| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 23. Juni 2000
Die fortschreitende De-Kultivierung der Schulpolitik
Eine überfällige Polemik
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Von der Isar bis zur Weser geht eine neue Schulpolitik um. Partei übergreifend gemeinsam ist ihr das monomanische Schielen nach Methoden des Marktes. Getreu protziger Management-Theorie wird Schule auf die Reise geschickt hin zu: Total Quality Management, Sponsoring, Marketing, Benchmarking, Controlling, Auditing, Budgetierung, Innovationsmanagement, Kundenzentrierung, Handlungsorientierung, Business Excellence, Assessment, Downsizing, Empowerment, Just-in-time-Knowledge usw. Ansonsten wird „Laptop statt Schulbuch“ verkündet. Die Rezepte heißen hier so: Edutainment, Educ@tion, elektronisches Klassenzimmer, didaktische Hyperlinks, knowledge-machines, Lern-Animation, Online-Learning, virtuelle Bildung, Download-Wissen usw. (Am Rande: Die genannten Begriffe entstammen zwar BWL- und IT-Schriften, hier aber wurden sie entdeckt in schulpolitischen Partei-Programmen, schulpädagogischen Werken oder Lehrgangskatalogen der Lehrerfortbildung.)
Schule also unter dem Diktat von Marketing und Informationstechnik? Schulpolitik als Filiale der Wirtschaftspolitik? Teilweise schon, denn auch die Kategorien „rechts“ und „links“ scheinen diesbezüglich beiseite gelegt. Man mag das Christdemokratisierung sozialdemokratischer Schulpolitik, man mag es Sozialdemokratisierung konservativer Schulpolitik nennen. Es ändert nichts daran, dass Schulpolitik - unabhängig von ihrer parteifarblichen Provenienz sowie rundgelutscht bis zur Profillosigkeit - ein gemeinsames modernistisches Leitziel entdeckt hat: die management-mäßig durchgestylte Schule. Damit gehen das „konservative“ Prinzip der Freiheit und der Eigenverantwortung der Person – getreu dem neoliberalen Credo des Laisser-faire degradiert zum Prinzip Beliebigkeit – und das „progressive“ Prinzip der Erleichterungspädagogik eine seltsame Allianz ein. Gelobt sei, was nach Autonomie und Spaß klingt! Mit einem kulturell gereiften Bild vom Menschen hat solche „Bildung“ freilich nichts mehr zu tun.
Schule der neuen Mitte?
Betrüblich ist, dass sich manche so genannte Erziehungswissenschaftler auf solche Management-Sprechblasen einlassen oder gar meinen, voranmarschieren zu müssen im naiven Glauben, alle Bildung „handhaben“ zu können wie das Marketing einer neuen Zahnpasta. Jedenfalls wird erneut eine schulpädagogisch „korrekte“ Sprache kreiert, diesmal eine Sprache der Anbiederung an den Slang des Managements, wenn nicht gar der verbale Kniefall vor der Tyrannei eines blanken Ökonomismus. Man könnte auch meinen, in Analogie zur Miniaturisierung der Computerbausteine sei jetzt eine Miniaturisierung des Kultur- und Bildungsgeschehens von Schule angesagt. Tatsächlich droht Schule zur Schule der De-Kultivierung zu mutieren. Wahrscheinlich steht am Ende eine Schule der „neuen Mitte“, eine Schule des lean-management und der fast-education: das heißt eine Schule des Kultur-Managements statt der Kultur; eine Schule der Verpackungen statt der Inhalte; eine Schule der Häppchen und der "events" statt der geistigen Unterkellerung; eine Schule der Flüchtigkeit statt der Konzentration.
Man müsste den Spieß gelegentlich herumdrehen und so manchem Management- und Multimedia-Guru ein Gedankenexperiment entgegenhalten. Frage: Wie sähe es um unseren vielfach beschworenen Standort Deutschland aus, wenn in allen Bereichen des Managements alles so am Schnürchen und so reibungslos liefe wie in der Schule? Man vergegenwärtige sich nur: tagtäglich rund vier Millionen Unterrichtsstunden; tagtäglich Hunderttausende an Schulbussen; tagtäglich eine halbe Million gereinigte Klassenräume und Pausenverpflegung für zwölf Millionen Schüler; alljährlich 150 Millionen Schulbücher; alljährlich auf der Basis von mehr als einer Milliarde einzelner Leistungsmessungen insgesamt 24 Millionen Zwischen- und Jahrgangszertifikate usw. usw. Würde jeder Teilbereich deutscher Volkswirtschaft diese Managementleistung vollbringen, man müsste um Deutschlands Konkurrenzfähigkeit oder um die Häuser Mannesmann, Deutsche/Dresdner Bank, BMW weniger Sorge haben.
Man sollte zudem zur Kenntnis nehmen, dass es große Unterschiede zwischen Wirtschaftspolitik und Schulpolitik gibt – Unterschiede, die etwa jede Eins-zu-Eins-Implementierung von Management-Methoden im Bildungsbereich verbieten; Unterschiede auch, die Wirtschaftspolitik als das einfachere Unternehmen erscheinen lassen als Bildungspolitik. Denn erstens glaubt in der Wirtschaftspolitik nicht jeder, mitreden zu können. Das erleichtert Wirtschaftspolitik ungemein. Zweitens hat die Wirtschaft ihre rasch und seismographisch ausschlagenden Indikatoren. Die Bildungspolitik kennt dergleichen kaum; hier werden Schäden oder Versäumnisse frühestens eine Schülergeneration später sichtbar. Um so mehr bedarf Bildungspolitik eines besonders behutsamen Vorgehens. Und drittens: Die Anbieter anspruchsvoller Wirtschaftsprodukte können auf einen Konsumenten zählen, der entsprechende Preise dafür zahlt. In der Bildung aber meinen manche Anbieter und Konsumenten bereits, sie sei gar ohne den Preis Anstrengung erwerbbar.
Das Macher-Image
Warum dennoch dieses schulpolitische Berauschen am Marketing? Dass sich unsere Change Agents in den „Kultus“-Ministerien gerne das Image des Machers und der Macherin umhängen, das kann es wohl nicht sein. Fachlich bist du zwar nichts, aber dein Image ist alles – so etwas gilt in der Schulpolitik nicht. Werden aus den Schulministerien etwa nicht permanent neue schulische „Kulturen“ verkündet: eine neue Aufgaben-Kultur, eine neue Kultur der Anstrengung, eine neue Kultur der Schulprofile oder der Eigenverantwortung und andere Kulturen mehr? Dennoch: Das Beschwören solcher schulischen Bindestrich- und Segment-Kulturen lenkt ab von der Furie des Verschwindens des Kulturellen auf Grund einer fortschreitenden Utilitarisierung und Funktionalisierung von Bildung und – nicht zu vergessen – von der Furie des Sparens in den öffentlichen Haushalten. Aber es ist ein Irrtum zu glauben, immer mehr und immer höhere Bildung sei machbar in immer größeren Klassen, mit immer schwierigeren Schülern, bei immer erziehungsabstinenteren Eltern, in immer weniger Stunden pro Woche, in immer weniger Schuljahren und mit immer älteren Lehrern. Dieses "immer mehr mit immer weniger" ist eine Wundertüten-Versprechung, die allenfalls marktschreierische Management-Trainer gut kleidet.
Der Eigenwert des Nicht-Ökonomischen
Manch Konservativer hat sich angesichts solch neuer Schulpolitik schon bei der Option ertappt, sich zum Altlinken zu wandeln. So ganz falsch könnte die These, Bildung dürfe nicht den „Verwertungsinteressen des Kapitals“ ausgeliefert werden, ja vielleicht doch nicht sein. Es geht schließlich in Sachen Bildung – weil sie sonst nur Ausbildung ist – eben schon um den Eigenwert des Nicht-Ökonomischen. Dieser Eigenwert ist wichtig, weil nur dann Identität vermittelbar ist, das heißt Übereinstimmung des Einzelnen mit sich selbst und Verinnerlichung von Werthaltungen. Das macht Kultur aus. Identität, eine individuelle wie eine kollektive, definiert sich schließlich nicht aus „skills“ oder „downloads“, sondern nur aus der „Er-Innerung“ des historisch-kulturellen Erbes. Eine Erziehung und Bildung ohne Tradition und ohne historisch-narrative bzw. biographisch-narrative Elemente aber wären eine Verweigerung von Identität. Eine zukunftsfähige Schule leistet deshalb gerade in Zeiten der Globalisierung Identitätsstiftung. Zukunft ist Herkunft! (Martin Heidegger). Das bedeutet: Wer die Zukunft gestalten will, der muss wissen, woher er kommt. Manager helfen da wenig weiter. Das ist das aktuelle Problem der Schulpolitik.
Für die Debatte, die
wir eigentlich bräuchten, nämlich die Debatte um Inhalte, hat
Schulpolitik aber nach wie vor wenig übrig - außer der im Brustton
des Selbstüberzeugtseins erhobenen Forderung, dass sie geführt
werden müsse. Dass es trotz bzw. wegen der in manchen Wissensgebieten
kurzen Halbwerts- und Verfallszeiten des Wissens in der schulischen Bildung
zuvörderst auf das unendlich viele Wissen ankommt, das eine unendlich
lange Halbwertszeit hat (siehe Einmaleins), darauf lässt sich kein
Schulpolitik Schaffender ein; für eine solche Debatte bräuchte
man nämlich selbst etwas mehr Substanz von etwas längerer Halbwertszeit.
Was wir an Stelle gemanagter Schule aber benötigen, ist also etwas
anderes, nämlich eine mit Hilfe von Inhalten re-kultivierte Schule.
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