DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) -
AKTUELL
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Aus "Die Tagespost" vom 28. Juli 2008
Kultusminister sind mitverantwortlich für die Verklärung der DDR
Erschreckendes Unwissen der Jugend in Sachen DDR - Triumpf der Gesinnung über die Urteilskraft
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Neu war die Nachricht nicht, sie war als Vorabmeldung
bereits zur Jahreswende 2007/2008 durch die Presse gegangen. Dennoch hat sie
erneut erschüttert: Laut einer Studie des „Forschungsverbundes SED-Staat“ der
Freien Universität Berlin (Titel „Soziales Paradies oder Stasi-Staat?“; 760
Seiten; wissenschaftlicher Leiter: Professor Klaus Schroeder) ist das Wissen
deutscher Schüler um die Zustände in der DDR höchst defizitär. Jedes einzelne
Detailergebnis dieser Studie ist für sich skandalös und erschreckend. Zum
Beispiel: Bayerische Schüler können die Verhältnisse in der DDR - auf niedrigem
Niveau - noch am ehesten einschätzen; bayerische Hauptschüler wissen über die
DDR sogar mehr als Brandenburgs Gymnasiasten. In Brandenburg und in Ost-Berlin
dagegen findet in Sachen DDR geradezu eine Verklärung statt. Und auch sonst
herrscht zeitgeschichtlicher Analphabetismus vor: Mehr als die Hälfte der
Schüler kennt das Jahr des Mauerbaus nicht. Nur jeder Dritte weiß, dass die DDR
die Mauer gebaut hat. Ebenfalls jeder dritte Schüler hält Konrad Adenauer und
Willy Brandt für DDR-Politiker, und Honecker ist angeblich demokratisch
legitimiert gewesen. Die Stasi sei im übrigen ein ganz normaler Geheimdienst
gewesen. Schüler aus Ost-Berlin sehen die DDR mit einem Anteil von 48 Prozent
nicht als eine Diktatur. 71 Prozent aller Schüler finden es gut, dass in der DDR
jeder einen Arbeitsplatz hatte. Außerdem sei es den Rentnern dort besser als in
der Bundesrepublik gegangen, und auch die Umwelt sei in der DDR sauberer gewesen
als in der Bundesrepublik. So weit die erschreckendsten Ergebnisse der Studie,
an der insgesamt 5.000 Schüler im Alter von 16 und 17 Jahren aus Berlin,
Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern beteiligt
waren.
Dieser Skandal hat eine Vorgeschichte, die dreißig Jahre
zurückreicht. Rekapitulieren wir: Am 23. November 1978 hatte die
Kultusministerkonferenz (KMK) ihren Beschluss "Die Deutsche Frage im Unterricht"
gefasst. Dort hieß es: "Das Bewusstsein von der deutschen Einheit und der Wille
zur Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit ist wachzuhalten und zu entwickeln
... Im Rahmen dieser umfassenden Aufgabe haben die Bildungseinrichtungen, vor
allem die Schulen, einen besonderen Beitrag zu leisten." Dieser KMK-Beschluss
ist seinerzeit aus einer bestimmten politischen Ecke heftigst kritisiert worden.
Es war die Rede von "Deutschtümelei" und Schlimmerem. Dabei hatte dieser
Beschluss nur vollzogen, was das Gebot des Grundgesetzes war, nämlich - so die
damalige Präambel - dass das gesamte Deutsche Volk aufgefordert bleibt, "in
freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden."
Zehn Jahre später, 1988, galt es, erstmals Bilanz zu
ziehen. Über das Ergebnis musste man bedrückt sein: überall ein Vakuum an
deutschlandpolitischem Bewusstsein und an deutschlandpolitischen Kenntnissen
unter Jugendlichen. Damaligen Untersuchungen zufolge war nur noch ein Viertel
der Jugendlichen der Auffassung, dass beide Staaten in Deutschland eine Nation
darstellten. Die Hälfte der Jugendlichen hielt die DDR gar für Ausland. 60
Prozent hatten keine Vorstellung vom Unterschied etwa zwischen einem
Volkskammer- und einem Bundestagsabgeordneten. 70 Prozent konnten keine Aussage
über den unterschiedlichen Umgang der Bundesrepublik und der DDR mit der
Menschenwürde machen.
Damit rächte sich, dass der KMK-Beschluss von 1978 nur
auf dem Papier existierte. Manchem damaligen SPD-Kultusminister war die
unterrichtliche Behandlung der Zweistaatlichkeit und der Verletzungen der
Menschenrechte in Südamerika oder in Südafrika wichtiger als die Einheit der
Nation oder als Menschenrechtsverletzungen in der DDR. Hinzu kam: Nicht nur ein
guter Teil der bundesdeutschen Medien, sondern auch viele Schulbücher zeichneten
sich durch ein schöngefärbtes Bild der DDR aus. In manchen
Schulbüchern SPD-regierter Länder wurde die DDR mit Glacéhandschuhen angefasst,
zugleich wurde der demokratische Verfassungsstaat der Bundesrepublik
unzureichend, ja gar höchst "systemkritisch" dargestellt. Die Folge solcher
Schulbuchproduktionen war, dass manch wache ostdeutsche Schule nach der Wende
gerade in den Fächern Geschichte und Sozialkunde/Politik einen westdeutschen
Schulbuch-Import nicht haben wollte und so manches gespendete Buch
zurückschickte.
Ende September 1995, fünf Jahre nach der deutschen
Einigung, hätten die Kultusminister bzw. die KMK erneut die Chance gehabt, sich
als deutschlandpolitisch mündig zu erweisen. Die KMK konnte sich aber auf ihrer
Sitzung vom 28./29. September 1995 in Halle/Saale nicht auf die Verabschiedung
einer Empfehlung mit dem Titel "Darstellung Deutschlands im Unterricht"
verständigen. Der vierzehnseitige Entwurf dazu, der ein Jahr nach der Einigung
im Oktober 1991 in Auftrag gegeben und danach ohnehin reichlich rundgeschliffen
worden war, wurde von der KMK nur "zur Kenntnis genommen". Flankiert war das
Nicht-Zustandekommen eines KMK-Beschlusses unter anderem von Äußerungen Reinhard
Höppners, des damaligen SPD- Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, dass die
Ex-DDR im KMK-Entwurf zu schlecht wegkomme und die KMK es versäumt habe, "das
Recht der Ostdeutschen auf ihre Selbstdarstellung zu fördern." Ja mehr noch: Die
PDS meinte gar verlauten lassen zu müssen, dass "eine Beschäftigung mit
Diktaturen künftig kein Schwerpunkt im Geschichtsunterricht" sein solle.
Letztlich ist das KMK-Papier also am Widerstand der PDS-geduldeten
Minderheitsregierung von Sachsen-Anhalt gescheitert. Der dort zu dieser Zeit
amtierende Kultusminister, Heinz Reck (SPD), erklärte, die neuen Länder könnten
sich in diesem Papier nicht wiederfinden. Es passte Reck nicht, dass in dem
KMK-Entwurf ein Blick auf das Unrecht in der DDR, auf die Verfolgung in der DDR
und auf die Massenflucht aus der DDR geworfen wurde. Das KMK-Papier, so Reck,
erinnere ihn an "SED-Propaganda, nur mit veränderten Vorzeichen", und er
verwahrte sich dagegen, dass die DDR darin als "System politischer Unfreiheit"
bezeichnet werde.
Wenigstens waren einzelne Länder, wie Baden-Württemberg,
Bayern, Sachsen und Nordrhein-Westfalen, bereit, die Empfehlung im Herbst 1996
in den eigenen Schulen umzusetzen. Alle anderen aber haben sich zum wiederholten
Male als deutschlandpolitisch unmündig erwiesen und mit impliziten
Etikettierungen des vorliegenden KMK-Entwurfes als "Propaganda" oder als
"verordnetes Geschichtsbild" ein sehr fragwürdiges Verständnis von
freiheitlichem Rechtsstaat erkennen lassen.
Zurück zur aktuellen Studie der Freien Universität
Berlin! Deren Ergebnis kann vor dem Hintergrund des dargestellten Versagens
zahlreicher Kultusminister gar nicht überraschen. Überraschen kann da auch
nicht, dass die Zahlen junger ostdeutscher Besucher im Stasi-Gefängnis
Hohenschönhausen dramatisch rückläufig sind. Statt aber wenigstens jetzt
Konsequenzen zu ziehen, ist sich Berlins Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) nicht
zu schade, die Seriosität der Studie anzuzweifeln. Man vergegenwärtige sich:
Berlin wird rot-rot regiert. Zöllner hat jedenfalls einen einschlägig fixierten
Hamburger Geschichtsdidaktiker namens Bodo von Borries beauftragt, die
Schroeder-Studie zu begutachten. Denn: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Tatsächlich ließ sich Herr von Borries bereits mit der Aussage vernehmen, die
Schroeder-Studie sei „wahnsinnig selbstsicher“ wegen ihres „Hangs zur
Eindeutigkeit“. Außerdem meint der Herr Professor aus Hamburg, eine zu intensive
Behandlung der DDR-Geschichte würde Schüler eventuell „in Konflikte mit ihren
Familien treiben.“ Da fehlt eigentlich nur noch, dass man Margot Honecker, die
langjährige DDR-Bildungsministerin, zur Vortragsreise durch ostdeutsche Schulen
einlädt. Nachdem die 81-Jährige jüngst in Nicaragua eine Ehrung für ihr
Lebenswerk entgegengenommen hat, könnte sie diese Aufgabe - Arm in Arm mit
SED-/PDS-Größen - nun sogar als hochdekorierte Pädagogin
übernehmen.
Was bleibt? Es bleibt Marie von Ebner-Eschenbachs
Warnung: „Wer nichts weiß, muss alles glauben.“ Will sagen: Wer über DDR nichts
weiß, muss den Lafontaines und den Gysis alles glauben. Also könnte erneut die
Gesinnung über die Urteilskraft obsiegen. Zudem bestätigt sich wieder einmal ein
altes Wort Theodor Adornos: Halbwissen ist nicht die Vorstufe von Bildung,
sondern ihr Todfeind. Da sollten sich all diejenigen hinter den Spiegel stecken,
die quer durch die Republik dabei sind, gerade auch die Geschichtslehrpläne zu
„entrümpeln“.
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