DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Interview aus DIE WELT vom 28. Oktober 2003

"Einschulung Fünfjähriger völlig überzogen"

Präsident des Deutschen Lehrerverbandes attackiert Stoibers Reformpläne


Bayerns Landesregierung debattiert zurzeit über ihr künftiges Regierungsprogramm. Großen Veränderungsbedarf sieht Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) offenbar im Bildungsbereich. Mit dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, dem bayerischen Oberstudiendirektor Josef Kraus, sprach Joachim Peter über die Reformpläne.

DIE WELT: Fünfjährige Kinder sollen künftig eingeschult werden, und das Abitur soll um ein Jahr verkürzt werden. Überdies will die Landesregierung die Lehrer auch nachmittags in die Schule schicken. Erfindet Bayern die Schule neu?

Josef Kraus:
Ministerpräsident Edmund Stoiber fürchtet offenbar, dass Bayern bei Reformen hinterherhinken und sein Macherimage leiden könnte. Die Schule in Bayern hat aber schon so manche Reform überdauert und bei Pisa gut abgeschnitten - das beruhigt mich sehr.

DIE WELT:
 Sind Fünfjährige überhaupt schon dazu fähig, die erste Klasse der Grundschule zu besuchen?

Kraus: Nur begrenzt. Es gibt ganz sicher Kinder, die könnte man in diesem frühen Alter einschulen, der Großteil aber ist damit überfordert. Dort, wo Fünfjährige in Europa eingeschult werden, handelt es sich doch letztlich nur um ein Kindergartenjahr mit Bildungsansätzen.

DIE WELT:  Der Vergleich mit anderen europäischen Nationen scheint das Hauptargument der Landesregierung für die Reform zu sein. Erfolgt die Einschulung hier zu Lande tatsächlich zu spät?

Kraus: Wir haben bei der Einschulung einen Altersdurchschnitt von 6,8 Jahren. Daher wäre es ein großer Fortschritt, wenn man in Zukunft einen Durchschnitt von sechs Jahren erreichte - damit läge man schon im internationalen Mittelbereich. Aber ich bleibe dabei: Es ist völlig überzogen, wenn wir Fünfjährige einschulen. Stattdessen schlage ich vor, den Bildungsauftrag der Kindergärten zu stärken. Das würde zur Folge haben, dass sich Kinder im dritten Kindergartenjahr nicht mehr langweilen.

DIE WELT:
Was halten Sie denn von den Plänen, das zwölfjährige Abitur in Bayern flächendeckend einzuführen?

Kraus: Das ist der falsche Weg, denn diese Maßnahme geht klar auf Kosten der schulischen Qualität. In einer verkürzten Schulzeit können wir nicht das leisten, was wir bisher leisten. Gerade auch solche Aktivitäten wie ein internationaler schulischer Austausch oder das Mitwirken in einer Musikgruppe sind dann gefährdet - all das muss doch zum schulischen Alltag gehören. Im Übrigen habe ich den Verdacht, dass die Landesregierung mit der Amputation des Gymnasiums auch das Problem des fehlenden Lehrernachwuchses kompensiert.

DIE WELT: Darf Bayern bei der Bildung sparen, wie von Stoiber offensichtlich beabsichtigt?

Kraus: Bayern gefährdet damit seine Spitzenposition im nationalen und internationalen Vergleich. Wenn stets gesagt wird, in Bayern genieße Bildung und Forschung Priorität, muss man diesen Bereich auch von Sparmaßnahmen ausnehmen.

© 2003 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 DL-HomeSeitenanfang