DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 
  SWR 2 AULA - Sendung vom 31. Dezember 2006

Die Dummheit und ihre vielen Gesichter

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


 
Wir leben in einer aufgeklärten Informationsgesellschaft. Sagt man.
Das aktuelle Wissen hat eine immer kürzere Halbwertszeit. Sagt man.
Das Wissen des Jahres 2006 sei im Jahr 2009 zur Hälfte überholt. Sagt man.
Alle zehn Jahre verdoppelt sich das Wissen der Menschen. Sagt man.
In dieser Stunde forschen auf der Welt so viele Forscher wie in den 15.000 Jahren menschlicher Kulturgeschichte zusammen. Sagt man.
 
Also wird niemand bezweifeln, daß die Menschheit noch nie so gescheit war wie heute. Niemand? Ich bin dieser Niemand! Ich leugne es geradezu. Denn die Summe menschlicher Dummheiten bleibt nicht einmal gleich, sie wird sogar immer größer. Man könnte sogar sagen: Wir sind auf den Trip hin zu einer global-multiplen Dummheit. Mit anderen Worten: Die Dummheit ist der Intelligenz dicht auf den Fersen.
 
Gehen wir das Thema erst einmal streng objektiv an, nämlich anthropologisch-naturwissenschaftlich-anatomisch, und fragen: Ist der Mensch wirklich ein „homo sapiens“?
 
Hier sind Zweifel angebracht. Denn das menschliche Gehirn hat sich in den letzten 40.000 Jahren nicht geändert. Schon damals – vor 40.000 Jahren – hatte sich die Natur bei der Gehirnentwicklung gewaltig angestrengt. Wahrscheinlich sogar verausgabt! Zwei Drittel der menschlichen Gen-Ausstattung (ca. 25.000 Gene) hatten bzw. haben mit dem Gehirn zu tun.
 
Diese genetische Ausstattung des Menschen ist dann aber gleich geblieben. Das heißt: Würden wir ein Steinzeitkind heute nach seiner Geburt in eine Familie des Jahres 2006/2007 aufnehmen, so wären seine Chancen, Abitur und Diplom zu machen oder Ministerpräsident zu werden, nicht schlechter als die Chancen eines x-beliebigen Kindes heute.
 
Oder umgekehrt und weniger schmeichelhaft: Von Geburt her und hirnmäßig sind wir nicht schlauer als die Steinzeitmenschen und als unsere Jäger- und Sammler-Vorfahren. Ja, es ist anatomisch sogar das Gegenteil der Fall: Die Neandertaler hatten größere Gehirne als wir!
 
Aber eines ist immerhin tröstlich: Die Größe des Hirns spielt – zumindest wenn es ein gewisses Limit überschreitet - keine Rolle. Auch die These, der Mensch habe unter allen Lebewesen das größte Gehirn, mag für den Homo sapiens schmeichelhaft sein, sie ist aber falsch. Der Mensch hat ca. 1.450 Gramm Hirn, der Pottwal 8,5 Kilogramm, der Elefant 5 Kilogramm. Weiter: Das Pferd hat 600 Gramm, Menschenaffen besitzen zwischen 400 und 550 Gramm, ein Löwe hat 220 Gramm, ein Hund 135 Gramm, ein Katze 30, eine Ratte 2 Gramm und eine Maus 0,4 Gramm.
 
Ebenso falsch, aber schon ein wenig richtiger ist die Aussage, der Mensch habe von allen Tieren das größte Gehirn relativ zu seinem Körpergewicht. Mit einem Gewicht von 3 Pfund hat sein Gehirn einen Anteil von rund 1,5 bis 2 Prozent am Körpergewicht, während ein Schimpansenhirn nur 1 Prozent und ein Elefantengehirn nur rund 0,2 Prozent des jeweiligen Körpergewichts ausmacht. Allerdings wird der Mensch hinsichtlich seines relativen Gehirngewichtes von manchen Kleinsäugern übertroffen. Bei Spitzmäusen beispielsweise beträgt das Gehirngewicht 4 Prozent des Körpergewichtes.
 
Ein Zusammenhang zwischen der Größe des Gehirns und der menschlichen Intelligenz gilt heute somit als ausgeschlossen.
 
Aber eines gilt natürlich schon: Nach unten gibt es eine Grenze. Wer überhaupt kein Hirn hat, kann keinerlei Spur Intelligenz haben. Wenn ein solcher Mensch Ohropax verwendet, nennt man das Hohlraumversiegelung. Manche halten das für wünschenswert, wie der boshaft-neidvolle bayerische Spruch belegt: „Ja, ja, du host‘s guad. Host koa Hirn, brauchst net denga.“
 
Bleiben wir bei der biologischen Betrachtung und fragen weiter: Wenn Intelligenz bzw. Dummheit schon nichts mit der Größe des Hirns zu tun hat, haben Intelligenz versus Dummheit dann wenigstens mit dem Geschlecht oder gar mit Sex etwas zu tun?
 
Ich weiß, dies ist eine höchst pikante Frage. Fragen wir dennoch.
 
Daß Dummheit oft genug mit Sex zu tun hat, ist eine Alltagserfahrung. Nicht umsonst sagt der Volksmund, diesem oder jener sei bei der berühmt-berüchtigt-beliebten körpernahen Kommunikation das Hirn in die Hose gerutscht. Von manch gnadenlos Hochfrequenten heißt es sogar, ihre Hirne befänden sich irgendwo zwischen den großen Zehen. Der Volksmund kennt zudem die Redewendung, diese oder jener sei „zu dumm zum Zum“ – meint damit aber weniger eine mangelnde Appetenz, sondern eher das Ungeschützte an einer körpernahen Kommunikation.
 
Zugleich gibt es die Theorie, daß der Appetit auf körperliche Vereinigung mit steigendem Intelligenzgrad abnehme. Statistiker würden sagen: Die libidinös-koital-kopulative Frequenz verhält sich umgekehrt proportional zur Höhe des IQ. Vulgo: Je gescheiter desto seltener und je dümmer desto öfter. Man denke nur einmal an die deutschen Großphilosophen Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer. Der eine soll sein ganzes Leben lang nicht ......, der andere ist immerhin bekannt als philosophischer Frauenhasser.
 
Da kann es ja nichts werden mit einer ausreichenden Reproduktionsrate der Deutschen – dem Volk der Dichter und Denker. Wenn das Volk der Dichter und Denker ausstirbt, wie wir dies erst jetzt wieder am Horizont ablesen können, dann wahrscheinlich deshalb, weil es zu viel dichtet und denkt, anstatt ............ Gäbe es nur noch Philosophen, die Menschen wären jedenfalls längst ausgestorben. Das wußte vor einem halben Jahrtausend schon Erasmus von Rotterdam, der einmal schrieb: „Dem Weisen fehlt es entschieden an praktischer Lebenserfahrung. Nicht einmal zur Fortpflanzung taugt er.“
 
Nein, auch heutzutage gibt es den schlagenden Beweis dafür, daß sich körperintensive Kommunikationsfrequenz einerseits und hoher IQ andererseits gegenseitig ausschließen. Hier der nächste Beweis: Die Kinderzahl von Akademikerinnen (also tatsächlich oder vermeintlich kluger Frauen) ist nur etwa halb so groß wie diejenige der Durchschnittsfrau. Letztere hat im Durchschnitt 1,3 Kindern (bei Männern weiß man es nicht immer so genau) und wird damit europaweit nur von Italien inkl. Vatikan unterboten. Deutsche Akademikerinnen haben sogar nur 0,6 Kinder. Ein männlicher Akademiker müßte also mit zwei Akademikerinnen ....... Diesen Gedanken wollen wir jetzt freilich nicht fortspinnen.
 
Aber verweilen wir im Kontext von Dummheit noch kurz bei der niedrigen Kinderzahl der Akademikerinnen. Ganz seriös bieten sich hier zwei Schlußfolgerungen an. Einerseits sagen Akademikerinnen oft genug: Ich bin doch nicht blöd; ich habe lange studiert, jetzt will ich meine Ausbildung auch auskosten, da hindern mich Kinder und Küche nur. Andererseits muß den Akademikerinnen aber auch gesagt werden: Wenn ihr keine Kinder in die Welt setzt, dann verlaßt ihr euch darauf, daß Eure Renten die Kinder der vermeintlich Dummen zahlen.
 
Aber lassen wir die Frage nach der Korrelation zwischen Gescheitheit bzw. Dummheit und Reproduktionsrate; widmen wir uns der Frage, wie es geschlechtsspezifisch (neuhochdeutsch: gender-mäßig) denn oberhalb des Halses aussieht.
 
Ich kann Sie beruhigen: Es folgen jetzt keine Blondinenwitze. Von dieser Art Witze haben wir genug, wir halten sie - zumindest ein Stück weit - für blondinen-, ja unter gewissen Voraussetzungen sogar für frauen- und womöglich für menschenverachtend. Deshalb wollen wir keine blond-sexistischen Kalauerfragen mehr hören. Mit Google landet man dazu übrigens im Internet rund eine halbe Millionen Treffer – mutige Kalauer wie: Warum sind Blondinenwitze so kurz? (Antwort: Damit auch die Brünetten und Schwarzhaarigen sie behalten können.)
 
Übrigens: Blondinen soll es seit der Zeit der Neandertaler geben, blonde Haare sind angeblich entstanden in einer Zeit des Nahrungsmangels; in 200 Jahren wird es Blonde nicht mehr geben.
 
Nein, wir schwingen uns zur Beantwortung der Frage nach „Dummheit weiblich“ und „Dummheit männlich“ wieder in wissenschaftliche Höhen empor. Ein - damals -  berühmter Psychiater namens Paul Möbius hat dazu ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“. In dem Jungphilosophen Otto Weininger hat er einen Kumpan gefunden; auch er verbreitete die Theorie von der Minderwertigkeit der Frau. Die Dummheit eines Mannes erklärt er übrigens damit, daß der Mann zu 50 Prozent weibliche Gene in sich trage. Aber nehmen wir das eher als historische Reminiszenz. Möbius hat sein Buch im Jahr 1900 in Leipzig geschrieben; zur Rache dafür ist aus Leipzig 40 Jahre lang DDR geworden. Und Weininger hat seine Pamphlete als 23-Jähriger kurz vor seinem Suizid 1903 in Wien geschrieben. Und daß Witze über Österreicher selten charmanter sind als Blondinenwitze sind, wissen wir auch. Jedenfalls sind diese beiden Herren nur noch Anekdote. Keine Anekdote freilich ist der berühmte protestantische Philosoph und Theologe Soeren Kierkegaard (gestorben 1855 und deshalb vor Jahresfrist groß zum 150. Todestag gefeiert). Er stöhnte: „Welches Unglück, ein Weib zu sein! Und doch liegt das größte Unglück darin, daß das Weib es nicht faßt.“
 
Lassen wir Fakten sprechen! Ein Neugeborenes kommt mit rund 120 Milliarden Gehirnzellen auf die Welt. Davon sind beim männlichen Neugeborenen ca. 23 Milliarden Großhirnrinde, beim weiblichen rund 19 Milliarden. (Aber freuen Sie sich nicht zu früh, meine Herren! Das dicke Ende kommt nach.) Jede dieser Zellen hat zum Zeitpunkt der Geburt rund 2.500 Synapsen-Verbindungen, nach acht Monaten bereits rund 15.000. Mit der Gesamtzahl seiner Verbindungen übertrifft die Zahl der neuronalen Verbindungen im Gehirn die Anzahl der Atome im gesamten Universum.
 
Seine maximale Power erreicht das Gehirn mit ca. 27 Jahren. Das Gehirn nimmt zum Ende des Lebens hin allerdings dramatisch an Gewicht ab – alle zehn Jahre etwa um zwei bis drei Prozent, um bis zu 30 Prozent in einem langen Leben (interessanterweise aber nur bei Männern!)
 
Frauen haben zudem eine stärkere Vernetzung zwischen beiden Gehirnhälften, Männer haben eine stärkere Verbindung innerhalb jeder einzelnen Hälfte. Das weibliche Hirn sieht mehr, hört mehr, kommuniziert schneller, schafft schneller Querverweise. Die Sprachbereiche im weiblichen Hirn sind größer als jene bei den Männern. Deren Hirn kann ganz eng fokussieren – daher wohl auch der männliche „Tunnelblick“. Sie hat sozusagen Flutlicht, er hat Spotlight.
 
Eine wichtige Rolle bei der Funktionsweise des Gehirns spielt bei beiden Geschlechtern das Corpus callosum, die Verbindung zwischen den beiden Hälften. Diese Verbindung ist in der weiblichen Variante etwa ein Fünftel größer als in der männlichen. Ein bestimmter Teil davon, das so genannte Splenium, ist sogar erheblich größer, und genau hier findet die Vernetzung der Sprachzentren statt.
 
Schon in den neunziger Jahren hat man zudem herausgefunden, daß Mädchen nicht nur beide Gehirnhälften für sprachliche Prozesse benutzen, sondern daß das weibliche Hirn, wiewohl 15 Prozent kleiner, doch 20 bis 30 Prozent mehr Anteile der Sprache widmet. (Aber über Geschwätzigkeit werden wir später noch sprechen.)
 
Und die Folgen davon? Mädchen sprechen mit ihrem Spielzeug, Jungen nehmen es auseinander. Mädchen lernen früher sprechen, lesen besser und mehr, können sich besser konzentrieren (zwanzig Minuten, Buben bloß fünf) und leiden seltener an Legasthenie. Jungen hingegen können einen Körper in ihrer Vorstellung drehen. Sie können schon als Zweijährige dreidimensionale Puzzles zusammenbauen und haben eine bessere Hand-Augen-Koordination. Die Jungen haben auch einen besseren Ortssinn, aber Mädchen finden einen Weg besser, den sie zum zweiten Mal zurücklegen, weil sie das räumliche Problem in ein verbales verändert haben – „rechts hinter dem Spielplatz, links hinter der Gärtnerei“. (Nur beim Rückwärts-Einparken klappt es nicht so ganz!)
 
Das waren jetzt eine Menge humanbiologische Betrachtungen! Neben der Humanbiologie gibt es aber auch noch die Biologie in Form der Zoologie. Gehen wir das Thema zoologisch-tierisch an. 
 
Wenigstens aus dieser Perspektive können wir Menschen uns unserer Nicht-Dummheit rühmen. Schließlich weiß der Volksmund bestens Bescheid über die Dummheit im Tierreich: Wenn etwas besonders dumm gelaufen ist, dann ist es saudumm gelaufen. Wenn jemand der personifizierte Hirnfraß ist, dann ist er – je nach Geschlecht – dumm wie eine Gans, eine Ziege, ein Schaf, eine Kuh, ein Ochse, ein Rhinozeros. „Dumm wie ein Pferd“ wird zwar nicht gesagt, ausgerechnet das Pferd kennt aber ein Krankheitsbild, das Dummkoller heißt. Hier handelt es sich um eine Hirnerkrankung des Pferdes; seine Symptome sind träger, tappender Gang, Reaktionslosigkeit, Stehenbleiben mit überkreuzten Beinen, Vergessen des Kauens beim Fressen. (Ähnlichkeiten mit zweibeinigen Lebewesen sind natürlich auch hier zufällig und in nichts beabsichtigt!)
 
Hüten wir uns dennoch, die Tiere für blöd zu halten. Fuchs und Eule gelten als Symbole für Schlauheit und Klugheit. Und auch eine Kuh ist nicht so blöd, für wie sie gilt. Immerhin hört sie auf zu saufen, wenn sie keinen Durst mehr hat.
 
Auch sonst gilt für Tiere: Sie fahren nicht besoffen Auto, sie machen kein Bungiespringen, sie rauchen nicht, und sie wählen sich keine Mittelmaß-Typen zu politischen, pardon: Hordenführern!
 
Und von Schimpansen wissen wir, daß sie sogar instrumentell denken können, also ein Mittel-Zweck-Denken praktizieren. Beispiel: Ein Schimpanse sitzt in einem Käfig. Neben ihm liegt ein Rohrstock, außerhalb des Käfigs ein Banane. Nicht durch Versuch und Irrtum, sondern durch Wahrnehmungsleistung wird die Aufgabe gelöst. Der Zweck Banane und das Mittel Stock werden im Kopf in Verbindung miteinander gebracht. Das ganze geschieht spontan als „Aha“-Erlebnis.
 
Friedrich Nietzsche hat also recht, wenn er im „Zarathustra“ festhält: „Der Mensch ist mehr Affe als irgendein Affe.“
 
Das war jetzt die Biologie der Dummheit. Das ursprüngliche Humanum ist – so sagt man – die Sprache. Gehen wir also das Thema Dummheit sprachlich an. Was sagt die Weisheit der Sprache über die Dummheit?
 
Nun, die Sprache ist weise genug zu wissen, daß es viel Dummheit auf der Welt gibt, sonst hätte sie nicht so viele Synonyme (bedeutungsgleiche/-ähnliche Wörter) entwickelt: begriffsstutzig, behämmert, bescheuert, blöd, damisch, dämlich, deppert, doof, dümmlich, dusselig, idiotisch, töricht, unbedarft, verrückt (neben die Realität gerückt). Und natürlich „dümmlich“: hier reicht es nicht einmal zu einem richtigen „dumm“! Außerdem: zu heiß gebadet, mit dem Klammerbeutel gepudert, mit einem Brett vor dem Hirn, das Pulver nicht erfunden haben; dümmer, als die Polizei erlaubt. Zudem: Armleuchter, Depp, Dummsuff (für alkoholisch Verblödete), Dussel, Holzkopf, Gipskopf, trübe Tasse, Trottel. Euphemistisch verschleiernd wird mancher Trottel mit einem „IQ immerhin über Zimmertemperatur“ belegt.
 
Viele verbale Diagnosen für Dummheit sind das. Das verbale Gegenteil kommt seltener vor: klug, gescheit, intelligent, vernünftig, aufgeweckt, scharfsinnig, geistreich.
 
Gehen wir das Thema grammatisch an: Es gibt die eine Dummheit (im Singular), und es gibt Dummheiten (im Plural). Und fast stockt man dabei, weil man feststellt, daß die Dummheiten in der grammatischen Mehrzahl eigentlich weniger dumm sind als die Dummheit in der Einzahl. Ja, dümmer noch: Dummheiten können sogar reizend sein, die Dummheit kann das eher nicht.
 
Wenn schon Sprache so feinsinnig hinter Dummheit her ist, dann kann der Volksglaube dem nicht nachstehen. Und wo es um den Volksglauben geht, da ist der Aberglaube nicht fern. Die Dummheit wiederum ist die Mutter des Aberglaubens, so Jean Paul in seiner Schrift „Von der Dummheit“ (1779).
 
Wenn der Aberglaube also eine Tochter der Dummheit ist, dann ist der Aberglaube zumindest nicht rational. Gleichwohl bildet sich der Volksglaube seine Urteile (Vor-Urteile): Zwerge gelten als schlau, Riesen als dumm. (Es ist dies die Rache der Kleinen an den Großen!)
 
Ferner: Dumm werde man, wenn man Weihwasser trinke. Dumm würden Kinder, wenn man deren geschnittene Kinderhaare verbrenne. Und dumm werde man, wenn man zu viel Senf esse (sagte meine eigene Oma immer; aber ich weiß es nicht mehr, ob ich mich daran gehalten habe.)
 
Aberglaube wiederum ist es zu glauben, ein im Rausch gezeugtes Kind sei dumm. Und Aberglaube ist es auch, ein von einem Mann in Socken gezeugtes Kind werde ein Junge.
 
Ansonsten belegen viele Sagen und Schwänke des Volkes die Existenz des Dummen. Man denke etwa an die Schildbürger – an den fiktiven Ort „Schilda“. Und man denke an das Geschick der Schildbürger, in ein ohne Fenster gebautes Rathaus Licht in Säcken hineinzutragen!
 
Gehen wir die Dummheit historisch an! Hier lautet meine These: Die Weltgeschichte wird in mindestens gleichem Umfang wie von Intelligenz und von Einsicht vom Gegenteil beherrscht: von Dummheit nämlich.
 
Ein früher Beleg: Bereits der alte Römer Plautus (254 bis 184 vor Christus) wunderte sich über die, die nicht wissen, „quot digitos habet in manu“ (wie viele Finger sie an der Hand haben) - die also nicht bis fünf zählen können. (Am Rande: Die Germanen sind hier anspruchsloser: Hier gilt einer erst als dumm, wenn er nicht bis drei zählen kann.)
 
Ansonsten zeigt die Etymologie, also die Wortgeschichte, daß auch die Germanen relativ bald in der Lage waren, Dummheit zu benennen: „dumm“ gab es als „dumb“ bereits in der germanischen Sprache (also vor Karl dem Großen) und als „tumb“ im Althochdeutschen; es hängt in beiden Fällen zusammen mit „stumm“ und heißt damit zunächst „mit stumpfen Sinnen“.
 
Literarisch entdeckte man die Dummheit in größerem Stil um das Jahr 1500 herum. So lautet denn die Kernthese bei einem Sebastian Brandt: Die Welt wird von Dummheit beherrscht. Im Jahr 1494 hat er dazu sein Bändchen „Das Narrenschiff“ geschrieben; es enthält die Beschreibung von 112 Narreteien. In Kapitel 34 beispielsweise heißt es: „Denn eines plagt den Narren sehr: Was neu ist, das ist sein Begehr‘; doch ist die Lust dran bald verloren und etwas andres wird erkoren.“ (Ähnlichkeiten mit der Reformitis einer real existierenden Politik sind übrigens rein zufällig!)
 
Im Jahr 1511 schrieb der große Humanist Erasmus von Rotterdam sein Bändchen „Das Lob der Torheit“. Was wie eine Hymne auf die Dummen daherkommt, ist natürlich satirisch gemeint. Allerdings bedeutet Torheit für Erasmus nicht nur Dummheit, Beschränktheit, sondern auch Lebensfreude, Harmlosigkeit, Gutmütigkeit. Doch ist Erasmus der Meinung: Torheit beherrscht das Universum.
 
Unzählige große Geister haben sich seither mit der Dummheit befaßt.
 
Im Jahr 1703 folgte ein Bändchen mit dem Titel „Wunderlicher Traum von einem großen Narrennest“ – geschrieben von einem Mitglied des Augustiner-Barfüßer-Ordens und Kaiserlichen Prediger namens Johann Ulrich Megerle  (alias Abraham a Santa Clara). Darin beschreibt der Prediger zwölf verschiedene Narrentypen: den einfältigen, den verliebten, den versoffenen, den faulen, den eifersüchtigen Narren und andere mehr. Er tut das höchst anschaulich und offenbar zeitlos. Über den einfältigen Narren etwa schreibt er, er sei von ödem und blödem Verstand und seine Vernunft sei wurmstichig. Über den versoffenen und über verliebten Narren weiß er gleichermaßen zu berichten: Bachus und der Weiber Garn, machen viel zu lauter Narrn. Und verliebten Narren schreibt er ins Stammbuch: „amantes amentes“ (besser verständlich als „amantes dementes“ – Liebende sind oft von Sinnen).
 
Dennoch – bei aller Boshaftigkeit gegenüber Narren: Es gibt und gab auch den weisen Narren. Er galt und gilt als der kluge Bruder des Dummen. Anfangs mag er als Tölpel und Possenreißer aufgetreten sein. Lange galt er auch als Gottesleugner. Mit dem Humanismus aber wandelte sich seine Rolle wieder zu dem zurück, was er in der Antike war: der gebildete Sklave als Unterhalter, ja der Spötter, der als Hofnarr durchaus politischen Einfluß hat. Man vergleiche dazu die Shakespeare-Dramen mit ihren weisen Narren, die von Till Eulenspiegel beeinflußt waren: das fingierte Narrentum Hamlets, der Narr in King Lear oder auch das Narrentum des Pförtners in Macbeth.
 
Aber schreiten wir fort in deutscher Geistesgeschichte! Immanuel Kant kritisiert: „Dummheit drängt sich vor, um gesehen zu werden; Klugheit nimmt sich zurück, um zu sehen.“ Georg Lichtenberg hält unter Umständen sogar Gebildete für dumm, wenn er bemerkt: „Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, dann ist es nicht immer das Buch.“
 
Johann Wolfgang von Goethe erregt sich über die Wertschätzung der Dummheit, wenn er sagt: „Wenn ich dumm bin, lassen sie mich gelten. Wenn ich recht habe, wollen sie mich schelten“ (Zahme Xenien). Ebenfalls in den “Zahmen Xenien“ fordert Goethe: „Entweicht, wo düstre Dummheit gerne schweift, inbrünstig aufnimmt, was sie nicht begreift“. Aber Vorsicht! Dann tritt etwas anderes ein, was in der Politik schon oft eingetreten ist: Wenn der Klügere nachgibt, dann ist wieder ein Schritt getan zur Weltherrschaft der Dummheit.
 
Friedrich Schiller hält in der „Jungfrau von Orleans“ (III/6) fest: „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.“ Friedrich Nietzsche ereifert sich: „Jeder hat gerade so viel Eitelkeit, als es ihm an Verstand fehlt.“
 
Für Jean Paul hat ein Dummkopf zu wenig Einbildungskraft, ein Narr zu viel („Visionarr“). Robert Musil unterscheidet die ehrliche Dummheit, die lange Leitung, von der höheren Dummheit; letztere ist für ihn die eigentliche Bildungskrankheit.
 
Überhaupt ist die Literatur voll von dummen und törichten, aber zuweilen auch bauernschlauen Figuren. Man denke an Grimmelshausens „Simplicissimus“, an Haseks „Schwejk“, an Dostojewskis Roman „Der Idiot“.
 
Schockierend aber bleibt, was Ödon von Horváth sagt: Für ihn vermittelt nichts so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit. In ähnlicher Weise erschüttert uns Albert Einstein, wenn er festhält: „Zwei Dinge sind unendlich: das Weltall und die menschliche Dummheit. Beim Weltall bin ich mir allerdings nicht so sicher.“ Wahrscheinlich hat er recht, denn manche Dummheit ist wirklich schier grenzenlos – so grenzenlos, daß schon beinahe wieder höchste Intelligenz dazu gehört, um sich solche Dummheiten auszudenken. Der alte Lichtenberg brachte ein solches Beispiel – nämlich das Beispiel eines dummen Menschen, der sich tatsächlich in höchstem Maße darüber wundert, daß den Katzen exakt an der Stelle zwei Löcher im Fell wären, wo sie die Augen hätten.
 
So, jetzt kommen wir zu einem weiteren Aspekt zeitgenössischer Dummheit. Dummheit für sich allein wäre ja noch erträglich; aber die Dummheit hat drei hochintensive Schwestern. (Diese Feststellung entspringt nicht einer schwestern- bzw. frauenfeindlichen Haltung; aber die Geschwister der Dummheit sind nun einmal grammatisch - natürlich nicht in der Realität - Feminina).
 
Da ist zum einen die Schwester Eitelkeit; Ignoranz und Arroganz treten häufig im Tandem auf. Dummheit und Stolz wachsen aus einem Holz, sagt man. Bei Abraham a Santa Clara heißt das: Stultus und Stolz wachsen aus einen Holz. Und – so Santa Clara weiter: „Die sich auß Antrib der Hoffart mehrer einbilden als sie seind, dise seind die gröste Narrn.“
 
Da haben wir sodann die Schwester Geschwätzigkeit -  vornehm ausgedrückt: Dummheit scheint ein besonderes Kommunikationsbedürfnis zu haben. Klinisch heißt Geschwätzigkeit übrigens Logorrhoe; man könnte auch sagen: verbale Inkontinenz – oder noch drastischer: Sprechdurchfall.
 
Gerade die Verbindung Dummheit und Geschwätzigkeit haben viele große Geister erkannt. Von Heinrich Heine lesen wir die Bemerkung: „Ein Kluger bemerkt alles. Ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.“ Saul Bellow meint: „Die Bereitschaft, auf alle Fragen zu antworten, ist ein untrügliches Zeichen der Dummheit. Um wie viel dümmer ist es dann noch, nicht nur alle gestellten Fragen zu beantworten, sondern auch nichtgestellte.“
 
Karl Kraus meint dazu: Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, sondern muß auch in der Lage sein, sie nicht zum Ausdruck zu bringen. Und: Es gibt leider Leute, die nicht einmal das für sich behalten können, was sie nicht wissen.
 
Ich wende diese Sprüche einmal auf das Gros unserer Medienmacher an und behaupte: Die größte Verdummungsanstalt sind unsere Medien. Dabei machen die Medien dumm, obwohl sie auch gescheit machen könnten. Mit unseren quasi-modernen Medien haben wir jedenfalls eine Tyrannei der privaten und intimen Geschwätzigkeit beschert bekommen.
 
Und schließlich haben wir als weitere Schwester der Dummheit die Schamlosigkeit. Sigmund Freud (der im abgelaufenen Jahr seinen 150. Geburtstag hätte feiern können) weiß dazu: Der Verlust der Scham ist der Beginn der Verblödung. (Wir finden einen ähnlichen Gedanken übrigens schon bei Thomas von Aquin: Für ihn ist „die Torheit eine Tochter der Unzucht“). Oder in anderen Worten: Was uns tagtäglich hier begegnet, das ist eine Tyrannei des Vulgären, ja des Obszönen.
 
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Tyrannei des Ordinären findet nicht nur in der sog. Yellow-Press statt oder in den Zeitungen mit den besonders großen Buchstaben (die ja täglich millionenfach verkauft werden, die angeblich niemand liest und die natürlich völlig zu Unrecht von einem witzigen Fernsehkommissar als „Blödzeitung“ tituliert wird). Nein, auch die sog. seriösen Zeitungen und die öffentlich-rechtlichen Kanäle sind voll davon.
 
Zum Beispiel bringt eine Zeitung dann an einem einzigen Tag in jeweils mehrspaltiger Aufmachung und mit Bild (durchaus auch im Nachrichtenteil), daß eine 22jährige Pop-Lady sich an einer Stelle hat tätowieren lassen, die lediglich ihr Ex-Ehemann (Warum eigentlich der „Ex“?) zu sehen bekommt; daß ein wegen eines Mittelfingers berühmt gewordener Balltreter bei einer Party nach soundsovielen Caipirinha-Cocktails „gekotzt“ hat; daß ein in Sachen Besenkammer erfahrener Ex-Tennisspieler eine Autobiographie mit dem faustischen Titel „Augenblick, verweile doch ...“ geschrieben hat (ob er den „Faust“ wohl gelesen hat?).
 
Und natürlich hecheln sämtliche Trash-Talkshows hinterher und zerren diese Geistesriesen vor die TV-Kameras, um ihnen dann möglichst noch zu entlocken, welche Farbe ihre Unterhose wo und wann hatte.
 
Einen neuen Tiefpunkt erreicht der mediale Fernsehmüll im Jahr 2004 mit der Dschungel-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, bei der Prolo-Promis live Ekelaufgaben zu bestehen haben, zum Beispiel Mehlwürmer essen oder den Achselschweiß von Mitstreitern einschätzen dürfen/müssen.
 
Zu den resistentesten Verblödungen freilich zählt „Comedy“. Denn mit Komik hat das in den seltensten Fällen zu tun. Da fragt man sich ernsthaft, ob hier ein Komiker eine Witzfigur darstellt oder ob der Komiker selbst die Witzfigur ist. Jedenfalls ist auch das Verschwinden des Humors und dessen Ersatz durch Comedy ein Zeichen von Verblödung.
 
Ein anderes Genre dieser pseudo-lustigen Verblödung sind die von einer Lache aus der Konserve begleiteten Homevideo-Shows der Marke: Verliert ein Mann auf der Leiter seine Hose - Fällt einer Oma das Gebiß in den Eisbecher - Verletzt sich ein Mann dort, wo es am meisten weh tut. Ein RTL-Programmchef soll dazu fast philosophisch gesagt haben: Je schwerer die Zeiten, desto mehr einfache Unterhaltung wollen die Zuschauer. Was Wunder, wenn eines der großes Schandmäuler, Harald Schmidt, von Unterschichtenfernsehen spricht! (Am Rande: Das ist das Ergebnis von 20 Jahre Privatfernsehen, von dem sich eine gewisse Volkspartei so viel mehr politische Ausgewogenheit und Anspruchsniveau versprochen hatte!)
 
Einzelfälle, könnte man sagen! Recht und schön. Das im wahrsten Sinn des Wortes Dumme daran ist, daß es diese Einzelfälle in dieser Fülle nur deshalb gibt, weil sie ein Millionenpublikum haben. Aber eigentlich ist dies Umweltverschmutzung via Medien. Man müßte auf solche mediale Hofberichte schreiben: „Dieses Medienprodukt schadet Ihrem Hirn.“ Und es müßte als Inhaltsangabe darauf stehen: „Bestandteile dieses Produkts sind zu 55 Prozent hohle Phrasen und Platitüden (Wortfladen), ferner zu jeweils 15 Prozent Syntax-, Orthographie und Grammatik-Fehler.“
 
Nach dem Junktim von Dummheit und Medien wäre zu reden über das Junktim von Dummheit und Politik. Aber dafür reicht kein einzelner Vortrag. Hierzu nur so viel: Eine intellektuelle Herausforderung ist Politik schon lange nicht mehr. Wir erkennen das spätestens jeden Sonntagabend, wenn eine außerparlamentarische Worterteilerin der Nation in ARD ihre zweibeinigen Talkshow-Wanderpokale zu ihrem Problem-Rangierbahnhof einlädt.
 
Zudem grämen wir uns ob der Frage, ob Mediendemokratie (oder Demokratie insgesamt) nicht zu sehr auf Mittelmäßigkeit angelegt ist (ob also aus Mediokratie nicht Mediokrität wurde). Von der Macht des Geistes jedenfalls spürt man heute wenig, um so mehr jedoch vom (Un-)Geist der Macht.
 
In George Orwells düsterer Roman-Vision mit dem Titel „1984“ heißt einer der Leitsprüche: „Unwissenheit ist Stärke“. Wenn man nicht zu gut wüßte, daß Orwell damit totalitäre Systeme ansprangern wollte, könnte man fast meinen, er könnte die „Demokratur“ des Mittelmaßes des Jahres 2006 gemeint haben.
 
Wäre ich Orwell und könnte einen düsteren Science-fiction-Roman schreiben, mein erfundener Leitspruch lautete: Das Volk hat zukünftig die Pflicht, sich so dumm zu stellen wie die Regierenden, damit die Regierenden glauben können, sie seien so gescheit wie das Volk.
 
Da lob‘ ich mir den Sport. Denn hier geht es lebensnah und philosophisch zu. Beispiele: In einer seriösen Sonntagszeitung weiß wenigstens der Fußball-Kaiser, daß der „Mensch eine Fehlentwicklung“ ist. Oder nehmen wir Beckham! Im Februar 2006 läßt er sich vernehmen mit der Nachricht, die elterliche Hilfe bei den Rechenaufgaben seines Sohnes Brooklyn überlasse er seiner Frau Victoria, dem früheren Spice Girl Posh. Der Grund? Beckham wörtlich: „Mathematik ist heutzutage so was von hart.“ Und das Härte-Beispiel: „50 minus 11“. Oder nehmen wir die Fußball-Frage: „Macht Köpfen dumm?“ Beckenbauer würde sagen: „Ja mei, i mein, wahrscheinlich scho, denn wenn man geköpft ist, hat man ja keinen Kopf mehr!“ Gemeint ist aber nicht das Einen-Kopf-kürzer-Machen, sondern gemeint ist der Kopfball, also das Stoßen des Fußballes mit dem Kopf.
 
Beckenbauer, Beckham, Becker - kommt daher womöglich der Spruch: Du hast doch einen Bäcker! Aber das paßt ja orthographisch nicht! Oder paßt hier etwa die boshafte Frage: Was geschieht, wenn einer von denen seinen Verein verläßt? Boshafte Antwort: Dann steigt in diesem Verein sprunghaft der IQ. Oder gar die Frage: Na, was haltet ihr als Außenstehende von der Intelligenz?
 
Vielleicht vermisst der geneigte Zuhörer jetzt eine pädagogische Betrachtung der Dummheit. Ich muß ihn aber enttäuschen: In der modernen Pädagogik kennt man keine Dummheit mehr. Schüler sind schlechtestenfalls einseitig begabt oder einseitig unbegabt oder in der Regel halt frustriert und demotiviert. Die Zeiten, in denen die Pädagogik samt Psychiatrie unterschied zwischen Idiotie (einem bleibenden Intelligenzalter unter 6 Jahren), Imbezillität (einem bleibenden Intelligenzalter zwischen 6 und 10 Jahren) und Debilität (einem bleibenden Intelligenzalter zwischen 10 und 12 Jahren) sind längst vorbei. Nur gelegentlich wagt noch ein Intelligenzforscher festzustellen, daß geistige Untätigkeit den IQ senke (zum Beispiel bereits während der Urlaubszeit).
 
Wer aber den Begriff „Dummheit“ in pädagogischen Lexika sucht, wird nichts finden. Denn die Dummen kann es aus Gründen der „educational correctness“ nicht mehr geben.
 
Auch die Frage, ob mangelnde geistige Fähigkeiten angeboren oder erworben/anerzogen sind, spielt in der Pädagogik keine Rolle mehr. Denn in ihrem modernen Machbarkeitswahn meint sie ja, alle zu allem begaben zu können.
 
Mit Dummheit hat Pädagogik aber nach wie vor zu tun. Denn alles, was Schule vermittelt, vermittelt sie nicht nur gegen so manch natürliche Trägheit so mancher Zöglinge, sondern auch gegen eine Dummheit, die Schule von außen fest im Griff hat.
 
Angesichts aktueller bildungspolitischer Mega-Innovationen beschleicht einen zudem das Gefühl, daß Schule mehr und mehr nur noch dazu da ist, die Dummheiten der Politik auszumerzen. Und es beschleicht einen das Gefühl, die schlauen Fachkommissionen und Fachministerien verfügen heute vor allem über eines: nämlich über Inkompetenzkompensationskompetenz (Begriff nach Odo Marquardt). Inkompetenzkompensationskompetenz, das ist nämlich eine Kompetenz, die darin besteht, die eigene Inkompetenz zu verschleiern, zu vernebeln – zum Beispiel durch flotte Sprüche. Deshalb sollte eigentlich gelten: Ein Land, das solchen Medienschrott produziert, das sich solche Stars kürt, das solche seichten Reformen inszeniert, braucht keinen PISA-Test mehr.
 
Bei einem solchen Umfeld geraten Bildungseinrichtungen jedenfalls mehr und mehr in die Rolle der gesamtgesellschaftlichen Dummheiten-Verhinderungs-Institutionen. Es passiert schließlich kaum eine Dummheit, für die diese unsere Gesellschaft nicht sofort eine Dummheiten-Reparatur durch die Schule erwartet. Dabei müßte hier eigentlich wie im Bereich des Umweltschutzes das Verursacherprinzip gelten: Wer die Umwelt, zum Beispiel medial, mit Dummheit verschmutzt, sollte dafür selbst zur Rechenschaft gezogen werden.
 
Jedenfalls können Deutschlands Schulen gar nicht so viel Gescheitheit erzeugen und fördern, wie Dummheit um unsere Bildungseinrichtungen herum ist.
 
Und selbst so manche Bildungspolitik ist alles andere als ein Genie-Streich! Man denke an den umwerfenden Vorschlag (übrigens zugleich aus Wirtschaft und sog. Pädagogik kommend), daß die Kinder mit vier Jahren eingeschult werden sollten. Da will man denn noch dümmer sein und vorschlagen: Verkürzt doch endlich die Schwangerschaft; volle neun Monate – das ist doch wirklich verlorene Zeit!
 
Und man denke an die Rechtschreibreform – wohl eine der größten politischen Dummheiten der letzten Jahrzehnte. Sie hat in mehr als zehn Jahren so kreative Regeln zustande gebracht wie folgende: Bis 1996 mußte man „leid tun“ klein und getrennt schreiben, dann mußte man „Leid tun“ schreiben; ab 2006 gilt die Zusammenschreibung „leidtun“. Oder das Beispiel „Stendelwurz“ – früher mit „e“, jetzt mit „ä“, weil nämlich irgendein oberschlauer Rechtschreibreformer festgestellt hat, daß der Stendelwurz im Volksglauben als eine erektionsfördernde Pflanze gilt. Weil das aber mit Standvermögen zu tun hat, meinte man, Ständelwurz (jetzt mit ä) vorschreiben zu sollen.
 
 
Aber jetzt noch etwas zur Ehrenrettung der Dummheit!
Das Gute am Schlechten sozusagen!
 
Ich fasse es in folgende Thesen:
1.
Wesentliche Erfahrungen der Menschheit verdanken wir unklugem Handeln.
2.
Gäbe es keine Narren, wüßten wir weniger von Wahrheiten. Denn Kinder und Narren sagen die Wahrheit.
3.
Ein besonderer Vorteil der Dummheit ist sodann, daß sie weniger Angriffsflächen bietet. (Horst Geyer beschreibt das 1954 recht schön in seinem Buch mit dem Titel  „Über die Dummheit“.)
4.
Dummheit ist der Motor der Wirtschaft, denn wer schon kauft und konsumiert nicht ständig mehr, als er braucht!
 
Ansonsten trösten wir uns mit der Erfahrung eines Dr. Heinrich Faustus. Dieser sitzt gleich zu Beginn des nach ihm benannten deutschen Nationaldramas nächtens in einem engen gotischen Zimmer unruhig auf seinem Sessel – und jammert:
„Habe nun, ach, Philosophie, Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor! .....“
 
Auch einem Faust war also manchmal zum Verzweifeln zumute.
 
Lassen wir all diese Gesichter der Dummheit hinter uns! Fragen wir uns vielmehr nach den Möglichkeiten der Immunisierung gegen die Dummheit!
 
Kann sich der einzelne immunisieren? Ja, nur er! Jeder einzelne kann, ja muß sich gegen Dummheit auflehnen. Er sollte sich hier ausnahmsweise nicht an Immanuel Kant halten. In seinem Aufsatz „Über Schwärmerei und die Mittel dagegen“ schreibt er zwar durchaus nachvollziehbar: „Gegen redselige Unwissenheit hilft kein weitläufiges Widerlegen, sondern nur verachtendes Schweigen.“ Aber: Wer das beherzigt, der überläßt der Dummheit das Feld.
 
Nein! Intellektueller Widerstand ist Bürgerpflicht. „Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen“, hat Jean-Paul Sartre gesagt. Das sollte Mut machen zu Zivilcourage. Sonst gilt: Je weniger einer Intelligenz besitzt, um so dümmer erscheint ihm der andere (André Gide).
 
Ansonsten hilft am ehesten eine Gewißheit, nämlich die Gewißheit: Dummheit ist nicht, wenig wissen; Dummheit ist es vielmehr zu glauben, genug zu wissen.
 
Also ist der am wenigsten dumm, der weiß, daß er dumm ist (siehe Sokrates).
 
Ansonsten aber haben Wissen und Klugheit einen großen taktischen Vorteil: Der Vorteil der Klugheit und des Wissens besteht nämlich darin, daß man sich im Bedarfsfall dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schwieriger (sagt Kurt Tucholsky). Oder hat man schon einmal einen Dummen gesehen, der sich klug stellen konnte?

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