Liminski: Seit Mark Twain wissen wir: Erziehung ist
die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die
Jugend. Diese Verteidigung muss in Deutschland
natürlich besonders gründlich organisiert werden.
Das heißt, der Staat muss sich damit befassen. Das tut
er im Saarland und in Bremen, wo mit diesem Schuljahr
Benimm-Unterricht zumindest als Bausteine für den
Unterricht bis zur Klasse 6 erteilt werden soll. Die
Diskussion darüber ist lebhaft, betrifft sie doch alle,
die an der Erziehung irgendwie beteiligt sind: Eltern,
Lehrer und natürlich auch die Politik, und nicht zu
vergessen die Kinder selbst. Wir sind nun verbunden mit dem
Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands Josef Kraus.
Er ist auch Direktor eines Gymnasiums, kommt also aus der
Praxis und wäre von solchen Maßnahmen unmittelbar
betroffen. Zunächst einmal guten Morgen, Herr Kraus.
Kraus: Guten Morgen, Herr Liminski.
Liminski: Herr Kraus, der Morgengruß, der
Gruß überhaupt, ist offenbar nicht mehr so
selbstverständlich, ebenso das "Danke" und "Bitte", und
überhaupt: Die Umgangsformen, genauer der Mangel an
solchen Formen bei deutschen Schülern in Bus und Bahn
treiben regelmäßig älteren Mitbürgern
die Zornesröte ins Gesicht. Gibt es ein Benimmdefizit
deutscher Schüler und Jugendlicher?
Kraus: Sie sagen es ja zu Recht. Es ist auf allen
Marktplätzen, in den Straßen, in den U-Bahnen
beobachtbar, dass kein Gespür mehr dafür da ist,
was sich gehört und was sich nicht gehört. Wobei
ich allerdings nicht den Stab über die Jugend, die
Kinder generell brechen möchte. Nach meinem Eindruck
ist es ein größer werdender Teil, der hier nicht
mehr weiß, was sich gehört. Ich denke, es gibt
ein Stadt-Land-Gefälle. Auf dem Land ist das alles noch
ein bisschen besser ausgeprägt und harmloser. Es geht
um eine Größenordnung von um die 20 Prozent, dass
die Achtjährigen und die Zwölfjährigen
reguläre mitteleuropäische Umgangsformen nicht
mehr kennen.
Liminski: Das Erziehungsdefizit ist also da. Wer
soll das denn nun beheben? Die Schule, die Eltern, die
Politik, die Gesellschaft oder alle zusammen? Ist das eine
Gemeinschaftsaufgabe?
Kraus: Natürlich ist das eine
Gemeinschaftsaufgabe. Allerdings mit eindeutiger
Prioritätensetzung. Wir sollten nicht immer nur alle
möglichen Freiheitsrechte des Grundgesetzes hier
bemühen, sondern wir sollten in dem Zusammenhang auch
mal den Grundgesetzartikel 6 bemühen, wo ja
ausdrücklich in Absatz 2 drinsteht: "Pflege der Kinder
und Erziehung sind das natürliche Recht der Eltern." Da
hört üblicherweise bei den meisten Leuten das
Zitieren auf, aber der Satz geht ja weiter: "und das
zuvörderst ihnen obliegende Pflicht". Es sind
natürlich in erster Linie die Elternhäuser
gefragt, und das nicht, weil das Grundgesetz es uns vorgibt,
sondern weil die Pädagogik, die Tiefenpsychologie auch
sagt: Die Prägungen, die in den ersten sechs oder
meinetwegen ersten zehn Lebensjahren nicht stattfinden,
können später nicht nachgeholt werden. Was
bestimmte Umgangsformen betrifft, die Bereitschaft "danke" zu sagen, die Bereitschaft, auf Aggressivität zu
verzichten, bestimmte Medienkonsumweisen und so weiter, das
muss zu Hause geprägt werden, oder in diesem Bereich
findet Erziehung kaum noch statt. Das Gemeinwesen insgesamt,
gar der Staat oder die Schule allein sind hier hoffnungslos
verloren, wenn man das ihnen alleine aufbürdet.
Liminski: Wenn nun aber die Eltern, Herr Kraus,
ihrem Erziehungsauftrag nicht nachkommen - manchmal sind sie
ja auch schlicht überfordert -, sollte man sie dann
nicht darin unterstützen, etwa durch mehr Beratung?
Viele Eltern nehmen solche Angebote ja auch wahr. Die
Familien- und Erziehungsberatungsstellen sind
überlaufen. In Frankreich gibt es in manchen
Rathäusern ja sogar eigene Anlaufstellen für
dringende Fälle.
Kraus: Das ist natürlich richtig. Wir
müssen erstens die Bereitschaft der Eltern wieder
wecken. Da gehört es dazu, dass die Meinungsführer
in unserer Gesellschaft - von den Showstars über
Politiker bis hin zu Sportlern - immer wieder sagen, wie
wichtig Erziehung und wie wichtig die Prägung in den
ersten zehn Jahren ist. Die Bereitschaft ist zunächst
einmal wichtig. Ansonsten haben wir ja in der damaligen
Elternschaft vor dreißig Jahren, aber auch mit Spuren
in der heutigen Elternschaft, die gewaltige Verunsicherung,
was die Erziehung betrifft. Da hat natürlich die 68er
Bewegung ihre Spuren hinterlassen, wo Erziehung als
Herrschaftsausübung diskreditiert wurde. Davon
müssen wir wieder weg. Dann können wir
darüber reden, wie wir Eltern das beibringen. Ich bin
nicht unbedingt ein Freund des Faches Erziehungslehre in
allen Schulen, weil das wieder relativ theoretisch und
aufgesetzt bleibt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass
so etwas in den Kommunen über die Jugendämter
verstärkt angeboten wird. Ich würde mir aber vor
allem auch vorstellen, dass vielleicht die Schulen selbst
für ein bisschen mehr Elternarbeit werben. Es ist
allerdings leider im Moment die Praxis, dass an
weiterführenden Schulen in dem Moment, wo die Kinder
mal in der fünften, sechsten Klasse waren, Sie
natürlich am Abend die Eltern kaum noch reinkriegen.
Das wäre aber eine Chance. Wir brauchen dann eine
Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Elternhaus. Da
muss die Schule die Eltern fragen, was die Eltern besser
können, und die Eltern müssen akzeptieren, was die
Schule besser kann. Es ist also eine Mentalitätsfrage.
Dann muss natürlich bei solchen Veranstaltungen, bei
solchen Abenden oder meinetwegen auch Gesprächsrunden -
nicht bloß Vortragsveranstaltungen -, die Bedeutung
des Erzieherischen rübergebracht und Mut gemacht
werden, dieses unbequeme Geschäft auf sich zu nehmen.
Was ich allerdings nicht möchte ist, dass wir das
Erziehungsgeschehen immer noch mehr verstaatlichen, dass wir
immer noch mehr nach dem Staat rufen.
Liminski: Pestalozzi hat mal die Summe seines
Erziehungswissens gezogen und sie in drei großen "Z" zusammengefasst: Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit, sagte
er. Was fehlt denn den jungen Kindern und Jugendlichen heute
am meisten?
Kraus: Ich würde zu den drei "Z" noch ein
"V" mit hinzunehmen, nämlich das Vorbild der Eltern.
Das würde ich sogar an die erste Stelle setzen. Wenn
Eltern in bestimmten Bereichen, was Arbeitsverhalten, was
Medienkonsum, was sonstigen Konsum betrifft, kein gutes
Vorbild sind, werden sie keine Kinder haben, die sich
entsprechend verhalten. Was die drei "Z" von Pestalozzi
betrifft, würde ich eindeutig eine Rangreihe sehen und
sagen, der Faktor Zeit ist das Entscheidende.
Natürlich: Zärtlichkeit und Zuwendung, aber das
hat alles damit zu tun. Wenn keine Zeit da ist, wenn sich
die Eltern die Zeit nicht nehmen, läuft natürlich
auch in puncto Zärtlichkeit und Zuwendung nichts. Es
ist ja heute eine paradoxe Situation: Wir haben pro
Elternpaar immer weniger Kinder. Wir haben gleichzeitig in
der Erwachsenenwelt, also bei den Eltern, immer kürzere
Arbeitszeiten. Die Zeit, die man also für die immer
geringere Kinderzahl aufwendet, wird immer kürzer. Das
meine ich mit der paradoxen Situation. Die Eltern
müssen selbst, so sie das tun, mal von ihrem
Selbstverwirklichungstrip ein bisschen herunterkommen und
sich wirklich für Familie und für gemeinsame
Unternehmungen Zeit nehmen. Das hat in den letzten Jahren
enorm gelitten.
Liminski: Herr Kraus, hinter dem neuen
Knigge-Fach, das in Bremen und Saarbrücken
eingeführt werden soll, verbirgt sich eigentlich auch
eine Debatte über den Begriff "Erziehung" und damit
auch über seine Definition. "Erziehung ist Beschenkung
mit Menschlichkeit", schreibt Johannes Paul II. Das ist eine
schöne, aber auch relativ abstrakte Definition. Sie
erinnert vielleicht auch ein bisschen an Rousseau und dessen
Erziehungsideale. Sind denn solche Debatten bei uns oder
generell in einer pluralistischen Gesellschaft noch zu
führen?
Kraus: Wir müssen sie führen. Es bleibt
uns gar nichts anderes übrig, wenn wir dieses
Gemeinwesen weiterentwickeln wollen, wenn es die
nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte überstehen
soll, wenn wir unsere Bildungsergebnisse, Stichwort Pisa,
wieder verbessern wollen. Wir kriegen auch keine
Bildungsoffensive ohne eine Erziehungsoffensive hin. Wenn es
zu Hause nicht klappt, dann wird es auch bei den
nächsten Pisa-Ergebnissen nicht besser klappen.
Ansonsten ist mir eine Definition sehr einsichtig, die von
einem der berühmtesten deutschen Pädagogen stammt,
nämlich Theodor Litt, der gesagt hat: "Erziehen
ist Führen und Wachsen lassen" und zwar in einem
ausgewogenen Verhältnis. Das zeigt einmal, wie
schwierig das Erziehungsgeschäft ist. Es zeigt aber
auch, wenn man das mal als Messlatte an die heutigen
Erziehungsmerkmale anlegt, dass einer der beiden Pole
"Führen" und "Wachsen lassen" deutlich
übergewichtet wurde, nämlich das laisser-faire,
das Wachsen lassen. Elternschaft und Lehrerschaft muss -
übrigens auch der Nachbar, der irgendetwas beobachtet
in der Umgebung bei Nachbarskindern - wieder die Courage
aufbringen, Erziehen auch als Führen, als Grenzen
aufzeigen zu verstehen.
Liminski: Sie sind doch ein Mann der Praxis, Herr
Kraus. Glauben Sie denn - ich will noch mal auf
Saarbrücken und Bremen zurückkommen -, dass die
Kinder solche Bausteine lernen würden? Ist das nicht
auch schon eine Sache der Kopfnoten?
Kraus: Ich habe nichts gegen Kopfnoten. Ich habe
auch den Eindruck, dass nach wie vor sehr viele Eltern sehr
viel von Kopfnoten halten und eine schwache Kopfnote
vielleicht ernster nehmen als eine Drei oder Vier in
irgendeinem Fach. Ich befürchte nur, wenn das als
curricularer Baustein oder gar als eigenes Fach gehandelt
wird, dass es relativ abstrakt und aufgesetzt bleibt.
Erziehen in der Schule heißt natürlich, dass
immer am konkreten Anlass erzieherisch gewirkt wird, dass
der Klassenleiter einen Mobbing-Fall aufgreift, dass der
Klassenleiter einen Fall von Spucken auf den Boden aufgreift
und das dann artikuliert wird, warum das nicht geht. Dann
einigt man sich auf gewisse Regeln. Sonst bleibt es relativ
abstrakt.
Liminski: Was erwarten Sie denn als nächstes
in der großen Erziehungsdebatte? Die Schuluniform?
Kraus: Das Thema haben wir ja immer mal wieder
gehabt, wie jetzt auch zuletzt als Sommerlochbrüller.
Es ist ja interessant, dass sich irgendwelche Politiker oder
Erziehungswissenschaftler immer wieder berufen fühlen,
das Patentrezept aufzulegen. Nein- mit Patentrezepten ist es
nicht getan. Ich bringe es noch einmal auf den Punkt: Wir
kriegen keine Bildungsoffensive hin, wenn wir nicht
Erziehungsoffensive hinkriegen. Da muss sich zunächst
einmal auch die Erwachsenenwelt im Sinne von Vorbildwirkung
ändern. Diese Debatte wünschte ich mir, um die
Bedeutung von Familie, vom Gemeinwesen, was noch nicht mit
dem Staat etwas zu tun hat. Ich habe etwas gegen den Ruf
nach immer mehr Staat, habe etwas gegen den Ruf nach dem
anderen Patentrezept, was da Ganztagsschule heißt. Es
muss vielmehr in der Keimzelle von Gesellschaft,
nämlich in der Familie, alles wieder etwas ernster
genommen werden, wiewohl es - das weiß ich aus
Erfahrung - ein unbequemes Geschäft ist.
Liminski: Die Eltern sollen mehr Vorbild sein,
wenn ich das mal so resümieren darf. Das war Josef
Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbands und
Direktor eines Gymnasiums. Besten Dank für das
Gespräch, Herr Kraus.
Kraus: Ich danke auch.
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