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Aus DIE TAGESPOST vom 24. Januar 2006
Kanonisches
Wissen oder Wissen unter aller Kanone? Die Schulen brauchen eine
Offensive für einen anspruchsvollen Deutschunterricht
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Lebte
der Gymnasialdirektor Georg Wilhelm Friedrich Hegel noch und sähe er
sich die schulische Bildung heute an, er spräche wahrscheinlich davon,
dass in Fragen der Bildungsinhalte eine "Furie des Verschwindens"
gewütet habe. Der Philologe Friedrich Nietzsche - lebte auch er noch -
würde die allgegenwärtige modern-pädagogische Aversion gegen
"Vorratswissen" und gegen den "45-Minuten-Takt", ferner die Schwärmerei
für Fach-, Methoden-, Sozial- und Handlungs-"Kompetenzen" sowie für
"Projektlernen" und "Fächerverbünde" mit den Worten kontern: "Unsere
moderne Bildung ist gar keine wirkliche Bildung, sondern nur eine Art
Wissen um Bildung." Oder er würde sagen: "Das Leichtere und Bequemere
hüllt sich in den Mantel prunkhafter Ansprüche."
Tatsächlich hat in den
letzten Jahrzehnten in den Schulen in weiten Teilen Deutschlands
Kontraproduktives stattgefunden: Die Basis schulischer Bildung wurde
unterminiert. Ein Anti-Inhalte- und Anti-Fächer- Affekt hat zu einer
Eliminierung konkreter curricularer Inhalte geführt. Seit Ende der
60-er Jahre wird von vielen Schulpolitikern und Schulpädagogen unter
quasi-modernen Begründungen schier eine Aversion gerade gegen konkretes
Wissen und gegen jeden Fächerkanon gepflegt. Die aktuelle
schulpolitische Diskussion wird von solch objektloser Aufsässigkeit in
nach wie vor erheblichem Maße beherrscht. Statt "Kanon" gibt es seit
PISA "Bildungsstandards" - Welch schrecklicher Begriff! - , wie wenn
das Wissen vieler Schüler (und Erwachsener) nicht ohnehin schon unter
aller Kanone unterhalb jeder Richtschnur läge!
Scheinbegründet wurde
dieser furiose Feldzug scheindemokratisch mit Gleichheit und
Gleichwertigkeit: Alle Inhalte und Fächer seien gleich bedeutend, weil
ja das exemplarische Vorgehen die Methode der Wahl sei. Auch eine Form
von Egalitarismus! Das Wissen um historische Namen und Daten
beispielsweise wurde mit einem Bannstrahl belegt, weil solches Wissen
"Stoffhuberei" sei. Statt Literatur gab es "Texte", und nach
literarischen Begriffen oder Dichternamen sucht man in den Curricula
mancher Bundesländer oft vergeblich, wie ja überhaupt große Literatur
unter dem Diktat der Lebensnähe mit Trivialliteratur und
Gebrauchstexten egalisiert wurde.
Damit aber wird der Absturz - im
wahrsten Sinn des Wortes - ins Bodenlose gefördert. Die herrschende
Ideologie des "anything goes", nicht zuletzt die öffentliche Entwertung
traditioneller Sinnbezüge als "unmodern", hinterlassen nämlich
Orientierungslosigkeit. Mit Pluralismus und Toleranz lässt sich ein
solches "anything goes" nicht rechtfertigen. Ein vor allem in den
sogenannten A-Ländern (SPD-regiert) auch schulpolitisch gepflegter
Kulturrelativismus und Indifferentismus enden vielmehr in geistiger
Obdachlosigkeit, in einer Toleranz aus Gleichgültigkeit statt aus
Überzeugung, im beziehungslosen Nebeneinander oder im "Nihilismus des
Geltenlassens von schlechthin allem" (Arnold Gehlen). Und vor allem
endet ein solcher Relativismus in Identitätskrisen - individuellen wie
kollektiven.
Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist somit eine
Kanon-Debatte alles andere als überholt. Es sind mancherorts dreißig
Jahre inhaltlichen Vakuums zu füllen. Der Ausstieg mehrerer
Bundesländer aus Lehrplänen und deren Ersetzen durch Rahmenpläne ist
mitverantwortlich für diese Entwicklung. Das Ersetzen von
Bildungszielen durch Lernziele ist eines ihrer Symptome. Es geht aber
nichts ohne allgemeinverbindliche Inhalte unumstrittener Autorität. Die
in den Jahren seit 1970 verbreitete Vorstellung von einer
Gleichwertigkeit der Fächer und Inhalte ist eine Fiktion. Schule
braucht vielmehr klare Fächer- und Inhaltsstrukturen, denn solche
Strukturen erleichtern die Orientierung in einer Flut an Informationen.
Zuvörderst brauchen wir hier eine Offensive für das Fach Deutsch.
Sprache ist die "via regia" zur Kultur. Sprache und Literatur sind
Speicher kultureller Erfahrungen. Sprache und Literatur sind Vehikel
zur Aneignung von Welt und zur Teilhabe an Welt. Mit Sprache wiederum
ist untrennbar das Denken verbunden: Was ich nicht denke, kann ich
nicht sprachlich ausdrücken, und was ich nicht sprachlich ausdrücken
kann, kann ich kaum denken. Und Sprache ist das wichtigste Werkzeug des
Menschen, um Kultur zu schaffen. Ein Bildungssystem dagegen, das die
sprachliche und literarische Bildung vernachlässigt, verschlechtert für
junge Menschen die Entwicklungschancen und leistet damit einer
Dekultivierung Vorschub.
Die Schulen müssen deshalb der sprachlichen
und literarischen Bildung wieder mehr Aufmerksamkeit widmen. Dafür gibt
es gute Gründe. Sprachliche Bildung ist erstens Persönlichkeitsbildung:
Denn Sprache ist Medium für die Entfaltung von Innerlichkeit und damit
Ausdruck der Gesamtpersönlichkeit. Über die Sprache begreife ich meine
Welt; ein sprachunfähiges Erleben aber reduziert Welt auf die
Flüchtigkeit bloßer Eindrücke. Sprachliche Bildung fördert zweitens das
Erleben und das Verantworten von Freiheit. Erst mit Sprache ist die
Teilhabe an der politischen Öffentlichkeit möglich. Wer die Sprache
beherrscht, durchschaut beispielsweise leichter den Missbrauch von
Sprache in der Reklame und in der Propaganda. Sprache ist zudem das
einzige humane Instrument der Konfliktlösung. Sprachliche Bildung ist
drittens Voraussetzung des zwischenmenschlichen Verstehens und
Handelns. Erst die Alphabetisierung erlaubt eine Teilhabe an
zivilisatorischen Errungenschaften (etwa an Wissenschaft und Technik).
Das Beherrschen der Sprache ist unter allen sogenannten
Schlüsselqualifikationen überhaupt die zentrale, denn nahezu alle
Schlüsselqualifikationen haben mit Sprachbeherrschung zu tun.
Es ist
jedenfalls dringend notwendig, dass sich die Schule in der
muttersprachlichen und literarischen Bildung von einigen
Fehlentwicklungen der letzten dreißig Jahre verabschiedet. Dazu gehören
vor allem: die vernachlässigte Spracherziehung hinsichtlich Vielfalt
und Genauigkeit des Ausdrucks, auch hinsichtlich grammatischer
Korrektheit; das vernachlässigte Einüben sprachlicher Gestaltungsformen
(Nacherzählung, Beschreibung, Schilderung, Zusammenfassung); die
Abschaffung eines Lektürekanons und die damit verbundene Aufgabe
kultureller und geistiger Tradition. Nicht wenige Bundesländer
beförderten zudem Gebrauchstexte inklusive Bedienungsanleitungen in den
Rang wichtiger Textsorten. Immer mehr Bundesländer reduzieren bereits
den Grundschulwortschatz; angesagt sind jetzt nur noch 700 Wörter! An
vielen Schulen begnügt man sich - anstatt von den Schülern das
Durchbeißen durch einen Roman zu verlangen - mit der haarkleinen
Analyse von Fluten kopierter Textauszüge.
Überhaupt kommt der deutschen
Sprache im Bildungswesen Deutschlands nicht die Bedeutung zu, die ihr
zukommen müsste. So ist der Anteil des Unterrichts in der Muttersprache
in kaum einem Land der Welt so niedrig wie in Deutschland: etwa 16
Prozent in den Jahrgangsstufen 1 mit 10. Zum Vergleich: Polen 22,
Schweden 23, Dänemark 25, Norwegen 24, Frankreich 26, China 26 Prozent.
Zudem gibt es nur wenige Länder, in denen nicht eine Prüfung in der
Muttersprache obligatorischer Bestandteil einer Schulabschlussprüfung
ist. In Deutschland dagegen ist es möglich, das Abitur ohne eine eigene
Prüfung im Fach Deutsch zu erwerben.
Dem Deutschunterricht kommt
jedenfalls eine exponierte Stellung zu. Das gilt für so ganz oder
leider nicht mehr so ganz selbstverständliche Dinge wie eine intensive
Unterrichtung in Orthographie und Grammatik - auch im Zeitalter von
Rechtschreib- und Diktierprogrammen. Zugleich bleibt das Fach Deutsch
maßgebliche Grundlage für einen erfolgreichen Fremdsprachenunterricht.
Deutschunterricht - das ist ferner die Chance, ein Gespür für
künstlerische Leistung zu entwickeln. Zu den Charakteristika des
Deutschunterrichts gehört es, dass er Kreativität zu fördern vermag.
Und Deutschunterricht hat vor allem via Literatur die Chance, eine
Verständigung über gemeinsame kulturelle Erfahrungen zu schaffen. In
der Schule muss es deshalb um die Begegnung mit großen Werken der
Literatur gehen - um Werke, die fundamental für eine Epoche sind, deren
Wirkung zugleich über den deutschsprachigen Raum, über die jeweilige
Epoche und über die Literatur hinausgeht.
Damit stellt sich die Frage
nach einem Lektürekatalog. Welche Literatur ist jungen Menschen
nahezubringen? Auf jeden Fall ist darauf Wert zu legen, dass alle
maßgeblichen literarischen Epochen mit dafür charakteristischen Werken
behandelt werden. Dazu kommen Sagen, Märchen, Fabeln, Lügengeschichten,
Anekdoten, Hörspiele, Dialekt- und Heimatdichtung sowie Jugendbücher.
Entscheidend bleibt, dass möglichst viel gelesen wird. Das
Lektürevolumen muss Vorrang haben vor einer mikrochirurgischen Analyse
von Textauszügen. Es sollte ansonsten keinen Hauptschulabgänger geben,
der nicht Auszüge kennt aus Nibelungenlied und Barocklyrik, Lessings
Ringparabel sowie Beispiele von Goethe- und Schiller-Balladen,
romantische Lyrik, Gottfried-Keller-Novellen oder
Brecht-Kalendergeschichten. Der Realschüler sollte darüber hinaus zu
tun haben mit den "Räubern" oder mit dem "Götz", mit "Maria Stuart"
oder "Wilhelm Tell" sowie mit Beispielen der großen europäischen
Literatur von Dante über Shakespeare bis hin zu Molière und Tolstoi.
Beim angehenden Abiturienten schließlich geht es hoffentlich nicht ohne
den kompletten "Nathan", nicht ohne den kompletten "Faust I", nicht
ohne einen Kleist, Hölderlin, Büchner, Heine, Keller, Storm, eine
Droste, einen Stifter, Fontane, Hauptmann, Kafka, Trakl, Rilke, Thomas
Mann, Brecht, Döblin, Tucholsky, Jünger, eine Bachmann, einen Böll,
Frisch, Dürrenmatt, Rainer Kunze. Und einem Gymnasiasten gemäß ist die
unterrichtliche Akzentuierung großer literarischer Leitfiguren unter
dem Aspekt der Vielfalt in der Einheit der europäischen Literatur (etwa
eines Faust bei Marlowe, Goethe, Thomas Mann, Gounod).
Eine Offensive
zu Gunsten des Deutschunterrichts ist überfällig - allein deshalb, weil
Sprache und Literatur kulturelle Identität ermöglichen. Teilhabe an
Kultur lässt sich eben nur verwirklichen, wenn die Grundlagen für das
Reden miteinander gemeinsame sind; der sich immer weiter
individualisierenden Kommunikation muss die Schule daher das
Allgemein-Verbindliche entgegensetzen. Entgegensetzen können nur die
Hochsprache und die Literatur, und nur sie können das Gegenmittel sein.
Darauf muss sich der Deutschunterricht besinnen. Und: Es dürfte in
Deutschland zukünftig keinen Schulabschluss mehr ohne eine Prüfung im
Fach Deutsch geben - auch und gerade beim Abitur nicht mehr!
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