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LEHRERVERBAND (DL)- AKTUELL |
Radio Berlin-Brandenburg - Fokus Politik vom 25. April 2010
"Erziehung zwischen Nähe und Distanz"
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Zwischen Kindern und Eltern,
Zöglingen und Erziehern, Schülern und Lehrern knistert es seit Menschengedenken.
Die jeweils Letzteren – die Eltern, die Erzieher, die Lehrer - sind die Reicheren
an Einfluss, Macht und Lebenserfahrung. Sie sind diejenigen, die die Erziehungsgewalt
ausüben. (Wobei mit Gewalt natürlich nicht das Destruktive gemeint ist, sondern
Gewalt hier im ursprünglichen Sinne des Wortes zu tun hat mit: Schalten und
Walten, mit Obwalten, mit Verwalten.)
Die jeweils Jüngeren wollen
diesen Vorsprung der Älteren nicht immer wahrhaben, sie wollen ihren eigenen Kopf
durchsetzen und selbst die Klügeren sein.
Das ist seit
Menschengedenken so, und das wird wohl immer so sein. Noch so viel
quasi-moderne Pädagogik, noch so viel gesellschaftliche Egalisierung wird daran
nichts ändern: Das Verhältnis Jung – Alt ist und bleibt auf Ambivalenz angelegt:
- Jung und Alt sollen
sich halbwegs verstehen, aber sie wollen sich dabei nicht selbst preisgeben.
- Die
Alten sollen die
Jungen erziehen, ihnen zumindest etwas Vernünftiges vorleben. Sie
sollen sie führen, aber nicht zu sehr. Die Jungen wollen, dass man
sie zumindest gelegentlich einfach nur machen und einfach nur wachsen
lässt.
- Jung und Alt sollen und
wollen sich auch mögen, aber eben nicht zu sehr.
Die Ambivalenz dieser Beziehungskisten spiegelt sich seit Jahrtausenden
in den Bildern wieder, die sich die ältere Generation von der Jugend malt.
Dazu ein Zitat: „Diese heutige Jugend ist von
Grund aus verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird nie mehr so
werden wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur
zu erhalten.“ So dachte man vor 5000 Jahren und ritzte diese Diagnose in einen
babylonischen Tonziegel.
Das ist ein vernichtendes
Urteil über die Jugend – das übrigens heute kaum anders klingt! Freilich
relativiert sich so manches aktuelle Lamento über die Jugend allein schon vor
dem Hintergrund der langen Vergangenheit dieser Klage.
Mehr als zwei Jahrtausende
später als der babylonische Schreiber dreht einer den Spieß zumindest teilweise
um. Er heißt Platon. Er nimmt sich
nicht nur die Jungen, sondern vor allem die Alten zur Brust – nämlich dann, wenn
letztere sich geben wie die Jungen.
Noch ein schönes Zitat:
- „Wenn sich Väter
daran gewöhnen, ihre Kinder einfach gewähren zu lassen, wie sie wollen, und
sich vor ihren Kindern geradezu fürchten;
- wenn die Söhne
schon sein wollen wie die Väter, sich nichts mehr sagen lassen wollen, um ja
recht erwachsen zu erscheinen;
- wenn die Lehrer
bei solchen Verhältnissen vor ihren Schülern zittern und ihnen lieber
schmeicheln;
- wenn
es überhaupt schon so weit ist, dass sich die Älteren
den Jungen gefällig zu machen versuchen, indem sie ihre
Albernheiten übersehen
oder gar daran teilnehmen, damit sie ja nicht den Anschein erwecken, als seien
sie Spielverderber;
- wenn auf diese Weise die Seele und die Widerstandskraft
der Jungen
allmählich mürbe werden;
- wenn die Jungen am Ende dann auch die Gesetze verachten, weil sie niemand und
nichts mehr als Herrn über sich anerkennen wollen
... so ist das der schöne Anfang der Tyrannis."
Es sind dies Gedanken von Platon, die er 375 Jahre vor Christus
in seiner "Politeia" niederschrieb.
In diesem Platon-Wort steckt sehr vieles, was man
in Sachen Erziehung falsch machen und was schief laufen kann … und was man unterlassen
sollte.
In diesem Platon-Wort finden
sich zugleich Beispiele für ein Zuviel
an Nähe und ein Zuviel an Distanz
in der Erziehung.
Aber lassen wir diese ältere
Geschichte der Pädagogik! Was sind heute die Fehler in der Erziehung, die
Irrwege im Erziehungsverständnis?
Meine Kernthese lautet: Einer der Kardinalfehler der Erziehung heute bzw.
des Erziehungsverständnisses der letzten Jahre ist ein Zuviel an Nähe in Verbindung mit einem Zuviel an erzieherischem Machbarkeitswahn.
Begründet wird dieses Zuviel
gerne mit dem Prinzip der Ganzheitlichkeit
von Erziehung.
Gewiss, Erziehung muss ihre
Zöglinge als Ganzheit sehen.
Erziehung darf Heranwachsende eben nicht reduzieren auf einzelne Aspekte, als
da wären:
- das biologisch reifende
Kind,
- das intelligente und
lernende Kind,
- das heranwachsende soziale
Wesen,
- das geschlechtliche
Wesen,
- der gute bzw. schlechte
Schüler,
- die Jugend als
Rentenversicherung,
- die
Jugend als Funktionsgröße im Wirtschaftssystem usw.
Alles recht und schön! Der
Haken daran ist nur: Je mehr sich eine pädagogische Instanz - zumal eine
staatliche - für alle diese Daseins- und Lebensbereiche von Kindern zuständig
fühlt, desto mehr wird Erziehung zur Erziehung
total.
Aus Erziehen darf aber keine
„unheilvolle Totalplanung“ werden.
Kein Geringerer als Karl Jaspers hat das so formuliert. Total – das riecht im
übrigen ein wenig nach totalitär. Aber dazu später noch etwas mehr!
Die beste Vorkehrung gegen totale
Erziehung wäre eine erzieherische Arbeitsteilung:
Die Familie macht Erziehung, die Schule macht Bildung - gewisse Überschneidungen natürlich nicht ausgeschlossen.
Das heißt zum Beispiel auch:
Schule soll dort pädagogische Askese
üben, wo elterliche Erziehung gefragt ist und die einzig prägende sein kann.
Deshalb ist eine schulische Vollkosterziehung
kritisch zu sehen. Immer neue schulische Bindestrich- und Segment-Erziehungen
mögen ihren Erfindern das Image des pädagogischen Machers verleihen,
Heranwachsende werden damit eher erschlagen – mit Medien-, Gesundheits-,
Freizeit-, Umwelt-, Konsum-Erziehung ….. Ganz zu schweigen davon, dass mit all
diesen Erziehungen der schulische Bildungsauftrag fortschreitend an den Rand
gedrängt wird!
Es muss jedenfalls ein Leben
außerhalb geplanter, institutionalisierter Erziehung geben. Rund um die Uhr
hautnahe, programmierte Erziehung zu erfahren (und mag sie noch so gutgemeint
sein), das erschlägt die freie Entfaltung der Persönlichkeit Heranwachsender.
Deshalb kann erzieherische Askese manchmal ein
geeignetes Mittel von Erziehung sein – so paradox das klingen mag. Damit ist
nicht gemeint: „We don’t need no education“. Sondern es sind Maß und Mitte
gemeint. Es ist damit etwas gemeint, was Max Weber dem Politiker als
Grundattitüde wünscht und was man gerade auch Erziehern als Grundeinstellung
ans Herz legen sollte: nämlich eine Mischung aus Leidenschaft und Augenmaß. (Zur Erinnerung: Max Weber hatte Politik
als Bohren dicker Bretter – mit Leidenschaft und Augenmaß - definiert. Welche
wunderbare Analogie lässt sich von hier zur Pädagogik ziehen!)
Maß und Mitte, Leidenschaft und Augenmaß - das gilt gleichermaßen für die zwei wichtigsten
Erziehungsinstitutionen: für Familie und für Schule.
Beginnen wir mit der Familie, mit dem Elternhaus: Hier werden wir viele Häuser finden, die ihren
Erziehungspflichten – die ja sogar das Grundgesetz in Artikel 6 kennt – nicht
nachkommen: entweder durch ein Zuviel an
Distanz (vulgo: Wurstigkeit) oder durch ein Zuviel an Nähe bis hin zu Züchtigung und Missbrauch.
Es gibt aber auch – in
zunehmendem Maße - diejenigen Elternhäuser, die ihre Kinder in ihrem fürsorglich
gemeinten Programmierungswahn schier erdrücken und damit in Nähe ersticken.
Wir finden dieses Phänomen eines
quasi emotionalen Wärmetodes zum
Beispiel bei Erziehern, die Partner
der Kinder sein wollen:
- Das betrifft das
Phänomen, dass Alleinerzieher ihr Kind als Ersatzpartner sehen.
- Es betrifft aber auch
das Phänomen, dass manche Eltern glauben, bereits Vorschulkinder müsse man so
behandeln, als wären sie auf einer Augenhöhe mit den Erwachsenen.
Kinder sind mit solchen Beziehungskisten aber überfordert.
Von zu viel Nähe zeugt auch
eine andere, mehr und mehr um sich greifende Erziehungsattitüde: der Glaube
nämlich von überehrgeizigen Eltern, man könne nicht früh genug mit der Karriereförderung beginnen.
Fast schon obsessiv sind
solche Eltern dahinter her, auf dass sie ja nichts versäumen, was das Kind im
globalen Wettbewerb brauchen könnte.
In der Folge wird das Kind
von einer Taxifahrerin namens Mami von einem Kurs zum nächsten chauffiert – von
der Musikschule zum Ballettunterricht, vom Computerkurs der VHS für Kinder zum
Sprachbad in Frühenglisch.
Ein perfektes Kind soll es werden. Manche Eltern meinen eben, sie
müssten ihre Kinder schon in der Wiege auf den globalen Markt vorbereiten, für
ihre Kinder ab dem ersten Lebensjahr Portfolios zur Dokumentation ihrer neu
erworbenen Fertigkeiten anlegen und regelmäßig die neuesten Erkenntnisse der
Gehirnforschung studieren.
Gerade diese Lern- und Gehirnforschung sagt aber
auch: Man kann Kleinst-Kindern noch so viel programmiertes Vorschul-Lernen
vorsetzen, man kann sie im Mutterleib noch so sehr mit W.A. Mozart oder J.S. Bach
beschallen, es hat alles keinen Zweck. Man macht damit keine „Little Giants“,
wie sie jetzt als Ziel der Vorschulerziehung angesagt sind. Ein stinknormales
anregendes Elternhaus reicht. Das junge Gehirn sucht sich dann sehr autonom
schon die Reize und Anregungen, die es braucht.
Überhaupt ist Erziehung
ein nur begrenzt planbares Unternehmen. Erziehen heißt schließlich auch,
intuitiv und ggf. spontan zu handeln.
Erziehen bedeutet nämlich
zugleich:
- führen und wachsenlassen,
- eingreifen und geschehen lassen,
- binden und befreien.
Jede einseitige oder gar
dauerhafte Betonung eines dieser beiden Pole ist falsch. Und je nach Alter und
Situation muss man als Erzieher mal mehr wachsenlassen, mal mehr führen.
Wer erziehen will, muss auch
kein Studium der Pädagogik,
Psychologie, Soziologie und Neurobiologie hinter sich haben. Ich würde sogar behaupten:
Wer meint, erst nach dem Abschluss dieser Studiengänge richtig erziehen zu
können, der versündigt sich an den Müttern und Vätern von zig Generationen, die
auch erzogen haben, ohne dass aus der Welt ein Milliardenheer an Psychopathen
und Neurotikern geworden wäre.
Ein Zwischenresümee: Erziehende mögen also doch bitte etwas mehr auf ihre
Intuition und auf ihre Spontaneität vertrauen. Mit etwas mehr
Zutrauen zur eigenen Intuition, mit einem Schuss mehr Spontaneität kämen auch Nähe und Distanz wieder leichter ins
Gleichgewicht.
Betrachten wir unter der
Perspektive von „Nähe und Distanz“
jetzt aber ein anderes Feld von Erziehung und Bildung, das vor allem – und
notwendigerweise - im ersten Quartal des Jahres 2010 besondere Aufmerksamkeit
gefunden hat: die Erziehungspraktiken, ja die Praktiken von verbrecherischem Missbrauch
an zahlreichen I n t e r n a t s s c h u l e n .
Hier wurde notwendige Distanz bis hin zur Züchtigung
und zum sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen abgebaut.
Dass ein solcher Missbrauch
unnachgiebig aufgedeckt und konsequent geahndet gehört, versteht sich von
selbst: ohne Ansehen der Personen und
ohne Ansehen der betreffenden Institutionen!
Völlig falsch wäre es, hier
jovial nach dem Motto zu handeln: Das kommt in den besten Familien, auch in den
besten Internatsfamilien vor!
Zu einem angemessenen Umgang
mit dem Missbrauch von Kindern gehört aber an erster Stelle eine differenzierte Betrachtung. Es hat keinen
Sinn, wenn jeder Fall körperlicher Züchtigung der 50er und 60er Jahre mit
entsprechenden Fällen der jüngsten Zeit oder wenn sexueller Missbrauch von
damals und heute damit in einen Topf geworfen werden. Es sind dies hinsichtlich
Qualität und Schweregrad der Verletzung bzw. Entwürdigung sehr unterschiedliche
Tatbestände.
Sexueller Missbrauch war und ist – bei allen abgestuften Varianten, die
sich dahinter verbergen – immer ein Verbrechen. Nähe zwischen Alt und Jung hat hier – im Sexuellen – nichts zu
suchen. Denn solcher Missbrauch kann gerade junge Menschen für ein Leben lang
belasten, sie in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit hemmen, sie neurotisieren
oder gar in die Suizidgefährdung treiben. In diesem Bereich von Missbrauch kann
sich die Betrachtung aus der Perspektive des Jahres 2010 auch nicht von
derjenigen der 60er, 70er oder 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts
unterscheiden.
Dass Bildungseinrichtungen
der Kirchen besonders im Kreuzfeuer
der Kritik stehen, ist aufgrund der Häufung der dort aufgedeckten Fälle nicht
verwunderlich. Insofern hat die Kirche, voran die katholische, aber auch die evangelische,
allen Grund nachzuforschen, was in den letzten Jahrzehnten geschehen ist, warum
und von wem etwas verschleiert wurde und warum die kirchliche ebenso wie die
staatliche Schulaufsicht versagt hat. Staatliche Schulaufsicht bezieht sich
nämlich auch auf die freien, privaten, kirchlichen sogenannten Ersatzschulen.
Zudem sind die Kirchen und andere inkriminierte Schulträger gefordert, neben
der raschen Aufklärung und neben raschen personellen Konsequenzen überzeugende
Angebote der materiellen und/oder immateriellen Wiedergutmachung zu unterbreiten.
Für andere Schulen in freier Trägerschaft gilt
dies nicht minder. Hier tun sich ebenso Abgründe auf.
Eines fällt dabei auf: Es
handelt sich hier um Schulen, von denen man gern als „Leuchtturmschulen“
sprach. Ihr Gedankengut mutet schier pseudoreligiös an; es ist geprägt von den
Ideen der Ganzheitlichkeit, der Kindgemäßheit, der Lebensnähe und des pädagogischen Eros. Ganz zu schweigen
davon, dass ein weiterer gemeinsamer Nenner dieser Reformschulen ihr Anspruch
ist, Gegenbild zur sog. Paukschule und vermeintlichen Spießerschule sein zu
wollen.
All diese Ideale gehören kritisch durchleuchtet,
zumal diese Schulen in keiner einzigen empirischen Untersuchung ihre
Überlegenheit hätten dokumentieren können (trotz sozial selektierter
Schülerklientel.)
Kritisch durchleuchtet gehören auch die von ihnen
reklamierte Idealisierung und Romantisierung, ja Vergötterung des Kindes.
Es geht hier also nicht nur
um die strafrechtliche, schulrechtliche oder schulpolitische Bewertung von
Einzellfällen, sondern um die Frage, ob die Idealbilder, die hinter der Reformpädagogik
stecken, nicht schief sind.
Ganzheitlichkeit, Lebensnähe, Kindgemäßheit und Eros: Als
Ahnfrau solcher Betrachtung gilt gemeinhin die Schwedin Ellen Key, die 1900 das „Jahrhundert des Kindes“ ausgerufen hatte.
Die
damit implizierten Idealisierungen des Kindes fanden ihren Niederschlag vor
allem in den verschiedenen Ansätzen der sog. Reformpädagogik. Die
Reformpädagogik schlechthin gibt es zwar nicht. Es besteht allerdings Konsens
darüber, dass zu ihr folgende Protagonisten und Begründer gehören:
- Maria Montessori (1870 - 1952) mit ihrer Casa dei bambini;
- Rudolf Steiner (1861 - 1925) mit seiner Waldorfschule;
- Peter Petersen (1884 - 1952) mit seiner Jenaplan-Schule;
- Hermann Lietz (1868 - 1919) mit seiner Landerziehungsheim-Bewegung bzw.
deren Sezessionen, etwa der Odenwaldschule.
Die Reformpädagogik bietet damit und mit
anderen Varianten ein vielfältiges Bild, das von völkisch bis sozialistisch,
von individualistisch bis kollektivistisch, von metaphysisch bis
rationalistisch reicht.
Freilich
fällt eines auf: Die anthropologischen, politischen und pädagogischen Verirrungen
dieser reformpädagogischen „Meister“ – nicht selten übrigens studierter, später
abgefallener Theologen – werden in
ihrer Eigenwilligkeit und in ihrem Ausschließlichkeitsanspruch bis heute kaum
aufgearbeitet.
Dabei
waren Reformpädagogen - gelinde ausgedrückt – gerne politische Opportunisten:
- Peter Petersen war
bekannt wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus
- Maria Montessori,
Ehrenmitglied der Faschisten, hatte die Nähe zu Mussolini gesucht;
- Hermann
Lietz äußerte sich 1919 in seiner Schrift „Des Vaterlandes Not und Hoffnung“
antisemitisch zur Rassenfrage.
Geflissentlich vergessen werden oft auch Ellen Keys „neue
Ethik“ auf rassenhygienischer Grundlage sowie ihr Werben für ein entsprechendes
Paarungsverhalten.
Ist es – so sei gefragt – also nur eine zufällige Parallele,
dass diese Leute bei aller propagierten Kindgemäßheit eine ganzheitliche, ja eine totale
Erziehung propagierten, weil sie auch anfällig für politische Totalitarismen waren?
Trotzdem
vermochten diese Schulgründer über ihren Tod hinaus selbst in einem Land,
dessen Staatsräson für viele der Antifaschismus zu sein scheint, gläubige Gemeinden
zu formieren. Der Grund für diese Wirkung ist wohl ihr Credo einer „Erziehung vom Kinde“ aus. Das Kind
wurde zum Heiligtum befördert; kulturelle, gesellschaftliche, wirtschaftliche
oder auch nur erwachsene Ansprüche galten als Teufelszeug.
Idealisiert wurde das Ganze mit einer Anknüpfung an die
griechische Antike. Im „Symposion“ hatte Platon
seinen Lehrer Sokrates den Eros als
innersten Antrieb der Erziehung preisen lassen. Im alten Hellas waren ja auch sexuelle
Beziehungen zwischen Männern und Jugendlichen institutionalisiert. Insofern war
dort und damals die Grenze zwischen Eros und Sexus eine fließende. Diese Grenze
wurde dort und damals oft in Richtung Päderastie überschritten. Oder
allgemeiner ausgedrückt: Das Verhältnis zwischen Pädagogen und Zöglingen wurde
mehr und mehr entgrenzt.
Solche Haltungen und
Praktiken erfuhren vor allem in der Zeit des Neuhumanismus und des allgemeinen
Griechenkultus eine Wiederbelebung. Daran anknüpfend etablierten sich zu Beginn
des 20. Jahrhunderts Kreise, die solche Sexualität, vor allem (männliche) Homosexualität,
für kulturbildend erklärten. Der Kreis um den 1933 verstorbenen neuromantischen
Dichter Stefan George war ein solcher Kreis. Man dozierte und debattierte in diesen
Kreisen über die schöpferischen Kräfte, die durch homoerotische Leidenschaften
freigesetzt würden.
Manche Reformpädagogen
standen dieser Gedankenwelt nicht fern. Einer der Mitbegründer der
Landschulheimbewegung, Gustav Wyneken, hatte 1920 wegen Päderastie sogar für ein
Jahre ins Gefängnis gehen müssen. Und noch in den 80er Jahren des eben abgelaufenen
Jahrhunderts rühmte sich ein späterer alternativer Politiker, er habe sich als
Erzieher in einem alternativen Kinderladen von Fünfjährigen am Hosenlatz
anmachen lassen.
Das überdehnte Ideal von Pädagogischem Eros hinterließ auch in
der Internatserziehung Spuren. Zöglinge und Pädagogen in Landerziehungsheimen duzten
sich. Das Nacktbaden und die Nacktgymnastik gehörten zum Alltag, noch vor
zwanzig, dreißig Jahren feierte man Duschorgien. Der damalige Schulleiter der
Odenwaldschule, Gerold Becker, vergriff sich hunderte Male an Jungen – zum
morgendlichen Aufwecken oder für ganze Wochenenden. Eine Art pädagogisches
Inzesttabu gab es hier nicht mehr, die Übergänge zur Pädophilie, ja zur
Pädosexualität wurden fließend. Sorgende Liebe (Agape) wurde einem zweifelhaften
Verständnis von pädagogischem Eros
geopfert, Jungen und zum Teil Mädchen wurden zur sexuellen Verfügungsmasse.
Begünstigt wurde dieser
Missbrauch strukturell und mental durch die Umstände und durch das
Selbstverständnis dieser Einrichtungen. Strukturell heißt: Ein Internat, das
sich selbstgewiss und selbstgerecht wie eine Großfamilie, wie eine
Lebensgemeinschaft, ja wie ein elitäres Projekt versteht, das viel zu eng Leben
und Lernen verknüpft, neigt zur klaren Abgrenzung zwischen Drinnen und Draußen,
neigt zum Sektiererhaften. Ein solches Projekt droht nicht nur zur ökopädagogischen
Nische, sondern zum Staat im Staate zu werden, wo andere Regeln gelten. Die
Soziologie spricht hier nicht umsonst von einer „totalen Institution“ – einer
Institution mit Zügen eines Käfigs. Um so mehr aber wird eine solche Institution
für seine Mitglieder, vor allem für die jungen, die abhängigen, zur schieren Unentrinnbarkeit.
Dass einer der obersten
Mentoren solchen Denkens, einer der Vorzeigepädagogen, nämlich Professor
Hartmut von Hentig - von manchen seiner Jünger geradezu zum „Papst“ der Reformpädagogik befördert – all dies verteidigt; dass er von
Missbrauch nie etwas gehört haben will, verwundert sehr. Dass er seinem
Lebensgefährten Gerold Becker, dem langjährigen, zurecht des hundertfachen
Missbrauchs beschuldigten früheren Leiter der Odenwaldschule, beispringt und
ihn, Becker, als „begnadeten Lehrer“ bezeichnet und als von den Schülern
sexuell verführt sieht, ist nicht nur ein Stück persönliche Tragik eines
84jährigen Pädagogikprofessors. Heranwachsende Opfer aber qua professoraler Analyse
zu Tätern zu machen, ist denn doch in erster Linie als eine Verhöhnung von
Opfern und erst in zweiter Linie als Ergebnis eines Traumas von Partnerschaft
oder von Senilität zu sehen.
Bei überzeugten
Reformpädagogen hat die Aufdeckung von Missbrauch in sog. Reformschulen und
haben Hentigs Erklärungsversuche jedenfalls eine gewisse Schockstarre provoziert. Die Mauern
des Schweigens mögen bröckeln. Das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass
es ein Kartell des Schweigens gab – ein Kartell
des Schweigens, zu dem namhafte Vertreter der deutschen Oberschicht, das
heißt des Literaturbetriebs, der Publizistik, der Politik und der Industrie
gehörten. Es war und ist dies übrigens auch ein Kartell, dem der Ruf bestimmter
Schulen und bestimmter pädagogischer Richtungen offenbar wichtiger war als das
Wohl der Schüler. Der Einzelne scheint – wie in kollektivistischer Denkart - nichts
zu sein, das Ganze dafür ist alles.
Aber erst allmählich dämmert
es so manchem Wegbegleiter und publizistischen Beförderer, dass hier
hundertfach ein doppelter Missbrauch stattfand: ein Missbrauch der Sexualität
junger Menschen und ein Missbrauch der Pädagogik.
Es führt deshalb kein Weg
daran vorbei zu fragen, ob Reformpädagogik nicht zumindest latent das
pädagogisch ausgewogene Verhältnis von Nähe
und Distanz zwischen Lehrern und Zöglingen aus dem Gleichgewicht gebracht
hat.
Neben den strafrechtlichen,
zivilrechtlichen und schulrechtlichen Seiten des Missbrauchs ist also eine kritische Besinnung auf
Erziehungsgrundsätze angezeigt, die im abgelaufenen Jahrhundert heiliggesprochen
und auch für das 21. Jahrhundert als richtungweisend erklärt wurden.
Und auch so manch andere,
sonst um nonkonforme Überzeugungen nicht verlegene Zeitgenossen müssen sich
fragen lassen, ob sie sich nicht indirekt mitschuldig gemacht haben Die Humanistische Union etwa mit ihren rund
4.000 Mitgliedern hat ihr seit Jahren zweideutiges Verhältnis zur Sexualität
zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden sowie zur pornographischen Darstellung
von Kindern im Internet bis heute nicht geklärt. Dabei gehören dem Beirat der
Humanistischen Union eine Bundesjustizministerin, zwei führende Politikerinnen
der Partei der Grünen sowie Hartmut von Hentig an. Hier scheint in der Mitgliedschaft
zu erheblichen Teilen unvermindert der Glaube zu gelten, die sexuelle Befreiung
sei für jedes Lebensalter, also auch für Kinder und Jugendliche, nur und
ausschließlich ein Triumph über eine repressive Sexualmoral.
Wie, wann und wer auch
immer: Die Vision des pädagogischen Eros
ist ein Irrweg, vor allem wenn Missbrauch ideologisch verbrämt und ästhetisiert wird.
Namhafte Pädagogen der 60er
Jahre des letzten Jahrhunderts haben die mit einem pädagogischen Eros
verbundenen Gefahren eigentlich deutlich gemacht. Für Otto Friedrich Bollnow bedeutete pädagogischer Eros Ausschließlichkeit,
Mangel an Distanz zur eigenen Subjektivität und Mangel an Sachlichkeit. Ja,
mehr noch: Für Bollnow ist Liebe in einer institutionalisierten Erziehung
(nicht in der Familie) die falsche Dimension, denn damit erlahmt das Erzieherische,
weil es das Objekt der Erziehung vergöttert. Ähnlich argumentiert Eduard Spranger
in seiner Schrift „Der Geborene Erzieher“: Für Spranger gefährdet die Idee des
pädagogischen Eros den notwendigen pädagogischen Idealismus.
Welche Maßstäbe brauchen
wir?
Der erste Maßstab muss
heißen: Die Würde des jeweils
anderen, ganz besonders die Würde des unreifen Mitmenschen, ist zu achten. Mit
Schutzbefohlenen ist wertschätzend umzugehen.
Der andere Maßstab heißt: In
Erziehung und Bildung muss es Abstände
geben – in der Familie weniger, in Bildungsinstitutionen mehr! Erziehung und Bildung
können nicht „auf einer Augenhöhe“ stattfinden.
Abstand heißt dabei nicht,
dass Erziehung und Bildung in einem sterilen, antiseptischen Klima stattzufinden
hätten. Einem jungen Menschen nah zu sein, das heißt aber - zumal außerhalb der
Familie - nie und nimmer, ihm körperlich nahezukommen, sondern es heißt, aus
der überzeugenden Autorität des
Erwachsenen heraus Orientierung und Empathie vorzuleben. Letzteres aber
setzt eine zugleich souveräne und einfühlende, niemals eine kühle oder gar
überhebliche Distanz voraus.
In der älteren und noch
lange nicht überholten Pädagogik hieß das einmal „pädagogischer Takt“.
Pädagogischer Takt – dieser
Begriff ist 1802 von Johann Friedrich Herbart
in die Pädagogik eingeführt worden. Er, Herbart, hat den Pädagogischen Takt
sogar als das größte Kleinod der Erziehungskunst bezeichnet.
Zuvor schon hatte Voltaire den Takt nicht mehr nur als Begriff
der Musik verwendet, sondern auch als Begriff für das Feingefühl im zwischenmenschlichen
Umgang und für den Respekt vor der letzten Unnahbarkeit des anderen.
Auf Pädagogischen Takt
gewendet, heißt das: Distanz wahren in Achtung der Integrität des Kindes.
Takt – um
ein Wortspiel zu praktizieren – heißt manchmal eben auch, es nicht zum unmittelbaren
Kon-TAKT, zur Berührung, kommen zu lassen, sondern Zurückhaltung zu üben. Das
Gegenteil von Takt nämlich ist Taktlosigkeit.
Oder noch kürzer
ausgedrückt: Pathos und Ethos in der Erziehung
– JA! Eros – NEIN!
In diesem Sinne muss die
Ent-Täuschung, das heißt die Zerstörung der Täuschungen, einer gar nicht so
kindgemäßen Pädagogik weitergehen – in Elternhaus und Schule!
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