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(DL) - AKTUELL |
Deutschlandfunk
vom 9. August 2004
Lehrerverband fordert schnelle Entscheidung
über Rechtschreibreform
Interview mit Josef K r a u s , Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Jürgen
Liminski: Die Rechtschreibreform, das ist ein Thema wie es deutscher
nicht sein könnte. Immerhin ist die Sprache, wie Humboldt schon sagte,
der Geistleib des Menschen oder wie Schopenhauer meinte, das geistige Antlitz
des Menschen, und da können Wortungetüme mit drei Konsonanten
hintereinander schon wie kleine Pockennarben auf der Stirn erscheinen. Es
geht nicht nur darum, wie wir schreiben, sondern auch wie wir reden, wie
wir denken, mithin auch um eine Frage der Identität des Wesens, und
das mag den prophetischen Eifer erklären, mit dem Politik und Medien
sich seit Freitag um die Rücknahme der Reform streiten. Die Frontlinie
der Debatte läuft quer durch alle Lager. In der Politik sind einige Ministerpräsidenten
dafür, andere aus derselben Partei dagegen. In den Medien allerdings
ist eine deutliche Mehrheit für die Rücknahme der Reform in ihrer
jetzigen Gestalt auszumachen. Was sagen aber diejenigen, die diese Reform
zu lehren und den jüngeren Generationen zu vermitteln haben? Wir sind
nun verbunden mit Josef Kraus, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes,
er ist selbst Direktor eines Gymnasiums, Deutschlehrer und Autor des Buches
"Spaßpädagogik - Sackgassen deutscher Schulpolitik". Guten Morgen,
Herr Kraus.
Josef Kraus: Guten Morgen, Herr Liminski.
Liminski: Herr Kraus, ist die Reform in einer Sackgasse,
ist das das Ende der Spaßrechtschreibung?
Kraus: Ja nun, mit dem Spaß ist das so eine Sache,
alleine was die Schreibung schon betrifft. Spaß schreibt man nach
der alten und der neuen Schreibung mit Eszett, also mit scharfem S, obwohl
viele Schüler jetzt meinen, man würde es mit Doppel-S schreiben.
Nein, also spaßhaft ist es nicht, was wir erlebt haben seit '96 beziehungsweise
'98. Wir sind mehr und mehr in der Schule in ein orthografisches Abseits
geraten, wir sind in eine Glaubwürdigkeitskrise in den Schulen geraten.
Wir sollen in Schulen und mussten in den Schulen den Kindern eine Schreibung
beibringen, von der die Kinder natürlich wussten, ab einem bestimmten
Alter akzeptieren die Eltern sie nicht, die Großeltern akzeptieren
sie nicht, 80 Prozent der Buchbestände zu Hause und in den Schulbibliotheken
sind anders geschrieben, fast alle maßgeblichen deutschen Autoren
schreiben anders. Also das ist ein Glaubwürdigkeitsproblem und das
hat alles andere als mit Spaß was zu tun.
Liminski: Wie kann, wie soll es denn nun weiter gehen?
Die Sache muss ja auch irgendwie politisch entschieden werden.
Kraus: Ja nun, entweder politisch oder durch
schlaue Kommissionen oder eben durch das Volk oder durch die Medienlandschaft.
Die Rechtschreibreformkommission, die Zwischenstaatliche Kommission, hat
ja nun 17 Jahre gearbeitet. Sie hat den Auftrag 1987 bekommen und in den
17 Jahren eigentlich nicht unbedingt was breit Akzeptiertes zustande gebracht
und die Kultusministerkonferenz auch nicht. Ich erwarte tatsächlich
von der Initiative einiger Ministerpräsidenten, Wulff war der erste,
Müller kam, Böhmer kam, Stoiber kam, dass sie im Oktober das Thema
auf die Tagesordnung der Ministerpräsidentenkonferenz setzen und dann
hoffentlich eine rasche Entscheidung finden, wie immer sie auch aussehen mag.
In den Schulen ist es so, dass wir uns eigentlich nichts mehr herbeisehnen
als ein Ende der Debatte und wieder Klarheit, was die Normen in der Orthografie
betrifft.
Liminski: Stoiber hat ja auch am Wochenende angekündigt,
dass das auf die Agenda kommt. Wie kann es denn nun praktisch weitergehen?
In drei, vier Wochen kommen die Schüler aus den Ferien zurück
und müssen doch irgendwelche Regeln anwenden bei Diktaten, Aufsätzen
und Referaten.
Kraus: Ja nun, aktuell ist die Rechtslage die,
dass wir nach wie vor eine Übergangsphase haben, die begann 1998 und
die endet nach dem jetzigen Status am ersten August 2005. Übergangsphase
heißt, dass in in dieser Zeit alte und neue Rechtschreibung gilt.
Also egal wie einer schreibt, Hauptsache, es ist nach der alten oder neuen
richtig, es wird nicht als Fehler angestrichen. Ich meine, die Ministerpräsidenten
müssen sofort ihre Kultusminister verpflichten, die Übergangsphase
um mindestens fünf Jahre zu verlängern, egal was dann rauskommt.
Und dann müssen wir sehen, wie es kommt. Im Moment erkenne ich noch
keine Einstimmigkeit, die notwendig wäre in der MPK, also in der Ministerpräsidentenkonferenz
und auch nicht in der KMK. Da profiliert sich natürlich jetzt jeder
auch sehr unterschiedlich. Aber ich bin mir sicher, dass mit Rücksicht
auf die Bedeutung der Sprache, der Bedeutung des Sprachunterrichts die Politik
sich dann doch bei der Verantwortung packen lässt.
Liminski: Haben Sie denn schon Reaktionen zur neuen Lage
aus der Lehrerschaft und aus den Schulen, vielleicht auch trotz der Ferien?
Kraus: Ja natürlich bekommt man Reaktionen. Und die
Reaktionen spiegeln im Wesentlichen das wieder, was ja auch das Meinungsbild
in der Lehrerschaft, vor allem der Deutschlehrerschaft oder aller 750.000
deutscher Lehrer in den letzten Jahren betraf. Wir hatten eine Gruppe und
haben nach wie vor eine Gruppe, die die Rechtschreibreform nicht haben wollte
und die sich sicherlich jetzt sehr freut, wie sich das entwickelt, und darauf
hofft, dass das der Todesstoß für die Rechtschreibreform ist.
Und dann gibt es eine zweite Gruppe, die sagt, egal was jetzt rauskommt,
hoffentlich beschleunigt sich jetzt die endgültige Entscheidung was
kommt. Denn diese Hängepartie, die uns immer mehr Beliebigkeit in der
Schreibung gebracht hat, ist ungut für die Pädagogik. Und da gibt
es natürlich diejenigen, die jetzt wütend sind oder ärgerlich
sind oder traurig sind, weil es so kam, weil es offenbar der Markt entscheidet.
Also entsprechend sind die Reaktionen von Freude, von Jubel bis hin zu Verärgerung
und Enttäuschung.
Liminski: Lassen sich denn da irgendwie Mehrheitsverhältnisse
ausmachen?
Kraus: Ja nun, da ist jede Einschätzung subjektiv.
Es hat ja nie eine seriöse Studie gegeben, was die Akzeptanz betrifft
bzw. schon gar nicht , was also die Veränderung der Fehlerhäufigkeit
betrifft. Nach meinem subjektivem Empfinden, und ich habe viel mit Lehrerkollegien
und mit Lehrern auch außerhalb des eigenen Hauses zu tun, würde
ich sagen, die beiden ersten Gruppen, die sich freuen, dass nun etwas passiert
ist oder zumindest darauf hoffen, dass jetzt die Entscheidung beschleunigt
wird, sind wahrscheinlich die größeren. Die Reformeuphoriker,
glaube ich, sind eher das kleinere Drittel, wenn man es mal so mathematisch
unsauber ausdrücken möchte.
Liminski: Wie steht es denn mit der Finanzfrage, Herr Kraus?
Die Reform hat Geld gekostet, die Rücknahme würde auch Geld kosten,
das ist immerhin ein Argument.
Kraus: Wenn es einer Kulturnation um Sprache geht, dann
darf das Geld nicht unbedingt oder erst an zweiter Stelle eine Rolle spielen.
im Übrigen halte ich Schätzungen, die in die Welt gesetzt wurden,
dass die Rücknahme der Reform 250 Millionen Euro kosten würde,
für maßlos übertrieben. Und selbst der größte Schulbuchverleger,
den wir in Deutschland haben, der Klett-Verlag, hält diese Zahlen für
maßlos übertrieben. Man muss die Kirche im Dorf lassen und einfach
mal davon ausgehen, dass Schulbücher in den Kernfächern - ich nenne
jetzt mal an erster Stelle Deutschbücher, Lesebücher, Lesefibeln,
Sprachbücher - ohnehin aufgrund des täglichen Gebrauchs oder fast
täglichen Gebrauchs höchstens eine Lebensdauer von fünf,
sechs Jahren haben. Das heißt, wenn wir eine erneute Übergangsfrist
von fünf, sechs Jahren bekommen werden, und die brauchen wir natürlich
auch, dann müssen diese Bücher sowieso im Zuge der Ersatzbeschaffung
erneuert werden und dann kostet es nur begrenzt zusätzlich Geld.
Laminski: Sprache entzieht sich politischer Verordnung
sagen die Gegner der Reform wie der saarländische Ministerpräsident
Peter Müller oder auch sein niedersächsischer Kollege Christian
Wulff. Aber wer entscheidet denn letztlich? Es kann ja auch sein, dass die
Politik sich nicht entscheiden kann und endlos weiter diskutieren will, das
wäre ja auch nicht das erste Mal.
Kraus: Ja nun, die Politik ist ja im Grunde genommen gewählt
als die Repräsentation des Volkes. Aber die Sprache gehört natürlich
weder Politik noch irgendwelchen Sprachkommissionen oder Kultusministerkonferenzen,
die Sprache gehört dem Volk. Und wenn man Sprache normieren will, und
das muss man, wenn man keine Zwei- und Drei-Klassengesellschaft haben will
hinsichtlich Sprachanwendung, wenn man also Sprache normieren will, dann
gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man normiert sie a priori durch
bürokratische Setzungen, das halte ich für undemokratisch, oder
aber man normiert sie, indem
man die Sprachentwicklung, die Evolution der Sprache nachzeichnet, wie es ja eigentlich bis 1996, '98 der
Fall war. Also Sprache gehört dem Volk, und das Volk nimmt natürlich
Einfluss auf die Medien, und wenn die Medien das dann entscheiden, dann
hat es letztendlich auch das Volk entschieden.
Laminski:
Der Markt bzw. das Volk entscheidet, sagen Sie. Ist diese Debatte nicht auch ein Symbol für
die Entfremdung der Politik und ihrer Bürokratie vom Volk oder für
die Reformunfähigkeit der Politik sogar?
Kraus: Da ist natürlich sicherlich etwas dran, und
wenn ich noch mal daran erinnern darf, dass man 17 Jahre gebraucht hat
bis zum heutigen Tag, um dieses Durcheinander zu haben, dann hat die Politik
dem Volk nicht mehr auf das Maul geschaut und die Kommissionen dem Volk
nicht mehr auf das Maul geschaut. Man sollte allerdings auch jetzt nicht
den Fehler machen, den nun einige SPD-Ministerpräsidenten geäußert
haben, die Rücknahme der Reform als populistischen Streich abtun. Nein,
populistisch, das ist eine Vokabel, die aus dem Lateinischen kommt, heißt
populus und populus heißt das Volk. Dieses Volk ist im Übrigen
nicht reformunfähig, es kommt darauf an, ob man seitens der Politik
und seitens der Fachkommission die richtige Reform inszeniert hat, das wage
ich sehr zu bezweifeln. Also noch mal, das Volk ist reformfähig, aber
die Kommissionen, die die Reformen vorschlagen, sind nicht immer in der Lage,
vernünftige Reformen zu inszenieren.
Liminski: Nochmal ein Wort zum Markt oder zum Volk, es
sind doch auch nur einzelne, die den Markt beherrschen, kann man da von
Volk sprechen?
Kraus: Das Volk hat als Konsument darüber entschieden,
wer die Tonangebenden in der deutschen Medienlandschaft sind. Und wenn man
so sehr unterschiedliche und jahrelang sich zum Teil ja auch befehdende
Verlage anschaut, wie hier Springerbereich und dort Spiegel, und wenn die
plötzlich an einem Strang ziehen, dann muss man schon hellhörig
werden und im Übrigen, ich rechne mit einem Dominoeffekt. Wir haben ja
gesehen, dass sich der Süddeutsche Verlag anschließt, dass sich
der Bauer-Verlag anschließen will, dass die großen Literaturverlage
sich mit dem Gedanken tragen, auch die renommiertesten, umzukippen. Ich rechne
damit, dass hier noch einiges dazu kommt. Also das ist dann keine Monopolentscheidung,
sondern das erfasst schon die ganze Breite des Medienmarkts.
Liminski: Dominoeffekt, wieder zurück auf Los, die
Debatte um die Rechtschreibreform, das war Josef Kraus, der Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes. Besten Dank für das Gespräch, Herr
Kraus.
Kraus: Danke auch.
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