DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Aus "Die Tagespost" vom 20. Februar 2007

Deutsch – Bald nur noch eine Sprache für das Privatleben?

Tanzt den Synapsentango

Der UNESCO-Tag der Muttersprache sollte Anlass für sprachliche Besinnung sein

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Jedes Jahr am 21. Februar begeht man weltweit den UNESCO-Tag der Muttersprache. In Deutschland erregt dieser Tag wenig Aufsehen, denn das Deutsche als die Muttersprache von 100 Millionen Menschen sei ja nicht in Gefahr, meint man. Oder doch? Ja, es ist bedroht von einer selbstgewählten Anglifizierung. Dabei marschieren führende Politiker vorneweg. Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger etwa meinte Anfang 2006, eines Tages werde das Englische auch in Deutschland die Arbeitssprache sein, das Deutsche werde Sprache des Privatlebens bleiben.

Doch die Sündenregister wider das Deutsche reichen viel weiter. Die Gastronomie arbeitet mit Catering, Fastfood, Shakes. In der Schönheitsbranche geht nichts ohne Age re-perfect, Relaxen, Wellness, in der Unterhaltungsindustrie nichts ohne Backstage, Highlight, Performance. Mit der Kommunikationsterminologie samt Browser, Firewall, Freeware, Headset, Scanner, Tools, Touchscreen, Update und mit der Sportterminologie samt Coach, Hattrick, Mountainbike, Playoff wird man sich mehr oder weniger angefreundet haben. Aber die aggressivste Sprachbarbarei geschieht derzeit in der Psychologie (Brain up, Burnout, Councelling, Feedback, Feeling, Flow, Leadership, Mindmapping) und in der Wirtschaft (Benchmarking, Employability, Global Player, Lean Production, Outlet Center).

Wer nun meint, wenigstens der Bildungssektor würde sich dieser Anglomanie entziehen, wird bitter enttäuscht sein. Das Gegenteil ist der Fall: Die Sprache der „Bildung“ gibt sich besonders „trendy“. „Kultus“-Ministerien übertreffen sich gegenseitig mit: Educ@tion, Learntec, knowledge-machines, Soft Skills, Download-Wissen, Just-in-time-Knowledge usw. Computerfirmen machen ebenfalls auf „Bildung“ und erfinden Notebooks for Education (NO4ED). Pädagogik-Professoren treten als Council Member auf und meinen: „Die ganze Schule muss sich bezüglich E-Learning endlich committen“. Die Hochschulen stehen diesem Protzgehabe nicht nach. Dass das Diplom und das Staatsexamen bald hops sind, wissen wir; jetzt gilt: Bachelor welcome! Fachhochschulen (deutsche!) nennen sich University of Applied Sciences und - wenn sie besonders dick auftragen wollen - Best practice Hochschule.


Was ist von all dem zu halten? Es ist affig im Sinne des Nachäffens. Sprachanalytisch ist der Gebrauch dieser Prunk- und Imponiersprüche banal und nichts anderes als eine Produktion von Platitüden - von Wortfladen also. Narzisstisch daran ist der Dünkel zu meinen, mit dem Gebrauch dieser Sprache signalisiere man Zugehörigkeit zur Klasse der Global Player und des Jetsets.

Zudem hat diese denglische Verbalerotik zu tun mit Selbstverleugnung, zumindest mit Selbstvergessenheit. Die Londoner „Times“ nennt die Anglomanie der Deutschen „linguistic submissiveness“. Und lebte Winston Churchill noch, er würde mit Blick auf diese sprachliche Unterwürfigkeit der Deutschen seinen alten Spruch hervorkramen: „Die Deutschen - man hat sie entweder an der Gurgel oder zu Füßen.“ Gesellschaftspolitisch verrät sich in dieser Sprache sodann eine bestimmte Ideologie. Diese Sprache signalisiert nämlich den Kotau von immer mehr Lebensbereichen vor einem flachen Ökonomismus.

Immer mehr sprachbewussten Bürgern platzt indes der Kragen. Im Juni 2006 fordert Bundestagspräsident Norbert Lammert, Deutsch als Landessprache im Grundgesetz zu verankern. Selbst maßgebliche Presseorgane ziehen mit in der Kritik am Denglischen. Der „Spiegel“ macht am 2. Oktober 2006 auf der Titelseite mit der Aufforderung auf: „Rettet dem Deutsch“. Im Innenteil beklagt er sich unter der Überschrift „Deutsch for sale“ über die „Verlotterung der Sprache“.

NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers wettert im September 2006 gegen amtliches Denglisch. Er fordert seine Minister auf, lieber richtiges Deutsch statt englischer Werbe-Ausdrücke zu verwenden. Sein Verbraucherminister hatte ein Anti-Schulden-Unterrichtsprojekt für Schüler ins Leben gerufen - Titel: Money&Kids. Sein Innenminister hatte eine Kampagne gegen den Konsum von Alkohol und Hasch im Straßenverkehr mit Don’t drug und drive betitelt.

Ja, und dann gibt es doch tatsächlich große Unternehmen, die in Sachen Denglisch-Werbung ihr Saulus-Erlebnis hinter sich haben, die nämlich zur Kenntnis nehmen mussten, dass das Gros der Kunden (bis über 90 Prozent) ihre Werbesprüche nicht verstand. Bei McDonald’s heißt es deshalb jetzt nicht mehr „Every time a good time“, sondern „Ich liebe es“; bei Sat.1 nicht mehr „Powered by Emotion“, sondern „Sat.1 zeigt’s allen“; bei Energiekonzern RWE nicht mehr „One group, multi utilities“, sondern „Alles aus einer Hand“; bei Douglas nicht mehr „Come in and find out“, sondern „Douglas macht das Leben schöner“.

Ein paar Leute wollen noch mehr erreichen; sie wollen das Thema regelmäßig popularisieren. Im Februar 2006 wurde deshalb die Aktion Lebendiges Deutsch (ALD) aus der Taufe gehoben. Vier Initiatoren gehören dazu: Walter Krämer, Vorsitzender des 1997 gegründeten Vereins Deutsche Sprache (VDS), hauptberuflich Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Universität Dortmund; Wolf Schneider, Journalistenausbilder und ehemaliger Chefredakteur, Autor zahlreicher angesehener Bücher zum richtigen Gebrauch der deutschen Sprache; Cornelius Sommer, Beauftragter der seit 2001 bestehenden Stiftung Deutsche Sprache zur Gründung des „Hauses der Deutschen Sprache“, Generalkonsul und Botschafter a. D.; ferner der Autor dieses Beitrages.

Diese ALD versteht sich keineswegs als verbissener Sprachpurist. Es geht der Aktion also nicht um treffende Importe, die im Idealfall noch dazu wie deutsche Wörter geschrieben und großteils deutsch ausgesprochen werden: Bar, Drops, fair, Fit, Flirt, Flop, Grill, Hit, Hobby, Lift, Party, Sex, Slip, Sport, Spurt, Star, Start, Stop, Test, Tip, Toast, Trip.

Die Aktion will bewusst machen, dass viele deutsche Wörter kürzer, oft auch markanter sind als ihr englisches Pendant. Die deutschen Einsilbler Geld, Mut, nichts, weil, Berg usw. sind kürzer als die englischen Zweisilbler money, courage, nothing, because, mountain. Viel kürzer als die englischen Drei- und Mehrsilbler genuine, in spite of, in front of, cathedral, happiness sind die deutschen Einsilbler echt, trotz, vor, Dom, Glück. Entsprechendes gilt für Umwelt versus environment, Bahnhof versus railway station, Trödler versus second-hand dealer, vorgestern versus the day before yesterday usw.

Nun ist die Aktion seit einem Jahr tätig. Seitdem hat sie 24 Übersetzungen propagiert, zwölf aus eigenem Übersetzungsgut, zwölf aus der Auswertung der monatlich bis über 10.000 Publikumszuschriften aus bis zu 22 Ländern der Erde. Konkret läuft das so ab: Die ALD bringt jeden ersten Sonntag im Monat via Deutsche Presseagentur und in der Folge über rund fünfzig beteiligte Zeitungen drei Anglizismen bzw. deren deutsche Entsprechung ins Gespräch. Das erste Wort ist ein Vorschlag der Initiatoren, das zweite Wort gibt die Entscheidung zum Suchwort des Vormonats wieder, und das dritte ist das neu ausgeschriebene Suchwort. Auf diese Weise sind bislang beispielsweise folgende „Übersetzungen“ zustande gekommen: Homepage = Startseite, Shareholder Value = Aktionärsnutzen, Countdown = Startuhr, Junk Bonds = Schrottanleihen, Airbag = Prallkissen, Brainstorming = Denkrunde, Fastfood = Schnellkost.

Es ist auch viel Kreatives und Witziges dabei. Allein Brainstorming erbrachte mehr als dreitausend verschiedene Vorschläge von mehr als 10.000 Einsendern, darunter Gripstreff, Hirnhatz, Synapsentango. Für Fastfood kamen die Alternativen Schmampf, Dampfmampf, Hatzfraß, für Anti Aging so lustige Übersetzungen wie Runzelblocker, Faltenbügler.

Wer mitmachen möchte, kann sich über den ALD-Netzauftritt www.aktionlebendigesdeutsch.de einklinken. Das Suchwort für Februar 2007 übrigens war „Spam“. Am 5. März startet die ALD mit einer neuen Monatsrunde und mit der Kür des siegreichen Spam-Ersatzes.


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