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Gastkommentar aus DIE WELT vom 27. Dezember 1999
Europa ist mehr als die EU
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Treibende Kraft der europäischen Einigung ist die Wirtschaftspolitik. Diese Ausrichtung der europäischen Frage lässt jedoch vergessen, dass „Europa“ sich nicht primär aus der Ökonomie ableiten lässt, sondern als Idee kulturstiftend wirkte.
Um Europa als Geschichts- und Kulturraum aber muss es gehen, wenn es Teil der Identität seiner Bürger werden soll. Denn getreu der Heideggerschen Maxime, dass Zukunft Herkunft ist, nährt sich europäische Zukunft vor allem aus dem Wissen und dem Spüren um Herkunft. Leitidee kann hier das Bekenntnis des spanischen Philosophen Ortega y Gasset von 1929 sein: "In uns allen überwiegt der Europäer bei weitem den Deutschen, Spanier, Franzosen ...; vier Fünftel unserer inneren Habe sind europäisches Gemeingut."
Europäisches Gemeingut, was ist das? Es ist dies das über Jahrtausende hinweg immer wieder erstarkte europäische Bewusstsein in Phasen äußerer Bedrohung; der gemeinsame Widerstand gegen Hegemoniebestrebungen aus dem Kreis der europäischen Staaten; die führende Rolle von Städten und Bürgern; die hohe Wertschätzung von Arbeit und Leistung; die Verschmelzung von Antike, Judentum, Christentum und germanisch-keltisch-slawischen Kulturen. Und dieses Europa hat identifizierbare Wurzeln: in der Antike, im Mittelalter, in Renaissance und Humanismus, in Reformation und Gegenreformation, in der "Europäisierung" der Erde, in der Aufklärung, in Europas großen Revolutionen. Der griechische Staatspräsident Konstantinos Karamanlis bringt es auf einen Nenner: Europäische Zivilisation ist die Synthese des griechischen, römischen und christlichen Geistes. Zu dieser Synthese hat der griechische Geist die Idee der Freiheit, der Wahrheit und der Schönheit beigetragen; der römische Geist die Idee des Staates und des Rechts und das Christentum den Glauben und die Liebe.
Kennzeichnend für Europa ist somit sein Bild vom Menschen und von seinen Gemeinschaften. Damit hat Europa erneut eine geschichtliche Chance. Diese Chance besteht darin, das Wesentliche der europäischen Geistestradition als Orientierung anzubieten. Europa muss dabei vor allem als ein Synonym für Freiheit gelten; es muss über seine Wirtschaftskraft hinaus lernen, mit der Autorität seiner ideellen Ausstrahlung zur Stimme der Demokratie, des Rechtsstaates und der friedlichen Lösung von Konflikten zu werden.
Gerade die nachwachsende Generation braucht den Impuls zur Entwicklung von Identität. Insofern ist es Aufgabe von Bildung und Erziehung, die Grundlagen des europäischen Zusammenhaltes hervorzuheben. Dazu gehören die Achtung und die Förderung der emotionalen Verwurzelung der Menschen in ihrer unmittelbaren Heimat. Dazu gehört es auch, dass die Jugend europäische Identität und nationale Identität nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung sieht und erlebt.
Bei all dem gilt freilich: "Europa kann man nicht bauen, wie man ein Haus baut. Europa muss wachsen wie ein Baum" (Konrad Adenauer). Ähnliches meinte Jean Monet, als er Bilanz zog: "Wenn ich heute den Aufbau Europas in Angriff nähme, würde ich mit der Kultur beginnen." Anders ausgedrückt: Europa ist langfristig nur über die Jugend zu machen; sie sollte deshalb die "Sprache" der europäischen Kultur vermittelt bekommen.
Bislang jedoch hat das Thema "Europa" trotz der Empfehlung der Ständigen Konferenz der Europäischen Erziehungsminister "Die europäische Dimension im Bildungswesen" vom 17. Oktober 1991 immer noch zu wenig Eingang in Bildungspläne gefunden. Zwar weisen die Fächer Geschichte, Politik/Sozialkunde, Erdkunde/Geografie oder Ökonomie/Wirtschaft das Thema "Europa" aus; es überwiegt dabei aber die europäische Einigung nach 1945, und die Kulturgeschichte der Nachbarländer sowie die Behandlung des historisch-kulturellen Europas sind unterbelichtet. Schulbücher in modernen Fremdsprachen beinhalten zu wenig den Vergleich mit anderen europäischen Sprachen sowie landes- und europakundliche Themen.
Im Besonderen ist also eine stärkere europäische Ausrichtung des Geschichtsunterrichts erforderlich. Eine intensivere historisch-politische Bildung ist überfällig. Denn nur ein europäisches Geschichtsbewusstsein kann die Basis für ein modernes europäisches Selbstbewusstsein und damit für eine europäische Mentalität sein. Ähnliches gilt für den Literaturunterricht, der bislang die große Literatur europäischer Nachbarkulturen weitgehend ausblendet. Eine solche Betrachtung aber fördert geistigen Provinzialismus und Partikularismus.
Ein zweiter wichtiger Bereich
einer Bildung für Europa ist der Fremdsprachenunterricht. Fremdsprachenkenntnisse
öffnen das Tor nach Europa, mangelnde Fremdsprachenkenntnisse wären
Europas Hemmschuh. Deshalb muss der Fremdsprachenunterricht in allen weiterführenden
Schulen gestärkt werden. Ein Fremdsprachenlernen in der Grundschule
empfiehlt sich dann, wenn die Unterrichtung der Muttersprache gestärkt
wurde und wenn garantiert ist, dass ein frühes schulisches Fremdsprachenlernen
ein späteres, systematisches Lernen tatsächlich erleichtert.
Für die Gymnasien empfiehlt sich eine Wiederentdeckung des Lateinischen
als Fremdsprache. Latein als europäische Fundamentalsprache ist hinsichtlich
Wortschatz, Grammatik und Terminologie der Wissenschaften sowie als Reflexionssprache
ein Wegbereiter zu anderen europäischen Sprachen, und damit ein Schlüssel
zu einer europäischen Mehrsprachigkeit.
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