DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

DeutschlandRadio Berlin - Politisches Feuilleton - 28. Mai 2001

Bildungsoffensive durch Deutschunterricht

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

In Deutschland sind Bildungsoffensiven angesagt. Das ist gut so, denn mit der einst gerühmten Bildungsnation steht es nicht nur zum Besten. In der Folge wetteifern Politiker und Pädagogen um immer neue Konzepte: Mehr Naturwissenschaften in der Schule seien angesagt, so heißt es, und jeder Schüler solle seinen eigenen Laptop erhalten. Überhaupt müssten Schlüsselqualifikationen verstärkt gefördert werden.

Bei so viel schier hyperaktivem Diskurs stellt sich die Frage: Wo bleiben die beiden Zentralschlüssel zur Bildung: der Schlüssel Muttersprache und der Schlüssel Literatur? Immerhin sollte selbst in Zeiten computerpädagogischer Nürnberger Trichtervisionen gelten: Die Muttersprache ist der Zentralschlüssel für alles Erfahren, Mitteilen, Denken und damit auch Lernen. Und die Literatur ist der Zentralschlüssel für alle Kultur.

Ein Bildungssystem dagegen, das die sprachliche und literarische Bildung vernachlässigt, verschlechtert für junge Menschen die Entwicklungschancen und leistet damit einer Dekultivierung Vorschub.

Nach manchen schulpolitischen Sünden ist es an der Zeit, dass sich die Schule von einigen Fehlentwicklungen verabschiedet. Gerade im Deutschunterricht hat eine Furie des Verschwindens von Inhalten und von Ansprüchen gewirkt. Zumindest hat sich Beliebigkeit breit gemacht. Nicht wenige Bundesländer beförderten Gebrauchstexte inkl. Bedienungsanleitungen in den Rang wichtiger Textsorten. Sachsen - das Sachsen des Jahres 2001! - wirft Kleist, Hölderlin und Rilke aus dem gymnasialen Lehrplan, aber es gibt dem Marx-Freund Georg Weerth und dem ehemaligen DDR-Kulturminister Johannes Becher die curricularen Weihen. Immer mehr Bundesländer reduzieren bereits den Grundschulwortschatz; angesagt sind jetzt nur noch 700 Wörter! An vielen Schulen begnügt man sich - anstatt von den Schülern das Durchbeißen durch einen Roman zu verlangen - mit der haarkleinen Analyse von Fluten kopierter Textauszüge.

Statt dessen muss Schule der sprachlichen und literarischen Schulung wieder mehr Aufmerksamkeit widmen. Dafür gibt es stolze Gründe.

Sprachliche Bildung ist erstens Persönlichkeitsbildung: Denn Sprache ist Medium für die Entfaltung von Innerlichkeit und damit Ausdruck der Gesamtpersönlichkeit. Über die Sprache begreife ich meine Welt; ein sprachunfähiges Erleben aber reduziert Welt auf die Flüchtigkeit bloßer Eindrücke.

Sprachliche Bildung fördert zweitens das Erleben und das Verantworten von Freiheit. Erst mit Sprache ist die Teilhabe an der politischen Öffentlichkeit möglich. Wer die Sprache beherrscht, durchschaut beispielsweise leichter den Missbrauch von Sprache in der Reklame und in der Propaganda. Sprache ist zudem das einzige humane Instrument der Konfliktlösung.

Sprachliche Bildung ist drittens Voraussetzung des zwischenmenschlichen Verstehens und Handelns. Erst die Alphabetisierung erlaubt eine Teilhabe an zivilisatorischen Errungenschaften (etwa an Wissenschaft und Technik). Das Beherrschen der Sprache ist unter allen sog. Schlüsselqualifikationen überhaupt die zentrale, denn nahezu alle Schlüsselqualifikationen haben mit Sprachbeherrschung und Sprachanwendung zu tun.

Dem Deutschunterricht kommt also eine exponierte Stellung zu. Das gilt für so ganz bzw. leider nicht mehr so ganz selbstverständliche Dinge wie eine intensive Unterrichtung in Orthographie und Grammatik - auch im Zeitalter von Rechtschreib- und Diktierprogrammen. Zugleich bleibt das Fach Deutsch maßgebliche Grundlage für einen erfolgreichen Fremdsprachenunterricht.

Deutschunterricht - das ist ferner die Chance, ein Gespür für künstlerische Leistung zu entwickeln. Zu den Charakteristika des Deutschunterrichts gehört es, dass er Kreativität zu fördern vermag. Seine Möglichkeiten reichen hier vom Rezitieren, von Sprachspielen und Stegreifspielen über das kreative Schreiben bis hin zum Theaterbesuch und zum großen Schulspiel.

Und Deutschunterricht hat vor allem via Literatur die Chance, eine Verständigung über gemeinsame kulturelle Erfahrungen zu schaffen. In der Schule muss es deshalb um die Begegnung mit großen Werken der Literatur gehen - um Werke, die fundamental für eine Epoche sind, deren Wirkung zugleich über den deutschsprachigen Raum, über die jeweilige Epoche und über die Literatur hinausgeht.

Damit stellt sich die Frage nach einem Lektürekatalog. Welche Literatur ist jungen Menschen nahe zu bringen?

Auf jeden Fall ist darauf Wert zu legen, dass alle maßgeblichen literarischen Epochen mit dafür charakteristischen Werken behandelt werden. Dazu kommen Sagen, Märchen, Fabeln, Lügengeschichten, Anekdoten, Hörspiele, Dialekt- und Heimatdichtung sowie Jugendbücher. Entscheidend bleibt, dass möglichst viel gelesen wird. Das Lektürevolumen muss Vorrang haben vor einer mikrochirurgischen Analyse von Textauszügen.

Es sollte ansonsten keinen Hauptschulabgänger geben, der nicht Auszüge kennt aus Nibelungenlied und Barocklyrik, Lessings Ringparabel sowie Beispiele von Goethe- und Schiller-Balladen, romantische Lyrik, Gottfried-Keller-Novellen oder Brecht-Kalendergeschichten.

Der Realschüler sollte darüber hinaus zu tun haben mit den “Räubern“ oder mit dem „Götz“, mit „Maria Stuart“ oder „Wilhelm Tell“ sowie mit Beispielen der großen europäischen Literatur von Dante über Shakespeare bis hin zu Molière und Tolstoi.

Beim angehenden Abiturienten schließlich geht es hoffentlich nicht ohne den kompletten “Nathan“, nicht ohne den kompletten „Faust I“, nicht ohne einen Kleist, Hölderlin, Büchner, Heine, Keller, Storm, eine Droste, einen Stifter, Fontane, Hauptmann, Kafka, Trakl, Rilke, Thomas Mann, Brecht, Döblin, Tucholsky, Jünger, eine Bachmann, einen Böll, Frisch, Dürrenmatt, Rainer Kunze. Und einem Gymnasiasten gemäß ist die unterrichtliche Akzentuierung großer literarischer Leitfiguren unter dem Aspekt der Vielfalt in der Einheit der europäischen Literatur (z.B. eines Faust bei Marlowe, Goethe, Thomas Mann, Gounod).

Eine Offensive zu Gunsten des Deutschunterrichts ist überfällig - allein schon deshalb, weil Sprache und Literatur kulturelle Identität ermöglichen. Teilhabe an Kultur lässt sich eben nur verwirklichen, wenn die Grundlagen für das Reden miteinander gemeinsame sind; der sich immer weiter individualisierenden Kommunikation muss die Schule daher das Allgemein-Verbindliche entgegensetzen. Das können nur die Hochsprache und die Literatur. Und eben darauf muss sich der Deutschunterricht besinnen. Nicht zuletzt deshalb dürfte es in Deutschland zukünftig keinen Schulabschluss mehr ohne eine Prüfung im Fach Deutsch geben.


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