DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

DeutschlandRadio vom 26. Juli 2004

Lehrerverband fordert schnelle Entscheidung über Rechtschreibreform

Interview mit Josef  K r a u s , Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Sagenschneider:
Herr Kraus, ich grüße Sie.

Kraus: Ja, grüße Sie auch, Frau Sagenschneider.

Sagenschneider: Die Lehrer sind sich da überhaupt nicht einig, was von der neuen Rechtschreibung zu halten ist, oder?

Kraus: Also, wenn ich so in die Kollegien in Deutschland reinschaue, dann glaube ich, drei Gruppen entdecken zu können. Die erste Gruppe, das ist eine sehr starke Gruppe, die ist radikal gegen die Reform. Dann gibt es eine zweite Gruppe, der ist eigentlich egal, was jetzt rauskommt, Hauptsache, es wird jetzt endlich mal was entschieden und da setzt man durchaus drauf, dass sich jetzt die Ministerpräsidenten drum kümmern, um dann vielleicht mal Klarheit zu bekommen. Und die dritte Gruppe, ich würde mal sagen, das sind nach wie vor die Euphoriker, die meinen, durch die Reform hätte sich was verbessert. Also die drei Gruppen, ich möchte es nicht quantifizieren, ich nehme mal an, sie sind alle etwa gleich stark.

Sagenschneider: Aber das heißt dann auch, die Lehrer können gar keinen rechten Einfluss nehmen, weil die Meinungen sehr unterschiedlich sind.

Kraus: Das ist natürlich schwierig, aber das haben wir in anderen Politikbereichen, was schulpolitische Grundsatzfragen betrifft, auch gehabt. Sie brauchen sich hier bloß mal die Verbändelandschaft der Lehrer in Deutschland anzuschauen, da gibt es alles an Auffassungen und Einstellungen und Grundpositionen. Ich bedauere es ein bisschen, dass die Lehrerschaft hier nicht mit einer Zunge sprechen kann, ich glaube, dass hätte die Reformpolitik schon erheblich in andere Richtungen und Bahnen gebracht.

Sagenschneider: Sie plädieren dafür, zurück zur alten Rechtschreibung?

Kraus: Nein, so will ich es nicht sagen. Also, zunächst mal gehöre ich auch der zweiten Gruppe an, die sagt, macht doch endlich mal Entscheidungen, sonst greift dieses Prinzip der Beliebigkeit und auch die Verunsicherung noch mehr um sich. Ich könnte mich mit einem Kompromiss gut anfreunden. Dass ein erheblicher Teil der Rechtschreibung, das Kernstück der Rechtschreibreform, besser gesagt, erhalten bleibt, nämlich die S-Schreibung. Die ist, was die Gesetzmäßigkeit betrifft, was die Logik betrifft, ist die in Ordnung. Sie ist nicht leichter geworden, das muss man mit dazu sagen. Denn es machen mittlerweile Schüler Generalisierungsfehler, so nennt man das, die schreiben das Doppel-S jetzt auch bei Straße und draußen, obwohl ein Diphthong beziehungsweise ein langer Vokal vorausgeht. Also diese S-Schreibung ist aber, ich sage es noch einmal, in sich stimmig, die könnte man belassen, alles andere würde ich zurückführen. Ich würde vor allem darauf bestehen, mit Blick auf den Leser, dass man die Kommasetzung wieder verbindlicher macht.

Sagenschneider: Was zeigen denn insgesamt die Erfahrungen wie die Schüler mit dem Regelwerk klarkommen, so im Großen und Ganzen?

Kraus: Ach, im Endeffekt müssen die Schüler mit jedem Regelwerk klar kommen. Die Hoffnungen haben sich allerdings nicht erfüllt, 1996, als das alles anlief, dass die Zahl der Fehler weniger geworden ist. Da gab es ja damals so ganz euphorische Aussagen, es würden mit der Reform 70 Prozent weniger Fehler gemacht und so weiter. Also, die Leute gibt es heute nicht mehr, die so was behaupten und versprechen. Es ist übrigens aber auch bezeichnend für Deutschland, man macht mittlerweile für den Schulbereich eine Untersuchung nach der anderen zu jedem möglichen Quatsch. Aber man hat zum Beispiel nicht überprüft, was überhaupt kein Problem gewesen wäre, ob denn in den vergangenen acht Jahren weniger Fehler gemacht werden. Ich hätte mir tausend Aufsätze raussuchen können aus den Jahren 96 und vorher und tausend Aufsätze aus dem Jahr 2004. Dann hätte ich überprüfen können, ob sich die Fehlertypologie verändert hat. Aber das hat man nicht gewollt, vielleicht wollte man auch die Wahrheit gar nicht wissen. Also, die Fehlerzahl ist nicht geringer geworden. In der Kommasetzung ist das Regelwerk liberalisiert worden. Insofern werden da natürlich weniger Fehler gemacht, wenn es weniger Fehlerquellen gibt, aber nicht im Interesse der Lesbarkeit gewesen, was man da in der Kommasetzung gemacht hat. Im Bereich der Zusammen-, Getrenntschreibung, im Bereich der Groß-, Kleinschreibung da haben wir ja nun wirklich diese vielen unausgegorenen Beispiele nach dem neuen Regelwerk, da schauen die Lehrer nicht so ganz genau hin. Und viele Journalisten und viele Lektoren beherrschen es ja auch nicht, also da kriegt der Schüler keinen Nachteil draus.

Sagenschneider: Nun hat man es ja vor vier Jahren an den Schulen eingeführt und lehrt es auch seit vier Jahren. Wäre das dann nicht für die Schülerinnen und Schüler nicht extrem verwirrend wenn man nun sagen würde, tut uns Leid, war ein Irrtum, zurück zum Alten oder zumindest teilweise zurück?

Kraus: Also, die Reformbefürworter haben behauptet, dass die Einführung vor ein paar Jahren kein Problem war. Im Umkehrschluss kann dann natürlich auch das Zurück zur alten Schreibung kein Problem sein. Man muss sich auch mal vergegenwärtigen, ich nehme jetzt mal die jüngsten Schüler her, die Grundschüler her, wie groß denn die Reichweite der Reform ist. Wir haben in vielen deutschen Ländern einen Grundwortschatz, der besteht in der Regel aus 700 Wörtern, leider nur noch 700 Wörtern. Der Grundwortschatz, das ist ein Wortschatz, der alle Wörter beinhaltet, die ein Schüler am Ende der vierten Grundschulklasse schreiben können muss. Von diesen 700 Wörtern sind 20 von der Reform betroffen. Also, das zeigt, dass man gerade in diesem Eingangsprimarbereich eine geringe Reichweite der Reform hat. Das zeigt aber gleichzeitig auch, dass sowohl die Umstellung vor Jahren wie möglicherweise jetzt auch das Zurück kein allzu großes Problem sein dürfte.

Sagenschneider: Die Rechtschreibreform ist allerdings ein deutsch-österreichisch-schweizerisches Projekt, glauben Sie denn wirklich, dass es da so einen breiten Veränderungswillen gibt oder wie würden Sie das einschätzen?

Kraus: Ja gut, jetzt kommen ja auch noch die deutschsprachigen Belgier mit dazu und so weiter und so weiter mehr. Es sind ja um die 90 Millionen, die Deutsch, oder mehr als 90 Millionen, die Deutsch als Muttersprache sprechen und auch schreiben und ich glaube schon, dass letztendlich tonangebend das ist, was der größte deutschsprachige Staat tut, aber das würde natürlich Zeit werden. Im Übrigen könnte ich mir da auch gewisse Modifikationen vorstellen, ich würde sie nicht unbedingt begrüßen, wenn Sie daran denken, dass die Schweizer das scharfe S, das Eszett, sowieso schon vor Jahren abgeschafft haben.

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