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DeutschlandRadio Berlin - Politisches Feuilleton - 18. August 2001
Fast Education durch Schulzeitverkürzung
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Mit Beginn des neuen Schuljahres wurde im Saarland der erste komplette Jahrgang in ein auf acht Jahre verkürztes Gymnasium, kurz: ins G8, eingeschult. Will das kleine Saarland als erstes der alten Bundesländer mit ausschließlich achtjähriger Gymnasialzeit jetzt demonstrieren, wo es schulpolitisch langzugehen hat? Offenbar schon, denn die aus Saarbrücken für die Kappung der 13. Klasse mitgelieferten Gründe greifen weit und bombastisch über das Saarland hinaus: Das gymnasiale Niveau werde mit der Verkürzung verbessert, den Absolventen des G8 böten sich auf dem internationalen Arbeitsmarkt bessere Chancen, das Kurzgymnasium leiste durch eine nach unten verlängerte Lebensarbeitszeit einen wichtigen Beitrag zur Lösung des Rentenproblems..... und so fort. Roman Herzog beeilt sich, in einem eigens für den festlichen G8-Start aufgebauten Zirkuszelt zu betonen, daß das gestrichene Schuljahr ein Gewinn am kostbarsten Gut, an Zeit nämlich, sei – allein dies ein Argument, das man auch umdrehen könnte, um zu sagen: Nur noch Volldampfschule, das sind erst recht geraubte Jahre!
Bei so viel Euphorie angesichts des Turboabiturs scheint kein Platz zu sein für Skeptiker. Dennoch sind es mindestens acht Argumente, die gegen acht Jahre Gymnasium sprechen.
1. Das Bildungsziel des Gymnasiums ist auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Vermittlung der Allgemeinen Hochschulreife, also der universitären Studierfähigkeit. Wilhelm von Humboldt bleibt insofern aktuell, denn eine breitangelegte gymnasiale Zielsetzung hat sich bewährt; sie verlangt gerade in Zeiten gestiegener Anforderungen nach neun Jahren gymnasialer Schulzeit.
2. Eine schulisch breit fundierte Hochschulreife ist die beste Prophylaxe gegen hohe Quoten an Studienabbrechern und gegen überlange Studienzeiten. Eine solche Hochschulreife ist – im Gegensatz zu einer engen Spezialisierung - zugleich Garant für spätere berufliche Flexibilität.
3. Die für die Vermittlung einer zeitgemäßen Hochschulreife notwendigen Inhalte erfordern Vertiefung; Vertiefung wiederum erfordert Zeit. Die vielfach und plakativ erhobene Forderung nach Entrümpelung der Lehrpläne legt den Verdacht nahe, es könnte nur noch um ein rein funktionalisiertes Verständnis von Bildung gehen. Ein flacher Ökonomismus ist in Sachen Bildung aber fehl am Platz. Wer so gerne von schulischem Leerlauf oder von Luxus spricht, muß den Beweis antreten, welche Inhalte verzichtbar sind. Im übrigen sind die großen Entrümpler in Personalunion zumeist dieselben, die tags darauf vom Gymnasium immer mehr und immer mehr erwarten: mehr Ökonomie, mehr Technik, mehr Umwelt-, Konsum-, Gesundheits-, Freizeit- und Europa-Erziehung. Extrapoliert und ad absurdum geführt hieße das: Je kleiner ich die Verpackung mache, desto mehr Inhalt hat darin Platz! Das sind sonst die Knüller von Werbetextern und Verpackungsdesignern. Schulpolitiker aber sollten ein ernsthafteres Verhältnis zu ihrer Materie haben.
4. Reifung braucht Zeit. Das gilt für die intellektuelle Entwicklung ebenso wie für die Persönlichkeitsentwicklung insgesamt. Letztere bedarf gerade auch der kulturellen Grundbildung in Literatur, Kunst, Musik, Sport sowie in Religion bzw. Ethik - Fächer, die man in den meisten Staaten mit zwölfjähriger Schulzeit bezeichnenderweise nicht hat. Reifung braucht zudem den außerschulischen Freiraum. Eine Verdichtung der gymnasialen Bildung mit ihrem Ganztagsbetrieb entzöge jungen Menschen wertvolle außerschulische Entfaltungs- und Erprobungschancen. Außerdem: Was wäre das für ein Gymnasium, das keine Zeit mehr hätte für Schüleraustausch, Orchester, Schultheater, Wettbewerbsgruppen! Schule darf jedenfalls nicht noch weiter dekultiviert werden.
5. Eine Kürzung des Gymnasiums provoziert eine radikale Verarmung der Schullandschaft. Die Strukturen werden durch das G8 nämlich im Sinne überholter egalitärer Bildungsvorstellungen vereinheitlicht: Unter anderem drohen die Fachoberschulen, die Berufsoberschulen und die Berufsfachschulen zu verschwinden, weil für Eltern und Schüler nicht mehr nachvollziehbar ist, warum der zwölfjährige Bildungsweg von Realschule plus Fachoberschule ein Weniger an Berechtigung erteilt als ein dann zwölfjähriger Bildungsweg via Gymnasium. Schließlich ergibt sich auch eine drastische Schieflage zuungunsten der beruflichen Bildung: Es ist schwer vermittelbar, warum 13 Jahre für den Erwerb eines Mittleren Schulabschlusses plus Berufsausbildung notwendig sind, aber nur 12 Jahre für den Erwerb des Abiturs mit der damit verbundenen breiten Palette aller Optionen.
6. Ein großer Denkfehler der Verkürzer ist zu glauben, eine mit ein paar besonders begabten Gymnasiasten erprobte Schulzeitverkürzung könne auf alle Gymnasiasten übertragen werden. Es besteht zudem seitens der Eltern kaum eine Nachfrage nach einem verkürzten Gymnasium. Das kann man an der Tatsache ablesen, daß die Angebote einer individuellen Schulzeitverkürzung durch "Springen" kaum, nämlich allenfalls von 0,1 Promille der Schüler, genutzt werden; ebenso wenig wurden und werden die Angebote von D-Zug-Klassen in Anspruch genommen: Die seit 1991/92 in Baden-Württemberg eingerichteten D-Zug-Klassen wurden im Schuljahr 1997/98 von gerade eben 800 Schülern, entsprechend rund 0,2 Prozent aller Gymnasiasten, besucht.
7. Eine Verkürzung des Gymnasiums erbringt keine Einsparungen, sondern sie provoziert Mehrkosten. Diese Mehrkosten entstehen in den Hochschulen, die systemwidrig kompensieren müssen, was in der Schulzeit versäumt wurde. Außerdem verlangt eine Verkürzung des Gymnasiums eine Verdichtung des Bildungsangebots in Form von Nachmittagsunterricht und damit Mehrkosten in den Bereichen Schulbau, Personal und Schülerbeförderung.
8. Die von den Verkürzern bemühten internationalen Vergleiche erweisen sich als sandiger Untergrund: England, Luxemburg und mehrere Kantone der Schweiz haben 13, die Niederlande und Island 14 Jahre. Länder mit 12 Jahren schließen mit eingeschränkter Hochschulreife ab. Frankreich kennt auf dem Papier 12, wegen der Repetentenquote von 70 Prozent und der für viele Studienaspiranten üblichen "classe préparatoire" realiter 13 oder 14 Jahre. Das überdurchschnittlich hohe Berufseintrittsalter deutscher Akademiker geht somit nicht auf das Konto der Schulzeit, sondern auf die Konten einer späten Einschulung bei fast sieben Lebensjahren, des Wehr- bzw. Ersatzdienstes sowie langer Studienzeiten.
Alles in allem: Das Niveau
des Gymnasiums wird durch eine „fast education“ leiden, und ein verkürztes
Gymnasium droht zu einer blutleeren Schule zu werden. Wir werden es in zwei
Jahrzehnten merken, was der Preis für diese fortschreitende Amerikanisierung
unseres Schulwesens ist.
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