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DeutschlandRadio Berlin - Politisches Buch - 12. Oktober 2001
Buchbesprechung von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), zu:
Petra
Gerster und Christian Nürnberger
Der
Erziehungsnotstand
Wie
wir die Zukunft unserer Kinder retten
Rowohlt-Berlin
Verlag, Berlin, 2001
Erziehung hat Konjunktur – so sagt man. Diejenigen, die die Produkte der Erziehung tagtäglich beobachten oder sich gar damit herumschlagen dürfen, sind da etwas anderer Meinung. Die nämlich sehen eher die Ergebnisse falscher Erziehung, wenn nicht gar einer um sich greifenden No-Education: die Fahrer von Schulbussen, die Kassiererinnen an den Supermarktkassen, die Leiter von Jugendgruppen, die Sozialpädagogen, die Kinderärzte, die Kriminologen – und natürlich die Lehrer in den Schulen, in denen so ziemlich alles ankommt, was in diesem unserem Lande erzieherisch schief läuft.
Hat Erziehung also wirklich Konjunktur? Ja, auf der Metaebene, also eine Ebene höher: Man schreibt und redet über Erziehung. Dementsprechend jagen die Buchtitel über Erziehung einander; die Talkshows rangeln miteinander um Erziehung; die großen Zeitungen und Magazine titeln „Erziehungskatastrophe“ (so Die Zeit vom 26. April 2001) oder „Verweigerte Erziehung“ (so die FAZ vom 21. Mai 2001).
Nun greift mit der ZDF-Frontfrau Petra Gerster und dem freien Publizisten Christian Nürnberger ein Journalistenehepaar in die Erziehungsdebatte ein. Ob beide das tun, weil es im Trend liegt oder weil beide einen elfjährigen Sohn und eine achtjährige Tochter haben, sei dahingestellt. Konkret geben Gerster-Nürnberger als Motiv für ihr Erziehungsengagement jedenfalls ein zugleich politisches und persönliches an:
„Wir wollen das Feld nicht den Arbeitgebern und deren Lobbyisten überlassen. Darum mischen wir uns ein – nicht als Erziehungswissenschaftler oder Bildungsforscher, sondern als Laien, als Eltern, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen ...“
Herausgekommen ist ein Buch mit dem Titel „Erziehungsnotstand“ und dem nicht unbescheidenen Untertitel „Wie wir die Zukunft unserer Kinder retten“. Dabei geht es den beiden Verfassern um Erziehung und um Bildung, also nicht nur um Eltern, sondern auch um Schule. Dieser Ansatz ist durchaus folgerichtig, denn die Autoren stellen nicht zu Unrecht fest: Wer eine bessere Bildung wolle, müsse zuerst die Erziehung verbessern. Das Buch wandert also zwischen den beiden Institutionen Familie und Schule hin und her.
Um es vorwegzunehmen: Nach kompletter Lektüre kann das Urteil allenfalls durchwachsen ausfallen.
Sympathisch ist das Buch, weil es sich gegen den Trend stemmt, Bildung und Erziehung ausschließlich einem flachen Ökonomismus ausliefern zu wollen:
„Wir halten nichts davon, klassische Bildungsziele zugunsten von bloßer Wettbewerbsfähigkeit und technisch-wirtschaftlicher Tüchtigkeit über Bord zu werfen. Wir wollen, dass unsere Schulen und Universitäten wieder dem Zweck dienen, für den sie ursprünglich einmal erfunden worden sind: Bildung und Erziehung. Das ist mehr als bloßes Fitmachen für künftige Jobs ...“.
Realistisch ist das Buch in der Beschreibung einer Schule, die klein beigegeben habe, weil dort Generationen von verwöhnten Kindern und verwöhnenden Eltern die Schulleitungen auf Schmusekurs gebracht hätten. Realistisch ist auch die Absage an eine umfassende Delegation von Erziehung auf die Schule – frei nach dem Motto: Mein Sohn raucht, Herr Lehrer, tun Sie etwas dagegen!
Erfrischend ist die Feststellung, Lernen könne man nur dann gut, wenn das Leben in ein Mindestmaß an Ordnung, Ruhe und Beständigkeit eingebettet sei und wenn es nach einem bestimmten Rhythmus verlaufe.
Mutig ist das Buch, wenn es sich skeptisch gegenüber einer vaterlosen Familie äußert und Vorhaltungen an scheidungswillige Paare nicht scheut: So manche Scheidung, schreiben Gerster und Nürnberger, lasse sich vermeiden, wenn sich die Eltern klar machten, dass mit der Geburt des ersten Kindes die eigene Jugend vorbei sei und es jetzt wirklich ernst werde.
Bodenständig ist das Buch sodann, wenn es einen Zusammenhang zwischen Bildschirmsucht und Schulleistungen erkennt und Schulpolitikern, die permanent Laptop statt Schulbuch ansagen, vorhält, dass sie wohl selbst nicht wüssten, was die Schüler damit machen sollten.
Das wäre alles recht eindeutig, bräche bei den Autoren nicht immer wieder das Bemühen durch, pluralistisch sein und Gefälligkeiten nach allen Seiten austeilen zu wollen. Jedenfalls haben am Ende alle wieder mal recht: Kanzlergattin Köpf mit ihrem Plädoyer für mehr Erziehung zu Pflichtbewusstsein und Fleiß, aber auch Oskar Lafontaine, der Helmut Schmidt in den 80er Jahren vorhielt, Pflichtbewusstsein und dergleichen seien Sekundärtugenden, mit denen man auch ein KZ betreiben könne. Zur Ehrenrettung von Lafontaine halten die Autoren fest:
„Das Pflichtbewusstsein und die Verlässlichkeit deutscher Soldaten und Beamten, die pünktliche deutsche Bahn auf dem Gleis nach Auschwitz ... führte zwischen 1933 und 1945 zu tödlichen Konsequenzen, insbesondere für die Juden.“
Das ist in etwa genau so erhellend wie die Feststellung, dass die Hand eines Menschen töten, aber auch heilen könne.
Im Zuge der politischen Ausgewogenheit und Korrektheit dürfen Streicheleinheiten für Rita Süssmuth und Heiner Geißler nicht fehlen: Diese hätten der CDU gezeigt, dass man die Frau nicht länger ins Haus verbannen könne. Da wundert es dann auch nicht, dass das Buch – es trägt immerhin den Titel „Erziehungsnotstand“! - im Kontext von Internet und Schule zum Seitenhieb gegen Helmut Kohl ausholt und festhält:
„Was wirklich interessant wäre, steht leider in keiner einzigen der hundert Millionen Websites. Die Namen von Kohls Parteispendern, was Hessens Ministerpräsident Koch über die Machenschaften seiner Hessen-CDU wirklich gewusst hat ..., finden wir im ganzen Internet nicht.“
Umgekehrt ist das Buch an vielen Stellen, die mit dem Thema zu tun hätten, unterbelichtet. Statt sich mit Kohl und Lafontaine zu befassen, hätten die Autoren besser ein paar Gedanken auf die Frage verwendet, mit welchen Erziehungsinstrumenten Eltern und Lehrer denn arbeiten sollen. Oder sie hätten fragen sollen, um welche Inhalte es in der Schule gehen soll. Die Feststellung, dass ein allgemein verbindlicher Kanon in einer multinationalen und multikulturellen Gesellschaft nicht vermittelbar sei, wirkt da etwas bieder.
Unterbelichtet ist das Buch beim Verwenden vorliegender Analysen und Schriften. Der etwa siebenseitige Fußnotenanhang wirkt wie reine Pflichtübung. Deshalb kann die Analyse der Ursachen für die vorhandenen Bildungs- und Erziehungsdefizite überhaupt nicht befriedigen. Hätte man hier etwas mehr recherchiert, dann wäre es nicht zu so groben Fehleinschätzungen gekommen wie der, dass die Gesamtschulen die Bildungschancen der Kinder von Arbeitern, Bauern und kleinen Angestellten erhöht hätten. Wie hätten sie das schaffen sollen, werden sie in Deutschland doch von nur fünf Prozent aller Schüler besucht? Nein, es war schon die Leistung der im Zuge der Bildungsexpansion neu eingerichteten Realschulen und Gymnasien, die die Bildungsreserven ausschöpften!
Naiv auch die Zuflucht, die die Autoren immer wieder in die Metapher von der Schullandschaft der vielen bunten Blumen nehmen.
„Wir stellen uns ein Bildungssystem vor, das wie ein Regenbogen in allen Farben leuchtet.“
Pate für diese autonome Schule scheint Summerhill zu sein. Dementsprechend wünschen sich die Autoren in umwerfender Logik, dass Summerhill bestehen bliebe, weil seine bloße Existenz beweise, dass es auch anders gehe. Da wäre es denn doch günstig gewesen zu untersuchen, was aus autonomer Schule in Großbritannien geworden ist und was Tony Blair dazu seit vier Jahren Vernichtendes zu sagen hat. Dem Buch wäre damit etwas sehr Widersprüchliches erspart geblieben: dass es sich nämlich einerseits wünscht, die schulpädagogische Experimentierwut möge mal einen Augenblick innehalten, dass es andererseits aber zum gigantischen Experimentierzirkus der autonomen Schule aufruft.
Am Ende folgt noch ein Sahnehäubchen.
Im letzten Kapitel „trennen“ sich die Autoren für vier Seiten, um
deutlich zu machen, wie unterschiedlich die Elternhäuser sind, aus
denen beide jeweils kommen. Petra überrascht mit der Erkenntnis, dass
sie wohl deshalb Fernsehmoderatorin geworden sei, weil sie sich als Jüngste
zu Hause stimmlich nicht habe durchsetzen können. Da tröstet
es zu erfahren, dass Ko-Autor Christian durch biblische Geschichten fit
für das Leben gemacht worden sei. Bei so viel Unterschieden ist ein
Dank an den Lektor fällig. Auf Seite 276 folgt er, denn der Lektor
habe mit Geduld und Diplomatie beim Ehepaar Gerster-Nürnberger größere
Ehezerwürfnisse verhindert, so der Epilog. Schade eigentlich! Vielleicht
wäre das Buch sonst aus der Metaebene in die Niederungen der Erziehung
gestiegen und damit etwas pfiffiger geworden. Vielleicht wäre dann
auch die Ankündigung des Verlages zutreffender gewesen: Er gibt das
Buch nämlich als „politische Streitschrift“ aus.
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