Präsident des Deutschen
Lehrerverbandes (DL)
In diesen
Wochen werden an Deutschlands Schulen wieder rund 1,5 Millionen Schüler
mit viel Stolz und mit einem Abschlusszeugnis "ins Leben" verabschiedet.
Natürlich hält nicht jedes Zeugnis, was es verspricht; und gewiss
ist nicht alles Gold, was bei Abschlussfeiern und in Abschiedsreden festlich
glänzt und klingt. Aber das kann es auch nicht. Denn alles, was die
Schule vermittelt, vermittelt sie nicht nur gegen manch natürliche Trägheit
mancher Zöglinge, sondern auch gegen eine Dummheit, die Schule von außen
fest im Griff hat.
Denken wir im Umfeld der stolzen Schulabschlussfeiern also einmal nicht
an die reale oder angebliche Dummheit von Schülern. Reden wir vielmehr
über Dummheit im allgemeinen. Gehen wir dazu Dummheit zunächst
grammatisch an. Es gibt Dummheit, und es gibt Dummheiten. Dabei stellt man
fest, dass die Dummheiten in der grammatischen Mehrzahl eigentlich weniger
dumm sind als die Dummheit in der Einzahl. Ja, dümmer noch: Dummheiten
können sogar reizend sein, die Dummheit kann das eher nicht.
Bei Sebastian Brandt lautet die These: Die Welt wird von Dummheit beherrscht.
Im Jahr 1494 hat er dazu sein Bändchen "Das Narrenschiff" geschrieben;
es enthält die Beschreibung von 112 Narreteien. Im Jahr 1511 verfasste
sodann Erasmus von Rotterdam "Das Lob der Torheit". Was wie eine Hymne
auf die Dummen daherkommt, ist natürlich satirisch gemeint. Ähnlichkeiten
mit real existierender Gesellschaft und Politik drängen sich indes
in beiden Fällen geradezu auf.
Viele Große haben sich seither mit der Dummheit befasst. Goethe
erregt sich: "Wenn ich dumm bin, lassen sie mich gelten. Wenn ich recht
habe, wollen sie mich schelten." Schiller hält fest: "Mit der Dummheit
kämpfen Götter selbst vergebens." Und Einstein erschüttert
uns mit der Aussage: "Zwei Dinge sind unendlich: das Weltall und die menschliche
Dummheit. Beim Weltall bin ich mir allerdings nicht so sicher", meint er.
Dummheit ist also offenbar ein zeitloses Phänomen! Wahrscheinlich
hält sich Dummheit trotz aller Wissenschaft deshalb so gut, weil sie
weniger Angriffsflächen bietet. Dummheit ist auch der Motor der Wirtschaft,
denn wer schon kauft nicht ständig mehr, als er braucht! Dummheit ist
sodann der Motor der Medienwirtschaft, denn wer braucht schon wirklich dieses
ganze Talk- und Promi-Gequatsche!
Damit ist man bei zeitgenössischer Dummheit angekommen. Dummheit
für sich allein wäre ja noch erträglich; aber die Dummheit
hat drei hochintensive Schwestern. Da ist zum einen die Schwester "Eitelkeit".
Dummheit und Stolz wachsen aus einem Holz, sagt man. Da haben wir sodann
die Schwester "Geschwätzigkeit" - vornehm ausgedrückt: Dummheit
hat ein besonderes gesteigertes Kommunikationsbedürfnis. Und schließlich
haben wir als weitere Schwester der Dummheit die Schwester "Schamlosigkeit".
Sigmund Freud weiß dazu: Der Verlust der Scham ist der Beginn der
Verblödung.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die daraus erwachsende Tyrannei
des Vulgären, des Ordinären, ja des Obszönen findet nicht
nur statt in der so genannten Yellow-Press statt. Auch seriöse Zeitungen
und öffentlich-rechtliche Kanäle sind voll davon. Zum Beispiel
bringt eine Zeitung an einem einzigen Tag in mehrspaltigen Aufmachungen,
dass eine silikon-gestylte "Ex" ihren Manager auf 250.000 Euro verklagt
hat; und dass sich unser aller Fussball-Ex-Kaiser nach vier Söhnen
von seiner neuesten Lebensabschnittpartnerin eine Tochter wünscht.
Tags darauf wird dann bestimmt berichtet, dass eine 22-jährige
Pop-Lady sich an einer Stelle hat tätowieren lassen, die lediglich
ihr Ex-Ehemann zu sehen bekommt; dass ein in Sachen Besenkammer erfahrener
Ex-Tennisspieler eine Autobiographie mit dem faustischen Titel "Augenblick,
verweile doch ..." geschrieben hat.
Einzelfälle, könnte man sagen! Das Dumme daran aber ist, dass
es diese Einzelfälle in dieser Fülle nur deshalb gibt, weil sie
ein Millionenpublikum haben. Damit wird die Sache jedoch zur Umweltverschmutzung.
Eigentlich müsste auf derartigen Hofberichten stehen: "Dieses Medienprodukt
schadet Ihrem Hirn."
Bei einem solchen Umfeld geraten Bildungseinrichtungen mehr und mehr
in die Rolle der gesamtgesellschaftlichen Dummheitenverhinderungsinstitutionen.
Deutschlands Schulen aber können gar nicht so viel Gescheitheit erzeugen,
wie Dummheit um unsere Bildungseinrichtungen herum ist.
Ja, es beschleicht einen sogar das Gefühl, dass Schule mehr und
mehr nur noch dazu da ist, die Dummheiten der Gesellschaft und der Politik
auszumerzen. Und es beschleicht einen das Gefühl, die inflationär
aus dem Boden schießenden Fachkommissionen verfügen heute vor
allem über eines: nämlich über Inkompetenzkompensationskompetenz.
Inkompetenzkompensationskompetenz - das ist nämlich eine Kompetenz,
die nur noch darin besteht, die eigene Dummheit zu vernebeln, zum Beispiel
mittels flotter Sprüche. Deshalb sollte eigentlich gelten: Ein Land,
das solchen Medienschrott produziert, das sich solche Stars kürt, das
solche Experten hat, braucht eigentlichen keinen PISA-Test mehr.
Kann der einzelne etwas dagegen tun? Ja, nur er! Er sollte sich deshalb
nicht an Immanuel Kant halten, der einmal schrieb: "Gegen redselige Unwissenheit
hilft kein weitläufiges Widerlegen, sondern nur verachtendes Schweigen."
Nein! Wenn alle Klugen nachgäben, dann hätten wir die totale
Weltherrschaft der Dummheit.
An die jungen Leute gewandt: Ein Schulabschluss begründet auch
ein gewisses intellektuelles Selbstbewusstsein - gegen einen um sich greifenden
Anti-Intellektualismus sowie gegen den (Un-)Geist des Marktes und der
Macht. Man möchte den Jungen sodann zurufen: Schwimmt nicht einfach
mit in der fortschreitenden Banalisierung unseres sog. öffentlichen
Lebens. "Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen", hat
Jean-Paul Sartre gesagt. Das sollte Mut machen zur Zivilcourage gegen Dummheit.