DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Gastkommentar aus DIE WELT vom 17. Dezember 2001

PISA und die Freizeitweltmeister*

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Die PISA-Schulleistungsstudie hat in seltener Dichte das gesamte Repertoire an Pawlowschen Reflexen ausgelöst, zu denen  Schulpolitik und Öffentlichkeit in Deutschland fähig sind. Hätte man freilich in der deutschen Schulpolitik nicht jahrzehntelang Angst vor der Wahrheit gehabt und unerfreuliche Leistungsbefunde verdrängt oder gar in Schubläden versteckt - es wäre alles bekannt gewesen: dass wir keine Lesekultur haben; dass die Schulpolitik oft nur hyperaktive Innovationsrhetorik zelebriert; dass die Schüler immer oberflächlicher werden; dass die Eltern immer asketischer, das heißt sparsamer erziehen; dass die Lehrer immer mehr resignieren usw.

Wenn PISA dazu beiträgt, dass all diese Einzelatteste jetzt ernst genommen werden, dann hat sich PISA gelohnt. PISA hat sich nicht gelohnt, wenn diese unsere Gesellschaft die Studie nicht zum Anlass nimmt, selbstkritisch über sich selbst zu reflektieren. Ein ganzheitliches Nachdenken, wie man es ja gerade in moderner Bildung pflegen möchte, ist überhaupt die entscheidende Voraussetzung dafür, dass konkrete Maßnahmen in der Schule wirksam werden können.

Faktum ist: Unsere Schüler sind Kinder einer Gesellschaft, die nicht mehr die Gesellschaft des fleißigen deutschen Michels ist. Dieser Michel ist "out". Folglich kann der Nachwuchs-Michel nicht plötzlich wieder der personifizierte Fleiß sein. Tatsächlich hat sich ja in der Erwachsenenwelt das Verhältnis von Ernst und Spaß, von Arbeit und Freizeit drastisch gewandelt. Wir hatten noch vor eineinhalb Generationen die 48-Stunden-Woche, jetzt haben wir - die 32 Stunden fest im Blick - die 35- oder 38-Stunden-Woche. Die Arbeitszeit hat sich binnen 50 Jahren also um bald 30 Prozent reduziert. Seit den neunziger Jahren haben die Menschen in Deutschland erstmals mehr Stunden zur freien Verfügung, als sie für den Erwerb ihres Unterhalts aufwenden müssen. Bei "Fleiß" und "Arbeit" denkt man deshalb eher an die Japaner und Koreaner - beide PISA-Spitzenreiter! - als an die Deutschen. Zuletzt betrug die Jahresarbeitszeit eines Deutschen 1600 Stunden, die eines Briten oder Franzosen 1700, die eines US-Amerikaners 1900 und die eines Japaners 2100. Die Deutschen - hinsichtlich Freizeit Hedonisten, hinsichtlich Arbeitszeit Spartaner? Dann ist es mehr als logisch, dass eine solche Spaßgesellschaft eine Spaßpädagogik erzeugt.

Vielleicht aber sollte man statt Spaß mehr Freude haben wollen - zum Beispiel an Bildung. Spaß ist nämlich nur augenblicksorientiert, er bedarf der steten Reizerneuerung. Spaß ist das Vertreiben von Zeit. So jedenfalls erschließt er sich sprachgeschichtlich. Er stammt vom italienischen "spasso" ab, was nichts anderes heißt als "Vergnügen und Zeitvertreib". Zum Zeitvertreib aber ist die Zeit des Lebens und auch die Zeit in der Schule zu kostbar. Deshalb sollten wir in Gesellschaft und Bildung vielleicht mehr Freude als Spaß haben wollen. Spaß verhält sich schließlich zu Freude wie Oberfläche zu Tiefgang, wie Flüchtigkeit zu Dauerhaftigkeit.

Im weitesten Sinn hat das mit PISA zu tun. Denn wir brauchen wieder mehr den Tiefgang und die Dauerhaftigkeit in der Bildung. Im Übrigen kann man für das Erleben von Freude an Bildung etwas tun – nämlich Fleiß, Anstrengung und Ausdauer investieren. Bei solcher Investition – Psychoanalytiker würden sagen: unter Triebaufschub – stellt sich dann neben Bildung auch das Erleben von Freude ein. Bei reiner Spaßorientierung aber braucht sich niemand zu wundern, wenn unsere jungen Leute keine 45-Stunden-Schul-und-Hausaufgabenwoche wollen, ohne die es aber nicht geht, wenn der Bildungserfolg garantiert sein soll. Wenn die Erwachsenen in ihrer Zeit nahezu alles dürfen und kaum etwas sollen, dann wollen die Jungen in ihrer Zeit nicht alles sollen und kaum etwas dürfen.

Apropos Freizeit: Keinem Elternpaar sollen sein Spaß und seine Freizeit genommen werden. Aber wenn die Alten schon mehr Freizeit denn je haben, dann verwundert es, dass sie für die Beschäftigung mit Kindern, die sie in immer geringerer Zahl haben, immer weniger Zeit aufwenden. Statt Erzählen gibt es Glotze, statt Vorlesen Internet. Das steht nicht in PISA. Aber es steht in PISA, dass die jungen Deutschen so ungern lesen wie kein anderes jugendliches Volk der Welt und dass das sinnentnehmende Lesen die Basis ist auch für das Bewältigen mathematischer und naturwissenschaftlicher Probleme.

Die klugen Mütter des Lesens sind das Erzählen und das Vorlesen. Also, ihr Alten und ihr Eltern: Nutzt euren Gewinn an Freizeit, erzählt und lasst euch erzählen, lest vor und lasst euch vorlesen, geht mit euren Kindern spazieren und philosophiert über Gott und die Welt! Dann wird eine zukünftige PISA nicht wieder Anlass für Katastrophenszenarien sein.

* In der Welt veröffentlicht unter dem Thema "Freude statt Spaß"

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