DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 10. April 2003

SCHULE / Keine sozialen Unterschiede

Alle haben die gleichen Chancen

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Wie bereits nach PISA wird es auch nach der Grundschulstudie IGLU eine Debatte um die Repräsentanz der „Arbeiterkinder“ in höheren Schulen geben. Die „Linke“ hat bereits wieder die angebliche soziale Disparität des deutschen, vor allem des gegliederten Schulwesens beklagt und eine längere gemeinsame Schulzeit gefordert. Indes: Die Sozial- und Bildungsstatistiken geben dies nicht her.

Zunächst sind diese Statistiken viel zu vage, um von einer größeren sozialen Ungleichheit eines differenzierten gegenüber einem einheitlichen Schulsystem auszugehen. Schon die Kategorien sind nicht eindeutig. Das „Arbeiterkind“ ist ein Konstrukt. Zwar unterscheidet die Statistik vier Beschäftigungsverhältnisse der Eltern: Beamte, Angestellte, Arbeiter, Selbstständige. Das Beschäftigungsverhältnis sagt wenig aus über den Bildungsabschluss, das Einkommen und den Sozialstatus.


Weniger Arbeiterkinder

Selbst im internationalen Vergleich liefern die sozioökonomischen Kennwerte der Familien ein verzerrtes Bild, denn offenbar werden entsprechende Kennwerte national sehr unterschiedlich definiert. Die Rate der Hochschulberechtigungen von Schülervätern macht dies deutlich (vgl. PISA 2000, S. 348). Sie beträgt in Japan 92,7 Prozent, in Deutschland 30,2, in Österreich 27,0. Konkret heißt das: In Japan kann es de facto keine Disparität geben, weil dort formell nahezu alle Schülerväter und dann auch Kinder den höchsten Abschluss der Sekundarstufe II erreichen.

In allen OECD-Ländern sind Arbeiterkinder unter Studierenden unterrepräsentiert. Laut "Euro Student Report" beträgt der Anteil in Deutschland 16, in Frankreich 18, in Italien 14 und in Österreich neun Prozent. Es ist darüber hinaus hinreichend bekannt, dass gerade in Ländern mit Einheitsschulsystemen (zum Beispiel England, Frankreich, die USA und Japan) nur betuchte Eltern ihr Kind in eine renommierte, jährlich 10.000 Euro teure, studienvorbereitende Privatschule schicken können.


Auch der internationale Vergleich der so genannten Abiturienten- und Akademikerquoten liefert keinen Beweis für eine soziale Schieflage des gegliederten Schulwesens, denn diese Quoten sind schlicht nicht vergleichbar. In Finnland und in den USA gilt etwa die Ausbildung zur Krankenschwester als Hochschulausbildung. Viele deutsche  Schul- und Berufsabschlüsse unterhalb der so genannten akademischen Schwelle haben den gleichen Rang wie andernorts Hochschulabschlüsse. Die soziale Durchlässigkeit des Bildungswesens vieler anderer Länder ist zudem ein statistisches Artefakt: Wenn in Finnland oder in den USA die Tochter eines Industriearbeiters Krankenschwester wird, gilt sie als Aufsteigerin in akademische Ränge, in Deutschland trotz gleichwertiger Ausbildung nicht.

Im innerdeutschen Vergleich der Flächenländer ist die Quote der sozialen Aufsteiger hin zu den formal höchsten Bildungsabschlüssen kaum verschieden. Von allen Studierenden in Deutschland sind insgesamt 17 Prozent Arbeiterkinder: in Bayern 15, in Niedersachsen 17, in NRW 18  Prozent. Auch lange Jahre SPD-regierte Länder wie Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen haben also trotz der angesagten Herstellung von Chancengleichheit keine größeren Anteile von Arbeiterkindern in höheren Bildungsgängen als Länder mit gegliederter Schulstruktur.

Bei der Diskussion um soziale Disparität im Bildungsbereich wird regelmäßig die Bedeutung der unterschiedlich ausgeprägten kognitiven Grundfähigkeiten („Begabung“) vernachlässigt. Dabei wird in der nationalen Erweiterung der PISA-Studie  (2002, Seite 168) klargestellt: „Der Löwenanteil der ungleichen Bildungsbeteiligung geht auf den gemeinsamen Einfluss von kognitiven Grundfähigkeiten, Lesekompetenz und Sozialschichtzugehörigkeit zurück“. Das heißt: Die Wahrscheinlichkeiten, dass ein Kind einer bestimmten Sozialschicht das Gymnasium besucht, stellen sich sehr unterschiedlich dar, je nachdem, ob man nur die Schichtherkunft berücksichtigt oder auch die kognitive Ausstattung.

Ein Beipiel: Die relative Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus der so genannten oberen Dienstleistungsklasse ein Gymnasium besucht, ist in den alten Bundesländern 7,26fach höher als bei einem Kind eines Fach- bzw. leitenden Arbeiters. Berücksichtigt man zusätzlich die kognitiven Grundfertigkeiten, so ist die entsprechende Wahrscheinlichkeit nur noch 3,73fach höher.


Der Marktwert zählt


Ebenfalls gern übersehen wird, dass sich die Bildungswünsche vieler Eltern am Marktwert eines Abschlusses orientieren und nicht an der formalen Höhe. In Bundesländern, die den Zugang zum Gymnasium an den Eignungsvermerk im Grundschulzeugnis koppeln, verzichten viele Eltern gymnasialgeeigneter Kinder dennoch auf den gymnasialen Weg. In Bayern sind das etwa zehn Prozent. Das hat nichts mit einer sozialen Barriere zu tun, wohl aber mit Überlegungen zur Zukunft der Kinder, von denen man eine solide Berufsausbildung erwartet, aber nicht immer gleich ein Studium.

Die Behauptung, Länder mit gegliederten Schulsystemen seien in Sachen Bildungschancen "selektiv", ist eine Zwecklegende. Tatsache ist: Erst die innerdeutsch sehr unterschiedliche Qualität schulischer Bildung produziert "Selektion" und damit Gerechtigkeitslücken.

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