DeutschlandRadio, Radiofeuilleton: Kritik, 14.07.2005

Ehrenrettung der deutschen Schüler

Josef Kraus: "Der PISA-Schwindel"

Rezensentin: Jacqueline Boysen

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, hat ein Buch vorgelegt mit seiner Interpretation der PISA-Studie. Offenbar versucht Kraus sich damit an der Ehrenrettung der gescholtenen deutschen Schüler.

Deckt Kraus wirklich einen Schwindel auf?

Er versucht es zumindest - und es ist einen Versuch wert: Kraus, selbst nicht nur Funktionär, sondern Gymnasiallehrer, hat den Schwindel im doppelten Wortsinn im Blick: Zum einen möchte er entlarven, wie mit den Zahlen der OECD politisch Schindluder getrieben wird, zum Zweiten möchte er dem Taumel und der Orientierungslosigkeit beikommen, die PISA seiner Diagnose nach in der Bildungspolitik ausgelöst hat. Beides versucht er mit großer Wortgewalt, bisweilen auch polemisch, auf jeden Fall frei vom bemühten Pädagogenfachjargon.
Kraus verficht einen in Misskredit geratenen traditionellen Bildungsbegriff, nicht allein, wenn er für das Erlernen der lateinischen Sprache eine Lanze bricht.

Ansonsten schlägt Josef Kraus die Bildungsreformer mit ihren eigenen Mitteln, in dem er gleichfalls die Statistik ins Feld führt - mehr oder weniger virtuos, als Deutsch- und Sportlehrer sind ihm Zahlengebirge vielleicht auch nicht geheuer.

Wie erklärt denn Kraus, was den Schwindel verursacht, unter dem wir nach PISA leiden?

"Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe" - soll Winston Churchill gesagt haben. Ähnlich ist es hier: Kraus fragt zum Beispiel zurecht nach den Analphabeten, in Studien gern vernachlässigt, gesellschaftlich aber ein Problem, das PISA nicht wirklich erfasst, wie der Blick auf die Ergebnisse der Schwellenländer zeigt. Kurz: Kraus versucht, deutlich zu machen, dass das Resultat der PISA-Studie (fast 5000 deutsche 15-Jährige, mehr als 220 Schulen) nicht die einzige Grundlage für eine Bewertung des deutschen Schulsystems liefert und wir auch andere Studien ansehen sollten, um zu fundierten Erkenntnissen zu gelangen.

Welche Untersuchungen meint er?

Zum Beispiel Schülerleistungsuntersuchungen wie die Mathematik-Studie Timss, aber auch die Tests der Kreiswehrersatzämter der Bundeswehr unter Wehrpflichtigen, die also nur junge Männer prüfen. Mit PISA wird offen Politik gemacht, denn der Vergleich mit dem viel zitierten Finnland ist ja vergleichsweise harmlos. Bei der Bundeswehr-Untersuchung aber ergeben sich alljährlich verheerende regionale Unterschiede, die Strukturpolitikern ganz schwere Sorgen bereiten müssten: Da sieht man, wie insbesondere in Ostdeutschland in ganzen Landstrichen extrem niedrige Leistungen erreicht werden, und Fähigkeiten und Intelligenzquotienten der Jungen ganz weit unter dem Altersdurchschnitt liegen. Darüber darf offenbar nicht geredet werden, und also schrillt keine Alarmglocke und so wird es auch keine Besserung geben - hart gesagt: was statistisch nicht für PISA relevant ist, wird auch nicht diskutiert, geschweige denn zu kurieren versucht.


Wie will Kraus denn die Schule reformiert wissen?

Josef Kraus ist ein konservativer Lobbyist: Zwar plädiert er für das intensivere Lernangebot in Kindergärten und eine modernere Lehrerausbildung, grundsätzlich aber verteidigt er das dreigliedrige Schulsystem, dass es zu modernisieren, nicht zu reformieren gelte. Zum einen schneiden die Bundesländer, in denen Gymnasium, Real- und Hauptschule nebeneinander existieren, in den Studien besser ab als Länder mit Gesamtschulen und einem gemischten Angebot. Natürlich weiß er, dass es nicht nur eine Ursache für das gute Abschneiden der Schüler in diesen Ländern gibt. Auch ist ihm klar, Dreigliedrigkeit bedeutet, dass die Hauptschule weitaus stärker gefördert und unterstützt werden muss als momentan, damit auch Hauptschüler die Schule wieder mit einer verlässlichen Rechenfähigkeit und einer soliden Rechtschreibung verlassen.


Der schon erwähnte PISA-Test-Sieger Finnland aber erreicht seine Spitzenposition mit einem Gesamtschulsystem!

Auch hier gilt natürlich, dass es nicht nur eine einzige Erklärung gibt: sicher ist die Sozialstruktur in Finnland nicht mit unserer vergleichbar, weder Lern- noch Lehrtradition ähneln einander - nicht jedes deutsche Kind würde in Finnland zum Überflieger.

Der Wert des Bandes von Josef Kraus ist ein anderer: das Buch ist mit Gewinn zu lesen, denn Kraus kann, anders als viele seiner Fachkollegen, lesbar, auch unterhaltsam schreiben. Man kann durchaus anderer Meinung sein und ein anderes Fazit ziehen, anregend ist das Buch allemal. Es lädt zur Diskussion ein - auch ein klassisches Bildungsziel, das im neuen stromlinienförmigen Curriculum in Vergessenheit geraten ist.

Josef Kraus: "Der PISA-Schwindel. Unsere Kinder sind besser als ihr Ruf. Wie Eltern und Schule Potentiale fördern können." Signum Verlag Wien 2005, 250 Seiten, 16,90 €.

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