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Aus dem
RHEINISCHEN MERKUR vom 17. Mai 2007
Magere Kost aus Berlin
DICKE KINDER Politiker fordern, ein neues Fach Ernährung einzuführen. Das ist zu kurz gedacht
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
"Fit
statt fett!" - so lautet das neue gesundheitspolitische Motto der
Bundesregierung. Recht hat sie, schließlich sind 15 Prozent der
17-Jährigen, 42 Prozent der Frauen und 58 Prozent der Männer
übergewichtig. Reichlich mager freilich sind die Abspeck-Ideen der
Bundesregierung ausgefallen. Einer der Vorschläge heißt
einmal mehr: Die Schule soll's richten. Das Fach Ernährungskunde
solle eingeführt werden. Wir kennen das Spiel: Wenn Kinder zu
lange fernsehen oder "counterstriken", werden die Fächer
Medienkunde und Freizeiterziehung gefordert. Machen die Kids zu viel
Schulden, hilft angeblich ein Fach Konsumerziehung. Scheren sich die
jungen Leute nichts um ihre Umwelt, ist das Fach Umwelterziehung
angesagt, und steigen erneut die Scheidungszahlen, forderte eine
ehemalige Familienministerin schon auch mals das Fach Familienkunde.
Das sind alles ganz tolle Ideen! Nur zweierlei passt nicht. Erstens
müsste man glatt alle Fächer von Deutsch und Musik über
Mathematik und Englisch bis hin zu Geschichte und Politik abschaffen,
um Platz zu machen für diese vielen Erziehungen. Zweitens
wären alle diese neuen Fächer nur ein Feigenblatt, das kaum
verdeckte, dass die entscheidenden Prägungen Heranwachsender - im
Positiven und im Negativen - zu Hause im ersten Lebensjahrzehnt
stattfinden. Ein Schulfach Ernährung könnte nichts bewirken,
solange Eltern Ihren Kindern zu Hause ein Fernsehwochenende mit
Bierdose und Chipstüte vorexerzieren. Es nützte nichts,
solange Eltern ihre Kinder ohne Frühstück in die Schule
schicken und sich die Kinder dann an einem Getränkeautomaten
bereits vor der ersten Schulstunde eine Cola holen, oder solange sie
ihre Kinder vor den "Babysitter" Gameboy setzen, statt sie an die
frische Luft zu schicken oder eine Radtour mit ihnen u machen.
Im Übrigen sollte man nicht vergessen, dass das Thema
Ernährung in den Fächern Sport, Biologie, Chemie,
Politik/Sozialkunde, gelegentlich sogar in den Fächern Deutsch,
Religion/Ethik und Kunst eine Rolle spielt. In allen Schulbüchern
und Lehrplänen ist das nachzulesen. Manchmal finden die
Schüler das Thema bereits zum Gähnen. Wenn in den Schulen
wirklich etwas verbessert werden könnte, dann ist es die
Ausweitung des Sportunterrichts. Der ist aber gerade in Zeiten, in
denen sich Schulbildung in PISA-Tabellen widerspiegeln muss, nicht so
sehr angesagt.
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