| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL - AKTUELL |
D-Zug-Klassen
Erfahrungen in Bayern und Rheinland-Pfalz
- Ausgewählte Fakten und Bewertungen -
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Organisatorische und schulintern-klimatische
Probleme hintangestellt, lautet das Hauptergebnis der Erfahrungen in Bayern
und in Rheinland-Pfalz mit sog. D-Zug-Klassen wie folgt: Wenn man eine
Überforderung von Gymnasiasten und wenn man Abstriche am gymnasialen
Bildungsanspruch vermeiden möchte, dann könnten maximal 20 bis
25 Prozent der Gymnasiastenschaft in eine D-Zug-Klasse aufgenommen werden.
Das entspräche einem Fünftel bis einem Viertel einer gymnasialen
Übertrittsquote von 35 Prozent, das heißt einem Jahrgangsanteil
von sieben bis knapp neun Prozent. Anders ausgedrückt: Mit einer Übertrittsquote
von sieben bis neun Prozent wäre - fiktiv - eine gymnasiale Schulzeitverkürzung
machbar. Eine solche Quote ist aber weder gesellschaftspolitisch vermittelbar
noch volkswirtschaftlich vertretbar. Bezogen auf die aktuelle Debatte um
die Einrichtung und Ausweitung der D-Zug-Klassen in Baden-Württemberg
("G 8", "Turbo-Gymnasium") ist festzuhalten, daß einer offenbar geplanten
Aufnahme aller interessierten Gymnasiasten ohne Leistungsvorbehalt in eine
G-8-Klasse alle bisherigen Erfahrungen mit D-Zug-Klassen widersprechen.
Erfahrungen in Bayern - Das "Fürther Modell" (1966 bis 1975)
Ab 1966 wurden in Bayern Modellversuche eingerichtet, in denen angesichts einer zunehmenden Heterogenität der gymnasialen Schülerschaft verschiedene Differenzierungsmöglichkeiten erprobt werden sollten. Das sog. Bamberger Modell verstand sich als Modell, bei dem besonders leistungsfähige Schüler in den Kernfächern Deutsch, Englisch und Mathematik in eigenen Niveaugruppen unterrichtet wurden. Vorübergehend wurde das Bamberger Modell an elf Gymnasien praktiziert.
Das sog. Fürther Modell (erstmals eingerichtet am Hardenberg-Gymnasium in Fürth) war ein Modell, bei dem geschlossene Klassen ab der 6. Jahrgangsstufe als eigene Leistungszüge errichtet wurden, um dann in vier statt in fünf Jahren zum Abschluß der 10. Jahrgangsstufe zu gelangen. Dabei waren die 8. und die 9. Jahrgangsstufe jeweils auf ein Halbjahr komprimiert. An diesem Modellversuch waren zeitweise bis zu 29 Schulen beteiligt.
Für die Aufnahme eines Schülers in eine betreffende Klasse spielten auch die Noten eine Rolle; man ging allgemein von einem Notenschnitt von 2,0 aus. Sodann ging es vor allem um eine Beurteilung folgender Merkmale: Auffassungsgabe, Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer, Arbeitstempo, Interessen, Arbeitseinstellung, Selbständigkeit, Breite der Begabung. Von daher war das Ergebnis erwartungsgerecht: Die Leistungen in den Leistungszügen lagen signifikant über denen der Regelklassen. Interessant ist auch, daß laut Schülerbefragung am Hardenberg-Gymnasium in Fürth 98 Prozent der Schüler angaben, neben der Schulzeit ein Hobby zu betreiben, 82 Prozent den Leistungszug als besonderen Gewinn bezeichneten, 92 Prozent für eine gute Sache hielten und 80 Prozent ihn wieder besucht hätten.
Folgende Probleme ergaben sich freilich:
Erfahrungen in Rheinland-Pfalz - Modell BEGYS (seit 1985)
Im Jahr 1985 wurde in Rheinland-Pfalz von der damaligen CDU/FDP-Regierung der Modellversuch "Begabtenförderung am Gymnasium mit Verkürzung der Schulzeit" (BEGYS) gestartet. Die Erwartung war, daß besonders befähigte, motivierte und engagierte Schüler das Gymnasium schneller durchlaufen sollten. In den Jahrgangsstufen 5 bis 10 (bzw. 11) sollte ein Jahr Schulzeit eingespart werden, und zwar durch Straffung der Lehrpläne und teilweise auch durch die Hinzunahme von Nachmittagsunterricht. Schulrechtlich firmierte das Modell als das Überspringen einer Jahrgangsstufe im Klassenverband. Dieser eigene Klassenverband war aber eingebunden in klassenübergreifende Aktivitäten: in gemeinsamen Unterricht in Religion, Sport und weiteren Fremdsprachen; in Arbeitsgemeinschaften, Chor, Orchester; in gemeinsame Schullandheimaufenthalte und Austauschfahrten.
Der erste Teilversuch begann mit dem Schuljahr 1985/86 an je einem Gymnasium in Ludwigshafen und in Bernkastel-Kues. Hier waren die vier Jahrgänge der Klassenstufen 7 bis 10 auf drei Jahre verdichtet. Mit dem Schuljahr 1989/90 und mit dem Schuljahr 1989/90 kam im Rahmen eines zweiten Teilversuches je ein Gymnasium in Prüm und in Speyer hinzu, in dem die sechs Jahrgänge der Klassenstufen 5 bis 10 auf fünf Jahre verkürzt waren. Der dritte Teilversuch begann mit dem Schuljahr 1990/91 an einem Gymnasium in Koblenz; nach einer Vorphase in den Klassenstufen 5 bis 7 fand eine Verkürzung der vier Jahrgänge der Klassenstufen 8 bis 11 auf drei Jahre statt. Der vierte Teilversuch startete im Schuljahr 1990/91 an einem Gymnasium in Neuwied. Hier sollten unter Inkaufnahme von umfangreichem Nachmittagsunterricht die Jahrgänge von 5 bis 10 und in einem zweiten Anlauf die Klassen 6 bis 10 um je ein Jahr gekürzt werden. Beide Teilmodelle fanden bei Eltern keine größere Akzeptanz, so daß dieser Teilversuch mit dem Schuljahr 1992/93 eingestellt wurde.
Vom Schuljahr 1985/86 bis Schuljahr 1994/95 nahmen insgesamt 2.254 Schüler am BEGYS-Modell teil. Bezogen auf die beteiligten Gymnasien handelte es sich dabei um einen Schüleranteil von 24,4 Prozent.
Für die Aufnahme eines Schülers in eine BEGYS-Klasse ist ein Antrag der Eltern erforderlich. Über die Aufnahme entscheidet die Klassenkonferenz der "abgebenden" Klasse mit Blick auf Leistungsfähigkeit und Arbeitshaltung.
Ein Abschlußbericht zu den Modellen liegt seit 1997 für den Untersuchungszeitraum 1990 bis 1995 vor (Titel: Entwicklung und Erprobung von Modellen der Begabtenförderung am Gymnasium mit Verkürzung der Schulzeit; Leiter der wissenschaftlichen Begleituntersuchung: Prof. Dr. Armin Kaiser, Universität Trier). Nach Vorlage des Berichts wird nunmehr seit Schuljahr 1997/98 allen Gymnasien die Möglichkeit eröffnet, Projektklassen nach dem BEGYS-Konzept einzurichten. Im Schuljahr 1997/98 haben bereits sieben weitere Gymnasien diese Möglichkeit genutzt. Dreizehn weitere Gymnasien sollen sich in den nächsten Schuljahren anschließen.
Der Abschlußbericht weist unter anderem folgende Einzelergebnisse aus:
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