unumstritten sind diese Klassen freilich nicht, denn ob
solche in sich geschlossenen Gruppen der Entwicklung der betreffenden
Minderjährigen gut tun, ist fraglich.
- Ansonsten haben sich –
freilich nicht flächendeckend – sog. Pluskurse, Ferienakademien und
Einrichtungen des Frühstudiums für besonders begabte und leistungsfähige
Schüler etabliert.
Von
einer flächendeckenden Versorgung mit solchen Angeboten sind wir aber weit
entfernt. Wirklich breit angelegt und traditionsreich sind nur die Wettbewerbe,
die sich ebenfalls als Maßnahme der Begabtenförderung verstehen, zum Beispiel:
die Bundeswettbewerbe für Mathematik, Informatik und Fremdsprachen; der
Wettbewerb "Jugend forscht"; die Auswahlwettbewerbe zur Internationalen
Mathematik-, Physik- und Chemie-Olympiade; die Bundeswettbewerbe "Jugend
musiziert" und "Jugend trainiert für Olympia".
Daß Hochschulen Elite fördern und bilden können, daß dies in
Massenuniversitäten aber nicht immer Realität ist, dürfte bekannt sein.
Frankreich
etwa holt sich seine Elite für Staatsverwaltung, Politik und Wirtschaft vor
allem über die drei traditionellen "Grandes Écoles". Die
bekannteste Elite-Uni ist die 1946 gegründete École Nationale d'Administration (ENA). Vor allem naturwissenschaftlich-mathematisch
ausgerichtet ist die 1794 gegründete École
Polytechnique. Dritte der Kaderschmieden ist die École Normale Superieur (ENS)
Vergleichbares in Deutschland haben wir nicht. Immerhin
aber gibt es seit kurzem die sog. Exzellenzinitiative.
Für neun deutsche Universitäten werden zum Zweck der Eliteförderung und
Spitzenforschung bis 2011 knapp zwei Milliarden bereitgestellt. Das ist schon
mal was, auch wenn es sich im Vergleich mit US-Spitzenuniversitäten mager
ausnimmt. (In Klammern: Allein die Harvard-Universität hat ein Vermögen von 36
Milliarden.)
Jetzt sind bei der ersten Exzellenz-Runde von 2006 die beiden Münchner Universitäten und die
Universität Karlsruhe in die Förderung aufgenommen worden. Die zweite Exzellenz-Runde von 2007 kam der
TH Aachen, der FU Berlin sowie den Universitäten Heidelberg, Konstanz,
Göttingen und Freiburg zugute.
Ab sofort gibt es zudem pro
Jahr bis zu zehn Alexander-von-Humboldt-Professuren.
Zielsetzung ist hier, renommierte deutsche oder ausländische Forscher
anzulocken bzw. abwanderungswillige deutsche Forscher zu halten.
Es tut sich also etwas, und
damit bleibt die Sentenz vom einzigen Rohstoff, den die Deutschen haben,
nämlich dem Rohstoff Geist, nicht bloßes Sonntagsgerede.
Jedenfalls kann man Talente suchen und fördern. Dies
gelingt am besten auf der Basis einer zunächst breiten und anspruchsvollen
Förderungen möglichst vieler. Jeder halbwegs vernünftig geführte Sportverein
weiß das.
Aber: Damit ist es nicht
getan. Vielmehr bedarf es einiger konkreter Maßnahmen und veränderter
Sichtweisen, damit Hochbegabtenförderung bereits in frühem Alter einsetzen
kann.
Was kann Schule tun?
Talente zu finden gelingt
dann,
- wenn Erzieher und Lehrer für
Spitzenbegabungen einen Blick haben;
- wenn sie sich ihnen
verantwortlich fühlen und deren Begabungen nicht als ungerechte Laune der Natur
oder als ungerechtes Ergebnis ihrer familiären Herkunft sehen;
- wenn sie sich an überragenden
individuellen Fähigkeiten erfreuen können.
Sodann ist Aufklärung
seitens der Schulen notwendig. Ferner ist darüber zu informieren, daß
hochbegabte Kinder nicht in jedem Fall von selbst zu adäquaten Leistungen
finden, sondern der individuellen Herausforderung bedürfen, um nicht dem
Schicksal der Langeweile und der Anpassung an ein Mittelmaß zu unterliegen.
Auch müssen Lehrer für
entsprechende Aufgaben qualifiziert werden, und zwar besonders hinsichtlich des
Erkennens und der Möglichkeiten des Förderns.
Dazu
gehört das Angebot einer fachkundigen schulischen Laufbahnberatung (zum Beispiel
hinsichtlich des "Springens"), gegebenenfalls auch die über die
Schule hinausreichende Bildungsberatung. Außerdem sollte auf Ebene der
Regierungsbezirke je ein Fachberater für Hochbegabten- und Wettbewerbsfragen
qualifiziert und ausgewiesen werden.
Zudem brauchen wir Forschung in Sachen Hochbegabte. Diese ist vor allem in Sachen
"Begabtenidentifikation und Begabtenförderung" voranzutreiben. Es
müssen außerdem Unterrichts- und Fördermodelle entwickelt und erprobt werden,
die der Schule im Unterricht und in der außerunterrichtlichen Förderung dienen
können.
Als
praktikabel und wünschenswert erscheint ferner für die allgemeinbildenden und
für die berufsbildenden Schulen vor allem der sogenannte Enrichment-Ansatz. Er besteht in einem Additum an Förderung. Eine
solche Anreicherung könnte kontinuierlich über längere Zeiträume hinweg
parallel zum regulären Unterricht angeboten werden, an Nachmittagen oder an
Wochenenden, gegebenenfalls auch in Ferienkursen. Gekoppelt kann diese
Förderung sein mit Wettbewerben, die überdies den Vorteil einer effektiven
Identifizierung besonders Begabter haben.
All
diese Wege sollten im allgemeinbildenden und im berufsbildenden
Bildungswesen beschritten werden.
Lassen
wir zum Schluß Karl Jaspers mit
einer Bemerkung aus dem Jahr 1960 zu Wort kommen. Er schreibt: "Die
Demokratie bedroht sich selber, wenn die Majorität sich gegen die Gerechtigkeit
sträubt, die auch den Begabten zuteil werden sollte. Denn die Demokratie ist
auf dem Wege, sich selbst das Grab zu schaufeln, wenn sie die Stärke der
Selbstbehauptung des Ganzen dadurch mindert, daß sie in allen Aufgaben und
Lebensbereichen, in allen menschlichen Möglichkeiten nicht die Besten zur
Erscheinung und Geltung kommen läßt."
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