DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus DIE WELT - Serie: Was ist deutsch? - vom 5. Dezember 2000

Eine Entsorgung der Leitkultur hilft wenig

Schulen müssen sich vor allem um die sprachliche Förderung von Zuwanderer-Kindern kümmern

Von Josef   K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Politik in Deutschland schien über Jahre hinweg ausschließlich geprägt von fiskalischem Hickhack. Der Streit um Renten, Steuern, Solidaritätszuschlag und anderes mehr ist Ausdruck dieser oft genug monomanischen Ausrichtung. Politik wäre aber gut beraten, wenn sie neben all ihren materiell orientierten Entscheidungen auch nichtökonomische Elemente zum Bestandteil öffentlichen Nachdenkens machte.

Die jetzt entstandene Debatte um eine „Leitkultur“ führt hier durchaus weiter. Zu dieser Debatte sollte man bereit sein, anstatt entsprechende Beiträge gleich unter die „Herrschaft des Verdachts“ (Hegel) zu stellen. Mit Unterstellungen nach Art Pawlowscher Reflexe ist es nicht getan, denn die Bevölkerung, auch die junge, lässt sich Themen weder oktroyieren noch ausreden. Und auch die Endlagerung eines Themas durch verbale Entsorgung ist wenig hilfreich, denn grundsätzliche kulturelle Fragen haben auch in Zeiten eines „global village“ eine sehr lange Halbwertszeit. Man muss sich natürlich nicht auf den Begriff „Leitkultur“ kaprizieren. Aber eines ist notwendig: eine Debatte um kulturelle Identität(en).

Eine solche Debatte sollte nicht nur ein gesellschaftspolitisches, sondern ein hochrangiges bildungspolitisches und pädagogisches Anliegen sein, schließlich bedeutet Person zu sein zumal für Heranwachsende immer auch Identität zu haben oder zu suchen. Identität entwickelt sich nicht nur aus ganz persönlichen biographischen Elementen, sondern sie hat immer zu tun mit dem Ausmaß an Übereinstimmung des Einzelnen mit Werthaltungen und Traditionen. Kulturelle Identität hat also viel zu tun mit kulturellem Gedächtnis und mit der „Er-Innerung“ eines historisch-ideellen Erbes.

Eine Erziehung ohne solche Elemente wäre eine Verweigerung von Identitätsfindung. Vielmehr geht es darum, dass sich der Mensch mittels seiner Identität von der Hektik und Flüchtigkeit des Hier und Jetzt befreit. Der Mensch wird eben damit zukunftsfähig, denn „Zukunft ist Herkunft“ (Martin Heidegger). Ein Mangel an solcher Besinnung hinterlässt Orientierungslosigkeit, denn Orientierung lässt sich selbst in einer globalisierten Cyber-Welt nicht von irgend einer Homepage „downloaden“.

Vielleicht hilft uns in der Frage „Was ist deutsch?“, also in der Frage nach der kulturellen Identität der Deutschen der spanische Philosoph Ortega y Gasset weiter. Dieser schrieb im Jahr 1929 in seinem „Aufstand der Massen“: „In uns allen überwiegt der Europäer bei weitem den Deutschen, Spanier, Franzosen ...; vier Fünftel unserer inneren Habe sind europäisches Gemeingut.“ Zu dieser „Habe“, die entstanden ist vor allem aus der Trias Antike/Christentum/Judentum, gehören im Besonderen die Vorstellung von der Würde und Personalität des Menschen als Ausdruck der Gottesebenbildlichkeit sowie die Prinzipien Verantwortung gegenüber einem Höheren, Eigenverantwortung und Nächstenliebe, d.h. Solidarität und Toleranz. Der griechische Staatspräsident Konstantinos Karamanlis bringt es anders auf einen Nenner: Europäische Zivilisation ist die Synthese des griechischen, römischen und christlichen Geistes. Zu dieser Synthese hat der griechische Geist die Idee der Freiheit, der Wahrheit und der Schönheit beigetragen; der römische Geist die Idee des Staates und des Rechts und das Christentum den Glauben und die Liebe. Warum sollen solche Werte nicht Leitfunktion haben?

Darüber hinaus wäre zu wünschen, dass die Deutschen und ihre Heranwachsenden gerade auf Grund unserer Erfahrungen mit zwei deutschen Unrechtssystemen „deutsch“ heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts eben untrennbar mit Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und antitotalitärem Grundkonsens assoziieren. Es wäre zu wünschen, dass sie „deutsch“ zukünftig mit innerem Frieden und mit Berechenbarkeit assoziieren; schließlich gilt im Kleinen, im Nachbarschaftlichen ebenso wie im Großen, im Internationalen: Wer sich selbst nicht ausstehen kann, der ist auch für andere unausstehlich. Und es wäre darüber zu reden, ob nicht Max Weber auch heute, in einem Gemeinwesen der vorhandenen Heterogenität, noch Recht hat mit seiner Feststellung: „Allein die Nation kann die innere Bereitschaft der Menschen wecken, sich solidarisch und selbstlos für das Gemeinwesen einzusetzen.“

Überfällig ist sodann eine schulpolitische Debatte um konkrete Inhalte. Im Zeitalter nicht nur regierungsamtlicher, sondern auch schulisch-curricularer Beliebigkeit hätten wir, anstatt Schule einem flachen Ökonomismus auszusetzen, allen Grund, darüber nachzudenken, welche Bedeutung wir dem Geschichts-, Literatur-, Religions-, Ethik-, Musik- und Kunstunterricht beimessen wollen. Ein solider Unterricht in diesen Fächern wäre geeignet zu vermitteln, dass Nationalsozialismus und Extremismus nicht die Vollendung deutscher Kultur sind, sondern der Ausstieg aus ihr. Und wir müssen unsere Bildungseinrichtungen stärken in ihren tagtäglichen Bemühungen um die Integration der Kinder von Zuwanderern. Das gilt vor allem für die sprachliche Förderung dieser - und aller! - Schülerinnen und Schüler. Denn eine uralte Erfahrung aus dem zwischenmenschlichen wie aus dem internationalen Bereich besagt: Wo die Sprache versagt, da regiert die Faust.


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