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Aus dem
RHEINISCHEN MERKUR vom 1. Februar 2007
WELCHE SCHULE BRAUCHEN WIR?
In Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Hamburg geht der Trend mithilfe
der CDU zur Einheitsschule. Ein guter Weg oder zu viele Kompromisse?
Auf dem Rücken der Schüler
Verrat guter Prinzipien
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Die
Schulleistungsstudie PISA ist gewiss für vielerlei
Legendenbildungen missbraucht worden. Zwei Fakten aber stehen fest:
Erstens: Deutschland
rangiert - jedenfalls bislang - international nur im Mittelfeld.
Zweitens: Die einzigen deutschen
Länder, die international mithalten können, sind die mit der
eindeutigen
Differenzierung nach Schulformen. Das heißt, je mehr ein
Bundesland schulisch vereinheitlicht hat, desto schwächer
schneidet es ab. Hamburg und
Bremen sind in der PISA-Tabelle nicht weit von Verlierern Brasilien,
Türkei und Mexiko entfernt. Bayern liegt nahe beim PISA-Sieger
Finnland.
Von
diesen Tatsachen unbeeindruckt, forcieren SPD,
Bündnisgrüne, die PDS, Gewerkschaften und etliche
Bildungswissenschaftler die Etablierung einer einheitlichen Schule –
mag sie nun Gesamtschule, Gemeinschaftsschule, Stadtteil- oder
Bürgerschule
heißen. Neu allerdings ist, dass jetzt auch die CDU vom Norden
der Republik her
schulpolitisch auf Vereinheitlichungskurs eingeschwenkt ist.
Beispiel Schleswig-Holstein:
Die CDU stimmte zu, eine alle Bildungsgänge umfassende
Gemeinschaftsschule und eine
Regionalschule zu etablieren. Bei der Regionalschule handelt sich um
eine Integration von
Real- und Hauptschule. Das entsprechende Gesetz wurde am 24. Januar
von der schwarz-roten Koalition verabschiedet. Ein Aktionsbündnis
aus Eltern, Lehrerverbänden und Schülern will mittels
Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid insbesondere
dafür sorgen, dass das dreigliedrige Schulsystem erhalten und
ausgebaut wird.
Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Dort trägt die CDU, ebenfalls in Großer
Koalition, eine Gemeinschaftsschule als kleine, die Real- und Hauptschule
umfassende Gesamtschule mit. Pikanterweise stellt sie den Kultusminister, der
selbige zu realisieren hat.
Beispiel Bremen:
Die CDU regiert seit 1995 in Großer Koalition mit. Schulpolitische Spuren
hat sie in dieser Zeit nicht hinterlassen. Aber in einer Bilanzbroschüre, die
den Wahlkampf zu den Wahlen am 13. Mai 2007 einleiten soll, hebt sie hervor,
dass sie an der Einführung einer die Real- und Hauptschulen umfassenden
Sekundarschule mitgewirkt habe.
Beispiel Hamburg:
Die CDU, wiewohl allein regierend, will nur
noch zwei Schulformen haben: ein Gymnasium und eine Stadtteilschule. Beide
Schulformen sollen, bei freier Elternwahl, bis zum Abitur führen.
Mit
diesen Schulgesetzen torpedieren Teile der CDU die
bisherigen Grundsätze christdemokratischer Schulpolitik.
Allerdings scheinen
viele norddeutsche Christdemokraten nicht wahrhaben zu wollen, welche
Entwicklungen mit einer Gemeinschaftsschule oder einem zweigliedrigen
Schulwesen in Gang gesetzt werden. Erstens
provoziert die Zweigliedrigkeit gerade in Großstädten eine
Flucht begabterer Kinder ohne gymnasiale Eignung aufs Gymnasium. Das
wird dazu führen, dass die Zweigliedrigkeit de
facto zu einem System mit zwei Gesamtschulen werden wird: eine mit dem
Türschild
„Gymnasium“ und eine mit dem Türschild „Stadtteilschule
beziehungsweise „Gemeinschaftsschule“. Zweitens wird
sich vom Gymnasium her die Flucht auf Privatschulen und damit die
soziale Selektivität des Schulwesens verstärken. Drittens
wird die nichtgymnasiale
Schulsäule den Förderbedürfnissen schwächerer
Schüler keineswegs gerecht. Wer
die Hauptschule abschafft, hat damit ja nicht diejenige
Schülerklientel abgeschafft, die einer besonderen Förderung
bedarf, wie sie eine hoch differenzierte Hauptschulpädagogik
bietet. Viertens – dies gilt im Besonderen für das Modell der CDU
Hamburg:
Wer die beruflichen Gymnasien
in die Stadtteilschule integriert, schwächt das berufsbildende
Schulwesen, indem er es einer
wichtigen Vollzeitschule beraubt; die Berufsschule wird
marginalisiert.
Insbesondere
in Kiel und in Hamburg nennen ihre Modelle
reichlich euphorisiert „historische Kompromisse“. Was an diesem
Kompromiss historisch sein soll, erschließt sich nur schwer. Wenn
in Teilen
Norddeutschlands schulpolitisch etwas historisch ist, dann sind es die
miserablen PISA-Ergebnisse. Deshalb wird auch die Hoffnung vor allem
der Hamburger CDU, die anderen Bundesländer würden jetzt
gespannt nach Hamburg
blicken, bald verdampfen. Es reicht halt nicht, wenn sich die CDU
für ihr Konzept von altgedienten Einflüsterern einstiger
SPD-Schulpolitik loben lässt.
Kritische Wähler
Jedenfalls
ist damit das Virus der schulpolitischen
Prinzipienlosigkeit in Teilen der CDU ausgebrochen. Dass es anders
geht, zeigen Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. In diesen
Ländern
errang die CDU (1999, 2003, 2005) die Regierungsverantwortung auch
deshalb, weil sie für ein gegliedertes Schulwesen samt Hauptschule
eintrat. In
Wiesbaden, Hannover und Düsseldorf ging es sofort daran, diese
Programmatik in die Tat
umzusetzen und die Hauptschule zu stärken. Im Übrigen zeigte
sich dort,
wie falsch die Annahme norddeutscher Christdemokraten ist, mit einem
„historischen Kompromiss“ könne man Wähler gewinnen. Nein,
wer integrierte
Schulformen will, der wählt nicht CDU, sondern SPD, Grüne
oder PDS.
Unbestritten,
gegliedertes Schulwesen ist kein Wert an sich. Die
Alternative zum gegliederten Schulwesen ist kein wie auch immer
vereinheitlichtes Schulwesen, sondern eine verbesserte Mehrgliedrigkeit
mit einer im wahrsten Sinn des Wortes gepflegten Hauptschule. Die
Möglichkeiten
des gegliederten Schulwesens sind bundesweit bei weitem nicht
ausgereizt, vor
allem nicht bei Individualisierung von Bildung und Unterrichtung.
In Bayern beispielsweise ist die Hauptschule mittlerweile so hochgradig
differenziert, dass sie vier verschiedene Abschlüsse bietet. In
diese Richtung
sollte die CDU denken, statt Verrenkungen zugunsten „historischer
Kompromisse“
zu machen. Andernfalls könnte es bald heißen: Der wahrscheinlichste Zustand der
CDU-Schulpolitik ist der Zustand der Unordnung.
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