Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 21.
Mai 2004
Schulerfolg
als Manipulationstrick
Von Josef K r a u s Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Wie kaum auf einem anderen Politikfeld gibt es hinsichtlich Argumentationsniveau
gerade auf dem Feld der Schulpolitik sehr ausgeprägt zwei Richterskalen:
eine nach oben offene und eine nach unten offene. Ob die aktuelle bayerische
Schulpolitik eher dem oberen oder eher dem unter Skalenbereich intellektueller
Schärfe zuzuordnen ist, mag am Ende eine Frage der politischen Gesinnung
oder des pädagogischen Geschmacks sein. Für Überraschungen
jedenfalls war Bayerns Schulpolitik zuletzt immer gut – sehr zur Verwunderung
übrigens auch derjenigen, die als Nord- oder Westlichter Bayerns Schulwesen
gerne nachgeahmt hätten. Bei zuletzt deutlich abnehmender Tendenz übrigens!
Nach der nicht nur überraschenden, sondern geradezu handstreichartigen
Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8) kommen nun dessen
Details an Tageslicht. Freilich sind es Details, die symptomatisch für
eine – zumindest in Bayern - völlig neue schulpolitische Denkweise sind.
Seit dem 5. Mai jedenfalls dürfen wir vernehmen: Die Durchfallerquote
an den Gymnasien wird gesenkt. Und dies, ohne dass unter Bayerns Gymnasiasten
ein gigantischer Lern- und Motivationsschub ausgebrochen wäre! Die
frohe Botschaft haben wir eher nebulös zwar schon im Winter 2003/2004
vernommen. Damals hieß es: Mit dem G8 werde zugleich die Bildungsqualität
erhöht, die Abiturquote gesteigert und die Durchfallerquote gesenkt.
Aber wir hielten diese Prognose damals für einen eklatanten Fall von
schulpolitischer Dyskalkulie (vulgo: Rechenschwäche). Dann beschlichen
uns Zweifel, ob unsere Annahme vom reziproken Verhältnis von Qualität
versus Quantität in Sachen Bildung nicht doch ein Irrtum sein könnte.
Später überkam uns zumindest ansatzweise der rechte Glaube an
die Weisheit bayerischer Schulpolitik und wir waren uns ein Stück weit
sicher, dass sich Zug um Zug alles im G8 so einstellen werde, wie wir es
denn zu brauchen glauben: Mehr Abiturienten! Weniger Durchfaller!
Jetzt haben wir die ultimative Gewissheit: Auf die vollmundig angekündigten
schönen G8-Bilanzen brauchen wir nicht mehr nur zu hoffen, sie werden
schlicht und einfach vorab hinmanipuliert. Mit zweimal Note 5 oder einmal
Note 6 war man bislang durchgefallen. Jetzt soll man damit auf Antrag und
auf Probe in die nächsthöhere Klasse vorrücken dürfen.
Fallen die Noten noch schlechter aus (zum Beispiel mit einer Mehrfach-Fünf
in Mathematik, Geschichte, Erdkunde, Biologie und Religion), so soll man
sich einer Nachprüfung stellen dürfen. Und: Ein Schüler der
aktuellen sechsten (G9-)Klasse, der diese Klasse nicht schafft, soll ohne
Anrechnung auf sein Durchfallerkontingent zwei Jahre zurück gehen dürfen,
um erneut mit der fünften (G8-)Klasse zu starten. So jedenfalls der
Entwurf der neuen Gymnasialschulordnung (GSO) für das kommende Schuljahr
2004/2005. Womit die Durchfallerregeln übrigens am Gymnasium lascher
als in der Realschule wären!
Man reibt sich die Augen und hat gewagte Assoziationen. Etwa dieser Art:
Noch Ende der 90er Jahre lachte man sich im schulpolitischen Bayern einen
sprichwörtlichen Ast, wenn die Bremer, Hamburger, Hessen oder Nordrhein-Westfalen
ihre Noten- und Durchfallerregeln solchermaßen liberalisierten. Geholfen
hat es ihnen nichts, zumindest nicht bei PISA, denn dort schnitten eben
diese Länder national und international miserabel ab. Bayern indes
stand national sehr gut und international gut da. Das bayerische Gymnasium
war in PISA sogar so erfolgreich, dass es mit seinen rund 600 PISA-Punkten
von keiner anderen Schulform der Welt übertroffen worden ist.
Und jetzt plötzlich auch in Bayern eine Schulpolitik, die man etwa
nach der Ablösung rot-grüner Regierungen in Hessen oder Hamburg
über Bord geworfen hatte!? Noch dazu eine bayerische Schulpolitik, die
sich explizit damit auf PISA beruft!?
Verkneifen wir uns ein weiteres freies Assoziieren! Sonst landeten wir
bei der DDR. Dort gab es auch keine Durchfaller, weil es keine schlechten
Noten gab. Und schlechte Noten gab es nicht, weil sie nicht zum System passten.
Und es gab sie nicht, weil Lehrer, die Schüler mit schlechten Noten
bewerteten, diesen „freiwillig“ Nachhilfeunterricht geben mussten. Die Noten
waren in der Folge schlicht und einfach besser – übrigens ohne Nachhilfe.
Einfach besser dank Planwirtschaft!
Lassen wir das! Natürlich ist das Durchfallen kein Wert an sich, ebenso
wenig ist es für das Gros der Durchfaller ein wirklich ernstes Problem.
Am Gymnasium sind es pro Jahr rund fünf bis sechs Prozent – bei erheblichen
Unterschieden je nach Jahrgangsstufe, zum Beispiel mit Spitzen bei zehn
Prozent in den Pubertätsklassen. Vielen von ihnen tut das Durchfallen
gut, weil es eine Chance zur Beseitigung kumulativer Lerndefizite oder Anstoß
zur Besinnung auf eine passendere Schullaufbahn ist.
Gleichwohl ist zu wünschen, die Zahl der Durchfaller wäre geringer.
Aber wenn man das will, dann muss ein entsprechender pädagogischer
Input her, zum Beispiel in Form von besonderen Betreuungs- und Beratungsmaßnahmen.
Und in Form kleinerer Klassen! Die Durchfallerquote aber per definitionem
zu senken, das hat mit Qualitätssteigerung reichlich wenig zu tun.
Sonst müsste man solche Definitionen konsequent und restlos extrapolieren
und das Durchfallen gänzlich abschaffen. Solches hat Bremen in seinen
Gesamtschulen getan: Dort rücken alle Schüler bis in die 9. Klasse
automatisch vor. Aber Bremen ist nicht zuletzt damit auf dem letzten innerdeutschen
PISA-Rang und international auf einem Rang zwischen den PISA-Schlusslichtern
Mexiko und Brasilien gelandet.
Merke: Eine gefälligkeitspädagogische Abitur-Vollkasko-Politik
hat noch keinem Land gutgetan! Denn mit einem „Abitur light“ ist weder dem
einzelnen jungen Menschen noch dem Bildungswesen insgesamt gedient.