DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

DeutschlandRadio Berlin - Politisches Feuilleton - 19. Juli 2004

Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen

Von Josef   K r a u s

 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


In diesen Wochen werden an Deutschlands Schulen wieder rund 1,5 Millionen Schüler mit viel Stolz und mit einem Abschlusszeugnis "ins Leben" verabschiedet. Natürlich hält nicht jedes Zeugnis, was es verspricht; und gewiss ist nicht alles Gold, was bei Abschlussfeiern und in Abschiedsreden festlich glänzt und klingt. Aber das kann es auch nicht. Denn alles, was die Schule vermittelt, vermittelt sie nicht nur gegen manch natürliche Trägheit mancher Zöglinge, sondern auch gegen eine Dummheit, die Schule von außen fest im Griff hat.

Denken wir im Umfeld der stolzen Schulabschlussfeiern also einmal nicht an die reale oder angebliche Dummheit von Schülern. Reden wir vielmehr über Dummheit im allgemeinen. Gehen wir dazu Dummheit zunächst grammatisch an. Es gibt Dummheit, und es gibt Dummheiten. Dabei stellt man fest, dass die Dummheiten in der grammatischen Mehrzahl eigentlich weniger dumm sind als die Dummheit in der Einzahl. Ja, dümmer noch: Dummheiten können sogar reizend sein, die Dummheit kann das eher nicht.

Bei Sebastian Brandt lautet die These: Die Welt wird von Dummheit beherrscht. Im Jahr 1494 hat er dazu sein Bändchen "Das Narrenschiff" geschrieben; es enthält die Beschreibung von 112 Narreteien. Im Jahr 1511 verfasste sodann Erasmus von Rotterdam "Das Lob der Torheit". Was wie eine Hymne auf die Dummen daherkommt, ist natürlich satirisch gemeint. Ähnlichkeiten mit real existierender Gesellschaft und Politik drängen sich indes in beiden Fällen geradezu auf.

Viele Große haben sich seither mit der Dummheit befasst. Goethe erregt sich: "Wenn ich dumm bin, lassen sie mich gelten. Wenn ich recht habe, wollen sie mich schelten." Schiller hält fest: "Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens." Und Einstein erschüttert uns mit der Aussage: "Zwei Dinge sind unendlich: das Weltall und die menschliche Dummheit. Beim Weltall bin ich mir allerdings nicht so sicher", meint er.

Dummheit ist also offenbar ein zeitloses Phänomen! Wahrscheinlich hält sich Dummheit trotz aller Wissenschaft deshalb so gut, weil sie weniger Angriffsflächen bietet. Dummheit ist auch der Motor der Wirtschaft, denn wer schon kauft nicht ständig mehr, als er braucht! Dummheit ist sodann der Motor der Medienwirtschaft, denn wer braucht schon wirklich dieses ganze Talk- und Promi-Gequatsche!

Damit ist man bei zeitgenössischer Dummheit angekommen. Dummheit für sich allein wäre ja noch erträglich; aber die Dummheit hat drei hochintensive Schwestern. Da ist zum einen die Schwester "Eitelkeit". Dummheit und Stolz wachsen aus einem Holz, sagt man. Da haben wir sodann die Schwester "Geschwätzigkeit" - vornehm ausgedrückt: Dummheit hat ein besonderes gesteigertes Kommunikationsbedürfnis. Und schließlich haben wir als weitere Schwester der Dummheit die Schwester "Schamlosigkeit". Sigmund Freud weiß dazu: Der Verlust der Scham ist der Beginn der Verblödung.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die daraus erwachsende Tyrannei des Vulgären, des Ordinären, ja des Obszönen findet nicht nur statt in der so genannten Yellow-Press statt. Auch seriöse Zeitungen und öffentlich-rechtliche Kanäle sind voll davon. Zum Beispiel bringt eine Zeitung an einem einzigen Tag in mehrspaltigen Aufmachungen, dass eine silikon-gestylte "Ex" ihren Manager auf 250.000 Euro verklagt hat; und dass sich unser aller Fussball-Ex-Kaiser nach vier Söhnen von seiner neuesten Lebensabschnittpartnerin eine Tochter wünscht.

Tags darauf wird dann bestimmt berichtet, dass eine 22-jährige Pop-Lady sich an einer Stelle hat tätowieren lassen, die lediglich ihr Ex-Ehemann zu sehen bekommt; dass ein in Sachen Besenkammer erfahrener Ex-Tennisspieler eine Autobiographie mit dem faustischen Titel "Augenblick, verweile doch ..." geschrieben hat.

Einzelfälle, könnte man sagen! Das Dumme daran aber ist, dass es diese Einzelfälle in dieser Fülle nur deshalb gibt, weil sie ein Millionenpublikum haben. Damit wird die Sache jedoch zur Umweltverschmutzung. Eigentlich müsste auf derartigen Hofberichten stehen: "Dieses Medienprodukt schadet Ihrem Hirn."

Bei einem solchen Umfeld geraten Bildungseinrichtungen mehr und mehr in die Rolle der gesamtgesellschaftlichen Dummheitenverhinderungsinstitutionen. Deutschlands Schulen aber können gar nicht so viel Gescheitheit erzeugen, wie Dummheit um unsere Bildungseinrichtungen herum ist.

Ja, es beschleicht einen sogar das Gefühl, dass Schule mehr und mehr nur noch dazu da ist, die Dummheiten der Gesellschaft und der Politik auszumerzen. Und es beschleicht einen das Gefühl, die inflationär aus dem Boden schießenden Fachkommissionen verfügen heute vor allem über eines: nämlich über Inkompetenzkompensationskompetenz. Inkompetenzkompensationskompetenz - das ist nämlich eine Kompetenz, die nur noch darin besteht, die eigene Dummheit zu vernebeln, zum Beispiel mittels flotter Sprüche. Deshalb sollte eigentlich gelten: Ein Land, das solchen Medienschrott produziert, das sich solche Stars kürt, das solche Experten hat, braucht eigentlichen keinen PISA-Test mehr.

Kann der einzelne etwas dagegen tun? Ja, nur er! Er sollte sich deshalb nicht an Immanuel Kant halten, der einmal schrieb: "Gegen redselige Unwissenheit hilft kein weitläufiges Widerlegen, sondern nur verachtendes Schweigen." Nein! Wenn alle Klugen nachgäben, dann hätten wir die totale Weltherrschaft der Dummheit.

An die jungen Leute gewandt: Ein Schulabschluss begründet auch ein gewisses intellektuelles Selbstbewusstsein - gegen einen um sich greifenden Anti-Intellektualismus sowie gegen den (Un-)Geist des Marktes und der Macht. Man möchte den Jungen sodann zurufen: Schwimmt nicht einfach mit in der fortschreitenden Banalisierung unseres sog. öffentlichen Lebens. "Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen", hat Jean-Paul Sartre gesagt. Das sollte Mut machen zur Zivilcourage gegen Dummheit.


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