DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

DeutschlandRadio Berlin - Politisches Feuilleton - 20. August 1999

Die durchgestylte Schule

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Es gibt wohl keinen gesellschaftlichen Bereich, in dem so viele Luftschlösser gebaut werden wie in der Schulpolitik und der Schulpädagogik. Vielleicht hat dies mit endzeitgestimmten Schuldgefühlen ob der pädagogischen Sünden der 70er und 80er Jahre zu tun. Jedenfalls wird etwa seit Mitte der 90er Jahre nahezu zwanghaft-visionär eine stets neue Schule durch die Gazetten gejagt. Mal ist es eine "autonome" Schule. Ein andermal wird - wie umwerfend - Schule als "Haus des Lernens" proklamiert, wieder ein andermal ist eine "neue Kultur der Anstrengung" angesagt. Man merkt offenbar, was einem durch eigenes schulpolitisches und vermeintlich pädagogisches Tun abhanden gekommen ist. Böse Zungen behaupten gar, Schulpädagogik sei ein Friedhof, auf dem beständig Prinzipien zu Grabe getragen werden, um wenig später deren Auferstehung zu feiern.

Nun aber hat protzige Management-Theorie die Schule erfaßt. Die Folge: Amtliche Schulpolitik samt ghostwritender interner und externer Hilfstruppen sind - statt zum Nach- und Durchdenken - aufgebrochen zum An- und Quer-Denken. Halbtrunken torkelt man einer durchgestylten Schule entgegen, die geprägt sein solle von: Total Quality Management, Workshops, Brainstorming, Sponsoring, Bottom-up-Methode, Controlling, Evaluation, Corporate Identity, Budgetierung, Just-in-time-Knowledge usw.

Immerhin dürfen bzw. sollen Schulen in mehreren Bundesländern bereits eine Schulfinanzierung via Drittmittel oder via Sponsoren betreiben. Enden also Unterrichtsstunden zukünftig mit den Spots: "Diese Stunde sponserte euch Sony ... Reebok ... Bravo ... Milchschnitte"? Oder gibt es demnächst als Auszeichnung für ein gutes Zeugnis Prämien in Form von Einkaufsbons - Praktiken, die in den USA bereits Einzug in die Schulen gehalten haben? Oder müssen die Schulen ihre Pausen wie in einer Schule in den Niederlanden verlängern, weil dies der Sponsor - eine Fast-Food-Kette - verlangte?

Ansonsten ist vor allem Laptop statt Schulranzen angesagt. Die entsprechenden Rezepte heißen dann so: Bildungsserver, didaktische Hyperlinks, Edutainment, elektronische Klassenzimmer, knowledge-machines, learn-line, Lern-Animation,                   Lern-Software, Multimedia-Learning, Online-learning, pädagogische Software, Telelearning, Homelearning, Teleteaching, virtuelle Bildung...

Was kommt bei all dem heraus? Wahrscheinlich eine Schule des lean-management und der fast-education. Womöglich ist es sogar eine Schule der sogenannten neuen Mitte: eine Schule des Kultur-Managements statt der Kultur und statt des kulturellen Gedächtnisses; eine Schule der Totalplanung statt des gelassenen pädagogischen Führens; eine Schule der Verpackungen statt der Inhalte und statt des Kanons; eine Schule der Häppchen und der "events" statt der geistigen Unterkellerung; eine Schule der Flüchtigkeit statt der Konzentration. Aber - warum soll Schule anders sein als hohe Politik?

Schule müsse besser, kürzer und billiger werden, hat kürzlich ein Wirtschaftsfunktionär auf einer schulpolitischen Veranstaltung gefordert. So einfach ist das. Nein, habe ich darauf geantwortet, es ist noch viel einfacher. Schaffen wir doch die Schule ab: Dann ist sie die billigste, weil sie nichts kostet. Dann ist sie die kürzeste, denn Kindergartenbesuch und Berufseintritt werden dann nicht mehr durch lästige Schule unterbrochen; das Abiturzeugnis holt man sich wie die Geburtsurkunde am Standesamt ab. Und dann ist Schule die für viele Schüler beste Schule, weil es endlich keine Pausen mehr zwischen Ferien, Wochenenden, MTV, Soap-Operas, Disco-Besuch und Inline-Blading gibt. Und wenn ich wirklich einmal etwas wissen muß, dann surfe ich im Internet.

Man sollte den Spieß einmal herumdrehen und so manchem Management- und Multimedia-Papst ein kleines Gedankenexperiment entgegenhalten. Frage: Wie sähe es um unseren vielfach beschworenen Standort Deutschland aus, wenn in allen Bereichen der Volkswirtschaft und des Managements alles so am Schnürchen und so reibungslos liefe wie in der Schule? Da versehen in               Deutschland tagtäglich 800.000 Lehrer und Verwaltungsangestellte ihren Schuldienst; da werden tagtäglich rund vier Millionen Unterrichtsstunden gehalten und ein Vielfaches davon an Lehrer-Schüler-Gesprächen geführt; da verkehren tagtäglich Hunderttausende an Schulbussen pünktlich, um die Schüler in die Schulen zu bringen; da sitzen tagtäglich zwölf Millionen Schüler um acht Uhr an ihren Arbeitsplätzen; da wird eine Logistik betrieben, die diesen zwölf Millionen Schülern tagtäglich gereinigte Schulräume und ihre Pausenverpflegung gewährleistet und die die dieselben Schüler alljährlich mit 150 Millionen Schulbüchern versorgt; da werden auf der Basis von mehr als einer Milliarde einzelner Leistungsmessungen jährlich 24 Millionen Zwischen- und
Jahrgangszertifikate ausgestellt.

Und all dies läuft selbstverständlich ab. Würde jeder Teilbereich deutscher Volkswirtschaft diese enorme Managementleistung vollbringen, man müßte um Deutschlands Konkurrenzfähigkeit weniger Sorge haben.

Früher sagte man: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ' ich einen Arbeitskreis. Heute gilt: Weiß auch dieser gar nicht weiter, drischt man Phrasen - dreist und heiter.


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