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Aus dem
RHEINISCHEN MERKUR vom 27. Januar 2005
BILDUNG / Die Vermittlung von
schulischem Wissen folgt anderen Regeln als das Marketing einer neuen
Zahnpasta
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
In den vergangenen
Jahrzehnten gab es recht unterschiedliche Vorstellungen vom Zweck
schulischer
Bildung. Mal dominierten die, denen es um Bildung als Eigenwert, ja gar
um Bildung gegen Kapital und Ausbeutung ging. Ein anderes Mal
diejenigen, die in Bildung vor allem das Messbare und Nützliche
sahen. Die letztere Betrachtung ist derzeit auf dem Vormarsch -
parteiübergreifend übrigens. Stehen wir damit vor einem
Verständnis von Bildung, die
sich einem Ökonomismus und Utilitarismus unterzuordnen hat?
Natürlich muss
Bildung konkrete
Ziele haben, zum Beispiel das Ziel der Ausbildungs-,
Studier- bzw. Berufsreife. Aber: Über diesen Zielen dürfen
wir nicht vergessen, was umfassende Bildung ist.
Skepsis ist jedenfalls angebracht, denn es droht eine
operationalistische
Verarmung. Es scheint, als ob Bildung das sei, was die
PISA-Studien messen oder die OECD auszuzählen vorgibt.
Ein
Irrweg real existierender Politik ist, dass sie Schule auf die Reise
nach New
Economy schickt. Sogar manche
Erziehungswissenschaftler meinen, voranmarschieren zu müssen im
naiven Glauben, alle Bildung "handhaben" (denglisch:
„hääändeln“) zu
können wie das Marketing einer neuen Zahnpasta. Angesagt
scheinen
dementsprechend für „Bildung" etwa Marketing, Benchmarking,
Just-in-time-Wissen,
Download-Knowledge usw. Fehlte nur ein Last-Minute-Learning, wenn
dieses
von Schülern nicht schon vor Jahrhunderten erfunden worden
wäre.
Dabei müsste
man eigentlich zur Kenntnis nehmen, dass ökonomische Prinzipien
nicht
eins zu eins auf Schule übertragen werden können, denn es
gibt große Unterschiede
zwischen Wirtschaftspolitik und Schulpolitik. Die Anbieter
anspruchsvoller
Wirtschaftsprodukte nämlich können auf einen Konsumenten
zählen, der
entsprechende Preise dafür zahlt. In der Bildung aber meinen
manche Anbieter
und Konsumenten, sie sei sogar ohne den Preis Anstrengung erwerbbar.
Außerdem
kann die Wirtschaft alles, was sich nicht „rentiert“,
wegrationalisieren. In
Fragen der Bildung und Erziehung „rentiert“ sich sicherlich vieles
nicht, wenn
man etwa an Erziehungsresistente denkt. Doch es wäre inhuman, hier
nach
Rentabilitätsgesichtspunkten zu handeln.
Ein anderer Irrweg war und
ist, dass in vielen Bundesländern seit mehr als drei Jahrzehnten
eine
Aversion gegen konkretes Wissen und gegen jeden Fächerkanon
gepflegt wird. Zudem wurde mit den so genannten
Schlüsselqualifikationen ein von konkreten Inhalten
abgehobenes "Sesam, öffne dich!" erfunden. Nun warten die
schulpolitischen Ali Babas darauf, dass sich die Bildungsgrotte zur
gefälligen
Selbstbedienung mit all ihren Schätzen an Methoden-, Sozial- und
Handlungskompetenzen öffnet und über die Schule
ergießt. Dahinter versteckt sich ein schier
fundamentalistischer Anti-Inhalte-Affekt, der nur
unterrichtliche Verpackungen, aber keine Inhalte mehr kennt. Aber
"Vielwisserei macht nicht weise", sagte schon Heraklit. Nichtwissen
schon gar nicht.
Die
aktuelle schulpolitische Diskussion wird indes von einer schier
objektlosen Aufsässigkeit beherrscht. Es ist die Rede von der
Abschaffung des "starren"
Fächerprinzips, der "Stoffhuberei" und des
"Frontalunterrichts". Statt Literatur gibt es in der Folge nur noch
"Texte", nach Dichternamen sucht man dort vergeblich, wie ja
überhaupt große Literatur unter dem Diktat der
Lebensnähe mit Gebrauchstexten
egalisiert wurde. Das Lesen wurde damit reduziert auf das
Literacy-Konzept; es
geht, schön neuhochdeutsch, nur noch darum, „to use printed
information to function in society”.
Mehr Zeit für Kultur
Es
wird Zeit, dass entgegen diesen Verirrungen eine
Debatte um ein breites Verständnis von Bildung aufkommt. Wer in
der Bildung nur
das Messbare sieht, macht einen Fehler, den Karl Popper als
Reduktionismus
kritisiert. Wir brauchen vielmehr gerade in Zeiten von PISA eine
Rekultivierung unserer Gesellschaft und zumal unserer
Bildungseinrichtungen.
Dazu brauchen wir nach Jahren hyperaktiver PISA-Diskussionen unter
anderem eine
Bildungsdebatte in Bereichen, in denen es nicht nach reinen
Effizienzkriterien
gehen kann: in den Sprachen, in Religion/Ethik, Kunst, Musik, Sport.
Überhaupt
brauchen wir wieder mehr geistige Unterkellerung.
Bedenken
wir zudem: Es gibt in Sachen Bildung - so sie breit angelegt ist –
stets viele
Mitnahmeeffekte. Und vieles hat eine lange Inkubationszeit, die oft
weit über eine PISA-Testung hinausgeht. Wir merken meist erst
später, wie Recht der britische Staatsmann George Halifax (1633 -
1695) mit seiner Aussage hatte: Bildung ist das, was übrig bleibt,
wenn man alles vergessen hat, was man gelernt
hat. Eine OECD kann nicht oberster Bildungsratgeber sein. Eine solche Wirtschaftsorganisation
diskreditiert sich
bildungspolitisch immer mehr, weil für sie das Kind zum
Standortfaktor verkommen ist.
Schulpolitik
und Schulpädagogik müssen sich – erstens - davon lösen
und sich wieder auf Anthropologie einlassen, in deren Mittelpunkt der
Mensch und eben nicht die
Ökonomie
steht. Dazu gehört die Betrachtung des Menschen nicht nur als Homo
faber, sondern auch als Homo ludens. Das Spiel ist Grundkategorie des
Menschlichen, und
es ist zugleich kulturbildend. Erst im Ergänzungsgegensatz beider
Daseinsformen erfährt sich der Mensch als Leistungsträger und
als Spielender, als Homo oeconomicus und als Kulturschaffender.
Schulpolitik und
Schulpädagogik sollten – zweitens – vertreten, dass zum Auftrag
von Bildung die
Vermittlung kultureller Identität gehört. Die heute als
modern geltende
Ideologie des "Anything goes" mit ihrer Beliebigkeit hinterlässt
freilich bei vielen Menschen ein Gefühl der
Orientierungslosigkeit. Sie spüren: Orientierung
lässt sich nicht aus der Cyberwelt „downloaden“. Identität
kommt auch nicht
allein aus "skills", sondern vor allem aus der
"Er-Innerung" des historisch-kulturellen Erbes. Das ist übrigens
der
Grund, warum totalitäre Systeme zur Proklamation einer ewigen
Gegenwart neigen.
Er-Innern dagegen ist die Chance zur Kraft gegen Indoktrination.
Eine Bildung ohne Tradition wäre eine Verweigerung von
Identität.
Zeichen von Ungebildetsein ist es zudem,
sich einem Absolutismus der Gegenwart
zu überlassen. Ein zukunftsfähiges Bildungswesen leistet
deshalb gerade in
Zeiten der Globalisierung Identitätsstiftung und Orientierung,
denn Zukunft ist
Herkunft. Der unbehauste Mensch wird die Oberflächlichkeit des
„Global
Village“ nur dann aushalten, wenn er Geborgenheit in Kultur, Tradition
und Sprache
findet. Und er wird nur dann seine Trendanfälligkeit sowie seine
Froschperspektive
überwinden, wenn er beherzigt, was der Frühscholastiker
Bernhard von Chartres
(um 1120) meinte, als er riet: „Mit unserem begrenzten
Erkenntnisvermögens
sind wir alle Zwerge, aber auf den Schultern von Riesen können
auch Zwerge weit
schauen.“ Das heißt: Die Geschichte der Menschheit und ihr
Wissen, unsere
Vorfahren und deren Kulturen sind die Schultern von Riesen, wir
Zwerge können von da weit sehen. Oder in den Worten
Schleiermachers: Unser Gedächtnis
ist ein Teil unserer Selbsterkenntnis.
Schulpolitik
und Schulpädagogik müssen – drittens - betonen, dass
es zum kulturellen und staatsbürgerlichen Auftrag der Schule
gehört, möglichst
konkretes Wissen zu vermitteln. Hier sind vielerorts dreißig
Jahre inhaltlichen
Vakuums zu füllen. Es geht aber nichts ohne Inhalte unumstrittener
Autorität.
Die in den Jahren seit 1970 verbreitete Vorstellung von einer
Gleichwertigkeit
der Fächer und Inhalte ist eine Fiktion. Leider wird diese Fiktion
heute erneut
propagiert. In einer „bildungspolitischen“ Schrift einer banknahen
Stiftung
heißt es im Jahr 2002: Konkretes Wissen sei aufgrund
technologischer
Möglichkeiten „obsoletierbar“. Ist
das
womöglich der kapitalistisch motivierte Gang in die
Unmündigkeit - als
Gegenstück dessen, was Kant mit Aufklärung als Ausgang aus
der
selbstverschuldeten Unmündigkeit meint? Statt dessen gilt: Wer
nichts weiß, muss alles glauben.
Unter aller Kanone
Schulpolitik
und Schulpädagogik müssen – viertens – den Grundsatz
verteidigen, dass
Bildung einen übernützlichen Wert hat. Hier dürften sich
die Bildungsakteure
ruhig noch einmal das bildungspolitische Papier der Deutschen
Bischofskonferenz
(DBK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom November
2000
hervorholen „Tempi – Bildung im Zeitalter der
Beschleunigung“. Darin wird Kritik geübt an einem „Totalitarismus
neuen Typs“,
nämlich dem „subjektlosen Funktionalismus“, der auch die Bildung
erobere. Mit anderen Worten: Bildung
ist nicht "functional fastfood", denn gerade erst das „unnütze“
Wissen macht den Menschen zum Menschen. In Nietzsches Worten
heißt das: Bildung
kann nicht Bildung sein „am Pflock des Augenblicks“. Im ersten seiner
Vorträge „Über die Zukunft der Bildungsanstalten“
(1872) benennt er als eines der beliebtesten nationalökonomischen
Dogmen, den Nutzen, ja den
möglichst großen Geldgewinn als Ziel und Zweck der Bildung
auszugeben.
Wörtlich: „Dem Menschen wird nur soviel Kultur gestattet, als im
Interesse des
Erwerbs ist.“
Eine
solche Reduktion von Bildung auf das Marktgängige bedeutete einen
Verlust an
kulturellen Optionen und Denk-Spielräumen. Bildung kann nicht
eigentlich zweckgebunden sein. Denn – so Hans-Georg Gadamer – Bildung
kennt, so
wenig wie die Natur, außerhalb ihrer gelegene Ziele; darin
übersteigt der Begriff der Bildung den der bloßen
Kultivierung
vorgegebener Anlagen. In Schule muss es daher zum Beispiel um einen
Grundbestand an Literaturkenntnis gehen, im Fach Musik auch um einen
Grundbestand an Werkkenntnis. Das gilt schon deshalb, weil kanonisches
Wissen
eine Kommunikationsgrundlage ist und weil ein zu schmales Wissen (ein
Wissen
unter aller „Kanone“) Kommunikation erst gar nicht entstehen
lässt. Im Lande
eines Bach und Beethoven, eines Kant und Hegel, eines Goethe und
Schiller,
eines Humboldt und Spranger darf man das nicht vergessen.
Wir
sollten in dieser Beziehung nicht zu anspruchslos werden. Unser Land
braucht keine Funktions-Fuzzis, die beim Prosecco-Empfang ein
kulturrelevantes "Name-Dropping" praktizieren können. Was wir
brauchen, sind Persönlichkeiten mit kulturellem Hintergrund.
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